Griechenland und das Schneeballsystem der EZB

22. August 2012 / Aktualisiert: 01. Juli 2013 / Aufrufe: 2.570

Eine im August 2012 zum Nennwert getilgte griechische Staatsanleihe zeigt, wie die EZB ein betrügerisches Schneeballsystem schuf, das unweigerlich zusammenbrechen muss.

Der Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis schlug bereits gegen Ende Juli 2012 in einem ausführlichen Artikel ein 24-Tage-Programm für Griechenland vor und ging speziell auf eine im Besitz der Europäischen Zentralbank (EZB) befindliche griechische Staatsanleihe ein, die am 20 August 2012 auslief und deren Tilgung er in unmittelbaren Zusammenhang mit dem weiteren Verbleib (oder nicht) Griechenlands in der Währungsgemeinschaft setzte.

Wie Griechenland sich das benötigte Geld besorgte und die Anleihe bezahlte, auf was es sich damit – wieder einmal und entgegen jeder Logik – eingelassen hat, und warum das von der EZB geschaffene betrügerische Pyramiden- bzw. Schneeballsystem per Definition zum Zusammenbruch verurteilt ist, legt Yanis Varoufakis in einem Artikel dar, der am 20 August 2012 auf dem griechischen Portal “Protagon” publiziert wurde und nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird.

Die Pyramide und das Syndrom

Das 24-Tage-Programm für Griechenland wurde nicht adoptiert, wie ich es im übrigen offensichtlich auch nicht erwartet hatte. Somit dämmert heute der 20. August als Tag des Unglücks. Heute wird der griechische Staat 3,2 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank (EZB) schicken, als Tilgung griechischer Staatsanleihen, welche die EZB in ihrem Besitz hatte, und somit verliert unsere Regierung gegenüber der Achse Berlin – Frankfurt auch ihre letzte Verhandlungskarte, mit der sie Druck zur Rettung des Landes hätte ausüben können.

Nun erinnern wir uns, als Land, an die Blanche in Streetcar Named Desire – auf gut Griechisch, in unglaublich mieser Übersetzung, Der Bus des Verlangens: „I have always relied on the kindness of strangers“, waren ihre letzten Worte, wie Sie sich erinnern werden (in freier Übersetzung: „Und jetzt bauen wir auf die Großzügigkeit der Ausländer“). Ich werde nicht wiederholen, was ich hier sagte. Ich werde einfach nur gewisse neue Fakten dazu betonen, wo (a) dieses Geld aufgetrieben wurde, um es an die EZB zu zahlen, und (b) über den katastrophalen Kurs, den die Regierung in vollumfänglicher Nachahmung der beiden vorherigen Regierungen zu befolgen beschloss.

Pyramiden-Kredite

Pyramiden werden die Finanzierungsschemata genannt, die mit mathematischer Sicherheit zusammenbrechen werden, da sie auf dem Prinzip basieren, dass die Empfänger Beträge erhalten, für welche sich der „Zyklus“ der Einzahlenden irgendwann schließt, und dann bricht die ganze Pyramide zusammen. Nehmen Sie als Beispiel Bernie Madoff, der heute in amerikanischen Gefängnissen beherbergt wird. Als seine für Rechnung seiner Kunden getätigten Investitionen nicht gut verliefen, entschied sich jener, nicht die Wahrheit zu sagen. Anstatt Verluste bekannt zu geben, verkündete er unverhältnismäßig hohe Gewinne. So zog er neue Kunden an, die ihm ihre Gelder mit dem Ergebnis anvertrauten, dass er diese zur Auszahlung jener vorherigen Kunden (deren Gelder er geschrumpft hatte) verwendete, die ihre „Gewinne“ verflüssigen wollten. Usw., bis der Zusammenbruch des Jahres 2008 alle Kunden dazu brachte, ihr Geld zurück zu verlangen, womit auch Madoff’s Betrugs-Pyramide enthüllt wurde.

Etwas Entsprechendes macht heute auch die EZB: Sie schafft Umstände für die Schneeball-Finanzierung … um sich selbst zu finanzieren, mit Opfern ganz Europa und – speziell – die griechischen Steuerzahler.

Wegen der Schwere der Beschuldigung ist es erforderlich, dass ich deutlicher werde. Heute, am 20. August, läuft eine von dem griechischen Staat emittierte Anleihe aus. Ein großes Paket im Nennwert von 3,2 Mrd. dieser Emission gehört der EZB. Warum? Weil im Sommer 2010 die EZB in einem missglückten Versuch, den Bankrott Griechenlands, Irlands und Spaniens abzuwenden, Anleihen dieser Staaten aus zweiter Hand kaufte. Heute läuft eine der griechischen Anleihen aus. Und die EZB verlangt ihr Geld vollständig, im Gegensatz zu den Privatleuten, Versicherungskassen und Banken, welche Teile dieser Anleihen gekauft hatten und die (mit tragischen Opfern die Kleinanleger) mittels des kriminellen PSI [1] der Herren Papadimos – Venizelos gezwungen wurden, einen „Schnitt“ dieser Anleihen in der Größenordnung von 54% hinsichtlich ihres Nennwertes und 75% hinsichtlich ihres diachronischen Wertes zu akzeptieren.

Die EZB forderte und erreichte dagegen frech die Ausnahme ihrer eigenen Obligationen von dem Haircut. Angesichts des Umstands, dass sie diese Anleihen sogar nur zu einem Teil (ungefähr 70%) ihres Nennwertes gekauft hatte, bedeutet die Tatsache, dass der griechische Fiskus heute 100% ihres Nennwertes (3,2 Mrd.) tilgt, dass die EZB bis heute Nachmittag einen Gewinn von 900 Millionen Euro von unserem insolventen Land einstreichen wird. Denken Sie darüber nach: Eine Zentralbank, die an die insolventen Banken der Eurozone Kredite mit einem Zinssatz von 0,75% vergibt, fordert einen Zinssatz von 30% aus Geschäften mit der Verschuldung des insolventen griechischen Fiskus!

Im vergangenen Mai nahm unser Fiskus wieder Geld auf (damals 4 Mrd.), um eine andere im Besitz der EZB befindliche Anleihe zu tilgen. Damals hatten wir uns das Geld von der EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) geliehen. Seitdem hat jedoch Berlin aus Gründen, die ich hier erklärte, eine Sperre der Finanzierung aus Memorandum 2 gegen Griechenland verhängt, bis „es sich an die Auflagen“ … des Memorandums 2 hält. Also hat der Fiskus zu den Memorandums-Krediten keinen Zugriff mehr (bis wir Neueres von der Troika hören, die uns ihr Orakel im September übergeben wird). Und wie wird die heute erfolgende Tilgung der 3,2 Mrd. finanziert? Die traurige Antwort lautet: mittels einer von der EZB geschaffenen klassischen Pyramide. Verfolgen Sie, wie sie funktioniert:

Im Juli gab die EZB praktisch bekannt, die griechischen Banken seien insolvent, und deswegen akzeptiere sie von diesen keine Bürgschaften, um ihnen Geld zu leihen. Hätte sie das Thema dort belassen, wäre die Geschichte zu Ende gewesen: die Banken hätten die Rollläden heruntergelassen und unser Platz im Euro wäre … Vergangenheit. Parallel wären die 3,2 Mrd., welche heute die EZB von dem griechischen Staat erhält, „immaterialisiert“ worden … . Damit nichts von diesem geschieht, zwinkerte die EZB der Griechischen Bank zu und gestattete ihr, dass jene Vermögenswerte der griechischen Banken als Sicherheiten akzeptiert, welche die EZB (von der die Griechische Bank einen organischen Teil darstellt) offiziell nicht einmal mit Handschuhen berühren würde, um sie mit von der EZB gedruckten Euros zu finanzieren.

Nachdem also dieses grüne Licht aufleuchtete, gab unsere Regierung – entschlossen wie sie ist, die Rolle des musterhaften Häftlings zu spielen – am 14. August, solange wir Sterbliche uns im Urlaub befanden, bekannt, eine Anleihe von 4 Mrd. Euro in Form der sogenannten Schatzbriefe dreimonatiger Laufzeit auflegen zu werden. Welcher Verrückte kauft solche Schuldverschreibungen? Natürlich die insolventen griechischen Banken, welche diese Schuldverschreibungen nehmen, sie der Zentralbank als Sicherheiten geben, sich von der EZB 4 Mrd. zu 0,75% leihen und parallel dem griechischen Fiskus 4% für die „Erleichterung“ in Rechnung stellen. Und was macht der insolvente griechische Fiskus mit dem Geld, das er sich mittels der insolventen griechischen Banken von der EZB geliehen hat? Natürlich zahlt er es an die … EZB!

Die EZB widmet sich folglich der Schaffung eines Pyramiden-Kredits unter Mitwirkung unseres insolventen Fiskus und der insolventen griechischen Banken. Das Einzige, was mittels dieses Verschuldungs-Recyclings erzielt wird, ist die Erhöhung der Verschuldung des griechischen Staates und der griechischen Banken bei der EZB. Und denken Sie nicht, dies beziehe sich nur auf Griechenland. Zur selben Zeit, im August, spielte sich ein exakt entsprechender Fall der Pyramiden-Finanzierung in Italien und Spanien ab, in einer Höhe von jeweils 8 Mrd. und 6 Mrd.

Warum Pyramiden-Finanzierung? Weil wie auch im Fall des Bernie Madoff diese Art des Finanzierungsschemas dazu verurteilt ist, zusammenzubrechen. Und wer wird die Last des Zusammenbruchs tragen? Im Madoff-Fall trugen sie die Investoren, die nicht geschafft hatten, rechtzeitig ihre Gelder abzuziehen. Im Fall der Eurozone werden sie die Steuerzahler tragen, des Nordens und des Südens, die aufgefordert sein werden, die unerträglichen Schulden zu bezahlen, welche die Eurozonen-Pyramide schafft, die wiederum das Rückgrat unserer „Rettungsmechanismen“ darstellt.

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  1. Yoss
    22. August 2012, 05:51 | #1

    das BIP ist von 2000-2008 jährlich um 5% gewachsen, aber nicht durch produktion, tourismus oder export, sondern durch importe und auf pump. dass wiedermal alle andern die bösen sind, macht wenig hoffnung auf ein verständnis der ursachen: korruption, steuerhinterziehung, zu geringe produktivität, zu wenig export.
    ich stimme zu, dass die internationale finanzwirtschaft gegen die interessen der bürger agiert, die beschreibung des geldkreislaufes als zockerpyramide sehe ich ebenso. diesen kräften ist jedoch weltweit jede volkswirtschaft ausgesetzt, und bei weitem nicht alle versinken so im sumpf wie griechenland. wohl auch deswegen, weil die sogenannten EU-überschussstaaten die chancen des großen europäischen marktes zu nutzen wussten, während griechenland bloß den konsum steigerte, den beamtenapparat aufblähte und die oligarchie milliarden zulasten ihrer bürger abschöpfte.

  2. So so
    22. August 2012, 07:41 | #2

    Da alles Geld aus dem Nichts geschöpft (FIAT Money) wird, ist es müßig darüber nachzudenken, wer in diesem Pyramidenspiel als Erster pleite ist und den Offenbarungseid leisten muß. Alle anderen kommen eben nur etwas später dran. Somit steht Griechendland als Beispiel, was den anderen Ländern in Kürze noch bevosteht. Man kann Griechenland bis in alle Ewigkeweit „retten“ oder den Geldhahn abdrehen. Es gibt nur auf der zeitlichen Schiene einen Unterschied von Monaten oder ein paar Jahren. Das Ergebnis bleibt immer der Staatsbankrott mit Streichung des „Scheingeldes“ der Bürger. Wer an Papiergeld als Werterhaltungsmittel glaubt, war in der Geschichte der Menschheit am Ende immer der Verlierer.

  3. Götterbote
    22. August 2012, 11:59 | #3

    @Yoss
    Also wenn mich nicht alles täuscht, werden Importe nicht eingerechnet, bzw. je nach Berechnungsart abgezogen. Insofern kann man vielleicht gelten lassen, dass ein Teil des BIP auf Pump (kommt auch wieder drauf an, welche Berechnungsmethode man wählt) entstanden ist.

    Und wenn Sie sich mit der internationalen Finanzwirtschaft auseinandergesetzt haben, dann müssten Sie auch wissen, dass es in diesem System Länder wie Griechenland geben MUSS, denn des einen Überschuss muss eines anderen Verlust sein. Und wenn es nicht Griechenland ist, ist es halt ein anderes Land. Und wer Geld in den Umlauf bringt, für das es keine Leistung gibt, der muss irgendwann damit rechnen, dass er dieses Geld nicht mehr zurück erhält.

  4. Götterbote
    22. August 2012, 12:01 | #4

    @So so
    Nö, am Ende waren doch immer die Verfechter (Banken und Konzerne) die Gewinner. Verloren haben die Lemminge, auch Volk genannt, dass zu faul und müde ist, über Alternativen nachzudenken.

  5. Stipsi Fan
    22. August 2012, 12:35 | #5

    @ so so
    Genauso sehe ich das auch. Am erschreckendsten ist dieses ständige Diskutieren von BIP’s, Sparplänen, Einhalten von Versprechungen ohne Blick auf die Menschen. Wenn wir nicht schnell kapieren, dass wir die Banken wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben zurückdrängen und uns vehemt wehren müssen, wird passieren was schon vor 40 Jahren schlaue Menschen vorausgesagt haben: absolute Diktatur des Kapitals und globale Verelendung auf Kosten einiger weniger Psychopathen. Lesenswert: politische Ponerolgie.

  6. Elgreco
    22. August 2012, 14:59 | #6

    Ich habe hier eine interessante Studie ( auf englisch / PDF ) der Zentralbank Irland. In dieser wird untersucht wieviel die betroffenen Länder in ihren Bemühungen und Einsparungen erreicht haben. Sehr interessant, und ein Gegenpol zur aktuellen diskussion in Deutschland , die Griechen hätten nichts umgesetzt/erreicht und seihen Reformunwillig. Ein wenig Ehrlichkeit tut allem gut, aber da ist man in Deutschland weit entfernt.

    Ich hoffe ich kann diesen Link hier veröffentlichen. :
    http://www.centralbank.ie/publications/Documents/Economic%20Letter%20-%20Vol%202012,%20No.%207.pdf

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