Die Fundamente der gescheiterten Wirtschaft Griechenlands

11. September 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 2.118

In Griechenland verwurzelte Werte mögen gut für das Familienleben sein, führen jedoch in der Wirtschaft zu Stagnation und schlechten Karrieren.

Sehr viele Politiker und Ökonomen lasten der – von den Gläubigern Griechenlands beaufsichtigten – Austerität den Zusammenbruchs der griechischen Wirtschaft an.

Die Fakten zeigen jedoch weder historische Niveaus der Austerität noch dermaßen große staatliche Kürzung, um den großen Verlust an Arbeitsplätzen zu erklären. Was die Fakten zeigen, sind in den Werten und Überzeugungen der griechischen Gesellschaft verwurzelte wirtschaftliche Probleme.

Rezept für stagnierende Wirtschaft und schlechte Karrieren

Der öffentliche Sektor Griechenlands wird von dem Klientel-System (zur Sammlung von Stimmen) und der Günstlingswirtschaft gegeißelt – und zwar viel mehr als in anderen Gegenden Europas. Die höhere Pension der öffentlichen Bediensteten im Verhältnis zu den Löhnen übersteigt die in Spanien um fast das Doppelte. Die Regierung begünstigt die unternehmerischen Eliten und nimmt sie von der Besteuerung aus. Und gewisse öffentliche Bedienstete beziehen ihre Gehälter, ohne in Wirklichkeit zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen.

Große Probleme gibt es auch auf dem privaten Sektor – hauptsächlich der interventionistische Einfluss der etablierten Interessen und der unternehmerischen und politischen Eliten. Die Gewinne als Prozentsatz des unternehmerischen Einkommens machen in Griechenland gemäß den letzten verfügbaren Angaben imposante 46% aus. Auf Platz zwei folgt Italien mit 42%, auf Platz drei Frankreich mit 41%. (Der Anteil in Deutschland ist 39%, in den USA 35% und in Großbritannien 32%.) Wer sich im System befindet, erhält Zulagen und Verträge, wer draußen ist, tut sich schwer, hineinzukommen.

Beeindruckend ist, dass griechische Jungunternehmer sich fürchten sollen, ihre Unternehmen in Griechenland zu eröffnen, weil sich jemand gefälschter Unterlagen bedienen und ihnen ihre Firmen wegnehmen könnte. Laut der Weltbank ist Griechenland einer der schwierigsten Plätze in Europa, um ein Unternehmen zu starten. Das Ergebnis ist, dass der Wettbewerb für einen Teil des Marktes schwach ist und es nur wenigste Firmen mit neuen Ideen gibt.

Dieses unterentwickelte System entspringt den Zunftwerten Griechenlands, die Nachdruck auf den sozialen Schutz, die Solidarität anstatt auf den Wettbewerb legen, und dem Missfallen über die unkontrollierte Änderung. Die Werte mögen für das Familienleben nützlich sein, stellen jedoch selbst unter den besten Absichten ein Rezept für eine stagnierende Wirtschaft und schlechte Karrieren dar.

Der strukturelle Aspekt zeigt, was und warum falsch gelaufen ist

Tatsächlich beträgt die Arbeitsproduktivität (BIP je Arbeitnehmer) in Griechenland gerade einmal 72% des Niveaus Großbritanniens und Italiens und nur 57% des Niveaus Deutschlands. Und die Untersuchungen zeigen auf, dass die Lebenszufriedenheit in Griechenland sehr viel niedriger ist als jene, die man in den reicheren Ländern der EU (der 15) sieht. Trotz der Behauptungen der griechischen Regierung verarmt der Korporatismus die weniger Begünstigten. Die Angaben der EU über die Armut im Jahr 2010 führten Griechenland bei 21,4% – sehr viel höher als die 16% der EU15.

Zweifellos hat Griechenland nach dem 2. Weltkrieg seine Produktivität verbessert – jedoch hauptsächlich durch die Verbesserung der Bildung und des Kapitals je Arbeitnehmer, das nur bis zu einem gewissen Punkt gesteigert werden kann. Zwei signifikante Quellen eines breiten Wohlstands werden von dem System Griechenlands behindert. Die eine ist eine große Anzahl von Unternehmern, die sich damit befassen, neue wirtschaftliche Gelegenheiten ausfindig zu machen und zu nutzen. Ohne diese leistet Griechenland keine sehr gute Arbeit darin, sich an die sich ändernden Umstände anzupassen (eine Notwendigkeit, die von Friedrich Hayek betont wurde). Die vielgelobten Reeder Griechenlands beispielsweise passten sich zu spät an den Containertransport an und verloren einen Teil des Marktes.

Die andere Quelle des Wohlstands ist eine große Anzahl von Menschen in Unternehmen, die sich damit befassen, neue Produkte und Verfahren zu erfinden und zu schaffen – was häufig als „inländische Innovation“ bezeichnet wird. Hier mangelt es Griechenland an dem erforderlichen Elan: die Flüsse unternehmerischen Investitionskapital im Verhältnis zu dem BIP sind in Griechenland geringer als in jedem anderen Land der EU. Folglich hat die Wirtschaft Griechenlands eine minimale Möglichkeit, ein tragfähiges Produktionswachstum und eine hohe Zufriedenheit zu erreichen.

Manche Ökonomen glauben, dass diese strukturellen Charakteristika mit der gegenwärtigen Krise Griechenlands nichts zu tun haben. In Wirklichkeit wirft der strukturelle Aspekt Licht darauf, was falsch lief und warum.

Europa muss seine Wirtschaftsphilosophie überdenken

Griechenland nutze jahrelang die sogenannten „strukturellen Mittel“ der EU und die Kredite von deutschen und französischen Banken, um eine große Reihe von Projekten mit hoher Arbeitskraftintensivität zu finanzieren. Die Beschäftigung und die Einkommen schossen in die Höhe und die Ersparnisse sammelten sich an. Als die Kapitalflüsse stoppten, fielen die Preise der Vermögenswerte der Griechen, ebenso auch die Nachfrage nach Arbeit auf dem Sektor der Kapitalgüter. Zusätzlich sank bei einem die Quoten der Löhne bei weitem übersteigenden Reichtum der Haushalte das Arbeitsangebot. Somit fand sich Griechenland, da wo es aufblühte, zu versinken wieder.

Der strukturelle Aspekt erklärt ebenfalls, warum der Aufschwung sich dermaßen verzögert. Mit einem schwachen Wettbewerb beeilten die Unternehmer sich nicht, die Arbeitslosen einzustellen. Als der Aufschwung begann, töte die politische Unruhe des vergangenen Herbstes das Vertrauen noch bei der Geburt. Die Wahrheit ist, dass Griechenland mehr als eine Umschuldung oder sogar auch Entlastung der Verschuldung braucht. Wenn die jungen Griechen eine Zukunft in ihrem Land haben sollen, müssen sie und ihre Altvordern die Verhaltensweisen und Institutionen entwickeln, die eine gehaltvolle moderne Wirtschaft darstellen – was bedeutet, ihre korporatistischen Werte zu vergessen.

Europa hat von seiner Seite abgesehen von den erforderlichen Reformen das Rentensystem Griechenlands, das Steuersystem und die Tarifverträge zu sehen. Während Griechenland den Höhepunkt des Korporatismus erreicht hat, sind Italien und Frankreich nicht sehr weit entfernt – und nicht all zu weit hinter ihnen ist Deutschland. Ganz Europa und nicht nur Griechenland hat seine Wirtschaftsphilosophie neu zu überdenken.

(Quelle: sofokleous10.gr)

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