Wie Griechenland seine Banken verlor

25. November 2015 / Aufrufe: 4.553

Die Verantwortungen der Bankleitungen

Die Leitungen der Banken verstanden auf jeden Fall, was lief. Informierten sie die Regierung, die keinen Grund hat, die technischen Einzelheiten zu kennen? Arbeiteten sie für das Interesse ihres Hauptaktionärs, also des griechischen Fiskus? Verflüssigten sie Vermögen, um die Kapitalbedürfnisse zu reduzieren?

Nehmen wir den Fall der Alpha Bank. Es war nicht erforderlich, dass sie eine Kapitalerhöhung von 2,5 Mrd. Euro vornimmt. Die Kapitalerhöhung hätte viel geringer sein und das restliche Kapital die Finanzstabilitätsfazilität (FSF) beisteuern können. Innerhalb des engen Rahmens, den die europäischen Mechanismen bestimmt hatten, gab es also auch andere Wege, damit die Kapitalerhöhung erfolgt, und zwar mit einem höchstwahrscheinlich günstigeren Resultat für den Wert der alten Aktien, die der griechische Fiskus inne hatte. Diese Wege erforderten natürlich einen höheren Beitrag von Seite des griechischen Fiskus zur Kapitalerhöhung. Und vielleicht war es der griechische Fiskus, der ein alternatives Verfahren ablehnte. Das vermag ich nicht zu wissen. Erfolgte jedoch eine solche Diskussion zwischen den Leitungen der Banken und dem Hauptaktionär?

Sehen wir uns auch den Fall der Griechischen Nationalbank an, er ähnelt einer Anekdote. Die Nationalbank hat ein sehr bemerkenswertes Asset, nämlich die Finansbank. Sie hat diese tief im Orient und ist stolz darauf. Die Bank geht pleite, die Aktionäre werden „immaterialisiert“ und die Leitungen der Nationalbank zeigen sich ostentativ gleichgültig. Der Kommentar bezieht sich nicht nur auf die jetzige Leitung, sondern auch auf die vorherige, sowie auch auf die Kapitalerhöhung des Jahres 2013.

Die Haltung der Nationalbank bezüglich der Finansbank in den Jahren der Krise ähnelt folgender Geschichte: ein Bauunternehmer zog ein luxuriöses Mehrparteienhaus hoch, hat jedoch Schulden bei der Bank, die ihm droht, das Gebäude zu pfänden, weil er seine Schulden nicht bedient. Der Bauherr hat kein Kapital, es gibt jedoch einen Käufer für die Dachterrassenwohnung, die er jetzt zum Kauf anbietet um seinen Kredit zu tilgen. Er bereut es jedoch, sie ist sein Diamant, wenn er abwartet, wird sie einen besseren Preis erzielen … . Und es kommt der Tag, an dem das gesamte Gebäude zur Zwangsversteigerung gebracht wird und ein Hedgefond es für das sprichwörtliche Linsengericht erwirbt. Natürlich zusammen mit der Dachterrassenwohnung. Setzen Sie an Stelle des Gebäudes die Nationalbank, der Dachterrassenwohnung die Finansbank und des Bauherren den griechischen Fiskus, also den Aktionär. Nur, dass die Entscheidung, die Finasbank nicht zu verkaufen, das Management der Nationalbank traf. Wie meinen Sie? Die Leitung der Nationalbank gab vor zwei Wochen bekannt, sie WERDE das Filetstück verkaufen? Too little, too late!

Warum Wandelanleihen (CoCo-Bonds)

Der griechische Fiskus steckte bzw. wird 6 Mrd. Euro in die Rekapitalisierung der Banken stecken. Aktien erhält er jedoch nur für 1,3 Mrd. Euro. Der Rest ist ein Finanz-Tool, das „Wandelanleihe“ genannt wird (auf gut Englisch „Contingent Convertible Bonds“ oder kurz Coco bzw. CoCo-Bonds).

Ich will Sie nicht mit Details zuquatschen, die Essenz ist folgende: der griechische Fiskus unterstützt auf diese Weise die Banken mit Kapital, geht das Risiko ein, sein Geld zu verlieren, falls die Dinge schief gehen, erhält jedoch nicht den eventuellen Wertzuwachs, wenn die Dinge gut laufen. So wie ich es beschreibe, ist es kein so vorteilhafter Deal, jedoch hat dieses Werkzeug einen Existenzgrund. Unter geeigneten Umständen ist es sogar die richtige Wahl, weil es dem privaten Aktionär der Bank hilft, in einem schwierigen Moment auf den Füßen zu bleiben, und der Staat sowohl ein Interesse als auch eine Verpflichtung hat, es zu tun.

Mit Coco-Bonds stützte auch der portugiesische Fiskus die dortigen Banken. In Griechenland ist jedoch nun der Hauptaktionär der Banken kein Privatinvestor, es ist der Fiskus. Was geschah, ist als ob der Staat für den Kredit an ein Unternehmen als Bürge auftrat und das Unternehmen mit diesem Kredit für einen „Appel und ein Ei“ eine zur Zwangsversteigerung gebrachte Immobilie des Fiskus kauft.

Schön, wir haben gesagt, das Unternehmertum, den privaten Charakter des Banksystems usw. zu stützen. Etwas Logik schadet jedoch nicht. Wenn ich all das überdenke, was geschehen ist, begreife ich mit Schmerz und Bitterkeit, was „Ausverkauf des öffentlichen Vermögens“ bedeutet.

Wen kümmert es

Europa scheint seine eigene Agenda gehabt zu haben. Unsere Regierung scheint keine Ahnung zu haben und gefährlich zu sein. Die Leitungen der Banken scheinen mit einem ärmlichen Management und vielleicht auch jene mit ihrer eigenen Agenda zu marschieren. Kurz gesagt, „ein Unglück kommt niemals allein“ …

Anmerkung – Epilog

Meine Kritik und meine Ansichten beruhen auf der Annahme, dass das Land auf die Füße kommen wird und im weiteren Sinn die Banken sich aufrappeln werden und ihr Wert steigen wird. Auf dieser Hypothese gestützt schätze ich ein, dass Griechenland unter diesen Umständen 9 Mrd. € anstatt 6 Mrd. € hätte beisteuern müssen und damit seine Beteiligung an den Banken beizubehalten.

Wenn die Regierung glaubt, dass wir es schaffen werden, also eine Beteiligung an zukünftigen Gewinnen und nicht Verlusten anstreben, hätte es Sinn gehabt und wäre von Vorteil gewesen, dass der griechische Fiskus seine Mehrheitsposition bei den Banken nicht verliert. Wenn sie jedoch glaubt, dass wir es nicht schaffen werden, dass der Bankrott eine Fortsetzung hat und es deswegen vorteilhaft wäre, sich aus dem Risiko der Banken zurückzuziehen und sie den Hedgefonds zu „schenken“, dann soll sie das wenige in ihren Kassen existierende Geld zu deutschen Staatsanleihen machen um es zu retten. Dann wird sie auch besser zu dem Titel der Aufführung passen, die wir verfolgen: „Das Scheitern als sich selbst erfüllende Prophezeiung

(Quelle: protagon.gr, Autor: Giorgos Stratopoulos)

Artikel weiterlesen: Seite 1 Seite 2

  1. Michael Bodmann
    25. November 2015, 18:08 | #1

    Sehr geehrter Herr Stratopoulos,
    herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Nagel zu 1000% auf den Kopf getroffen. Ich bin nämlich auch einer dieser quasi „eiskalt“ enteigneten Altaktionäre, die am 26.06. abends noch mit 10% des Invests im Plus waren (dann folgte das bekannte Wochenende 27.06-28.06.) mit dem Montag den 29.06. und allen damit verbundenen, negativen Konsequenzen (Handelsaussetzung, Kursverfall seit dem 03.08. bis hin zur Bekanntgabe der 2 Cent für neue Aktien (= Enteignung) am 19.11. nach Börsenschluss durch unfähigste Banker).
    Ich habe inzwischen die Notbremse gezogen und bin mit nun insgesamt 72% Verlust innerhalb von nur 4 Monaten bei der NBG ausgestiegen. Deshalb suche ich jetzt Mitstreiter, die einen Musterprozess gegen diese Form der Kapitalerhöhung und Zwangsenteignung (primär durch das Verweigern von Bezugsrechten für Altaktionäre in Kombination mit unzureichender Informationspolitik) in Form einer Sammelklage gegen die Vorstände der NBG führen. Wäre toll, wenn Sie sich in Ihrem Forum hierfür einsetzen und stark machen würden.
    MfG
    Michael Bodmann

    • Team
      25. November 2015, 21:01 | #2

      Im Gegensatz zu den übrigen systemischen Banken bietet die ETE / NBG auch privaten (inländischen Klein-) Investoren die Möglichkeit, ein auf 300 Mio. veranschlagtes Kontingent der neuen Aktien zu den selben Konditionen wie die (ausländischen) institutionellen Investoren zu zeichnen (= 0,02 € bzw. 0,30 € nach dem Reverse-Splitting 15:1), und zwar ohne Mindest- oder Höchstgrenze, allerdings auch ohne Bezugsrecht.
      Unter dem Strich ändert das jedoch natürlich nichts daran, dass die „alten“ Aktionäre, deren Aktien infolge politischer Entscheidungen nach einer langen Talfahrt letztendlich praktisch über Nacht völlig wertlos wurden, sich zu Recht skrupellos über den Tisch gezogen fühlen. Im übrigen versteht sich von selbst, dass entgegen gerne geschürten Klischees nicht nur sogenannte (Klein- und Möchtegern-) „Kapitalisten“, sondern u. a. ebenfalls wieder einmal die … gesetzlichen Versicherungsträger und somit im weiteren Sinn die gesamte Gesellschaft für die Zeche in die Pflicht genommen werden.

Kommentare sind geschlossen