Wie viel der Staat in Griechenland von den Löhnen „klaut“

16. November 2015 / Aktualisiert: 07. Oktober 2017 / Aufrufe: 3.034

Lohnnebenkosten, Energiepreise und ungünstige Finanzierungsbedingungen sind laut dem SEB die drei grundlegenden Wettbewerbsnachteile der Unternehmen in Griechenland.

Die in dem Wochenbericht des griechischen Unternehmens- und Industrieverbands (SEB) über die wirtschaftlichen Entwicklungen umfassten Angaben dokumentieren eine Überbesteuerung des Arbeitsmarkts in Griechenland.

Wenn beispielsweise gemäß den von dem Verband angeführten Angaben ein Lohnempfänger etwas besser als mit 1.000 Euro im Monat entlohnt wird, gelangt der Staat sehr bald an dem Punkt an, sich knapp die Hälfte der Gesamtaufwendungen des Arbeitgebers einzustreichen. Für einen hochdotierten Firmenfunktionär sackt der Staat sich entsprechend bis zu über 55% der von dem Unternehmen entrichteten Gesamtkosten ein.

Leistung „lohnt“ sich nicht …

Detailliert zeigen die von der Buchhaltungsabteilung eines Mitglied-Unternehmens des SEB stammenden Angaben:

  • Ein Arbeitnehmer mit monatlichen Brutto-Bezügen von 1.100 Euro erhält netto 869 Euro, während er das Unternehmen 1.370 Euro kostet (als Brutto-Bezüge sind der Lohn nebst den Sozialversicherungsbeiträgen des Arbeitnehmers, jedoch nicht des Arbeitgebers definiert). Der Staat streicht sich (Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil für IKA, Lohnsteuer und Sonderabgabe) 501 Euro, also 36,6% der Gesamtkosten ein.
  • Entsprechend belaufen sich für einen Arbeitnehmer mit Brutto-Bezügen in Höhe von von 2.500 Euro die Kosten für den Arbeitgeber auf 3.114 Euro, dem Arbeitnehmer bleiben 1.680 Euro netto und der Staat streicht sich 1.434 Euro bzw. 46% ein.
  • Für monatliche Brutto-Bezüge in Höhe von 3.500 Euro steigt der Anteil des Fiskus auf 50,8% und für Bezüge in Höhe von 5.000 Euro sogar auf 55,4%.

Der SEB führt ebenfalls das Beispiel eines – bei der TSMEDE pflichtversicherten – Ingenieurs mit einem Brutto-Gehalt von 2.500 Euro an, dem sein Arbeitgeber eine Gehaltserhöhung von 1.000 zu gewähren beschloss. Diese Erhöhung kostet den Arbeitgeber 1.246 Euro, wovon der Arbeitnehmer netto 396 Euro bekommt, während der Staat eine zusätzliche Einnahme von 850 Euro für sich sicherstellt. 68,2% der Gehaltserhöhung fließen also an den Staat. „Die Honorierung der besonderen Leistung des Arbeitnehmers belohnt den Staat und dem Arbeitnehmer bleibt die … moralische Befriedigung, mit seiner intensiven Arbeit zur Verbesserung der öffentlichen Einnahmen beizutragen„, kommentiert der Verband.

Überbesteuerung schädigt Wirtschaft, Gesellschaft und Staat

Der SEB betont weiter, die äußerst hohen Versicherungsbeiträge (sprich Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Sozialversicherung) zusammen mit der über-progressiven Besteuerung entmutigen die Anhebung der Bezüge eines Arbeitnehmer, und fügt an:

Die jüngste Diskussion über eine weitere Erhöhung der Versicherungsbeiträge ignoriert die Erfahrung der letzten 6 Jahre, während deren Dauer die Überbesteuerung systematisch zur Vernichtung von Arbeitsplätzen, Arbeitslosigkeit und sozialen Verelendung führte, ohne es zu schaffen, die überoptimistischen Ziele steuerlicher Einnahmen sicherzustellen. Der Arbeitsmarkt ist wegen der extrem hohen Versicherungsbeiträge und Steuern nicht imstande, all jene zu honorieren, die produzieren – was die Schrumpfung der Lohnarbeit zum Ergebnis hat. Durch diesen Zustand werden die Wirtschaft, die Gesellschaft, aber auch der Staat geschädigt – da er zum Schluss weniger Geld einnimmt.

Laut dem Verband sind die hohen Lohnnebenkosten, die Energiekosten und die ungünstigen Finanzierungsbedingungen (wegen des Landes-Risikos) die drei grundlegenden Wettbewerbsnachteile, denen die griechischen Unternehmen begegnen.

(Quelle: Imerisia)

  1. rote_pille
    16. November 2015, 09:54 | #1

    Der Kollaps dieses Parasitentums namens Staat wird eine Erlösung für die Griechen. Wenn die Blutsauger endlich weg sind wird die Erholung ziemlich schnell vorankommen.

  2. Anton
    16. November 2015, 15:03 | #2

    So logisch die Darstellung auch ist, klammert sie den entscheidenen Punkt aus: Der besteht darin, dass ein hochverschuldeter Staat logischerweise irgendwie sein Geld zusammen bekommen muss, bestehen die Gläubiger auf Rückzahlung. Wird außerdem kein notwendiger Kredit gewährt, um wenigstens einen gewissen Spielraum für eine staatliche Wirtschaftspolitik zu haben (eine frühere Forderung von Varoufakis übrigens), wird zwangsläufig die Steuerlast steigen, obwohl damit – wegen den wirtschaftlich negativen Folgen – trotzdem die Schuldenquote steigen wird. Es ist also keinesfalls neu, dass die Unerbittlichkeit der Gläubiger-Vertreter letztlich auch die Schulden nach oben treiben wird. Die Tsipras-Regierung jongliert hier zwischen der Frage, wer nun wie stark steuerlich belastet werden muss, was ausschließt, dass nur die Arbeitnehmer, Rentner usw. einseitig belastet werden sollen. Klar, beeinträchtig die Tsipras-Regierung auch die Wettbewerbsfähigkeit. Aber für mich sitzt der eigentliche „Buhmann“ nicht Athen, sondern in Brüssel und beim IWF. Dort wird zwar behauptet, dass man den Wettbewerb fördern möchte, aber das ist reine Ideologie, die nur Hungerlöhne und Sozialabbau (neben Privatisierung) damit meint. Das Hauptproblem Schulden wird ungelöst gelassen (mit Ausnahme des IWF vielleicht). Und auch der Beitrag macht es sich hier zu einfach.

  3. Anna
    17. November 2015, 11:57 | #3

    Genau das haben wir doch hier auch schon zum Teil. Immer mehr Firmen gehen ins Ausland. Manche Familien bekommen mehr durch Hartz4, als durch Arbeit Z.B. ein Alleinverdiener, der kleine Kinder hat und Miete zahlen muß. Die Lohnnebenkosten sind doch viel zu hoch. Dumpinglöhne, Leiharbeit, Altersarmut usw. sind die Folge. Die Zahl der Bedürftigen wächst bei uns auch auch immer mehr.

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