Dramatischer Anstieg rassistischer Gewalt in Griechenland

25. Oktober 2012 / Aktualisiert: 03. Juli 2013 / Aufrufe: 1.606

Die alltägliche rassistische Gewalt in Griechenland hat inzwischen derartige Ausmaße erreicht, dass der Repräsentant der UNHCR höchsten Alarm schlägt.

Die rassistisch motivierten gewaltsamen Angriffe in Griechenland zeigen einen dramatischen Anstieg und stellen mittlerweile ein alltägliches Phänomen dar. In der Periode Januar – September 2012 wurden laut dem „Netzt zur Erfassung von Fällen rassistischer Gewalt“ 87 Vorfälle rassistischer Gewalt gegen Flüchtlinge und Immigranten verzeichnet, von denen 83 in der Öffentlichkeit erfolgten (auf Plätzen, auf Straßen, in Beförderungsmitteln).

Unter anderem in Zusammenhang mit den Meldungen über die körperliche Misshandlung von Immigranten und die schlimmen Haftbedingungen im Polizeirevier des öffentlichen Theaters Piräus wurde von der Direktion für interne Angelegenheiten der griechischen Polizei inzwischen eine Untersuchung angeordnet.

Durchgeführt wird die Untersuchung infolge der Beschwerde der Bewegung „Vereint gegen den Rassismus und die faschistische Bedrohung“ und des Union der Arbeiter-Immigranten, dass drei Häftlinge aus Pakistan und Bangladesch am Sonntag, dem 21 Oktober, um 10 Uhr abends im dritten Stock des Polizeireviers verprügelt wurden.

Ausuferung rassistischer Gewalt

Die Mehrzahl der Fälle rassistischer Gewalt bezieht sich auf körperliche Angriffe, während es bei 50 von diesen Vorfällen schwere Körperverletzungen gab. Ebenfalls wurden zwei Fälle von Beschädigung fremden Eigentums und Brandstiftung gegen Unternehmen und Wohnungen von Ausländern verzeichnet, wie die Brandstiftung in dem Friseursalon eines pakistanischen Staatsangehörigen in Metamorfosi und der Angriff mit selbstgebauten Sprengsätzen auf ein Gebäude in Neos Kosmos, in dem Syrier wohnen.

Von den 87 Vorfällen ereigneten sich 73 in Athen – in Agios Panteleimonas, auf dem Attika-Platz, auf dem Platz Amerikis und im Umfeld der Omonia -, während 5 Vorfälle in Patras und drei im weitläufigeren Bereich von Piräus verzeichnet worden sind.

Die Opfer, die im Rahmen der Erfassung freiwillig Kontakt zu den Mitgliedern des Netzes aufnahmen, waren 85 Männer und 2 Frauen, die meisten im Alter von 18 bis 35 Jahren und hauptsächlich aus Afghanistan, Bangladesh, Guinea, Pakistan und Somalia. Was den rechtlichen Status der Opfer betrifft, waren 29 Asylsuchende, 2 anerkannte Flüchtlinge und 7 mit Aufenthaltsgenehmigung, während 43 ohne legalisierende Papiere waren oder unter Abschiebung standen.

In 48 Fällen standen – immer laut den Aussagen der Opfer – die Täter mit extremistischen Gruppen in Verbindung. Laut den Aussagen agieren die Täter in organisierten Gruppen, tragen üblicherweise schwarze Kleidung, Militärhosen, Helme oder haben ihre Gesichter vermummt.

Sie bewegen sich auf Motorrädern oder als selbsternannte Bürgerwehr-Gruppen, während die Zeugen in einigen Fällen anführten, unter den Tätern der Angriffe mit der Chrysi Avgi in Verbindung stehende Personen erkannt zu haben, entweder weil sie Abzeichen der Organisation trugen oder weil ihre Gesichter mit öffentlichen Veranstaltungen der Organisation im Gebiet in Zusammenhang stehen.

Die Angriffe erfolgen mit Waffen, Eisenstangen, Teleskop-Schlagstöcken, Ketten, Schlagringen, Messern und zerbrochenen Flaschen, während häufig auch große Hunde eingesetzt werden. Speziell angeführt werden 15 Fälle, in denen die Polizei mit der rassistischen Gewalt in Verbindung gebracht wird. Es ergeht die Rede von Vorfällen, in denen Uniformträger während der Ausübung ihrer Aufgaben zu rechtswidrigen Handlungen und gewalttätigen Praktiken schreiten oder Immigranten auf Polizeirevieren misshandeln oder Ausweispapiere vernichten.

Nur 11 Opfer führen an, zu offiziellen Anzeigen bei den zuständigen Behörden geschritten zu sein, während 14 es wollen würden. In 22 Fällen behaupten die Opfer, die Vorfälle bei der Polizei anzuzeigen versucht zu haben, jedoch Unwilligkeit oder Entmutigung und in einigen Fällen der praktischen Weigerung der Polizeibehörden begegneten, diesem zu entsprechen.

Laut dem Netz für Fälle rassistischer Gewalt sind diese Vorfälle nicht mehr als die Spitze des Eisberg, während es – wie angeführt wird – trotz der Aufrufe an den griechischen Staat, Maßnahmen zu ergreifen, keine entsprechende Erwiderung gegeben hat. Bis heute ist keiner der Täter der gewaltsamen rassistischen Angriffe von der Justiz verurteilt worden.

Die Vorschläge des Netzes für rassistische Gewalt

Unter den Vorschlägen, welche das Netz für Fälle rassistischer Gewalt dem Staat zur Handhabung der Hassverbrechen unterbreitet, befindet sich die Schaffung einer Sondereinheit in der ELAS zur Bekämpfung der Verbrechen rassistischer Gewalt, die Beauftragung eines konkreten Polizeibeamten auf jedem Revier mit der Zusammenarbeit mit der polizeilichen Sondereinheit und dem Ministerium für öffentliche Ordnung und Bürgerschutz, Informierung und Schulung der Polizeibeamten, Aussetzung des Beschlusses über Inhaftierung und Abschiebung der Opfer, welche zur Anzeige rassistischer Gewalt schreiten, Zusammentragung von Beweisen, damit in den Fällen der extremistischen Organisation die Anwendung des Artikels 187 des Strafgesetzbuchs über kriminelle Organisationen möglich wird.

Wir schlagen Alarm. Wir geben höchste Alarmstufe

Bei einer Pressekonferenz sprach der Leiter der Geschäftsstelle des Hochkommissärs der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) in Griechenland, Georgios Tsarmpopoulos, in Bezug auf die Täter von Schlägertypen und Mafiosi und erklärte:

Es ist eine Tatsache, dass, wenn eine Partei im Parlament vertreten ist, wo sie die Immigranten als Abfall und Untermenschen bezeichnet, der Gewalt ideologische Deckung bietet. Leider gibt es jedoch auch die Tolerierung seitens eines Teils der Bevölkerung. Wenn die Kumulierung existierender Probleme der Sicherheit, Ausgrenzung und Abwertung von Bezirken einen Teil der Bevölkerung dazu führte, dem Rassismus zuzuzwinkern, und die wirtschaftliche Krise und der Verfall Angst und Verzweiflung gebären, kann dies mit nichts die Rückkehr zur Barbarei als Option rechtfertigen.

Wir sprechen von dem Rückfall in kulturellen Obskurantismus, von der Anagenese des Schattenstaates, von der Anzweiflung des grundgesetzlich verankerten Prinzips der Gleichberechtigung und der Nichtdiskriminierungen, der Anzweiflung jeder Bedeutung des Rechtsstaates„, unterstrich Georgios Tsarmpopoulos.

Wir schlagen Alarm. Wir geben höchste Alarmstufe„, erklärte der ehemalige Präsident des nationalen Ausschusses für Menschenrechte, Kostis Papaioannou, und betonte, die öffentliche Meinung, aber auch die Behörden haben die Situation noch nicht vergegenwärtigt: „Opfer der Gewalt sind nicht nur die Immigranten, es sind auch andere Bevölkerungsgruppen, wie politische Gegner, Homosexuelle, Roma.“ Parallel charakterisierte er die Haltung der griechischen Polizei (ELAS) zur rassistischen Gewalt als Schande und vertrat, Segmente innerhalb der Polizei seien „der lange Arm der Chrysi Avgi„.

Sich auf die negativen Folgen der Phänomene der rassistischen Gewalt für das Land beziehend erklärte Kostis Papaioannou, dass diese auch wirtschaftlich seien, da viele Botschaften ihre Bürger bereits über diese Vorfälle informieren. „Der griechische Staat schuldet, der Chrysi Avgi, dem Neonazismus, als einer angreifenden Bedrohung zu begegnen“, und verlangte „die individuelle strafrechtliche Handhabung der Täter, die Sammlung von Daten und die Erforschung, ob die Chrysi Avgi eine kriminelle Organisation nach Artikel 187 des Strafgesetzbuchs darstellt.

Sie isolieren die Opfer und schlagen zu …

Der Präsident der Ärzte der Welt, Nikitas Kanakis, bezog sich auf Basis der Vorfälle, in denen um Hilfe gesucht wird, auf die Weise, auf welche die Täter angreifen, und sprach von „Menschenmeuten, die Wehrlose anfallen. Es erinnert an die Fuchsjagd in England„, sagte er. „Sie isolieren die Opfer, schlagen mit Gewalt, mit Hass, mit speziellen Messern, mit speziell ausgebildeten Hunden zu.

Der Präsident des griechischen Immigranten-Forums, Moavia Ahmet, monierte, dass die anerkannten Vereinigungen der Immigranten, „ihr legalster Teil, der Basiskanal ihrer Kommunikation mit dem Staat und der Gesellschaft“ Angriffe erfahre. Er äußerte ebenfalls, die Immigranten leben in großer Angst und führte als Beispiel an, dass die Gemeinschaft der Marokkaner aus Angst vor Angriffen den Arabisch-Unterricht einstellt, der in Athen erfolgte und von dem marokkanischen Staat finanziert wurde.

Das Netz zur Erfassung von Fällen rassistischer Gewalt, an dem heute 23 nichtstaatliche Organisationen und andere Träger beteiligt sind, wurde im Sommer 2011 auf Initiative des Hochkommissärs der Vereinten Nationen für Flüchtlinge und des nationalen Ausschusses für Menschrechte geschaffen.

(Quelle: in.gr)

Relevante Beiträge:

  1. Catalina
    25. Oktober 2012, 00:47 | #1

    Es ist eine Schande, eine nationale Schande und wir sollten alles tun, um diesen Angriffen zu begegnen. Wer jetzt den Mund hält, macht sich mitschuldig!!

  2. Ariadne
    25. Oktober 2012, 11:34 | #2

    Wo bleiben da die „stolzen“ Griechen? Sind Sie „stolz“ auf solche Machenschaften? – Einfach erbärmlich, diese Zustände! Dass die Polizei sich weigert, diesbezügliche Anzeigen überhaupt entgegen zu nehmen, lässt tief blicken. Wo führt das hin? Wie sieht die Zukunft dieses Landes wohl aus?

  3. Peter Adam
    25. Oktober 2012, 16:12 | #3

    @ Catalina

    Es ist wirklich eine Schande. Das meinte Ich mit meinen Zeilen vom aufrechten und patriotischen Griechen garantiert nicht.
    Aufklärung tut in dieser Sache not. Die Menschen müssen aufgeklärt werden über die Machenschaften des braunen Mobs, Ihre Zielsetzung.
    Früher, in den 70er Jahren waren wir Südländer, egal wo wir herkamen, in Deutschland als “ Kanaker “ verschrien, man belegte uns mit diversen Spottnamen und setzte uns in unserer Menschenwürde ohne Not herab. Nun sollten wir nicht in den gleichen Fehler verfallen.
    Doch es ist numal so, daß das Volk, wenn es schwach und Ohnmächtig ist irrational reagiert und sein Mütchen mangels Courage an Schwächeren kühlt um sich Selbstbestätigung zu verschaffen. Dabei sind die Verursacher des ganzen woanders zu suchen. Etwa im Parlament, in den reichen Oligarchenfamilien die mein Volk und Vaterland so missbraucht haben, diejenigen die es auf den Irrweg des Euro gebracht haben um ungestört das Vermögen unseres Landes zu plündern und sich zu bereichern.
    Diejenigen treiben die Menschen in die Verzweiflung und snd schuldig in höchstem Maße. Das muss jedem einzelnen Griechen deutlich gesagt werden.

  4. Konstantin
    26. Oktober 2012, 00:00 | #4

    Es ist eine Schande für das ganze Land, daß so gegen Ausländer gehandelt wird.
    Bald können die braunen in Griechenland ihre eigene Nazifahne entwerfen, umso lächerlicher ist es jetzt schon wenn Deutschland bzw. Merkel als Nazi dargestellt wird.
    Ich möchte mal nicht hoffen das die Griechen im Ausland auch bald so behandelt werden wie die Emigranten in Griechenland.

    @ Peter Adam, die Bürger in Griechenland wählen immer wieder die Politiker die sie jahrelang ausgenommen haben. Mal Pasok mal NDK. Den Behinderten werden die Leistungen gestrichen, die Reichen sind noch immer Steuerfrei und die Politiker schränken sich in nichts ein. Neue Millardenkredite werden vergeben und das Volk weiter ausgenommen.
    Wenn die Griechen in Griecheland mit den Politikern so verfahren würden wie die braunen mit den Emigranten, hätte das Land auch mal eine Chance nach vorne zu kommen.

  5. Catalina
    26. Oktober 2012, 10:47 | #5

    @Konstantin:
    und das Volk weiter ausgenommen.

    Exakt! Das neue Sparpaket, welches jetzt durch’s Parlament gewunken werden soll, setzt sich vor allem aus Einsparungen bei den Gehältern, den Renten und Leistungskürzungen im Gesundheitswesen zusammen. Denen, die nur noch wenig haben, wird noch mehr genommen und die, die haben, bleiben auch weiterhin größtenteils unbehelligt 🙁

    Und was macht die Regierung um dieses Sparpaket durch’s Parlament zu bringen. Sie lässt über das Paket als Ganzes abstimmen, nicht über die einzelnen Punkte, so dass eventuell noch Abmilderungen möglich wären. Und somit ist jeder, der jetzt den Mut hat, dagegen abzustimmen, ein Königsmörder, der wohlmöglich die Regierung stürzt. Wer von der Regierungskoalition wird den Mut haben? Ich glaube, niemand. Alle hängen doch an ihrem Job.

  6. Konstantin
    27. Oktober 2012, 15:02 | #6

    @ Catalina

    es wird immer so weiter gehen, neue Sparpakete, mehr Steuern, weniger Sozialleistungen.
    Die Normalbevölkerung wird ausgenommen und die Feudalherrschafft der Reichen und Politiker lässt es sich weiter gut gehen. Unser Volk muß das mal erkennen und nicht hoffen das es mal irgendwann besser werden wird. Ausgeschlossen bei den Politikern dort.
    Die reden ja nur, halten die Hand auf und belügen jeden.
    Eu-Troika und einige wenige Griechen haben sicherlich schon alles geregelt und das Geschäft unter sich aufgeteilt. Soweit ich weiß wurden schon viele Grundstücke in Nordgriechenland an die Türken verkauft, auch Handelsketten. Danach kommen andere und kaufen sich auch ihren Teil. Am Ende zahlt der Grieche soviel Steuern für sein kleines Haus und sein Grundstück das es ihm irgendwann mal gepfändet werden wird.
    Ich kann nur hoffen, daß in Zukunft mal Griecheland so regiert werden wird, das es wirklich eine kleine Chance erhält.

  7. Alexis Sorbas
    28. Oktober 2012, 15:47 | #7

    Jeder ist solange gastfreundlich, so lange er etwas zu teilen hat. Am Schluß ist es eben so, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Weltweit.

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