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Welches Spiel spielt Griechenland?

19. Juni 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 3.317

Vier Spiele, die Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras spielen könnte.

Als in Griechenland im Januar 2015 die radikale Linke an die Macht kam, wurden wegen der Tatsache, dass der neue Finanzminister Yanis Varoufakis akademischer Ökonom war, viele Vermutungen angestellt. Viele erwarteten, die Verhandlungsstrategie Griechenland würde eine neue Feinheit und Intelligenz zeigen, da sie der Co-Autor des Buchs „Spieltheorie – Eine kritische Einführung“ leiten würde.

Trotz allem gehen Griechenland einige Monate später die Freunde und das Geld aus. Während der Staatsbankrott bedrohlich nahe rückt, fühlen sich selbst diverse freundlich gesinnte Kommentatoren von den Handlungen der Regierung in Athen verwirrt. Welches Spiel spielen also die Griechen? Es folgen vier mögliche Hypothesen:

Spiel 1: sie bluffen und glauben, immer noch gewinnen zu können.

Die Regierung Tsipras mag immer noch glauben, die EU werde letztendlich nicht die Spaltung ihres signifikantesten Werks – der gemeinsamen Währung – hinnehmen. Der Verlust der politischen Seriosität wäre übermäßig groß, die Gefahren einer finanziellen Infektion übermäßig viele. Jedoch wird die EU keine ernsthaften Zugeständnisse machen, bevor sie nicht wirklich überzeugt wird, dass Griechenland sich darauf vorbereitet, sich außerhalb des Euro wiederzufinden. Folglich sind die Anzeichen für Chaos und Panik in Athen wirklich erforderlich, damit die EU davon überzeugt wird, dass sich die Endphase des Spiels nähert.

Spiel 2: sie bluffen und merken erst jetzt, sich verkalkuliert zu haben.

Alexis Tsipras und die SYRIZA sind in der Hochpolitik der EU neu. Sie gewannen die Wahlen im Januar in dem Glauben, eine Vereinbarung gegen die „Austerität“ erzielen zu können und in ganz Europa Freunde mit der selben Denkweise zu finden. Die letzten Monate waren eine schmerzhafte Lehre über die Realitäten der europäischen Politik. Die Theorien des Herrn Varoufakis sind in der Praxis nicht aufgegangen und führten ihn dazu, das Fehlen eines „fähigen Spieltheoretikers auf ihrer Seite“ zu bereuen. Die verzögerte Wahrnehmung der SYRIZA, die Bedingungen der Gläubiger in einem großen Grad akzeptieren zu müssen – oder aus dem Euro auszuscheiden – ist jedoch sehr spät eingetreten.

Spiel 3: all dies hat mit der Erhaltung der Macht im Inland zu tun.

Der launische Verhandlungsstil der griechischen Regierung lässt das Chaos in Athen sichtbar werden. Zu einem Teil reflektiert er den Mangel an Erfahrung und Ressourcen für das Team der SYRIZA. Die Partei kann jedoch ebenfalls in der Innenpolitik Griechenlands gefangen geworden sein. Die SYRIZA ist eine Koalition und die radikale Linke der Partei wird sich möglicherweise abspalten, wenn Herr Tsipras in Gegenleistung für eine Vereinbarung mit den Gläubigern Griechenlands die Austerität akzeptiert. Die breitere Wählerschaft mag ebenfalls nicht besonders begeistert sein. Die Erzielung einer Einigung könnte folglich das Ende der politischen Karriere des Herrn Tsipras bestimmen.

Spiel 4: Griechenland will wirklich aus dem Euro ausscheiden.

Unter den Akademikern und den Politikern, welche die SYRIZA braten haben, gibt es zweifellos einige, die immer glaubten, dass Griechenland den Euro letztendlich verlassen muss. Sie nehmen an, ihr Land könne aus dem wirtschaftlichen Abwärtsstrudel entkommen, wenn es sich von einem Teil oder seiner gesamten Verschuldung lossagt – und wissen, dass der Preis dafür wahrscheinlich der Ausschluss aus dem Euro ist. Zusätzlich könnte, sobald Griechenland aus dem Euro ausscheidet, eine neue „floatende“ Währung bei der Widerherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes helfen. Manche in der SYRIZA glauben ebenfalls, dass der Euro und die EU allgemein nicht von der „neoliberalen“ Wirtschaft zu trennen sind, die jene zurückweisen.

Die Schwierigkeit ist, dass die SYRIZA in einem Umfeld an die Macht gelangte, wo die Demoskopien zeigten, dass die meisten Griechen den Verbleib im Euro wünschen. Folglich ist es für die griechische Regierung erforderlich, eine Legende zu schaffen, in der die SYRIZA ehrliche Bemühungen zu unternehmen erscheinen wird, um in der gemeinsamen Währung zu bleiben – einzig und allein, um unter der Führung Deutschlands von den irrationalen Ausländern abgewiesen zu werden.

Auch über die Motive der anderen Seite herrscht Ungewissheit

Welches dieser Spiele wird tatsächlich in Athen gespielt? Das Wahrscheinlichste ist, dass Elemente von allen vier gespielt werden. Sogar auch noch jetzt haben die Entscheidungsträger in Athen zwischen den Optionen 1 und 2 zu schweben – im einen Moment davon überzeugt, dass die EU letztendlich einen besseren Vorschlag akzeptieren wird, und im nächsten Moment befürchtend, dass eine solche Vereinbarung sich nicht ergeben wird. Elemente des offensichtlich launischen Verhaltens des Herrn Tsipras – wie das Versprechen, den IWF zu bezahlen, und danach die Rate zu verzögern – reflektieren ebenfalls die politischen Schwierigkeiten im Inland. Und während die Gruppe der Skeptiker der SYRIZA, die Griechenland außerhalb des Euros haben wollen, eine Minderheit darstellt, wird ihre Anzahl mit der sich anspannenden Krise sicher zunehmen.

Die Ungewissheit darüber, was Athen leitet, weitet sich nur aus, da parallel Fragen auch bezüglich der Motive Brüssels und Berlins gestellt werden können. Auf die selbe Weise könnte man sagen, dass die deutsche Regierung blufft und die Kapitulation seitens Griechenlands abwartet, oder dass die Gruppe rund um Bundeskanzlerin Angela Merkel sich verkalkuliert hat, indem von den Griechen erwartet wurde, sich „logisch zu verhalten“, oder dass die deutsche Regierung – wie auch ihr Pendant in Griechenland – in der Inlandspolitik gefangen ist, oder letztendlich, dass es in Deutschland – spezieller im Finanzministerium – viele gibt, die Griechenland inzwischen aktiv zwingen wollen, aus dem Euro auszuscheiden.

Die Ungewissheit auf der einen Seite des Verhandlungstisches steigert nur die Ungewissheit auf der anderen Seite. Wenn beide Seiten glauben, die Berechnungen der anderen Seite ändern sich, ist es noch schwieriger, eine richtige Bewertung darüber anzustellen, was zu geschehen hat, damit eine Einigung sichergestellt wird. Das sich in diesem Moment im Gang befindliche „Spiel“ zwischen Griechenland und den Gläubiger ähnelt leider sehr viel weniger einer durchdachten Übung in einem Seminarsaal in Cambridge und sehr viel mehr einer Szene aus dem Film „Revolution ohne Grund“, in der zwei Fahrzeuge auf einen Abgrund zurasen – und jeder Fahrer erwartet von dem anderen, als erster zu bremsen. Im Film endet die Szene damit, dass einer der Fahrer in den Abgrund stürzt.

(Quelle: sofokleous10.gr)

  1. ronald
    19. Juni 2015, 08:30 | #1

    Ich glaube, das werden wir erst erfahren, wenn in Jahren oder Jahrzehnten Tsipras und/oder Varoufakis und/oder Schäuble ihre Memoiren schreiben

  2. Volker
    19. Juni 2015, 09:24 | #2

    Für die Herren und Dame Politiker mag dies alles ein spannendes Spiel sein, für viele Griechen und auch die zukünftige deutsche Rentnergeneration (deren Privatrenten/Betriebsrenten werden schon durch die niedrigen Zinsen aufgezehrt) ist dies bitterer Ernst. Aber Politiker lieben es, zu spielen, insbesondere mit Renten und Steuergeldern, die ihnen nicht gehören.
    Warum gibt es in Griechenland keinen runden Tisch aller staatstragenden Parteien, Kirchen, Oligarchen etc, der analysiert, was in GR schief läuft und Gegenmaßnahmen vorschlägt? Alles transparent, veröffentlicht im Internet, mit Benchmarking und unabhängigen renommierten Gutachtern und Wirtschaftsprüfern? Vergleich Korruption, Staatseffizienz, Dauer Gerichtsprozesse, Bürokratie usw. Schonungslose Offenlegung und Vergleich, und die Griechen-Politiker sollen mal sagen, warum das so ist, warum sie jahrzehntelang nichts gemacht haben, genauso wie die Euro-Politiker, die in die Mangeln genommen werden wegen einseitiger Hilfsprogramme.

  3. Jannis
    19. Juni 2015, 10:00 | #3

    Vielleicht ist das kein Spiel, sondern blutiger Ernst? Ich glaube kaum, dass große Teile der Bevölkerung das, was sie in den letzten Jahren hinnehmen mussten, als „Spiel“ auffassen. Wenn ich als Rentner in Griechenland mit einer Mindestrente auskommen müsste und vielleicht noch Familie mit arbeitslosen Kindern und Enkeln hätte, würde ich „ebenfalls nicht besonders begeistert sein.“

  4. Infoliner
    19. Juni 2015, 14:50 | #4

    Ich sehe da einen anderen Weg: Die Regierung weiß, daß sie gar nicht anders kann, solange sie Regierung der Griechen ist und nicht wie hier bei uns ihr Volk verraten möchte. Und sie haben tatsächlich die besseren Karten, das wird sich umgehend zeigen. Die EU-Befehlempfänger haben nämlich die Anweisung aus USA, die Griechen im Euro zu halten. Spannend ist nun das Geeier, wie man den dummen Deutschen und anderen verkauft, daß sie also einen Schuldenschnitt zu finanzieren haben.

  5. 19. Juni 2015, 20:33 | #5

    Griechenland gehört nicht zu Europa – Hellas ist Europa. Wenigstens kommt Bewegung ins Spiel. Was man so liest über Grexit, raus aus der EU und blabla – haben denn alle die Weisheit mit dem Löffel gegessen?! Die EU-Regierenden sollten ihre Worte vorsichtiger wählen, anscheinend liegen die Nerven seit längerem blank – und schuld daran sollte Griechenland sein? Merkwürdige Sachen gibt’s …

  6. Kasia
    20. Juni 2015, 00:24 | #6

    Diese Sparpolitik führt nur zur mehr Verschuldung, solange keine Wettbewerbsfähigkeit besteht, Tsipras und Varoufakis haben das erkannt und wollen sich nicht darauf einlassen, was völlig richtig ist, zur Not kommt der Grexit, der für das Land sicher viele Vorteile hätte, die lokalen Produkte wären wieder hoch im Kurs, dadurch entstehen Arbeitsplätze, Löhne sinken zwar aber auch die Preise, Exporte können günstiger angeboten werden, Wettbewerbsfähigkeit entsteht. Varoufakis ist Ökonom, der hat diesen Weg sicher im Hinterkopf, ich glaube so schlecht stehen sie gar nicht da, aber gegen die Kapitalisten ist es halt schwer anzukommen.

  7. Sandra
    20. Juni 2015, 11:53 | #7

    Sie kommen aus dem erpresserischen Klammergriff der Hochfinanz auch mit den besten Methoden nicht heraus, wäre die naheliegendste Antwort. Das ist ein Machtkampf zwischen einer Finanzdiktatur und der Demokratie im Allgemeinen und Griechenland macht hier einfach den Anfang. Wenn wir unsere demokratischen Strukturen nicht völlig auf den Misthaufen geworfen haben wollen muss die Regierung in Griechenland durchhalten. In den Regionalwahlen in Spanien wurden auch Antiausteritvertreter gewählt, das macht also auch langsam Schule auch in anderen Ländern, in welchen die Krise massiv zugeschlagen hat. Es wird eine Menge Opfer kosten, aber wenn die nicht gebracht werden, wirds irgendwann keine demokratischen Strukturen mehr geben.

  8. Sandra
    20. Juni 2015, 12:01 | #8

    Und auch wenns auf den ersten Blick nicht so wirkt bei der teilweisen Hetzpresse in Deutschland, die auch Meinung macht, ist inzwischen trotzdem bei vielen Bürgern durchgedrungen, dass hier die Souveränitit eines demokratischen Staates ausgehebelt werden soll und die Solidarität gegenüber Griechenland wächst stetig. Ihr habt eine Regierung am Start, die nen Kampf gegen Windmühlen betreibt, sie wird vielleicht auch verlieren, aber immerhin versucht sie, dem eins entgegenzusetzen. Bei uns in Deutschland können wir nur davon träumen, echte Politiker, die wirklich was bewegen wollen innerhalb eines Wertesystems, das auch auf große Masse der normal arbeitenden Bürgerschaft schaut, gibts hier praktisch nicht. Unsere stecken allesamt tief im Arsch der Hochfinanz. Ihr habt aber solche Politiker. Haltet euch das echt vor Augen, auch wenn die Zeiten schwierig sind.

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