Griechenland: 165 Jahre Absurdität

19. Mai 2015 / Aufrufe: 2.746

Edmond About gab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine Beschreibung der Situation in Griechenland wieder, die eben so gut auch heute geschrieben worden sein könnte.

Griechenland stellt das einzige Beispiel eines modernen Staates in totaler Pleite seit dem Tag seiner Entstehung dar. […] Die Steuerpflichtigen zahlen ihre Verpflichtungen an den Staat nicht, der wiederum seine Gläubiger nicht bezahlt.

In diesem Moment, wo wir uns unterhalten, exportiert Griechenland an Waren ungefähr die Hälfte von dem, was es importiert – mit dem Ergebnis, dass es arithmetisch jedes Jahr Millionen an Devisen verliert […]. Wenn wir wollen, dass das Land sich wieder erholt, sind die Exporte mit den Importen in Balance zu bringen … .

Das (un-) moderne Griechenland …

Wann diese Texte geschrieben wurden? In den Jahren unter König Otto! Im Buch des französischen Schriftstellers Edmond About „Das moderne Griechenland“ (1854), das sein neuer Übersetzer Michalis I. Volaris zurecht in „Das unmoderne Griechenland“ umbenannte. Er hätte es auch „Das ewige Griechenland“ nennen können, so sehr passen die Beschreibungen aus dem Jahr 1850 auf unsere heutige Situation.

Ich erkannte bei den Griechen zwei politische Tugenden an: die Liebe zur Freiheit und das Gefühl der Gleichheit. Ich schulde auch eine dritte anzufügen: den Patriotismus. Sie sind ohne Zweifel berechtigt, mit viel Stolz ihre unauflöslichen Bindungen mit ihrem Land zum Ausdruck zu bringen, jedoch verschließen sie die Augen hinsichtlich der Wichtigkeit Griechenlands für die übrige Welt. Laut ihnen selbst hat alles, was in Europa geschieht, Griechenland zum Zentrum und finalen Ziel.

Jede Münze hat auch ihre andere Seite: Bei den Griechen verstärkt die Liebe zur Freiheit die Verachtung der Gesetze sowie auch jeder rechtmäßigen Behörde, die Liebe zur Gleichheit äußert sich häufig in blindwütigem Hass gegen alle, die aufsteigen oder vermögend sind. […] Fragen Sie einen Griechen über die großen Männer seines Landes, er wird nicht einen in seinen Mund nehmen ohne ihn zu beschmutzen. Es gibt keinen Griechen, der in seinem eigenen Land Achtung genießt.

Das Chaos des Jahres 1850 verewigt sich

Edmond About beschreibt nicht nur das beständige Haushaltsdefizit, sondern auch den (noch beständigeren) Mangel an Rationalität. Diesem verdanken wir unser kontinuierliches Elend. In zwei Jahrhunderten brachten wir es nicht fertig, unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft rational zu organisieren. Das Chaos des Jahres 1850 verewigt sich. Die Kluft zwischen uns und den Partnern beruht auf dem selben Mangel. Sie sprechen die Sprache der Logik und wir begegnen ihnen mit der Sentimentalität. Unserem Melodram über die Rentner stellen sie eine Statistik entgegen, die zeigt, dass wir (als Prozentsatz des BIP ausgedrückt) immer noch mehr als alle anderen Länder der EU für Renten ausgeben!

Neid und Boshaftigkeit verfolgen uns seit 1821. Spaltung, Teilung, Kollision. Die neue boshafte Differenzierung: „Pro- und Anti-Memorandische“. Sogar auch die Menschen, welche die lächerlichen Anachronismen des (derzeitigen Kultusministers) Baltas abzuwenden versuchen, wurden „Memorandisten der Bildung“ genannt. Als ob das Memorandum auch nur einen einzigen Bezug zur Bildung hätte! Wie vertraut About das merkwürdige Ensemble, das uns regiert, und seine noch merkwürdigeren Bürger doch wären …

(Quelle: protagon.gr, Autor: Nikos Dimou)

  1. GR-Block
    19. Mai 2015, 15:35 | #1

    Jaja, man hat’s schon schwer so als Regent. Nicht genug, dass 1776 Europäer ihrem rechtmäßigen König in den Arsch traten, eine „Amerikanische Revolution“ veranstalteten und sich am 4. Juli unabhängig erklärten. Nicht genug, dass 1789 abermals Europäer ihrem rechtmäßigen König in den Arsch traten, eine „Französische Revolution“ veranstalteten und sich zur „Republik“ erklärten. Dabei faselten die Proleten auch noch etwas von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Patriotismus)“, als ob solche Leute etwas von edlen Werten verstünden. Die Katastrophe aber für die Könige war: beide kulturlosen, revolutionären Proleten-Staaten stabilisierten sich gegen allen Widerstand der westeuropäischen Aristokratie.
    Und als ob das noch nicht genug wäre, kommt da auch noch ein uraltes Europäer-Volk daher, das Aristokraten seit jeher teils innig verehrte, teils abgrundtief hasste, und tritt seinem rechtmäßigen König, zugegeben nur einem Sultan, in den Arsch, und skandiert dabei – welche Dreistigkeit – die gleichen Parolen wie ihre Vorbilder und veranstaltet eine „Griechische Revolution“.
    Dessen konkurrenzlose Antike, konnte ja noch unbedenklich verehrt werden, wegen der zeitlichen Ferne. Ihr mächtiges 1000-jähriges Mittelalter aber war schon ein Dorn im aristokratischen Wessi-Hintern. Erst als Byzanz von den EWG-Staaten (damals Kreuzfahrerstaaten genannt) quasi in ökumenischer Mission mit den verbündeten Türken organisiert vorgingen, konnte jenes Mittelalter endlich beendet werden und sich Wessi-Ärsche breit machen.

    Und jetzt, 1821, wollten gerade diese Looser … was bitte? … eine „Griechische Revolution“ veranstalten. „Ja wo sa ma denn hier?“ sagte sich da der bayrische Otto und preschte vor. Engländer und Franzosen, quelle blamage, wollte ihren Aristokratenarsch nicht mehr hinhalten. Also kam es, wie es kommen musste. Die Hellenen traten einem deutschen Aristokraten nach dem anderen in den Arsch und hüten sich noch heute davor, dass irgendeiner aus ihrer Mitte den selbigen hoch kriegt und den Aristokraten mimt.
    Fragen Sie einen Griechen über die großen Männer seines Landes, er wird nicht einen in seinen Mund nehmen (Igitt…) ohne ihn zu beschmutzen.“ (… allein die Vorstellung)
    Es ist natürlich reiner Zufall, dass alle „griechischen“ Könige aus der selben westeuropäischen Sippschaft stammten, dass diese als „Investoren“ heute weltbeherrschende Konzerne und Banken unterhalten. Eine Sippschaft, der es suspekt war, dass ein Land in Europa entstand, das keine eigenen Aristokraten (mehr) hatte und (hört hört!) auch keine wollte, genau wie die Proleten-Staaten. Das musste natürlich sowohl militärisch als auch wirtschaftlich kontrolliert werden. Nur deshalb entscheiden damals wie heute jene Ärsche auch in GR über Krieg und Frieden, wird damals wie heute alle Korruption aus deren Privatschatullen finanziert. „Große Männer“ (heute „Eliten“ genannt) sind dabei meist nur Steigbügelhalter und Stiefellecker. Und die können nicht sauber bleiben.

  2. Paul Gourgai
    19. Mai 2015, 17:56 | #2

    Es klingt reichlich absurd, wenn Nikos Dimou schreibt, „Sie sprechen die Sprache der Logik und wir begegnen ihnen mit der Sentimentalität.“ Sie, nämlich die Vertreter der „Institutionen“ sprechen bestenfalls eine (Art von) Sprache der Logistik, mit der man sich darüber verständigt, zu welchen Terminen welche Zahlungen zu leisten sind. Von Logik kann dabei nicht die Rede sein, wenn als Ergebnis ein Land und viele seiner Menschen ruiniert werden. Besonders grotesk mutet es aber an, wenn diejenigen, die angeblich so rational und logisch sind, gerade deshalb gerne nach Ellada reisen, um aus purer Sentimentalität an griechischen Stränden die (vermeintlich) so entspannte Lebensart derer zu genießen, die man ansonsten ganz verächtlich als „Faulpelze und Schuldenmacher“ bezeichnet.

  3. os
    19. Mai 2015, 19:19 | #3

    Der Artikel beschreibt sehr gut, welchen Eindruck Griechenland im Ausland (speziell in Deutschland) hinterlässt. Griechenland hinterlässt in Deutschland das tiefe Gefühl von Ratlosigkeit. Wohl wisend, das ein Ausscheiden Griechlands aus dem Euro Deutschland viel Geld kosten würde, verbreitet sich in der deutschen Bevölkerung das Gefühl: „Griechenland raus aus dem Euro, damit wir endlich wieder Ruhe haben“. Die Theatralik mit Griechenland seine Situation beschreibt, wird zumindest in Deutschland nicht verstanden und reizt bei einem so nüchterern Volk, wie dies die Deutschen sind, zum Wiederspruch.
    Begriffe wie Würde, Stolz und Erniedrigung in Zusammenhang mit Volk und Nation, wie sie griechische Politiker gerne verwenden (Beispiel stolze Griechen, Erniedrigung der griechischen Nation) sind aus historischen Gründen in Deutschland verpönt und werden mit Mistrauen betrachtet.
    Die Art der Kommunikation von griechischer Seite hat das latent vorhandene Misstrauen der deutschen Bevölkerungen gegenüber Griechenland und den Rettungspaketen noch verstärkt. Darüber hinaus sind die Formulierungen der griechen Politiker ein gefundenes Fressen für deutsche Presse, die damit Ihre Artikel würzt.

  4. Protagoras
    20. Mai 2015, 09:17 | #4

    Das Feindbild der deutschen Presse (Printmedien) und zwar der seriösen, ist mit Varoufakis ausgemacht. Er nennt die Dinge beim Namen: die „Rettungspakete“ (da beginnt bereits die Propaganda) haben nur zu noch mehr Elend geführt. Das wollen die Herren der Zahlen nicht hören. Hinter Statistiken lässt sich die Not des Einzelnen zum Verschwinden bringen. Das ist in Griechenland nicht anders als in Deutschland. Wenn man die Frage herunterbricht auf das individuelle Leben, sprechen Zahlen plötzlich eine andere Sprache. Das Wirtschaftswachstum vergrößert auf der einen Seite den Reichtum , während auf der anderen prekäre Arbeitsverhältnisse, Kinderarmut etc. zunehmen. Wo Fülle ist, ist auch Mangel. Das Geschäft der Politiker geht auf, wenn die Menschen verschiedener Länder gegeneinander ausgespielt werden können. Auf dem Altar der Wirtschaftsinteressen wird das Wohl der Bürger geopfert. Die Heimat wird zum Standort, der Mensch zum Humankapital. Die Ökonomisierung verwandelt das Individuum zur Ich-AG, verkürzt das Leben auf eine Bilanz von Soll und Haben, es reduziert den Bürger auf den Konsumenten von Dingen, die er weder braucht noch eigentlich haben will. Das, so will es mir scheinen, haben die Griechen besser verstanden. Varoufakis und Schäuble sprechen nicht die gleiche Sprache, weil der eine vom Menschen spricht und der andere vom Arbeitnehmer.

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