Griechenlands Deindustrialisierung geht weiter

1. August 2017 / Aufrufe: 1.181

In den Jahren der Krise kam es in Griechenlands Industrie zu gravierenden Schließungen.

Der Schlag für die griechische Industrie sowohl wegen der Zwangsversteigerung der historischen Fabrik der „A. G. Petzetakis“ als auch der fruchtlos verlaufenen Versteigerung des italienischen Stahlwerks Hellenic Steel in Thessaloniki ist groß.

Wie die griechische Zeitung „Kathimerini“ in einem Artikel anmerkte, sollte auf Betreiben der Nationalbank beim Amtsgerichts Theben am 19 Juli 2017 die zentrale Fabrikanlage der „A. G. Petzetakis“ in Theben zu einem Mindestgebot von 15 Mio. Euro zur Zwangsversteigerung gebracht werden.

Endgültiges Aus für einen der wenigen griechischen „Multis“

Die Pfändung der historischen Produktionsanlage wurde gegen eine Schuld von 1 Mio. Euro verhängt, wobei 14 Voreinträge – Hypotheken auf der Immobilie liegen. Der Anfang des Endes für die „Petzetakis“ begann allerdings schon gegen Ende 2010, als ihre wirtschaftlichen Probleme immer größer zu werden begannen.

Und all dies bei einem Konzern, in dem vor Jahren einer der sehr wenigen griechischen multinationalen Industriebetriebe war. Zu Beginn des Jahrzehnts 1960 (Gründungsjahr des Konzerns) hatten die Financial Times seinen Gründer Aristovoulos Petzetakis sogar als einen „erstklassigen Erfinder“ charakterisiert. Und nicht zu Unrecht, da er es war, der internationale Patente zu registrieren begann, die später an Kolosse wie Goodyear, Pirelli und Dunlop abgetreten wurden.

Der Fall der Hellenic Steel

Bei der unfruchtbar verlaufenen Ausschreibung der „Helenic Steel“ gab es keinen positiven Ausgang, weil der (Kauf-) Interessent nicht die Bedingung zur Ausführung umweltbezogener Arbeiten akzeptierte, die von dem Umweltministerium genehmigt worden waren und den Käufer mit Kosten in Höhe von ungefähr 5 Mio. Euro belastet hätten.

Nun sind die Spielräume für eine Rettung und Wiederinbetriebnahme der Hellenic Steel praktisch bei Null, da die italienische ILVA vor Gericht gezogen war und seit Dezember 2016 einen Konkursantrag gestellt hatte. Der Antrag wurde im Mai 2017 verhandelt, und wenn ihm mit der Urteilsverkündung stattgegeben wird, bedeutet dies auch offiziell das Ende des vieljährigen Kurses der Hellenic Steel – eines Industriebetriebs, der ausschließlich wegen der Probleme der Muttergesellschaft und der von dem italienischen Staat in Zusammenhang mit dem ILVA-Konzern getroffenen Entscheidungen in eine Sackgasse geführt wurde.

Es sei angemerkt, dass bei der Hellenic Steel vor der Einstellung ihres Betriebs um 280 – 300 Personen beschäftigt waren. Die heftige Deindustrialisierung des Landes hat in den letzten sechs Jahren 2012 – 2017 zur Schließung von mehr als 20 Produktionsanlagen geführt.

Bestellungen an griechische Industriebetriebe, die in deren Fabriken im Ausland ausgeführt werden

Charakteristisch ist, dass etliche griechische Industriebetriebe wählen, die von ausländischen Firmen erhaltenen Aufträge in ihren Fabriken im Ausland und speziell in Ländern mit niedrigen Energiekosten auszuführen. Es fehlen ebenfalls nicht die Fälle, in denen sie gezwungen sind, Bestellungen abzulehnen, da sie den hohen Energiekosten und den teuren Rohstoffen nicht zu entsprechen vermögen.

Unter den historischen Industriebetrieben, die in den Jahren der Rezession geschlossen haben, waren die „Zementwerke Chalkidas“, die Anfang 2013 die Rollläden herunterließen. Die Firmenleitung der „AGET Iraklis“, der die Fabrik gehört, war gezwungen, deren Betrieb nach 87 Jahren wegen des steilen Einbruchs der Bauaktivität im Großraum Attika um 80% einzustellen.

Die „Klappe“ fiel auch für die „Georgiadis“, einen der angesehensten Betriebe der Tabakindustrie, da sie ihren wirtschaftlichen Problemen und der harten Konkurrenz der Multis nicht zu entsprechen vermochte. Das Markenzeichen der Firma war die berühmte Produktreihe „22“, die treue Liebhaber hatte, während sie auch etliche Brands der Palette der Rothmans in von der englischen Rothmans of Pall Mall erteilter Lizenz produzierte.

In die Geschichte ging ebenfalls die international präsente und bekannte „Philkeram Johnson“ ein. Der Industriebetrieb für Baumaterialien, der Giorgos Philippou und der britischen Nocros gehörte, wurde nach einem halben Jahrhundert seines Bestehens Ende 2011 per Gerichtsbeschluss in die Schließung geführt.

Multis „fliehen“ nicht erst seit der Krise aus Griechenland

Aufsehen erregte auch die Schließung der „Papierfabrik Thrakiens“ (Diana), die nach 32 Jahren ununterbrochenen Betriebs in den Konkurs geführt wurde. Das Unternehmen des Unternehmers P. Zeritis ging unter der Last seiner Verbindlichkeiten und des Unvermögens in die Knie, Kapital für die Weiterführung seines Betriebs zu finden. Die „Papierfabrik Thrakiens“ wurde 1980 gegründet, und außer der Fabrik in Xanthi hatte sie auch Anlagen und Immobilien in Athen, Thessaloniki, Ioannina, Kozani, Patras und Iraklio (Kreta).

Dem Orkan der Rezession entgingen ebenfalls weder der Brotindustriebetrieb „Nutriart“ (vormals Katselis) noch die Fabrik der „Pepsico IVI“ in Loutrakis, aber auch nicht die AGNO, die immer noch auf einen strategischen Investor wartet. Ernsthaften Problemen begegneten die „Neoset“, aber auch die Holzfabrik „SHELMAN“.

Zur selben Stunde beschlossen große Multis, ihre Aktivitäten einzustellen und sich aus Griechenland zurückzuziehen. Die größte Welle äußerte sich im Jahr 2012, als die Rezession das BIP „platt“ machte und die Prognosen bezüglich des Verlaufs des Konsums außerordentlich unheilverkündend waren. Zu den Fällen, die besonders hervorstachen, zählten der Rückzug der französischen Carrefour und der deutschen Elektronik- und Elektrokette Saturn. Jedenfalls ist die „Flucht“ mächtiger multinationaler Konzerne aus dem griechischen Raum kein ausschließliches Phänomen der heutigen Krise.

(Quelle: news.gr)

  1. Kleoni
    1. August 2017, 10:16 | #1

    Die meisten Schliessungen / Konkurse und Rückzug der Multis aus Griechenland zwischen 2010 und 2012 und weiter auch bis 2015 geschahen zu einer Zeit, da PASOK und ND oder beide zusammen Griechenland regierten. Und die damals angeforderten Reformen kaum in Angriff oder gar realisiert hatten. Trotzdem wurden sie von der damaligen Troika mit grösstem Wohlwollen behandelt. Als dann eine „linke“ Regierung mit fast lauter regierungsunerfahrenen Abgeordneten gewählt wurde, so wurde vom ersten Tag an auf diese eigeprügelt und die Neoliberalen in ganz Europa, setzten alle ihr zustehenden Mittel ein, diese Regierung zu diskreditieren und sie möglichst schon im ersten Jahr in „die Wüste“ zu schicken, damit die alte Klientelwirtschaft wieder weitermachen konnte wo sie aufgehört hat. Das Üble für die Griechen ist, gerade diese Regierung wurde von den Geldgebern gezwungen in bis jetzt 2 Jahren die Vorgaben / Reformen, die seit 50 Jahren hätten ausgeführt werden sollen, durchzupeitschen und ihre Wähler und damit mindestens 80% der Griechen in den wirtschaftlichen Ruin und in die Armut zu treiben. Traurige Tatsache!

  2. Ronald
    1. August 2017, 20:08 | #2

    Ich habe für unsere Firma immer Schläuche bei Petzetakis gekauft. Sie waren von einer tollen Qualität und wegen ihrer kälteelastischen Eigenschaften für uns wie gemacht. Ich habe mich immer gefreut da zu bestellen, weil ich mich freute, dass es ein Produkt überragender Qualität aus Griechenland gab. Ich kaufe die Schläuche heute immer noch, aber ich freue mich nicht mehr. Ich frage mich, was mit der Firma passiert ist?

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