Hire and Fire wird in Griechenland billiger

28. Oktober 2012 / Aktualisiert: 27. September 2017 / Aufrufe: 1.657

Mit den arbeitsrechtlichen Änderungen, welche die Troika von Griechenland fordert, werden für Arbeitgeber sowohl Arbeit als auch Entlassung der Arbeitnehmer billiger.

Entlassungen und Arbeit werden die Arbeitgeber fortan für alle Arbeitnehmer weniger kosten, die entweder mit dem Mindestlohn entlohnt werden (sie werden 58,61 Euro im Monat verlieren, wenn GSEE und Arbeitgeberorganisationen bis April 2013 nicht die Weiterzahlung der Ehegattenzulage vereinbaren), oder „außerhalb der Geschäftszeiten“ arbeiten (sie werden fortan keinerlei zusätzliche – Überstundenvergütung erhalten, da sie aufgefordert sein werden, bei … elastischer Arbeitszeit zu arbeiten).

Die neuen arbeitsrechtlichen Änderungen, so wie diese sich nach der politischen Verhandlung der Regierung mit der Troika ergaben, stellen sich wie nachstehend dar.

(Anmerkung: die nachstehenden Ausführungen beziehen sich auf den bis dahin auf die eine oder andere Weise bekannt gewordenen Stand der Entwicklungen am 26 Oktober 2012.)

Der gesetzliche Mindestlohn

Der derzeit geltende reguläre gesetzliche Mindestlohn in Höhe von monatlich 586 Euro des allgemeinen nationalen Manteltarifvertrags (EGSSE) wird gesetzlich bis zum April 2013 verankert, zusammen mit den Dreijahres-Lohnstufen (sprich automatischen Lohnerhöhungen), jedoch ohne Ehegattenzulage. Mit der Erhaltung der Dreijahres-Lohnstufen wird ein Arbeitnehmer mit mehr als 9 Jahren Vorbeschäftigung, der auf Basis der anfänglichen Forderung der Troika gezwungen gewesen wäre, für den Basislohn von 586,08 Euro zu arbeiten, 761,90 Euro erhalten (so viel also, wie es auf Basis des heutigen Systems den Vorbeschäftigungs-Jahren entspricht, das jedoch für alle Arbeitnehmer nur bezüglich der Einordnung in die Lohnstufe und nicht für die Weiterentwicklung gilt, da Memorandum No. 2 eine Lohnerhöhung wegen „Reifung“ so lange verbietet, bis in Griechenland die Arbeitslosigkeit unter … 10% fällt).

Der mit dem Mindestlohn des allgemeinen nationalen Manteltarifvertrags entlohnte Arbeitnehmer wird jedoch den Ehe-Zuschlag verlieren. Die konkrete Zulage kann „nur gezahlt werden, sofern es eine Vereinbarung zwischen den Arbeitgeberorganisationen und der GSEE gibt, die jedoch nur ihre Mitglieder binden wird„, da die Erklärung als allgemein verbindlich und die Verlängerung per Ministerialbeschluss eines jeden kollektiven Tarifvertrags für die Nicht-Mitglieder der gewerkschaftlichen Organisationen (also für alle, die bei den Verhandlungen nicht vertreten sind) abgeschafft worden ist.

Angekündigte und unangekündigte Entlassungen

Nach der Ratifizierung des neuen Memorandums werden die Entlassungen automatisch um bis zu 50% billiger werden. Die angekündigten Entlassungen, die zur Zahlung um 50% reduzierter Abfindungen führen, werden leichter sein, da die Ankündigungsfristen von bisher 1 – 6 auf fortan 1 – 4 Monate verkürzt werden. Billiger (aber jedenfalls teurer als die angekündigten) werden auch die unangekündigten Entlassungen all jener Arbeitnehmer sein, die mehr als 16 Arbeitsjahre bei dem selben Arbeitgeber haben.

Die Abfindung wird regulär bis zu 12 Monatslöhnen (zusammen mit dem Aufschlag von 1/6 gegen Weihnachts-, Oster- und Urlaubsgeld) bis zu den (ersten) 16 Beschäftigungsjahren gezahlt werden. Darüber hinaus wird ein „Extrabetrag“ geleistet, der für alle Monate berechnet werden wird, für die ein Anspruch besteht, jedoch mit einem Plafond von 2.000 Euro.

Im Fall der unangekündigten Entlassung wird die Abfindung also beispielsweise für einen Arbeitnehmer mit 28-jähriger Arbeitszeit, der ein Anrecht auf 24 Monatslöhne hat, bis zu 24.000 Euro (12 x 2.000 Euro) erreichen. Für alle Arbeitnehmer, die den Arbeitgeber wechseln, bleibt es dagegen bei 12 Monatslöhnen (sie haben keinen Anspruch auf einen Extrabetrag).

Elastische Arbeitszeit anstatt Zuschläge, sogar auch für den 6. Tag

Die Arbeitnehmer werden mit elastischen – gleitenden Arbeitszeiten sogar auch von dem einen Tag auf den anderen (analog zu den Bedürfnissen des Unternehmens) und ohne zusätzliche Vergütung (bisher +30% für den sechsten Tag und +20% für die Überstunde) beschäftigt werden können. Bezüglich aller Branchen, in denen gesetzlich die Fünftagewoche gilt oder Einschränkungen durch kollektive Tarifverträge bestehen, wird es dazu wird eine gesetzliche Regelung über die Abkopplung der Geschäftszeiten von den Arbeitszeiten geben.

Obwohl die Grenze der 40 Wochenarbeitsstunden erhalten bleibt und die elastischen Arbeitszeiten mit kollektiven Tarifverträgen (und gegebenenfalls mit Einzelverträgen, falls das Gesetz nicht die sich ergebende Lücke deckt, wenn es keine kollektive Regelung oder einen Verband gibt) zur Anwendung kommen werden, wird ein Arbeitnehmer für bis zu 10 Stunden am Tag mit zwischenzeitlicher täglicher Erholungsphase von 11 Stunden und – bis zur Ausschöpfung der 40 Wochenstunden – weniger Arbeitsstunden an einem Tag oder an mehreren Tagen innerhalb der Sechstageperiode beschäftigt werden können.

Beispiel für Abfindung wegen Entlassung

Für einen Arbeitnehmer mit beispielsweise einem Monatslohn von 2.800 Euro und 20 Beschäftigungsjahren gilt:

  • Mit dem heutigen System hat er bei unangekündigter Entlassung ein Anrecht auf eine Abfindung von 16 Monatslöhnen + 1/6 gegen Weihnachts-, Oster- und Urlaubsgeld, also 44.800 Euro + 7.477 Euro = 52.266 Euro.
  • Mit dem neuen System wird er 12 Monatslöhne + 1/6, also 33.600 Euro und einen Extrabetrag von 8.000 Euro (für die Übrigen 4 x 2.000 Euro), sprich insgesamt 41.600 Euro erhalten (-10.666 Euro oder -20,4%).
  • Im Fall einer angekündigten Entlassung hat der Arbeitgeber den Arbeitnehmer bisher 6 Monate vorher zu informieren und ihm die um 50% reduzierte Abfindung zu zahlen (8 Monatslöhne + 1/6 = 26.133 Euro). Mit den neuen Regelungen reduziert sich die Ankündigungsfrist auf 4 Monate.

Beispiel für elastische Arbeitszeit ohne zusätzliche Vergütung

Im Rahmen der neuen Regelungen kann ein Arbeitnehmer beispielsweise ohne zusätzliche Vergütung am Montag, Dienstag und Mittwoch für 5 Stunden, am Donnerstag für 6 Stunden, am Freitag für 9 Stunden und am Samstag für 10 Stunden beschäftigt werden können.

Es sei angemerkt, dass die Troika die Streichung jeglicher Ankündigungszeiten oder alternativ die Bestimmung der täglichen Arbeitszeit auf Wochenbasis, also praktisch die Einführung einer „modernen Leibeigenschaft“ forderte!

(Quelle: Imerisia)

  1. Roditisa
    28. Oktober 2012, 10:45 | #1

    Da schon viele Menschen hier sowieso gezwungen sind, unter genau solchen Bedingungen (schwarz) zu arbeiten ist das eigentlich nur eine Ausweitung von bereits existierenden Praktiken. In der Tourismusbranche warten viele Angestellte oft Monatelang auf ihren Lohn, der dann evtl. nachträglich noch willkürlich gekürzt wird, sofern er überhaupt ausgezahlt wird. Häufig arbeiten die Menschen auf dem Papier 40 Std. die Woche und real 60-80. Dennoch wird diese neue gesetzliche Regelung keineswegs die Schwarzarbeit senken, weil die Arbeitgeber sich bei illegaler Beschäftigung weiterhin die Sozialabgaben sparen können. Dass die Arbeitnehmer keine Zuzahlungen vom Staat erhalten wie in Deutschland üblich (das sogenannte Aufstocken) sollte evtl. noch dazu erwähnt werden, ebenso die vergleichbar hohen Lebenshaltungskosten und die Besteuerung nach der Rasenmähermethode. Ich hatte bisher immer angenommen, Europa strebe eine soziale Form von Kapitalismus an, aber es scheint, dass man nicht willens ist, die Lasten so zu verteilen, dass auch den weniger privilegierten die Möglichkeit auf ein würdevolles Leben gegeben ist. Kein Wunder, dass die radikalen Parteien immer mehr zulegen.

  2. beppe brezl
    28. Oktober 2012, 17:09 | #2

    Diese gottverfluchte Drecksregierung in GR, aber auch die in D und eigentlich in ganz EU gehören zum Teufel gejagt!
    Sie können sich alle nur die Taschen vollstopfen, die Bankverbrecher bedienen und ansonsten gescheit daherreden, sonst nix!
    Weg mit dieser elenden Brut!

  3. Lapalulli
    28. Oktober 2012, 17:34 | #3

    @Roditisa Es ist der bittere Preis, den die „breite Masse“ für die Beibehaltung des Euro bezahlen muss. Syriza hatte eindringlich davor gewarnt. 80 % der Griechen wollten noch im Mai den Euro. Mittlerweile sind es verständlicherweise 20 Prozentpunkte weniger. Die Liste der sozialen Schweinereien, die Sie aufführen, ist nur die Spitze des Eisberges – wobei dieses Bild in zweierlei Hinsicht stimmt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Es ist eher davon auszugehen, dass die Zumutungen ohne Ende sein werden.

    Wenn Sie allerdings den Vergleich zu Deutschland herstellen, sollten Sie allerdings bedenken, dass der Prozess der Reduzierung/“Anpassung“ von Sozialleistung durch die Agenda 2010 schon vor Jahren stattgefunden hat. Weihnachts- oder gar Ostergeld (wie in Griechenland) ist für viele schon lange nur noch eine vage Erinnerung. Abfindungen für Entlassungen (sogar noch differenziert nach „angekündigt“ und „nicht angekündigt“) hat es in dieser ausgeprägten Form in D nie gegeben. Lediglich die Möglichkeit „betriebsbedingt“ zu kündigen ist bei langjährigen Mitarbeitern oder gesundheitlich beeinträchtigten Mitarbeitern eingeschränkt.

    Der Fehler liegt allerdings eindeutig bei den großen Parteien PASOK und Dea Demokratia, die sich in den letzten Jahrzehnten an Wohltätigkeiten zu überbieten versucht haben, ohne die Produktivität im Auge zu behalten oder das Geld für dringende Investitionen zu nutzen, die das Land international konkurrenzfähig gehalten hätten.

  4. Griechenlandfanin
    28. Oktober 2012, 19:58 | #4

    Ich kann es nicht begreifen…..egal in welchem Land innerhalb Europas (darum geht es ja) geht es den Bach runter. Menschen steht doch auf, macht etwas. Geht auf die Barrikaden und schickt die jeweiligen Regierungen in den Sumpf. Es geht nur, wenn diejenigen solidarisch sind, die noch Arbeit haben. Wie kann es ein Europa geben, wo Menschen – egal wo auch immer, Hunger leiden. Wo Schwangere kein Gesundheitsbuch einer Krankenkasse haben und Saeuglinge in Krankenhaeuser eingeliefert werden, weil sie unterernaehrt sind bzw. nichts zu trinken hatten. Wo Kinder hungernd zur Schule gehen. Es ist mir so sehr egal, ob es sich um griechische Kinder oder Immigrantenkinder handelt. Alle Kinder dieser Welt und nicht nur diese muessen einen vollen Magen haben. Alle Menschen verdienen es Beachtung zu haben und nicht hinter Gittern und voller Hunger zu leben. Was ist das denn fuer eine Politik – fuer eine Welt. Woran kann ich denn in Zukunft noch glauben? Es soll ein vereinigtes Europa sein…. da kann mensch doch nur lachen. Das Kapital, die Banken, die Wirtschaft haben die Macht. Es hat sich doch in der Geschichte nichts geaendert.

    Ich habe den Euro nie gewollt. Als Alle diese neuen glaenzenden Muenzen ansahen und woher sie stammen hatte ich Sorge. Sorge, dass nun die jeweiligen Laender das aufgeben muessten, was aus ihrer Geschichte entstammt. Europa soll nun gleich gemacht werden in der Gesetzgebung etc.. Genau das kann niemals hinkommen und darf nicht sein. Jedes Land muss das Recht haben genau zu kalkulieren, was wichtig ist fuer das Volk. Hier gibt es keine Sozialhilfe etc. . Es gibt hier Vieles nicht. Und genau deshalb machen bestimmte Gesetze, die nun fuer Aufruhr in Deutschland etc. fuehren, einen Sinn. Was sollen denn bitteschoen die Angehoerigen machen, wenn der Ernaehrer stirbt? Die Kinder, gerade Maedchen. Es ist hier noch nicht so wie in Deutschland (und bitte, es soll nie so sein, fuerchterlich) wobei ich nicht gegen die Emanzipation spreche, die ist hier auch so langsam eingekehrt. Hier leben in Solidaritaet mittlerweile sehr viele Familien von der Rente der Oma oder des Opas auf engem Raum. Aus Athen angereist. Gaestebetten gibt es kaum noch zu kaufen. Das sind die Dinger, die zusammenklappbar sind. Solidaritaet ist immer noch sehr grossgeschrieben. Danke dafuer und danke, dass wir hier in Griechenland immer noch willkommen sind.

  5. Griechenlandfanin
    28. Oktober 2012, 20:19 | #5

    Und noch ein Anhang. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so wohl gefuehlt wie hier in Griechenland. Ich bin bei Aerzten keine Nummer mehr gewesen und hatte weniger Schmerzen bei den Zahnaerzten. Ich habe Menschlichkeit gespuert. In Deutschland sass ich dann in einem anderen Stuhl, habe gewartet und gewartet. Hier ist alles sehr intensiv in den Wegen, die Mensch gehen muss. Aber das mache ich mittlerweile eben auch, wenn mir das nicht gefaellt. Es ist eben ein Leben in Griechenland. Da hatten wir ein neues Auto gekauft … Hilfe, von unseren letzten Ersparnissen. Auto nicht da, Geld gegeben und Sorge. Da funktionierten Faxe nicht, weil kein Geld mehr fuer Drucker da war … dann gab es keine gruenen Fahrzeugpapiere mehr und wir bekamen einen Auszug auf weissem Papier. Das ist nun ein Jahr her. Nun haben wir erfahren, dass es wieder diese gruenen Fahrzeugpapiere gibt. Wir waren auf der Behoerde. Sehr freundliche Menschen mit viel Humor. Nun war der Drucker kaputt. Die Hoffnung stirbt zuletzt … auch wenn alles muehsam ist, ich lebe gerne in Griechenland. Nie wieder Deutschland … ist ja grauselig. Solange ich das noch kann, nehme ich gerne Wege in Kauf, und solange mir die Griechen wohlgesonnen sind. Fuer alle die nach Griechenland reisen, ein kleiner Tipp. Ein T -Shirt bemalen mit den Worten, dass Sie Merkel nicht gewaehlt haben. Es bringt viele Lacher ein und auch etliche Ouzo. In dem Sinne … jedem Land eine eigene Stimme und jedem Land eine eigene Gesetzgebung und auch eine eigene Kultur und so vieles mehr, was mir jetzt nicht mehr einfaellt.

  6. Griechenlandfanin
    28. Oktober 2012, 20:25 | #6

    @beppe brezl
    Sie sprechen mir aus dem Herzen. Aber wer kann das aendern? Nur das Volk. Es muss aufstehen aber ich sehe nur Ansaetze. Das bekuemmert mich sehr. Was ist das? Das kann doch nicht wahr sein? Ganz Europa muesste aufstehen, das Volk.

  7. Karlie
    28. Oktober 2012, 21:07 | #7

    Das zeigt auch nur wieder dass das politische System in Europa durch und durch korrupt ist.

  8. Roditisa
    29. Oktober 2012, 11:13 | #8

    @Lapalulli
    Ich gebe Ihnen in vielen Punkten Recht. Dennoch hätte auch Syriza nicht etwa nötige Reformen durchgeführt. Ich hatte das Parteiprogramm damals gelesen, es enthielt völlig unverantwortliche Wahlgeschenke an genau die, die auch bisher vom System profitiert hatten und keine echten Reformen innerhalb des Staatsapparates (insbesondere wären Regelungen zum Beamtenwesen und der Justiz dringend nötig, kamen aber bei Syriza nicht vor). Dahingehend, dass ein wirklicher Wandel innerhalb des Staatsaufbaus angestrebt wird, halte ich nur die KKE für glaubhaft, allerdings will hier kaum jemand ein zweites Kuba.

    In Deutschland gab es durch die Agenda unter Schröder einen schmerzhaften Prozess der Reformen im Sozialwesen, den es in Griechenland vor der Krise nicht gegeben hatte. Natürlich weiss man das auch hier. Aber in Deutschland gab es vor und gibt es nach der Agenda immer etwas, das den Menschen ein würdiges Leben garantiert. Es gibt Wohngeld, Sozialhilfe, Zuschüsse fuer Kleidung, Schulsachen, Klasenfahrten. Es gibt Arbeitslosengeld und wer nie gearbeitet hat, kann dennoch beim Amt eine Wohnung und Geld für Nahrung und Kleidung, sogar für Waschmaschine, Ferseher,… bekommen, die ihm die Allgemeinheit bezahlt. Hier gab es das so nicht. Auch vor der Krise nicht. Vor der Krise betrug das Arbeitslosengeld meines Bekannten ca. 380 Euro im Monat. Das war das komplette Einkommen. Davon musste eine ganze Familie leben, Miete zahlen, Heizung, Essen, Kleidung,… weil das nicht reicht halfen die Grosseltern mit ihrer Rente. Das Arbeitslosengeld gab es auch vor der Krise maximal 1 Jahr. War das Jahr rum, gab es einfach nichts mehr. Man landete auf der Strasse. Und so ist es auch jetzt in der Krise.

    Ich verstehe, dass in Deutschland die Leute sagen „Wir haben ja auch Kürzungen hinnehmen müssen, sollen die mal sehen, wie das ist.“. Bloß ist der deutsche Sozialstaat nach der Agenda immer noch um vieles humaner und reicher, als es der griechische je war. Es ist ein wenig so, als hätten die Deutschen früher Kuchen und Schnitzel gegessen und jetzt gibt es nur mehr Butterbrote (was verständlicherweise sehr frustrierend ist) und die Griechen bekamen früher trocken Brot und nun Kartoffelschalen (wovon man nicht überleben kann). Das klingt dann immer etwas zynisch, wenn man belehrt wird, dass in Deutschland die Menschen so arg zurückstecken mussten. Können Sie das nachvollziehen?

  9. tabascofan
    29. Oktober 2012, 13:59 | #9

    So sehr ich jedem, der seinen Job verliert, eine hohe Abfindung gönne. Aber sowas schützt nur diejenigen, die Arbeit haben, für die Arbeitssuchenden ist das tödlich. Jeder Unternehmer wird sich hundertmal überlegen, ob er einen Mitarbeiter bei guter Auftragslage einstellt, wenn er ihn in schwieriger Zeit oder bei Unfähigkeit nicht mehr entlassen kann. Das mag jetzt jeder „hire and fire“ nennen, aber so ist es in der Arbeitswelt. In jedem Land mit derart striktem Kündigungsschutz (auch in Italien, Spanien z.B.) ist die Jugendarbeitslosigkeit katastrophal hoch.

  10. tabascofan
    29. Oktober 2012, 14:20 | #10

    @Griechenlandfanin
    Wenn Sie es so „grauselig“ in Deutschland finden, dann haben Sie es genau richtig gemacht! Wir freuen uns alle für Sie, wenn Sie jetzt einen Ort gefunden haben, an dem es Ihnen besser gefällt. Mögen Sie immer glücklich sein in Griechenland!
    Aber Ihre Idee mit dem Anti-Merkel-T-Shirt – da unterliegen Sie einem Irrtum. 70 Prozent der Deutschen finden, sie sei eine gute Bundeskanzlerin und die allermeisten meinen – ich auch – Frau Merkel habe Deutschland bisher sehr gut durch die Krise gebracht.

  11. Konstantin
    29. Oktober 2012, 14:32 | #11

    Es sei angemerkt, dass die Troika die Streichung jeglicher Ankündigungszeiten oder alternativ die Bestimmung der täglichen Arbeitszeit auf Wochenbasis, also praktisch die Einführung einer “modernen Leibeigenschaft” forderte!

    Obige Kürzungen oder elastische Arbeitszeiten gibt es ja schon fast überall in den EU-Ländern.

    Wenn ich mich recht erinnere, waren es doch die griechischen Unternehmer die selbst den Kontakt zur Troika gesucht haben. Die Troika wollte anfangs ja die Ausgaben des Staates, Gehälter / Anzahl der Beamten etc. schmälern. Und die Unternehmer haben das direkt für sich genutzt um die Arbeitnehmer preiswerter beschäftigen zu können, was die Troika gar nicht vor hatte, zu diesem Zeitpunkt.

    Die Hauptschuld ist nicht immer direkt und nur bei der Troika zu suchen. Meiner Meinung nach tragen die Hauptschuld die zuständigen Politker und die gierigen Unternehmer. Die Unternehmer sind ja noch nicht mal so patriotisch einen Griechen zu beschäftigen, wenn sie für viel weniger Geld einen Ausländer beschäftigen können.
    Und nicht immer ist das eine Frage der Existens, oft ist es Gier.

  12. maldek
    30. Oktober 2012, 19:30 | #12

    @Roditisa

    Gratulation zu einem sehr guten und sachlichen Beitrag!

    Grundsätzlich wäre ihr Butterbrot-vergleich zutreffend, wenn alle gleich produktiv wären. Das ist aber nicht der Fall. Deutschland wirtschaftet nun einmal viel besser als Spanien, Italien oder Griechenland. Deutschland hat Marken, die die ganze Welt kennt und schätzt.

    Die Deutschen essen also Kuchen und Schnitzel und geben davon (EU Nettozahler) sogar noch einen Teil ab. An Länder wie Griechenland (EU Nettoempfänger), die sich aus eigener Kraft nur ihr trockenes Brot erarbeiten könnten.

    Soweit so gut. Jetzt kamen aber eben diese Länder und haben gefordert, sie möchten auch so leben wie die Deutschen und auch Kuchen und Schnitzel essen. Auf Kredit versteht sich.
    Das haben sie jetzt viele Jahre gemacht und wenn man jetzt vorschlägt, sie sollten sich doch mit Butterbrot bescheiden, dann wird die Nazikeule ausgepackt.

    Wären das keine Länder, sondern Menschen, dann würde das in einem handfesten Nachbarschaftsstreit enden. Was denkt ihr?

  13. Roditisa
    31. Oktober 2012, 10:39 | #13

    @maldek
    Die Sache ist viel komplexer. Ich fürchte ja, dass das hier den Rahmen sprengt, aber man darf geschichtliche, soziologische und psychologische Faktoren nicht einfach ignorieren.

    Erst mal möchte wohl jedes Land in Wohlstand leben. Und per se stünde an sich jedem Menschen ein würdiges Leben zu. Wir Deutsche haben moralisch gesehen weder mehr, noch weniger Rechte auf Wohlstand als andere Völker. Wir hatten historisch gesehen einfach Glück. Wir hatten Glück, dass unser Land im Herzen Westeuropas liegt und dass man uns wiederholt unsere Kompletten Schulden erlassen hat (ganz ohne uns davor als Schmarotzer und faule Betrüger hinzustellen). Das ist umso grösseres Glück, als wir kurz davor die meisten dieser Länder überfallen hatten, ihre Produktionsstätten und Infrastruktur zerstört und ihre Intelligenz und einen Teil des Unternehmertums getötet hatten. Wenn man bedenkt, dass in Thessaloniki ein Drittel der Bevölkerung aus Juden bestand, die eine eher wohlhabende Mittelschicht aus Unternehmern bildeten, kann man sich vorstellen, was nach dem Krieg Griechenland an Möglichkeiten geblieben war, um schnell produktiv zu werden. Keine. Dazu kam ein Bürgerkrieg, der von den Engländern und Russen befeuert wurde und die Westmächte installierten in Folge ihnen gewogene (aber korrupte) Politiker in der Regierung. Man kennt das aus Lateinamerike und dem Nahen Osten…
    Kleiner Exkurs, verzeihung. Aber es ist eben komplex. So, nach dem 2. Weltkrieg hatte Deutschland also viel bessere Startbedingungen. Viele Menschen mit Know-how auf engem Raum, kein Verlust der Elite oder der Unternehmer, finanzielle und logistische Hilfe durch die Alliierten, kompletter Erlass der Schulden. Griechenland bekam seine Schulden nicht erlassen, hatte einen Teil seiner Elite eingebüßt, bekam von den Alliierten kaum finanzielle Hilfe und logistische gar nicht, statt dessen waffenlieferungen an die Bürgerkriegsparteinen. Kein guter Neustart. Eigentlich gar kein Neustart, sonder die weiterführung eines instabilen und korrupten Vassalenstaates, wie das so oft passiert, wenn ein Land von der Kolonie zum Staat wird. Und 400 Jahre koloniale Besetzung und Unterdrückung durch die Osmanen brachte ja keinerlei Impulse zur Modernisierung. Indien hatte von den Briten wenigsten Infrastruktur, Bildung, Produktionsstätten hinterlassen bekommen. Aber Griechenland war unter den Osmanen rein agrarisch geprägt. So viel kurz zur Geschichte.

    Kommen wir zur Geographie. Wie regiert und versorgt man ein Land, das aus Unmengen an kleinen Inseln und Bergen besteht? Wo kann sich in Griechenland Produktion großflächig und vernetzt ansiedeln? In Deutschland gab es das Ruhrgebiet, das lange Zeit ein Motor war. Da kam alles zusammen: Rohstoffe, Platz, zentrale Lage und durch die Größe des Landes ein großer Binnenmarkt mit vielen Arbeitskräften. Es gab viele Universitätsstädte, die dafür sorgten, dass neues Wissen sofort in der Wirtschaft einfließen konnte. Griechenland war seiner wissenschaftlichen Intelligenz, seines kulturellen Zentrums (Konstantinopel – heute Istanbul) beraubt. Das Volk konnte sich nicht bilden. Das Land hinkte und hinkt hinterher. Man kann dafür niemand verantwortlich machen, der heute am Leben ist. Zu komplex ist die Sache, zu viele Faktoren beeinflussen es. Aber ein solches Land mit einer solchen geschichte hatte nie die gleichen Möglichkeiten wie ein Land wie Deutschland…
    (Fortsetzung folgt)

  14. Roditisa
    31. Oktober 2012, 12:05 | #14

    … (Fortsetzung)
    Kommen wir zum Mythos des „die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt“, bzw. die Menschen in Griechenland hätten einen höheren Lebensstandard gehabt als die Deutschen.
    2009 betrug der durchschnittliche, monatliche und kaufkraftbereinigte Bruttoverdienst in Deutschland 3106 Euro. In Griechenland 1929 Euro. Und das war, nachdem in den 10 Jahren davon in Deutschland die Löhne „gering“ gehalten wurden, während sie in den anderen EU-Ländern gestiegen waren. Man hat als in Griechenland nie besser verdient als in Deutschland.

    Nun kann man sagen, dass der griechische Staat mehr ausgab, als er einnahm. Das stimmt. Und das tun alle Staaten. Deutschland hat zwar momentan hohe fiskale Einnahmen und unglaublich niedrige Zinsen (übrigens in erster Linie dank der Eurokrise), reduziert aber dennoch nicht seine Schulden. Moderne Staaten funktionieren so und Japan oder die USA müssten nach der Logik des ausgeglichenen Staatshaushalts schon ewig Bankrott sein. Sind sie aber nicht, weil sie ihre Währung selbst kontrollieren. Innerhalb des Euro sind aber alle an die gleichen Leitzinsen gekettet. Griechenland kann nicht abwerten, muss also trotz schrumpfender Einnahmen alles in teuren Euro abwickeln, während gleichzeitig der Euro für Deutschland extrem billig ist. Hätten wir noch nationale Währungen, der Wechselkurs der DM wäre so hoch, dass der Export schon lange gelitten hätte und die Drachme wäre so billig, dass die Staatsschulden erheblich geschrumpft wären. Man hätte ohne Euro die Produktion aus Deutschland zum Teil in die armen EU-Länder verlegt. Die Krise schafft also in Deutschland gerade Arbeitsplätze, während sie Griechenlands Wirtschaft den Gnadenstoß versetzt. Das liegt nicht daran, dass deutsch Arbeitnehmer fleissiger oder bescheidener sind. Das liegt am Wechselkurs des Euro.

    Ich habe leider wenig Zeit heute, aber vielleicht sollten wir nochmal einen Vergleich heranziehen: Als Deutschland 1990 wieder zusammen wuchs, da gab es die reichen Westländer und die armen Ostländer. Auch jetzt nach 20 Jahren hinkt der Osten hinterher. Das hat viele Gründe, sicher nicht die Mentalität der Menschen oder ihre moralische Haltung. Und noch immer muß vor allem Bayern große Summen zahlen, die dann u.a. an Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gehen. Das Verhältnis von Deutschland zu Griechenland wurde durch den Euro dem zwischen Bayern und den neuen Bundesländern sehr ähnlich.

    Es ist alles nicht so einfach und selten so wie es scheint.

  15. Roditisa
    31. Oktober 2012, 13:26 | #15

    Ich möchte auch noch tewas zur „Nazikeule“ schreiben. Es gibt da meiner Meinung nach ein Mißverständnis. Nein, mehrere:
    1. Wenn ich in Deutschland heute sage, dass wir als Land nicht vergessen sollten, was für unsägliches Leid Deutschland vor 70 Jahren über Griechenland gebracht hat, gibt es immer diesen Aufschrei: „moralische Erpressung!!! Nazikeule!!!“ Nein meine lieben Mitbürger, so ist das nicht. Dass Griechenland heute ärmer ist als Deutschland verdanken wir auch der Tatsache, dass Griechenland auf Reparationen verzichtet hat und dass sich Deutschland immer erfolgreich gesperrt hat, die Schulden, die es während des Krieges bei der griechischen Staatsbank aufgenommen hat zurückzuzahlen. Hätte Griechenland beispielsweise 1950 die Rückzahlung dieser Schulden durchgesetzt und verlangt, dass Deutschland Entschädigungen für die Kriegsschäden zahlt, die dem Ausmaß der Zerstörung angemessen gewesen wären, so wäre Deutschland sofort zahlungsunfähig gewesen. Rein faktisch konnte Deutschland wirtschaftlich auch deshalb so gut zulegen, weil die anderen europäischen Länder auf unsäglich viel verzichtet haben. In Deutschland vergessen wir das gerne, weil es uns unangenehm ist und unseren nationalen Mythos des selbsterschaffenen Wirtschaftswunders in Frage stellt. Das lässt uns aber undankbar und arrogant wirken auf die Völker, die damals so kulant waren.

    2. Es leben immer noch viele Menschen in Griechenland, denen im 2. Weltkrieg von den Deutschen sehr viel genommen wurde. Ihre Würde, ihre Angehörigen, ihre Wohnung, ihr Dorf, ihre Hoffnung, ihre Kindheit, die Möglichkeit auf Bildung, ihre Heimat. Diese Menschen erinnern sich. Für diese Menschen ist die Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend keine Nazikeule, es ist ihr Leben und das was ihnen genommen wurde ihr Opfer. Von den Nachkommen der damaligen Täter heute als „Pleitegriechen“ oder „Betrüger“ oder „faul“ bezeichnet zu werden ist doppelt schmerzhaft. Es reisst alte Wunden auf. Man stellt sich die Frage: „Sind die Deutschen irgendwo doch noch so wie damals?“ Ich wurde schon mehrmals gefragt, ob Frau Merkel Griechenland besetzen will. Das waren ernste und besorgte Fragen. Es ging nicht darum, Geldforderungen zu rechtfertigen, es lag darin die Angst, dass Geschichte sich wiederholt. Und wenn wir Deutsche auf diese Angst mit Herablassung und Empörung reagieren, dann haben wir offensichtlich vergessen, was vor 70 Jahren in diesem Land passiert ist.

    3. Ausserhalb Deutschlands sind Naziuniformen, Hitlergruß und das Singen der ersten Strophe des Deutschlandliedes für die meisten Menschen kein Tabu. Man lacht darüber. Meine italienischen Freunde wären nie auf die Idee gekommen, dass sie mich zutiefst verletzen, als sie mich mit dem Hitlergruß empfingen. Es ist also den meisten Menschen, die ausserhalb Deutschlands die Nazis zur Beschimpfung, zur Veranschaulichung oder sonstigen Zwecken heranziehen nicht bewußt, welche Tiefe das für uns Deutsche hat. Was das bei uns auslöst. Wir empfinden es als „Keule“, während die anderen es als „Wink mit dem Zaunpfahl“ gemeint haben.

  16. Juls
    31. Oktober 2012, 13:51 | #16

    Danke Roditisa …

    Nachhilfe tut auch mir sehr gut!!

  17. HJM
    31. Oktober 2012, 19:39 | #17

    Der Beitrag von Roditisa ist ganz sicher in großen Teilen zutreffend. Einiges aber wird mit Larmoyanz verkleistert und unter Hinweis auf des Geschickes Mächte (zu) wortreich entschuldigt. Ich frage mich, wann die Osmanen und die Nazis endlich ausgedient haben werden? Sollen selbige verantwortlich sein für das völlig desolate Schul- und Ausbildungssystem in Griechenland? Für den Umstand, daß das Rentenniveau in Griechenland in eine Höhe gepusht wurde, die einen deutschen Durchschnittsverdiener mit Neid erfüllt hätte. Dass sich noch vor einigen Jahren, VOR der Krise, junge Auslandsgriechen, zB solche, die in Deutschland lebten und arbeiteten, von altersentsprechenden Inlandsgriechen die Aussage gefallen lassen mußten. „was willst Du in Deutschland, komm her, hier liegt das Geld auf der Straße?!“ Dass es, Jahrzehnte, irgendwann wird es ein Jahrhundert sein, nach dem griechischen Bürgerkrieg (von dem in Deutschland ohnehin kaum jemand weiß) in Griechenland immer noch unmöglich ist, einen Konsens in existentiellen Fragen zu finden? Jedenfalls unmöglich auf der politischen Bühne? Gegenwärtig bin ich nicht mehr in der Lage, irgendwie nachzuvollziehen, was die Troika warum veranstaltet bzw. wohin die Reise gehen soll. Einerseits. Andererseits ist das griechische Sündenbock-Theorem nun wirklich zu billig.

  18. Götterbote
    31. Oktober 2012, 19:46 | #18

    @Roditsa
    Ein wirklich gelungener Beitrag, der noch um einiges ergänzt werden und jedem Deutschen zur Lesepflicht vorgelegt werden müsste.

  19. Roland Wolf
    31. Oktober 2012, 19:47 | #19

    @Roditisa

    Hier habe ich ein Verständnissproblem: Unbestritten sind die schweren Verbrechen Deutschlands während des 2. Weltkriegs, auch in Griechenland. Auch nachvollziehbar ist das diese Erinnerungen immer noch schwer wiegen.
    Was ich jedoch nicht in meinen Kopf bekomme: Entweder wiegen diese Verbrechen so schwer, dann kann es nicht harmlos sein das derzeitige Deutschland mit Nazideutschland zu vergleichen, und z.B. Angela Merkel im Nazianzug zu zeigen.
    Oder es war doch alles nicht so schlimm, dann kann man meinethalben die Witze auch machen oder den Vergleich ziehen.
    Aber beides gleichzeitig passt nicht.

    Ich bekomme ein Bild bei dem gern ausgeteilt wird (Böse Nazies) aber beim Einstecken eine sehr dünne Haut vorhanden ist (Die Redkateure des Fokus wurden wegen Ihrer Milo-Karikatur angezeigt)

    Das der Ton in Deutschland teils undiskutabel ist-geschenkt. Den Nazi-Vergleich rauszuholen und zu erwarten das das keine negative reaktion auslöst? Doch wohl eher nicht.

  20. Bavaria
    31. Oktober 2012, 20:48 | #20

    @Roditsa
    Es steht viel Wahres in Ihrem leidenschaftlichen Plädoyer für Griechenland und seine Menschen. Den meisten Dingen kann ich zustimmen, einigen wenigen Punkten nicht.
    1. Ich würde mich von meinen Freunden nicht mit Hitlergruß begrüßen lassen, das ist mir, obwohl ich lange außerhalb Deutschlands gelebt habe, auch noch nie passiert.
    2. Es mag ein kollektives Bewusstsein, eine kollektive Erinnerung an die Verbrechen der Nazis geben, allerdings garantiert nicht bei denen, die öffentlich mit Hakenkreuzfahnen und Merkel-Karikaturen demonstrieren – die kennen diese Zeit nicht mal mehr aus der Schule.
    3. Unter den Osmanen hat der gesamte Balkan geächzt, zum Teil noch länger als Griechenland. (Bulgarien über 500 Jahre) – die Osmanenherrschaft als Erklärung für bestimmte Wesenszüge eines Volkes herzunehmen erscheint mir 200 Jahre später im Zeitalter von Düsenjet und Internet doch recht weit hergeholt. Ich würde es als Beleidigung empfinden, wenn man meinem Volk nicht zutraute, sich im Laufe von 200 Jahren weiter zu entwickeln.
    Und 3. Dieses angebliche Durchschnittseinkommen ist eine statistische Missgeburt. Denn da stecken die Bezüge von Herrn Ackermann drin genau so wie die der Verkäuferin. Außerdem – Von diesen 3.000 Euro geht mindesten noch mal ein Drittel für Steuern und Sozialabgaben weg – oft sogar 50 Prozent. Außerdem liegt das Durchschnittseinkommen laut stat. Bundesamt 2009 bei ca. 2500 € inklusive Ackermann.
    Und letztendlich: Die jüdische Bevölkerung von Thessaloniki wurde leider auch mit tätiger Mithilfe der griechischen Mitbürger deportiert. Ein historischer Fakt, der heute schamhaft verschwiegen wird, weil er vielen eben nicht ins Weltbild passt. Es ist nicht alles schwarz oder weiß, gut oder böse, sondern mit unzähligen Schattierungen dazwischen. Das trifft besonders für eine Zeit zu, die wir nur noch aus Lehrbüchern kennen.
    Trotzdem danke für diese Lehrstunde in Toleranz

  21. Roditisa
    31. Oktober 2012, 21:21 | #21

    @HJM
    Ich sehe das ähnlich wie Sie. Natuerlich muessen die Menschen in Griechenland auch selbst fuer das einstehen, was hier passiert. Das tut auch die Mehrheit. Ich hoere wirklich haeufiger den Satz „Haben wir uns selbst eingebrockt“ als Anklagen gegen Deutschland. Mein Beitrag bezog sich auf einen vorhergehenden Beitrag und einige Vorurteilen gegenüber den Menschen in Griechenland, die ich in Deutschland bei Besuchen leider häufig gehört habe.

    Ich kann auch das hin und her der Troika nachvollziehen. Die Regierung verschleppt und tut alles, um der alten Elite weiter den Rücken zu decken. Die Zeche zahlen die einfachen Bürger und die Rechnung, dass diese sich gegen ihre ungerechte Elite wehren würden ging nicht auf, bzw. mit dem Aufstieg der Chrysi Avgi nach hinten los… Die Meden haben lange das Spiel der Mächtigen mitgespielt und den Menschen Halbwahrheiten serviert.

    Schade, dass in der Beziehung zweier lange befreundeter Völker so viel kaputt gemacht wurde.

  22. Roditisa
    31. Oktober 2012, 21:30 | #22

    @Roland Wolf
    Ja ich weiß, Deutsche verstehen das schwer. Ich lasse mich übrigens keineswegs mit dem Hitlergruß empfangen, ich war damals hochbeleidigt und sehr verletzt und habe meinen Freunden viele Dinge erzählt über Nazideutschland, von denen sie nie gehört hatten. Danach haben sie das nie mehr gemacht. Aber wer nicht gerade deutsche Freunde hat, weiß wenig über unsere Befindlichkeiten zu dem Thema.

    Hier empfindet man das genau umegkehrt: Die Deutschen sind sofort beleidigt, wenn man sie in Naziuniform und mit Hitleruniform begrüßt, wo doch sie selbst am Besten wissen, dass Deutschland heute wirklich eine völlig andere Poilitik verfolgt. Aber welchen Grund hatte der Focus, einem ganzen Land den Stinkefinger zu zeigen?

    Es gibt immer viele Wahrheiten und immer viele Gründe, beleidigt zu sein. Wahre Größe zeigt der, der über sich selbst lachen kann. Das scheinen momentan beide Völker nicht zu können. Leider.

  23. γιαούρτι γιαουρτάκι
    31. Oktober 2012, 21:40 | #23

    @Bavaria
    Es haben allerdings auch ein paar Tausend überlebt, die vom Widerstand über die Türkei und mit derem Wissen nach Palästina gebracht wurden.

  24. Roditisa
    31. Oktober 2012, 21:40 | #24

    @Bavaria
    Lieben Dank für die Ergänzungen und Hinweise.

    Der 2. Punkt antwortet sehr gut auf die Frage von Roland Wolf.

    Mir fällt auf, dass für viele Griechen die Besetzung durch die Osmanen eine identitätsstiftende Rolle spielt. Ich sehe darin auch ein Problem, weil man irgendwie da hängen geblieben ist. Alles was danach kam ist weniger relevant. Wie bei einem Trauma, das immer und immer wieder aufbricht, weil man nie darüber hinweg gekommen ist und das kreativen Bestrebungen Energie entzieht. Die Menschen stecken oft in gelernter Hilflosigkeit fest, wenn es um soziale Veränderung geht. „Ändert ja eh nichts“.

  25. γιαούρτι γιαουρτάκι
    31. Oktober 2012, 21:49 | #25

    @Roland Wolf
    Leider hatten die Kläger nicht die kleine Randnotiz des Fokuschefs Markwart gelesen, der belustigt darauf hingewiesen hatte, daß der Computervirus Trojaner eigentlich anders heissen müßte, weil im trojanischen Pferd schliesslich Griechen saßen; „die“ Griechen also auch noch als Virus.
    Der Journalist, der im Fernsehen die Märlinbahn in historischer Uniform zeigte, mußte dafür 25.000 Euro Strafe zahlen; das war allerdings keinem einzigen deutschen Medium die Meldung wert. Stattdessen präsentierte NTV – bis heute ohne jedwede Sanktion – die „Moutza“-Geste protestierender griechischer Schüler volksverhetzend als Hitlergruß.

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