Obamas Besuch und kommunikativer Provinzialismus in Griechenland

17. November 2016 / Aufrufe: 1.469

Anlässlich Obamas Staatsbesuch in Athen demonstrierten die Medien in Griechenland wieder einmal den bekannten kommunikativen Provinzialismus.

Der Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama in Athen wird von den griechischen Informationsmedien und spezieller von dem öffentlichen Fernsehen mit der üblichen Übertreibung gedeckt, wenn es eine Nachricht dieser Art vor sich hat …

Die Griechische Öffentliche Rundfunk- und Fernsehanstalt (ERT) richtete zur journalistischen Deckung des Besuchs Obamas eine Supershow aus. Das ist in Ordnung, sie versorgt auch die übrigen Netze mit Bildern und kostenlosem Programm. Aber, sorry Leute, der Unsinn, der den ganzen Tag lang von allen Medien gesendet wird, reicht für eine gesonderte Reportage, um nicht zu sagen einen ganzen Dokumentarfilm.

Entgegen den Medien lag Athen nicht im Zentrum des Weltinteresses

Wir haben unglaublichen Blödsinn und Lügenmärchen zu hören bekommen. Ich spreche nicht von der Beschreibung der Delegation, des Fahrzeugs und des Flugzeugs. Sei es drum, all das ist nützlich um Minuten zu füllen und die Momente der Verlegenheit zu überspielen. Sogar auch die Journalisten, die alles Bekannte über die Erwartungen der Regierung und den beim Staatsbankett servierten Wels wiederkäuen, versuchen, die Worte umzuformulieren und wiederholen seit Tagen die selbe Reportage. All dies ist verständlich. Wozu sind jedoch Hinweise wie die nachstehenden nötig?

Präsident Obama wird hier seine letzten Erklärungen im Ausland abgeben“ (ERT). Er wird sich also nach Deutschland begeben und mit Blicken verständigen. Er wird nach Peru reisen und Erklärungen in der Zeichensprache abgeben. Das ist Quatsch, der gesagt wird um Eindruck zu schinden. Als ob sie eine Militärparade beschreiben und den Heroismus der Griechen hervorheben wollen. „Athen befindet sich im Zentrum des weltweiten Interesses“ (ERT). Ruhig, Leute. Zur Stunde, als die Begegnung im Megaro Maximou (Regierungspalast) im Gang war, existierte die einschlägige Nachricht weder auf den zentralen Webseiten von CNN, CNBC, BBC noch auf anderen Portalen. Entsprechend wurde auch bei dem ausführlich berichtenden Sender SKAI niedliches Geschwätz über die Bewegungen Obamas bis hin zu der Ausrüstung geäußert, die er mit sich führt.

In diesen Fällen geht immer das Maß verloren, ein Muster unseres kommunikativen Provinzialismus. Auf der einen Seite das öffentliche Fernsehen, das dem Ereignis größere Dimensionen als jene zu verleihen versucht, die ihm entsprechen. Und auf der anderen Seite die privaten Netze, die versuchen, die Lücken zu stopfen, indem sie sich häufig zu Berichten flüchten, welche die Unkenntnis oder das Halbwissen des Redakteurs bezeugen.

Macht Euch locker. Nicht so hastig. Wir haben Zeit. Trump wird sein Amt angetreten haben, und in Griechenland werden wir uns immer noch die Aufnahmen mit Barack Obama im Megaro Maximou anschauen.

(Quelle: protagon.gr, Autor: Kostas Giannakidis)

  1. V 99%
    17. November 2016, 13:51 | #1

    Glueckwunsch an Protagon. Bei der Bilderflut wird sogar „BILD“ neidisch … nur hat BILD die bessere Ueberschrift: Was von seinen grossen Worten uebrig blieb! Zum Trost durfte Obama, am Abend im Adlon, eine Currywurst mit Angie essen. Mahlzeit! „Wir haben unglaublichen Blödsinn und Lügenmärchen zu hören bekommen.“ Von BILD? Nein, aus GR. Wie konnte das nur passieren??

  2. GR-Block
    17. November 2016, 18:11 | #2

    Da trifft der Journalist seine Kollegen auf den Kopf. Der Provinzialismus in den griechischen Medien ist sprichwörtlich. Regelmäßig darf man bewundern, dass zu einem belanglosen Detail eines selbst wichtigen Staatsaktes ein Journalist nach dem anderen einen Kommentar zu ein und den selben Bildern abgibt. Als wenn sich Schüler in der Klasse Finger schnippend „ich auch, ich auch …“ rufen, damit sie ihren Aufsatz zum selben Thema vorlesen dürfen. Das ist so ähnlich, wie wenn in D jeder Journalist in seinem Kommentar nebenbei erwähnen muss, dass Obama im „ADLON“ (:o) abgestiegen sei und darüber spekuliert wird, wie (und mit wem) er wohl geschlafen hat. Oder noch wichtiger: Obama und Angie bei Candlelight und Currywurst … aaah, welche Vertrautheit zwischen den beiden Mächtigen.

    Tatsächlich ist es eine wunderbare Geste des ersten schwarzen Präsidenten der USA, seine letzte Rundreise gerade in Hellas zu beginnen und in Athen sein Loblied auf die Demokratie zu singen, gegen Rassismus und gegen einen ausartenden Kapitalismus. Klar, seine Berater hätten ihm nicht nur Sokrates, Aristoteles und Filotimo, Filoxenia oder Ouzo in den Mund legen sollen. Hellas ist nicht der Abklang einer kultivierten Gesellschaft, die vor 2.000 Jahren abgetreten war und heute rustikal vor sich hin lebt. Das hatten sich nur Westeuropäer der Neuzeit so gewünscht. Mit Antike und Provinzialität hat Obama wohl kaum die griechischen Eliten ansprechen oder gar mitreißen wollen. Nein, mit seiner in Teilen populistischen Rede hat er eher westeuropäische Eliten und die griechische Unterschicht angesprochen. Denn nur die sollen ja zusammenkommen. Das EUSA-Wirtschaftssytem kann keine Konkurrenz durch lokale Eliten in seinen Hinterhöfen gebrauchen. Deshalb stellt man sie als weitgehend unbedeutend dar.
    Dabei hat der immense Einfluss des Hellenismus auf die westeuropäischen Kulturen (und zu denen zähle ich auch die USA) nichts mit Sokrates zu tun. Er begründet sich aus der starken Präsenz griechischer Eliten das ganze Mittelalter hindurch, bis ins 16./17. Jahrhundert, als sie sich über weite Teile Europas verteilten um sich im 19. Jahrhundert zur Griechischen Revolution wieder zu vereinen – übrigens maßgeblich motiviert durch die Amerikanische Revolution (40 Jahre vorher). So führte die Idee der Boston Tea Party (1773), eine Demokratie ohne König zu etablieren, in GR 1822 zur Gründung der ersten neuzeitlichen Griechischen Demokratie. Bis diese 1833 durch den Deutschen Absolutismus platt gemacht wurde (s. Wiki: „Griechenfeindlichkeit“). DAS hätte Obama bei seiner Rede in Athen sagen sollen, bevor er nach Berlin abreiste. Aber nationale Unabhängigkeit ist nunmal nicht das, was das EUSA-Establishment will. Und jetzt kommt auch noch ein pfälzischer Trampel wie Trump.

    Der Antagonismus zwischen (politischem) Anthellenismus und (kulturellem) Philhellenismus hatte nicht nur die Deutschen über die Jahrhunderte tief geprägt. Als der Konkurrent im Südosten Europas schließlich am Boden lag, brach sich nach 1453 der Philhellenismus (zunächst bei den Kulturschaffenden) seine Bahn. Die neuzeitliche Reduzierung des Hellenismus jedoch auf seine fernste Historie sollte den (Leit-) Kulturkonkurrenten klein und von seinen noch vorhandenen Eliten fern halten. Ganz offen hoffte man von den Griechen sogar „… dass ein so tief gesunkenes und entartetes Geschlecht nicht mehr emporzuheben sei und Gott die germanischen Völker als Vollstrecker seiner Strafgerichte berufen hätte“ (Ignaz von Döllinger, 1799-1890, s. Wiki: „Griechenfeindlichkeit“). Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die EU dieses erreicht.

    Na, ist das eine Story für die Medien.

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