Die große Flucht der Wissenschaftler aus Griechenland

1. Mai 2013 / Aktualisiert: 28. September 2013 / Aufrufe: 2.411

Griechenland verliert seine qualifiziertesten Wissenschaftler, die ins Ausland auswandern und Ländern wie Deutschland fertig ausgebildete Experten zum Nulltarif bescheren.

Giannis Angelos Trantos befindet sich im 5. Jahr seines Studiums an der medizinischen Fakultät der Universität von Athen. „Die Zukunft für die meisten meiner Kommilitonen ist Arbeitslosigkeit oder Auswanderung„, sagt er. „Ich möchte in Griechenland bleiben, weil ich nicht denke, dass es unser Traum ist, nach unseren Studien wissenschaftliche Emigranten zu werden. Leider ist dies jedoch die Zukunft, die sie uns bieten„, meint der junge Student.

Wenn Krankenhäuser wegen Unterfinanzierung schließen, wenn andere Behandlungseinrichtungen personell unterbesetzt sind, wenn unsere Zukunft in der Luft hängt und die Regierenden uns … als Generation abschreiben, dann denkt ein Teil der jungen Generation leider an die Flucht ins Ausland.“ Giorgos Lentzas, Student an der Abteilung für Massenmedien der Aristoteles-Universität Thessaloniki, erklärt auf der selben Wellenlänge, „der Weggang ins Ausland ist eine Einbahnstraße„.

Ein Blick auf die Fakten enthüllt jedoch, dass sich damit für Griechenland und entsprechend auch die anderen Länder der europäischen Peripherie eine (weitere) Katastrophe anbahnt.

Der qualitative Schaden ist noch größer als der quantitative Verlust

Zehntausende junge Wissenschaftler und Spezialisten verlassen in den letzten Jahren scharenweise Griechenland, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Mit der Krise, der Arbeitslosigkeit, der Angst vor einem Leben ohne Zukunft vertreibt das Land seine Kinder. Mehr als 120.000 griechische Wissenschaftler und Spezialisten haben Griechenland verlassen, erklärt Lois Lamprianidis, Professor für Geo-Ökonomie an der Universität von Thessaloniki, der eine große Untersuchung an einem Muster 2.800 griechischer Wissenschaftler durchführte, die im Ausland arbeiten.

Gegen Ende 2010 befanden sich 10% des Wissenschaftlerpotentials des Landes – etwa 120.000 Menschen – im Ausland. Dies ist etwas, das uns beunruhigen müsste, wohin dieses Land steuert. Diese Wissenschaftler sind in viele Länder gegangen, hauptsächlich in Europa und Amerika. Es sind Menschen mit sehr guten Ausbildungen, mit Doktor- und Master-Titeln, was bedeutet, dass der Schaden qualitativ sehr viel größer als 10% ist. Dieses Wissenschaftlerpotential ist für die Entwicklung des Landes sehr bedeutsam, da wir nicht zum Aufschwung des Landes schreiten können, wenn wir es verlieren. Es gibt Universitätsprofessoren, die wirtschaftlich nicht über die Runden kommen und mit dreijährigem unbezahlten Urlaub fortgehen, um sich an eine andere Universität im Ausland zu begeben und Geld zu verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Dies ist ein sehr schlechtes Anzeichen für die Situation, in der sich die griechische Gesellschaft befindet„, meint Herr Lamprianidis.

300.000 griechische Wissenschaftler sind zur Auswanderung bereit

Mit der Arbeitslosigkeit bei ungefähr 30% und der kontinuierlichen Abwertung der Beschäftigung als Inhalt wird in den letzten Jahren eine Anzahl von 300.000 Griechen – in ihrer Mehrheit qualifizierte Wissenschaftler – verzeichnet, die Lebensläufe ausgefüllt haben, um auszuwandern. Es wird ein Wegzug speziell nach Deutschland beobachtet. Die Deutschen selbst sagen, dass sich in den beiden letzten Jahren bereits 35.000 Griechen in Deutschland niedergelassen haben und dort arbeiten. 2013 werden weitere 25.000 erwartet.

Die deutsche Regierung genehmigte ein Gesetz zur Erleichterung der Anerkennung der ausländischen Studienabschlüsse. Mehr als 8.500 ausländische Ärzte haben Anträge auf Anerkennung ihrer Studienabschlüsse in Deutschland gestellt, damit sie im Land arbeiten.

Es erwachen wieder die Erinnerungen an die großen Auswanderungswellen der 1960er und 1970er Jahre aus den Ländern des europäischen Südens nach Deutschland. Diesmal sind die Dinge jedoch aus qualitativer Sicht sehr viel anders. Es erfolgt eine massenhafte ‚Ausplünderung‘ der Länder des europäischen Südens um ihre gebildeten jungen Leute hoher und höchster Bildung und nicht die ungelernten ‚Gastarbeiter‘, wie es ihre Eltern und Großeltern waren. Die entwickelten Länder des europäischen Nordens bekommen ihre Wissenschaftler fertig ausgebildet, ohne selbst auch nur einen einzigen Euro für deren Bildung ausgegeben zu haben„, erklärt Giannis Kouzis, Professor der Panteion-Universität und Leiter der Abteilung für Sozialpolitik.

Deutschland bekommt Wissenschaftler umsonst

Obwohl Deutschland die technische Orientierung in seiner Bildung besonders erhöht hat, hat es ein Defizit in anderen Fachbereichen, und dieses Defizit versucht es mit Wissenschaftlern der Länder des Südens zu decken„, betont Professor Kouzis. An die „platt gemachten“ Arbeitskräfte des Südens gerichtet ruft die deutsche Arbeitsministerin sie auf, nach Deutschland zu emigrieren, weil es dort Arbeit für die Bedürfnisse der deutschen Wirtschaft gibt.

Welche wissenschaftlichen Berufe begegnen jedoch dem größten Aderlass ins Ausland? In ihrer Mehrheit sind es Ärzte und Ingenieure. „Die Hälfte von diesen hat Diplome der 100 Spitzenuniversitäten der Welt inne„, sagt Herr Kouzis

Das Hauptreservoir der Kollegen, die ins Ausland weggehen, sind die Absolventen der Medizin„, betont der Leiter der Medizinischen Schule an der Universität Athen, Athanasios Meletios, und fügt an: „Die meisten, die zur postgradualen Spezialisierung ins Ausland gehen, werden nicht zurückkehren. Es gibt auch Wissenschaftler, die sich dazu entschließen, Griechenland zu verlassen und sich um einen entsprechenden und sehr viel besser bezahlten Posten im Ausland zu bewerben. Es gibt Ärzte, die nach Deutschland, Australien, Dubai und in andere Länder gehen.

Wir, als medizinische Fakultät, sehen, dass von den jungen Kollegen, die ihr Diplom erwerben, diejenigen mit den besten Noten und Aussichten fortgehen. Das Resultat? Das Niveau der spezialisierten Ärzte in Griechenland ist in den letzten Jahren gefallen. Weil die Besten, welche die Kraft haben, fortzugehen versuchen. Eine große Anzahl geht nach Deutschland. Die Deutschen selbst sagen, die griechischen graduierten Ärzte zählen zu den besten Gruppen des Landes.

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  1. Jens Hillert
    1. Mai 2013, 22:40 | #1

    Als wenn es in Deutschland Jobs für Ingenieure gibt … Von den 16 Absolventen meiner Seminargruppe arbeiten genau 3 als Ingenieure … angeboten wurden hier bis vor ca. 4 Jahren höchstens Jobs bei Ingenieurdienstleistern für 1770,- € brutto … jetzt gibt es nichts mehr … habe mich vor 2 Jahren nach 1 Jahr Arbeitslosigkeit artfremd selbständig gemacht. In dem Jahr Arbeitslosigkeit übrigens auch nicht ein Stellenangebot von der Arbeitslosenagentur …

  2. Melanie
    1. Mai 2013, 23:58 | #2

    Wehe wenn der Tag kommt, wo die große Masse begreift, welcher Betrug zu dieser verheerenden Situation geführt hat, welche Absicht dahinter stand. Das war kein unvermeidbares Schicksal, was da die Griechen und viele Völker ereilt hat, es war die Gier, die Dummheit, der Eurowahn, die Korruption und die Lüge, das Großmacht- und Großreichsteben auf allen Seiten.
    Kein Politiker war in der Lage, das zu erkennen, dann zu stoppen und die richtigen Maßnahmen zu treffen.
    Jetzt ist es zu spät. Das Fiasko ist da. Alle daran Beteiligten sollten schnellsten die Bühne verlassen, bevor sie möglicherweise gejagt werden. Es war ja doch so gewollt, die Politiker haben den Plan erfüllt. Wie konnten die Griechen nur so naiv sein und sich zur Schlachtbank führen lassen?

  3. Oliver
    2. Mai 2013, 00:16 | #3

    Also Jens,

    was du hier behauptest passt jetzt nicht so ganz. Es ist richtig, dass es derzeit schlechter läuft. Aber bei uns hat jeder Ingenieur (Elektrotechnik) einen Job gefunden. Und den 1770 € kann ich auch nicht zustimmen. In meiner Seminargruppe hat keiner unter 2200 € angefangen. Selbst die „Deppen oder nicht ganz so Engagierten“. Gut, viele mussten ihre Heimat verlassen.
    Bei uns gehen in den nächsten Jahren sehr viele in Rente und das ist derzeit überall der Fall. Ich kenne auch Kollegen von anderen Fakultäten, die nichts oder nichts Besonders gefunden haben, aber dies sind fast stets die selben Schicksalsgeschichten …

  4. Oliver
    2. Mai 2013, 00:29 | #4

    @Melanie
    Es wird nie etwas passieren. Das geht nun schon seit mehreren Jahrtausenden so! Der „normale“ Mensch hat viel zu viel mit sich selbst zu tun. Familie usw. Der rafft das überhaupt nicht. Halt ein dämliches Systemschaf. Sagst du jemandem, warum Dinge so sind wie sie sind, wirst du als Spinner hingestellt. Oder als Verschwörungstheorethiker …

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