Taxi-Lizenz in Griechenland zum Preis einer Eigentumswohnung

28. Juli 2011 / Aktualisiert: 12. August 2017 / Aufrufe: 2.513

Die Taxi-Besitzer in Griechenland setzen ihren unbefristeten Streik aus Protest gegen die Liberalisierung des Taxi-Gewerbes fort und kündigten noch drastischere Aktionen an.

Obwohl der unbefristete Streik der Taxi-Besitzer aus Protest gegen die bereits Anfang Juli 2011 bekannt gegebene Freigabe der Taxi-Lizenzen in Griechenland katastrophale Folgen für die Wirtschaft und speziell den Tourismus hat, steht keine Schlichtung der Konfrontation in Aussicht. Von Seite der Taxibesitzer wurden noch radikalere Protestaktionen angekündigt, die unter anderem erneut auf massive Behinderungen im Tourismus abzielen könnten.

Die wahren Hintergründe der unnachgiebigen Haltung der Interessenverbände der Inhaber der bisherigen Taxi-Lizenzen reflektiert ein Artikel in der griechischen Tageszeitung Ta Nea, der bereits anlässlich des Scheiterns der ersten Verhandlungen publiziert wurde und nachstehend in (mehr oder weniger freier) deutscher Übersetzung wiedergegeben wird.

Die Taxi-Lizenz kostete so viel wie eine Zweizimmerwohnung

Er hat die Wände mit Sprüchen behängt. „Es gibt nichts umsonst zu essen“, ist auf einer Tafel zu lesen. „Der Preis einer Ware beläuft sich auf ihren Marktpreis“, steht auf einer anderen. In den letzten Wochen finden jedoch in den Ledersesseln des Büros keine Verkaufsgespräche statt. Während sich an den Taxiständen gelbe Schlangen bilden und die Fahrer sich über gesunkene Tagesverdienste beschweren, verstauben auf dem gegenüber gelegenen Bürgersteig ein Mercedes und ein Toyota. Sie warten auf einen neuen Besitzer.

Eleftherios Merkouris, Berufsfahrer und Vermittler für Taxi-Lizenzen in Athen, sucht vergeblich nach Interessenten. Er sagt, dass der Markt auf Eis liegt, bis sich die Bedingungen für die Öffnung des Berufs klären werden. Vor der beschlossenen Liberalisierung transferierte er laut seiner Aussage monatlich drei bis vier Lizenzen. „Der Preis bestimmte sich analog zu Angebot und Nachfrage.“ Er selbst hatte seine eigene Lizenz in Athen im Jahr 1985 für 3,3 Millionen Drachmen gekauft, während laut seiner Aussage zu der selben Zeit eine Lizenz in Tripolis eine Million kostete.

Bis kürzlich „kostete das Taxi so viel wie eine Zweizimmerwohnung“, heißt es auf dem Markt. Laut den Vermittlern für Lizenzen und Fahrzeuge, aber auch den Taxi-Besitzern bewegten sich die auf dem Markt geltenden Preise von 30.000 bis 200.000 Euro, ohne dass darin die Kosten des Fahrzeugs enthalten waren. Nach Einschätzung der Makler und Eigentümer wurden in Athen mit seinen 14.500 Taxis auf Jahresbasis nicht mehr als 500 Lizenzen übertragen.

Erteilung und Übertragung von Taxi-Lizenzen in Griechenland

Eine große Anzahl von Taxi-Lizenzen war während der Periode der Militärdiktatur erteilt worden, jedoch waren sie damals nicht übertragbar. Wenn der Inhaber verstarb und nicht ein Nachkomme von ihm den Beruf ausübte, musste die Lizenz an den Staat zurückgegeben werden. 1977 gestattet Konstantinos Karamanlis die Übertragung von Taxi-Lizenzen, während der Staat in den nachfolgenden Jahren neue Lizenzen an Kinderreiche, Olympiasieger oder andere Gesellschaftsgruppen erteilt.

Die Händler übernehmen außer der Rolle des Vermittlers für die Übertragung der Lizenz (Schätzungen zufolge beläuft sich ihre Provision aus den Übertragungen auf 2% – 3%) auch die Rolle des Untervermieters. „Es gab Lizenzinhaber, welche die Fahrzeuge nicht selbst fahren wollten. Sogar Geistliche hatten Lizenzen. Diese Inhaber wählten, die Lizenzen beispielsweise für 1.000 Euro an einen Händler zu vermieten. Der Händler übernahm per Vollmacht die Verwaltung des Fahrzeugs und vermietete danach das Taxi für 1.500 Euro an Fahrer weiter“, sagt Vasilis Dimitropoulos, Generalsekretär der Föderation der Transportgewerkschaften Griechenlands.

Der Markt für Taxi-Lizenzen und Fahrzeuge in Griechenland

Diese Tage sammeln sich bei den Händlern an den Straßen Lenorman und Losion Dutzende „verwaister“ Taxis an, überwiegend deutsche und japanische Modelle. Bei einigen ist an der Stelle, wo sich früher die Kennzeichen befanden, ein verstaubter Abdruck der Zulassungsnummer zurückgeblieben. Bei einem anderen Händler in Athen hatten sich vor einigen Wochen für drei Fahrzeuge Käufer gefunden. Laut dem Makler waren bereits die ersten Vereinbarungen getroffen und der jeweilige Mehrwert von den zuständigen Finanzämtern festgesetzt worden.

Eins der Fahrzeuge gehörte einem Fahrer, der in Rente geht und darauf wartet, mit dem Geld aus dem Verkauf der Lizenz und des Fahrzeugs die Aussteuer für die Hochzeit seiner Tochter zu bestreiten. Mit der Bekanntgabe der Liberalisierung des Berufs trat der potentielle Käufer zurück.

„Sollten weitere Lizenzen ausgegeben werden, werden wir alle in die Arbeitslosigkeit geführt werden. Athen hält nicht noch mehr Taxis aus“, meint ein Händler an der Lenorman-Straße und verlangt, seinen Namen nicht zu veröffentlichen. In Griechenland gibt es ungefähr 30.000 Taxis, während in Frankreich mit der sechsfachen Bevölkerung die einschlägigen Lizenzen 44.000 erreichen. Nachdem er fünf Jahre als Seemann arbeitete, wurde er für die folgenden zwölf Jahre Taxifahrer und betreibt in den letzten zwanzig Jahren im Zentrum von Athen das Geschäft für die Übertragung von Lizenzen und Taxifahrzeugen.

Griechische Taxibesitzer fürchten den Wertverlust ihrer Lizenzen

In der letzten Woche war sein Geschäft voll. Nicht mit Kunden, sondern Taxibesitzern. Rund um den Tisch sitzend und jeder mit einem Glas Tsiporo in der Hand diskutierten sie nachdenklich über ihren Berufszweig. Ab und zu riefen sie ihre Vertreter an um zu erfahren, ob sie sich mit dem Minister für Transportwesen, Infrastrukturen und Netze, Giannis Ragkousis, getroffen hatten. Je länger diese an ihren Mobiltelefonen nicht antworteten, um so mehr stieg die Beklemmung des Grüppchens. „Die meisten Taxibesitzer sind bei Banken verschuldet. Sie haben ihr Haus beliehen um die Lizenzen zu bekommen. Seit 1977, als die Übertragung freigegeben wurde, haben die meisten Lizenzen drei bis vier Mal den Besitzer gewechselt“, sagten sie. Als sie das Ergebnis der Begegnung mit dem Minister erfuhren, wich die Beklemmung der Enttäuschung.

„Leider haben wir unsere Kinder auf dem Gewissen“, meinte Jorgos Ragkousis (er steht in keinerlei Verwandtschaft zu dem Minister), seit 30 Jahren Taxibesitzer und Taxifahrer, einer der Fahrer des Grüppchens. „2003 sagte ich, dass meine Kinder Berufsfahrer werden müssen. Ich bewegte schließlich meinen Sohn zu dem Beruf, er kaufte seine eigene Lizenz, und jetzt bereue ich das. Ich arbeite mehr als 12 Stunden am Tag, 27 Tage im Monat“, fügte er an. Wenn noch mehr Taxis auf den Markt drängen, wird auch der Umsatz seines Sohnes sinken, und Jorgos Ragkousis sucht nach alternativen Lösungen. „Ich denke darüber nach, ihn ins Ausland zu schicken, zu Verwandten“.

(Quelle: Ta Nea)

Kommentare sind geschlossen