Ehebruchgeschichte aus Griechenland: Die Beule

14. August 2015 / Aufrufe: 1.391

Was einem in Griechenland widerfahren kann, wenn man eine Glatze hat, ein schwarzes Hemd trägt und über muskulöse Oberarme verfügt.

Ich dachte, schon alles erlebt zu haben, als wir den Laden dichtmachten und ich mit meinen 52 Jahren nicht nur arbeitslos wurde, sondern nach 20 Jahren auf der Insel plötzlich den ganzen Sommer in Athen verbringen musste.

Als mich jedoch Mara für die Reeder-Gattin mit den Yachten verließ, stellte sich mir der Verdacht ein, noch gar nichts erlebt zu haben. Und ich hatte absolut Recht.

Wie ich nach Petralona gelangte …

Um zu mir zu kommen, schloss ich mich zwei Monate lang in der Isolierung der Wohnung ein, mit herunter gelassenen Rollläden, Marathon-MMORPG-Sessions am PC und einem konstanten Traffic der billigsten Essenszustelldienste der Gegend, um Mangelerscheinungen infolge des täglichen zwei- (und noch mehr-) stündigen Hantel-Trainings vorzubeugen.

Und gegen Ende September, als die Hitze nachließ, beschloss ich, etwas frische Luft zu schnappen, bevor die Kamine befeuert zu werden beginnen und die Gegend im Rauch versinkt. Ich zog die Rollläden hoch, rasierte mir Kopf und Bart und begab mich an den Nachmittagen in die Außenwelt, streng nach Sonnenuntergang. Üblicherweise verkehrte ich mit dem Fahrrad, an jenem Abend dachte ich Blödmann mir jedoch, zu Fuß zu gehen.

Ich hatte keine Absicht, bis (zu dem Athener Stadtteil) Petralona zu gelangen, und die Wahrheit ist, dass ich erst viel später erfuhr, dort angekommen zu sein – nämlich als ich zu begreifen versuchte, wie und warum ich mich mit einem lädierten Kopf im Krankenhaus wiederfand. Ich erfuhr es von der hübschen Ärztin der Morgenschicht, als ich zeigte, mich wieder mit meinem Gehirn koordiniert zu haben. Mir war zwar fürchterlich schwindelig und mein Schädel brummte vor Schmerz, jedoch hatte ich zu kotzen aufgehört und konnte endlich wieder sprechen.

Erinnern Sie sich nicht, wie sie verletzt wurden?“ Nein, ich erinnerte mich nicht, wie ich verletzt wurde. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, dass ich mich sorglos in irgend einer unbekannten Straße Athens bewegte und den Geruch gegrillter Rippchen wahrnahm und überlegte, mich irgendwo draußen hinzusetzen und zur Abwechslung wie ein Mensch zu speisen. Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war die über meinem Kopf kreisende Decke des Krankenhauszimmers.

Wo kann man hier ein paar Souflaki bestellen?

Frau Ärztin, ich habe Hunger …“ – „Gleich wird auch Ihr Essen hier sein …“ meinte sie und lächelte mich an und erschien mir sehr hübsch – was ich jedoch nicht sagte, da ich plötzlich wahrnahm, nichts riechen zu können. „Frau Ärztin, ich rieche nichts …“ Ihr Lächeln begann zu erlöschen. „Das kann bei Verletzungen solcher Art vorkommen. In dem Bereich, in dem Sie verletzt wurden, liegt auch der Geruchsnerv. Der Verlust kann vorübergehend sein, oder auch nicht. Sie müssen sich zwei, drei Monate gedulden. Vielleicht auch länger …

Sie schien besorgt zu sein und ich überlegte, ihr zu sagen, ein dreimonatiger Schnupfen sei eins meiner geringsten Probleme, jedoch unterbrach uns das in den Händen einer hübschen Krankenschwester eintreffende Essenstablett. Pappfleisch, synthetischer Kartoffelbrei, Plastik-Tomate und ein rosa Gelee, das auch das Einzige war, was ich verschmähte. All das andere ließ ich in drei Bissen verschwinden und war geruchlos, geschmacklos und sehr wenig.

Wie kann man hier ein paar Fleischspießchen bestellen?“ Sie lachte natürlich. Ich lachte jedoch überhaupt nicht. Und sie begriff das. „Es ist nicht gut, sich Ihren Magen zu belasten. Ihre Verletzung ist nicht oberflächlich …

Eine Beule mehr oder weniger macht keinen Unterschied

Wie sie mir im weiteren Verlauf erklärte, war ich vor 36 Stunden von einem Taxifahrer und seinem Kunden ins Krankenhaus gebracht worden, die mich sahen, wie ich plötzlich auf dem Bürgersteig mit dem Kopf nach hinten zusammenbrach.

Einfach so?
Leider sahen sie nicht, ob Sie von irgend etwas getroffen wurden …
Also, was hätte mich den getroffen haben können?
Außer den Blutergüssen am Hinterkopf haben Sie auch eine Verletzung an der Schläfe. Nichts Ernstes, es ist nur eine dicke Beule. Irgend etwas hat Sie dort getroffen, aber Sie erinnern sich nicht daran …
Ist das von Bedeutung?
Sie schaute mich befremdet an. „Wenn Sie medizinische Bedeutung meinen, nein, ist es nicht …
Wissen Sie, Frau Ärztin, in letzter Zeit habe ich viele Schläge erhalten. Eine Beule mehr macht da keinen Unterschied …

Die Ärztin erhob sich mit nachdenklicher Mine von dem Stuhl. „Es ist auch Ihr Bruder vorbeigekommen. Er meinte, Sie sollen ihm Bescheid sagen, wenn Sie irgend etwas brauchen …“ Mein als Geburtsarzt vielbeschäftigter Bruder war die letzte Person, an die ich denken würde, wenn ich irgend etwas brauchen würde – ausgenommen dringlicher ärztlicher Vorfälle, die sich jedoch in der Vergangenheit niemals auf mich bezogen. Angesichts der Tatsache, dass offensichtlich er für das Zimmer erster Klasse sowie auch alle von mir begehrten Ärzte gesorgt hatte – und bezahlen würde -, hatte ich keinen Grund zur Beunruhigung, ihn möglicherweise zu belästigen.

Dann verabschiedete die Ärztin sich und ich blieb zurück, um die gegenüber liegende Wand anzustarren. Ich durfte weder fernsehen noch lesen noch mich bewegen. Bestenfalls bis zur Toilette und nur mit Hilfe. Ich sollte viel Flüssigkeit zu mit nehmen und wenig essen. Von einer Zigarette natürlich nicht einmal die Rede. Und es mussten wenigstens zwei Tage verstreichen, um meine Entlassung in Erwägung zu ziehen. Immerhin waren die Krankenschwestern nicht all zu hässlich.

Sind Sie von der Chrysi Avgi?

Den restlichen Tag verbrachte ich zwischen Schlaf und Wachsein, unter ständigem Kopfschmerz und Schwindel, aber am nächsten Tag wachte ich fühlbar besser auf und sagte das dem hübschen Mädchen, das mir Medikamente brachte und die Gardinen öffnete. „Schön“ sagte sie zu mir und lächelte. „Darf ich Sie mal was fragen? Gehören Sie der Chrysi Avgi an?“ Anfänglich begriff ich nicht, was sie mir sagte. Dann brach ich in Gelächter aus und sah, wie sie rot wurde. Sie entfernte sich mit gesenktem Blick und ich lachte weiter, und je mehr ich lachte, um so mehr schmerzte mein Kopf, bis ich mich plötzlich erinnerte, diese Frage schon gehört zu haben – nämlich kurz bevor ich auf dem Bürgersteig in Petralona zusammenbrach. „Sind Sie von der Chrysi Avgi„, fragte mich ein vor einem Mini-Market sitzendes Tantchen, und weil ich weder was noch warum sie mich fragte begriff, warf ich ihr einen strengen Blick zu und setze meinen Weg in Richtung des Schicksal fort.

Ich war erfreut, mich an etwas mehr über den mysteriösen Abend zu erinnern, obwohl mir die Gleichstellung mit einem Anhänger der Chrysi Avgi unangenehm war. Vielleicht war es keine gute Idee, mir den Kopf zu rasieren – und der Bluterguss wäre mir möglicherweise erspart geblieben, wenn ich meinen Schopf getragen hätte. Andererseits würde ich jedoch nicht wie ein Neandertaler herumlaufen wollen, nur damit die Tantchen mich nicht für einen Anhänger der Chrysi Avgi halten. Es war an der Zeit, ein Frau zu finden, außerdem gefallen in dieser Epoche den Mädchen die vielen Haare nicht.

Just in diesem Moment öffnete sich die Tür und es trat eine Frau ein, die keinen weißen Kittel trug. Sie trug eine enge Jeans und ein knappe Bluse und hatte einen Körper wie eine Coca-Cola-Flasche und ein von dunklen und traurigen Augen beherrschtes Gesicht. Ich schaute sie in der Erwartung an, sie sagen zu hören, in das falsche Zimmer eingetreten zu sein, jedoch sagte sie nichts. Sie schloss die Tür und blieb bewegungslos stehen. In ihren Händen hielt sie eine Schachtel, in der Kuchen gewesen sein könnte.

Eine sehr schöne Frau – und wahrscheinlich verrückt

Käsepastete. Die habe ich am Morgen für Sie gemacht …“ Ihre Stimme war klar, trauernd und nicht sehr stabil und hörte sich jünger an als die knapp Dreißig, die sie zu sein schien. Eine sehr schöne Frau. Toller Körper. Jedoch offensichtlich unglücklich. Und wahrscheinlich verrückt. „Vertun Sie sich möglicherweise?“ – „Ich habe mich vertan …„, sagte sie und trat neben mein Bett. „Nun tue ich das Richtige …“ Sie stellte die Schachtel mit der Käsepastete auf dem Nachtschränkchen ab, und als sie mich anschaute, schien sie den Tränen nahe zu sein. So dachte ich zumindest. Weil sie direkt danach ihre Augen schloss und mich – als sie diese wieder öffnete – fragte, ob man die Zimmertür abschließen könne. Ich dachte, die ist sicher verrückt. Vielleicht sogar gefährlich.

Sie wartete nicht meine Antwort ab. Sie ging zur Tür, schloss sie ab, und danach trat sie neben mich und begann sich zu entkleiden. Buchstäblich. Sie begann bei der Bluse und dem Büstenhalter, und bis sie bei den Schuhen angelangte, taten alle meine Köpfe zusammen weh. Als sie etwas später von mir herunterstieg, war ich mir sicher, glücklich zu sterben. Ich überlebte jedoch. Mein Atem kam zurück, mein Kopf platzte nicht, mein Herz fand seinen Rhythmus wieder und die für all dies Verantwortliche zog sich an und ging die Tür aufschließen.

Ich habe Sie geschlagen …„, meinte sie, als sie wieder an meine Seite zurückkehrte. „Ich hielt Sie für ein Mitglied der Chrysi Avgi und schlug Sie mit meinem Baseball-Schläger. Wahrscheinlich hätte ich Ihnen den Schädel eingeschlagen, bereute es jedoch im letzten Augenblick. Und hielt mich zurück …“ Ich meinte zu ihr „Sollen wir uns nicht duzen“ und sah sie zum ersten Mal lächeln. Eine sehr schöne Frau. Und ein toller Sex – sie muss wohl mal Tänzerin gewesen sein. Jedoch völlig verzweifelt.

Und die Käsepastete ist obligatorisch …

Ich bin Sofia. Und es tut mir sehr leid, Dich geschlagen zu haben. Es war ein fürchterlicher Scheiß …
Ich bin Vasilis. Baseball-Schläger?
Ja, ich weiß nicht, warum …„, meinte sie und öffnete die Schachtel mit der Käsepastete. „Magst Du ein Stück? Ist meine Spezialität …
Ich sagte, dass ich die ganze Schachtel will, und sie gab sie mir lächelnd.

Seit damals, als sie in den Knast geschickt wurden, verspürte ich jedes Mal, wenn ich einen Anhänger der Chrysi Avgi im Fernsehen sah, das Verlangen, ihm mit dem Baseball-Schläger den Kopf einzuschlagen. Es ist ein Sammlerstück …„, fügte sie an, als ob dies alles erklären würde. „Du nahmst also Deinen Sammler-Knüppel und gingst auf die Straße, um dem ersten Dir in den Blick geratenden Mitglied der Chrysi Avgi den Schädel einzuschlagen?
Sie schaute auf den Boden. „Ungefähr so …“
Und Du wähltest mich aus, weil ich mir den Kopf rasiert habe?
Und weil Du die Muskeln hast. Und auch eine schwarze Bluse trugst …
Ist Dir klar, dass ich Dich anzeigen könnte …?
Das weiß ich …

In diesem Moment fiel mir ihr Ehering auf.
Bist Du auch verheiratet?
Bin ich …
Und was sagt Dein Mann zu all dem?
Er weiß von nichts. Und ich hoffe, dass er nichts erfahren wird …
Von mir wird er nichts erfahren, mach Dir keine Sorgen. Unter einer Bedingung …
Sie erhob ihren Blick von dem Boden und schaute mich überrascht an.
Du wirst jeden Tag kommen …
Sie sagte nichts.
Und Du wirst keine Unterwäsche tragen …
Sie schluckte trocken.
Und die Käsepastete ist obligatorisch …

(Quelle: protagon.gr)

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