Offener Brief an Finanzminister Stournaras in Griechenland

30. Juni 2012 / Aufrufe: 2.905

In einem offenen Brief an Finanzminister Giannis Stournaras legt Gianis Varoufakis unter anderem dar, dass Griechenland mit Aufschüben und Krediten nicht geholfen ist.

In einem offenen Brief an den griechischen Finanzminister Giannis Stournaras macht Gianis Varoufakis, seines Zeichens unter anderem Professor für Wirtschaftstheorie an der Universität Athen, keinen Hehl aus seinen Sorgen um die Zukunft Griechenlands in dem Umfeld einer auf ihren Zusammenbruch zusteuernden Eurozone  und warnt vor der Aufnahme neuer Kredite, weil dies zu einem sicheren Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro führen werden.

Der nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegebene Text basiert auf der publizierten griechischen Version des offenen Briefs (siehe Quellangabe am Ende des Beitrags), die teilweise nicht mit der englischen Version identisch ist, welche der Autor auf seinem persönlichen Blog publiziert hat.

Offener Brief an einen guten Freund und Kollegen (für den es sich ergab, Griechenlands Finanzminister zu werden …)

Mein Freund Giannis,

einerseits möchte ich Dir gratulieren. Andererseits, wegen unserer aufrichtigen Freundschaft, fühle ich das Verlangen Dir zu sagen, dass Du etwas Besseres verdient hattest als das Ruder der Wirtschaft, nachdem das Schiff auf die Felsen gelaufen ist.

Ich weiß, mit Deinem angeborenen Enthusiasmus meinst Du es wirklich, wenn Du sagt, es gebe viele Möglichkeiten, damit das Land aus der Krise herauskommt. Es ist der selbe Enthusiasmus, der Dich damals, in den 90er Jahren, dazu brachte zu glauben (als sich alle über Dich lustig machten), dass Griechenland in die Eurozone kommen kann – ein Glaube, den Du fast allein (aus der Position des Vorsitzenden des Rats der Wirtschaftssachverständigen und des Hauptverhandlungsführers mit den Europäern) zur Realität machtest.

Jedoch, Giannis, diesmal sind die Dinge unterschiedlich. Damals, 1995, schuf Europa etwas Neues und Hinreißendes. Damals war die Frage, ob das kleine und morsche Griechenland in diesem neuen Gebilde, dem Eurosystem, mit einer Entschärfung und gewissermaßen kreativen Auslegung der geltenden Bedingungen akzeptiert werden kann. Heute wird Europa demontiert. Eine Entschärfung und gewissermaßen kreative Auslegung der regeln des jetzigen „Spiels“ wird nicht helfen. Und wird weder uns, Griechenland, aber auch nicht Jenen, dem „harten Kern“ Europas helfen.

Die Position des Finanzministers antretend hast Du zwei gigantische Herausforderungen angenommen. Die erste bezieht sich offensichtlich auf die Verhandlungen über Memorandum 3. Die zweite steht mit den inländischen „Reformen“ in Zusammenhang, für welche Du so aus der Position des Generaldirektors der IOBE viel gearbeitet und argumentiert hast.

Hinsichtlich des Zweiten werden alle lauern und darauf warten zu sehen, wie Du die Reformen realisieren wirst, welche Du all die Zeit vorgeschlagen hast, sowie auch, ob sie schließlich (falls sie eingeführt werden) zu dem von dem IOBE vorausgesehenen Antrieb der Wirtschaft (z. B. imposanter Anstieg des BIP) führen werden. Dir ist bekannt, dass ich jenen Prognosen von Euch nicht zustimmte. Ich befürchte jedoch sehr, nicht dass Du von den Dingen widerlegt werden wirst, sondern dass Du Deine Reformen nicht einmal einzuführen schaffen wirst, da die Entgleisung des europäischen Zug eine solche Armut und so viele Erschütterungen schaffen wird, dass unser Land sich noch für viele Jahre nach Deiner Ministeramtszeit als nicht reformierbar erweisen wird. Kurz gesagt wird Deine erste Herausforderung – sprich die europäische Verhandlung – bestimmen, ob Dir die Gelegenheit geben werden wird, der zweiten zu begegnen. Ich weiß, dass Dir dies bekannt ist, aber ich registriere es einfach, weil Du nicht aufgrund der Nichtumsetzung der Reformen – an welche Du tief glaubst – beurteilt werden darfst, wenn daran (an der Nichtumsetzung) die Zersetzung Europas schuld ist.

Kommen wir jedoch jetzt zu Deiner ersten und grundsätzlichen Herausforderung, zu dem, was Du im Westen vor Dir finden wirst. Giannis, es gibt keine Zeit für die Verlängerung des Problems. Die Memoranden 1 & 2 hatten unter dem Strich die Logik, Zeit zu gewinnen, um möglicherweise Fuß zu fassen. Du und ich, wir waren uns hinsichtlich der Weisheit dieser „Strategie“ nicht einig. Diese Meinungsverschiedenheit zwischen uns ist jedoch nunmehr „akademisch“ geworden. Und dies, weil das dritte Memorandum uns keine Zeit sicherstellen wird, da der Sand in der Sanduhr des Euro zur Neige geht. Solange er noch rieselt und Dir die Möglichkeit gegeben wird, dem Ecofin zwei oder drei Dinge, musst Du diese nutzen, nicht um einen guten „Auftritt“ für Griechenland zu erzielen, aber um die Bedingungen der Diskussion zu ändern. Mit einfacheren Worten, wenn Du von der nächsten Konferenz mit besseren Bedingungen für das Memorandum 2 zurückkehrst, wird Dir im Herbst die Geschichte die ungerechteste Abstrafung eines griechischen Ministers vorbehalten: nämlich dass der Mensch, der das meistmögliche erbracht hat, damit Griechenland im Euro ist, von dem Syntagma-Platz aus das Ausscheiden des Landes aus einem unter völligem Zusammenbruch stehenden Euro zu verfolgen.

Kannst Du den eintretenden Orkan alleine aufhalten? Ich weiß es nicht. Aber ich werde Deinen angeborenen Optimismus teilen und zusammenfassend einige Überlegungen bezüglich des Hauptanliegens unterbreiten: Du musst die Europäer zu ein, zwei Zügen verpflichten, welche sie davon abhalten werden, uns (in einigen Monaten) aus dem Euro hinauszuwerfen, und welche parallel die Tagesordnung in Europa in eine Richtung ändern werden, die das zusammenbrechende Eurosystem retten kann. Welche diese sind?

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  1. Zwingmann
    30. Juni 2012, 06:31 | #1

    Ganz vorsichtig bei diesem Offenen Brief, dahinter steckt Kalkül.
    Die Wahrheit ist: Die private griechische Notenbank, an der nach meiner Kenntnis Goldman Sachs eine wesentliche Beteiligung hält, hat es im zweiten Anlauf geschafft, einen Mann aus ihren Reihen als Finanzminister zu etablieren. Nach Goldman Monti und Italien, EZB-Goldman-Draghi soll jetzt Griechenland in den US-Bankkonzern Goldman integriert werden. Das zumindest ist ihre Strategie.
    Sie können vielen einen Gefallen tun, indem sie in ihrem Archiv die letzte öffentliche Generalversammlung der privaten griechischen Notenbank dokumentieren, da waren alle relevanten Aktionäre. Vielleicht gibt es ja in Griechenland ja auch wie in der BRD eine Art Geschäftsbericht, aus der die Hauptaktionäre der privaten griechischen Notenbank ersichtlich sind. Die LeserInnen von net-news-express, die regelmäßig über Ihre Artikel informiert werden, werden sich freuen.

  2. admin
    30. Juni 2012, 11:36 | #2

    Zwingmann :

    … aus der die Hauptaktionäre der privaten griechischen Notenbank ersichtlich sind.

    Das wollte neulich sogar auch die Regierung bzw. speziell der kommissarische Premierminister Panos Kammenos endlich einmal in Erfahrung bringen, woraufhin Chefbangster Provopoulos schließlich zusagte, dem Premier „in den nächsten Tagen“ das Aktionärsverzeichnis zuzuschicken; er legte sich jedoch nicht fest, inwelchem Jahr(hundert).


  3. Zwingmann
    30. Juni 2012, 15:54 | #3

    Danke für den Hinweis. Ich denke, dass die griechische Notenbank und ihre
    Eigentümer mit ein bißchen Engagement dokumentiert werden können, ganz anders
    als in den USA, wo seit genau 100 die skrupelloseste private Notenbank der Welt,
    die Fed, ihre Besitzverhältnisse verschleiert. Bekannt ist dort lediglich, dass die
    Mafia-Kartelle Rothschild und Rockefeller über die Mehrheit verfügen, zum Teil über
    Schachtelgesellschaften. Wenn die griechische Bevölkerung erst einmal genau weiß, wer
    sie ausnimmt wie die Weihnachtsgänse, dann gibt es dort mit Sicherheit Bambule und
    Randale. In Deutschland, dem Land der Weicheier, ist das revolutionäre Potenzial fast komplett im Bermuda-Dreieck verschwunden.
    Im übrigen möchte ich doch endlich meine Wette gewinnen: Ich habe gesagt, dass
    bei der griechischen Notenbank Goldman Sachs über eine wesentliche Mehrheit
    verfügt= ab 25% plus einer Aktie.
    Auf den Griechenland-Blog und die baldige Veröffentlichung der Besitzstrukturen der
    griechischen Notenbank.

  4. P. Zwegat
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