Was wissen Sie über Griechenland und Mazedonien?

30. Januar 2018 / Aufrufe: 1.161

Die Saga von der antiken Abstammung der slawophonen Bevölkerung Makedoniens ist ein Produkt der Propaganda Griechenlands.

Wie viel haben wir fast 30 Jahre nach der Krise des Jahrzehnts 1990 in Bezug auf das Mazedonien-Thema verstanden? Während Griechenland sich auf die „historische Wahrheit“ beruft, charakterisierte das Defizit an Information die griechische Haltung in diesem Thema von Anfang an – hauptsächlich hinsichtlich der jüngeren Epoche, der Epoche der nationalistischen Bewegungen und der politischen und kriegerischen Zusammenstöße des 20. Jahrhunderts.

Einerseits lag dieses Defizit an der Politik des Verschweigens, des „nicht existenten Themas„, die der griechische Staat in der gesamten Nachkriegsperiode befolgte. Andererseits stand es in Zusammenhang mit dem Fehlen von Kontakten zu der anderen Seite, dem Fehlen von Experten im akademischen Raum, der Unkenntnis der meisten Journalisten über das Thema, aber auch den verzerrten Eindrücken, welche die treibenden Kräften in der Mobilmachung bezüglich des „Griechentums Mazedoniens“ kultivierten. 1

„Vardaska“ und andere Adjektive

Obwohl die Literatur seitdem mit ausgezeichneten Studien angereichert worden ist, werden im öffentlichen Raum weiterhin die selben Klischees und die selben Ungenauigkeiten verbreitet, häufig ohne Erwiderung. Ich werde hier versuchen, zusammenfassend diverse problematischen Punkte zu berühren, denen in den meisten Analysen über das Mazedonien-Thema zu begegnen ist und die Vorurteile und Verstocktheit speisen.

Vor wenigen Tagen brachte der Parteiführer der „Unabhängigen Hellenen“ (ANELL) und Verteidigungsminister Panos Kammenos wieder den Vorschlag aufs Tapet, das Land (sprich die FYROM bzw. den Staat von Skopje) Vardarska zu nennen. Das Recycling dieser Idee ist aufzeigend für das in Griechenland hinsichtlich des Mazedonien-Themas herrschende Halbwissen (oder die absichtliche Fehlinformierung).

Es ist eine Tatsache, dass die Region zwischen 1929 – 1941 Vardarska Banovina (also Provinz Vardari) benannt worden war. In jener Epoche wurden als Maßnahme gegen die lokalen Nationalisten alle Provinzen des Königreichs Jugoslawiens nach ihren Flüssen benannt. Ebenfalls wird die Benennung Vardarska Macedonijia (Mazedonien des Vardari) verwendet, in Gegenüberstellung zu dem (griechischen) Mazedonien der Ägäis und dem (bulgarischen) Mazedonien von Pirin. Jedenfalls ist Vardarska eine adjektivische Definition, kein Hauptname – kann also nicht für sich allein verwendet werden.

Wenn dieses Beispiel fast graphisch ist, stehen andere verbreitete Ansichten in Zusammenhang mit unseren grundsätzlichen Stattgaben bezüglich des Problems des Namens und der Geschichte.

Eine „künstliche“ Nation, Konstrukt von Tito?

In Griechenland stellt es eine Gemeinposition dar, dass die sogenannten „Skopjaner“ eine künstliche Nation, ein Konstrukt Titos sind. Die nationale und staatliche Etablierung der (Slawo-) Mazedoniern fand tatsächlich 1944 statt. Jedoch ergab sie sich nicht aus dem Nichts.

Es ist dokumentiert, dass die Idee der antiken Abstammung der slawisch sprechenden Bevölkerung Mazedoniens gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der griechischen Propaganda vorangetrieben wurde, damit sie diese Bevölkerungsteile von der bulgarischen Bewegung wegbringt. Mazedonien als Wiege einer glorreichen antiken Kultur und Vaterland Alexander des Großen bot eine sehr attraktive „Saga“, die letztendlich von zwei kollidierenden Nationalismen adoptiert wurde.

Bereits seit Ende des 19 Jahrhunderts verwendeten Viele den Begriff Mazedonien in einem geographischen oder ethnischen Sinn. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprachen auch die griechischen Nationalisten (wie Ion Dragoumis), sich auf die slawisch sprechenden Bevölkerungsteile Mazedoniens beziehend, von Mazedoniern oder Slawo-Mazedoniern.

Nach der Schaffung der sogenannten „Inländischen Mazedonischen Widerstandsorganisation“ (EMEO) differenzierte sich die sozialistische – anarchistische von der (aus Sofia kontrollierten) rechten Fraktion und unterstützte autonomistische Tendenzen. Im weiteren Verlauf führten die Erfahrung der autoritären „Serbiierung“ in der Zeit zwischen den Kriegen und der gewaltsamen bulgarischen Besatzung 1941 – 1944 die Bevölkerung des jugoslawischen Mazedoniens zur Gestaltung einer unterscheidbaren Identität.

Das Herauskristallisieren des nationalen Bewusstseins wurde von den Institutionen der föderativen Republik unterstützt, während die Erklärung zum unabhängigen Staat im Jahr 1991 als historische Rechtfertigung erlebt wurde. Nach so vielen Generationen war die mazedonische nationale Identität sogar auch bei denen vertieft worden, deren Vorfahren sich als selbst als Bulgaren, Serben, Vlachi oder Griechen definiert haben mögen. Entgegen zu der essentiell vorherrschenden Ansicht über seit Jahrhunderten existierende Nationen entstanden alle Nationen – Staaten aus historischen Transformationen der Innovativität.

Ein oder viele Mazedonien?

Eine der Quellen von Missverständnissen zwischen den beide Ländern ist die Differenz, wie wir Mazedonien geographisch definieren. Für Griechenland bestimmt sich die Region unter Bezugnahme auf das antike Mazedonien, wobei angenommen wird, dass dieses mit dem modernen griechischen Mazedonien zusammenfällt. Auch das ist jedoch nicht exakt, weil die Grenzen der Region sich sowohl in der Antike als auch in der byzantinischen Epoche analog zu den Eroberungen nach Norden und Osten ausweiten oder schrumpfen.

Für die andere Seite – wie auch für die internationale Diplomatie – versteht sich Mazedonien, wie es 1878 bei der Berliner Konferenz als weitläufigere geographische Region definiert wurde. Auf Basis dieser Karte wurden das Territorium Hauptmazedoniens mit dem Abkommen von Bukarest 1913 zwischen Griechenland (51%), Serbien (39%), Bulgarien (9%) und Albanien (1%) aufgeteilt. Diese Auseinandersetzung akzeptierte auch die griechische Diplomatie, daher bezog sich auch das griechische Außenministerium bis 1991 auf ein „serbisches / jugoslawisches Mazedonien“ und ein „bulgarisches Mazedonien“. Die Parole aus dem Jahr 1992, „Mazedonien ist eins und griechisch„, widersprach der selbigen Konvention, mit der das südliche Mazedonien griechisch geworden war.

Aus den vorstehenden Gründen stellte bis Anfang des Jahrzehnts 1990 der Name auf keinen Fall ein strittiges Thema dar. Nach dem Bruch zwischen Tito – Stalin im Jahr 1948 und während der gesamten Dauer des „Kalten Krieges“ waren die Beziehungen Griechenlands zu Jugoslawien gut bis ausgezeichnet. Der einzige Dorn waren die Forderungen seitens der Sozialistischen Republik Mazedoniens auf Anerkennung einer Minderheit in Nordgriechenland. 2

Minderheit und „Altruismen“

Heute stellen die minderheitlichen Forderungen die Basis für das dar, was von Griechenland unbestimmt als „Altruismus“ moniert wird. Dabei handelt es sich jedoch um eine Verwechslung von Begriffen: die Regierungen des Nachbarlands bringen keine territorialen Ansprüche unter dem Vorwand slawisch sprechender Bevölkerungsanteile in Griechenland zum Ausdruck. Natürlich kursieren Karten des „historischen“ oder „national geprägten“ Mazedoniens, wie sie charakterisiert werden.

Die Darstellung „Großmazedoniens“ verweist auf den Mythos der Gründung des mazedonischen Nationalismus, gemäß dem Mazedonien und das mazedonische Volk (das als einheitliche und bereits gestaltete Nation wahrgenommen wird) nach den Balkan-Kriegen aufgeteilt wurde. Diese Ansicht speist ein Gefühl „verlorener Heimaten“ und eines historischen Unrechts, äußert sich jedoch nicht in einer Expansionspolitik – wobei diese Differenzierung uns hier in Griechenland bekannt ist.

Im übrigen haben die minderheitlichen Forderungen (gleich ob sie akzeptiert werden oder nicht) nichts mit dem Namen zu tun und stellen keine Bedrohung für einen modernen demokratischen Staat dar.

Nationalismus und politische Kollision

In den vorherigen zehn Jahren setzte die damalige Regierung der rechten VMRO-DPMNE des Nikola Gruevski ihre Hegemonie mit dem „Fahrzeug“ der „Archaisierung“ durch, womit angestrebt wurde, die griechischen Argumente bezüglich der Antike aufzuwiegen. Das zweite Bukarest (im Jahr 2008) war mit dem „Veto“ Griechenlands bezüglich der Aufnahme des Landes in die NATO ein nationales Trauma.

Die heutige SDSM-Regierung unter Zoran Zaev ist – wie hier gesagt – nicht nur opportunistisch gemäßigt. Sie behauptete sich aus der Kollision mit den antidemokratischen Praktiken, dem Nationalismus und der die Antike verherrlichenden Rhetorik der vorherigen Regierung. Sie kann und will die Differenz mit Griechenland lösen. Hauptsache ist, dass die beiderseitig Unnachgiebigen die wie immer geartete Lösung nicht wieder torpedieren werden.

Autorin: Athina Skoulariki, Lektorin der Fakultät für Soziologie an der Universität Kreta

1 S. A. Skoulariki, „Die öffentliche Rede bezüglich der Nation anlässlich des mazedonischen Themas (1991 – 1995): Rahmen, Darlegungen und Massenmedien„, bei M. Kontochristou (Lektorat), Identität und Massenmedien im modernen Griechenland, Athen, Papazisis, 2007, S. 61 – 103.

2 Die griechische Seite wies jede Diskussion zurück und vertrat, das „fremde Element“ (die sich politisch „nicht zum Hellenismus bekennende“ slawisch sprechende Bevölkerung) habe das Land nach dem Bürgerkrieg verlassen und das Thema habe sich erledigt, Inoffiziell beobachteten die Sicherheitsbehörden jedoch eng jede Bewegung und jedes Wort der tausende slawophonen Mazedonier Griechenlands. S. L. Empririkos, A. Skoulariki, „Die ‚Theorie der Befreiung von Skopje‘ bzw. die verschwiegene Dimension des Mazedonischen Themas„, Avgi, Enthemata, 20 April 2008.

(Quelle: avgi.gr)

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