Wenn der Kater außer Haus ist …

15. Oktober 2020 / Aufrufe: 681

Die Gegner des von Trump praktizierten Isolationismus warnten, selbst ein nur teilweiser Rückzug der USA werde ein großes Machtvakuum hinterlassen.

Der Herbst 2020 ist nicht wie der Sommer 1974, als die Türkei in Zypern eindrang. Die größenwahnsinnigen Pläne Erdogans bezüglich einer Rückeroberung irgendwann einmal dem Osmanischen Reich angehörender Gebiete ändern sich jedoch nicht.

Als die USA die Rolle des Weltpolizisten spielten, gab es Viele, die sie verurteilten und mit dem klassischen „Yankees go home“ aufforderten, ihr Gebiet zu verlassen. Trumps Wahl zum Präsidenten der USA im Jahr 2016 mit dem zentralen Motto „Amerika zuerst“ sollte all dies ändern und geschah in einem gewissen Grad auch. Die Gegner des – sei es auch nur partiellen – Isolationismus warnten jedoch, ein eventueller Rückzug der USA werde ein großes „Vakuum“ hinterlassen, und beunruhigten sich, diverse Anführer lokaler Obrigkeitsstaaten werden sich in die Bresche zu springen eilen.

Krieg zwischen Griechenland und Türkei ist realistische Möglichkeit

Zwei solche Regionen waren der Mittlere Osten und das östliche Mittelmeer. Die Türkei unter Präsident Tayyip Erdogan sputete sich, das „Vakuum“ trotz der heftigen Reaktionen benachbarter Länder und des militärisch zweitmächtigen Landes der NATO – sprich Frankreich – abzudecken. Manche erachten, die maßgebliche Rolle spielte der Putsch gegen Erdogan im Jahr 2016. Andere – wie John Bolton, ehemaliger Berater des Präsidenten Trump in Themen nationaler Sicherheit – schätzen gegenüber der griechischen Zeitung „Kathimerini tis Kyriakis“ jedoch ein, der türkische Präsident habe schon vorher die selben Gedanken gehegt. Vielleicht beschleunigte der Putsch seine Züge einfach nur.

Als im Juli 2020 Erdogan beschloss, die Kathedrale Hagia Sofia von einem Museum in eine Moschee umzuwandeln, und die ersten Gebete mit dem 24 Juli – sprich dem Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags von Lausanne – zusammenfielen, entging dieser Umstand nicht der Aufmerksamkeit diverser ausländischer Analytiker. Michael Rubin vom American Enterprise Institute (AEI) schrieb bei The National Interest, es hätte keine bessere Weise gegeben, dass Erdogan symbolisch die Ablehnung der von dem Vertrag von Lausanne herbeigeführten Ordnung der Dinge zeigt.

In dem selben Artikel mit dem Titel „Der Krieg zwischen Griechenland und der Türkei ist nun eine realistische Möglichkeit“ führte Rubin an, Erdogan wie auch Putin gefalle es, „mit – die Kollisionen nicht mögenden – Diplomaten das ‚Chicken Game‘ zu spielen„. Frau Merkel und der amerikanische Sonderbeauftragte James Jeffry glaubten, den türkischen Präsidenten beruhigend die Spannungen kurzfristig reduzieren zu können. Sie begriffen jedoch damals nicht, dass der türkische Präsident tut was er tut, um einen Vorteil zu erwerben, wenn die Stunde der Verhandlungen kommt, wobei er ergänzt, dass es (laut Rubin) selten den Frieden bringt, sich dem Angreifer zu unterwerfen.

Warum die Türkei Öl ins Feuer zu gießen beschloss

Athen hat alle auf dem Tisch existierenden Optionen zusammen zu bewerten und muss vielleicht kämpfen, wenn die Türkei die Grenzen überschreitet. Die USA sollten in einem solchen Fall nicht neutral sein, sondern öffentlich und zusammen mit der EU den Angreifer verurteilen. Fast nur noch drei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen des 03 November 2020 haben die USA zwar einen Präsidenten, jedoch keine Führung.

Das Macht-Vakuum ähnelt nicht genau jenem des Sommers 1974, als Richard Nixon das Weiße Haus verließ und die Türkei in Zypern einmarschierte. Jedenfalls besteht kein Zweifel, dass Erdogan diesen Zeitraum ausnutzen wird, indem er das Forschungsschiff Oruc Reis zu Untersuchungen in ein Gebiet vor der griechischen Insel Kastelorizo schickt. Vielleicht, weil er einschätzt, die Chancen einer Wiederwahl Trumps seien drastisch gesunken und der nächste Präsident werde Joe Biden sein, der ihn öffentlich kritisiert hat. Und obwohl Trump von Erdogan verlangt hat, in dem auf die Wahlen zugehenden Zeitraum im östlichen Mittelmeer keinen Aufruhr zu verursachen, damit er nicht die griechisch-amerikanischen Stimmen in gewichtigen Staaten verliert, da die Differenz wie auch 2016 sehr klein sein kann.

Zweifellos spielten in der Entscheidung der Türken, Öl ins Feuer zu gießen, diverse Faktoren eine Rolle. Die amerikanischen Wahlen scheinen jedoch einer der überzeugendsten zu sein. Die Analytiker sind sich einig, dass, wenn es nach dem – Erdogan gegenüber feindlichen – Kongress eine Änderung auch in der Präsidentschaft gibt, die Forcierung der Sanktionen gegen die Türkei wegen der russischen Raketen S-400 und die Rolle der USA in der weitläufigeren Region leichter sein wird.

Mit seiner Wirtschaft in einer schwierigen Lage, mit der EU mit Maßnahmen drohend und mit anderen Ländern wie Saudi-Arabien zu einem formlosen Handels-Embargo schreitend ist das etwas, was Erdogan nicht wünscht. Ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung wird die Finanzierung der Innenpolitik und der nationalen Verteidigung der Türkei problematisch, während er selbst in Gefahr läuft, bei den Wahlen im Jahr 2023 nicht wieder zum Präsidenten gewählt zu werden. Das Hauptsächliche ist jedoch, dass ein eventueller Präsidentenwechsel in den USA diese vielleicht dazu bringt, eine größere Rolle im östlichen Mittelmeer zu haben und dabei gleichzeitig die entsprechende Rolle der Türkei einzuschränken.

(Quelle: euro2day.gr)

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