Grexit, Freihandel und Deutschlands wahre Ängste

3. Mai 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 3.290

Missachtung des Gesetzes des komparativen Vorteils

Die Europäische Union untersuchend ist die Sache, dass jede Nation, die sich auf ihren größten komparativen Vorteil konzentriert, ihre Möglichkeiten maximiert. Damit meinen wir, dass jedes Land das exportieren wird, was es besser macht, und dabei das importiert, was die anderen effizienter produzieren. Das komparative Element bezieht sich nicht nur auf die Nationen, sondern auch die Produkte innerhalb der Nation. Folglich konzentriert sich jedes Land auf das, was es besser macht. Das „besser“ zeigt uns jedoch nicht, wie gut es das macht. Es sagt uns einfach nur, dass es das Beste ist, was es machen kann, und dass es daraus gedeihen wird.

Das Problem ist, dass der zeitliche Rahmen dermaßen groß sein kann, dass Generationen verstreichen werden, bis es aus dieser Maßnahme signifikante Ergebnisse gibt. Folglich sieht Deutschland schneller Ergebnisse als Griechenland. Da die wirtschaftliche Macht sich auf viele Weisen äußern kann, schränkt die Macht Deutschlands die praktischen Möglichkeiten Griechenlands ein. Zusätzlich verläuft jeder Vorteil, den es aus dem freien Handel für die Griechen geben könnte, ungleich.

Dies geschieht, wenn der komparative Vorteil so funktioniert, wie er sollte. In Europa geschieht dies jedoch nicht, da Deutschland von der wirtschaftlichen Realität gezwungen wurde, Exporten nicht nur der Produkte hinterher zu jagen, bei denen es einen internen komparativen Vorteil hat, sondern auch vieler Produkte, bei denen es zwar keinen internen, jedoch einen externen komparativen Vorteil hat, Dies sind nicht obligatorisch die Dinge, die es am besten, jedoch besser als die anderen macht. Da Deutschland auf vielfältige Weise effizient ist, hat es bei vielen Produkten Vorteile und nutzt diese. Deutschland hat eine imposante Exportquote, mehr als 50% seines Bruttoinlandsprodukts. Der komparative Vorteil geht davon aus, dass es das exportieren wollen wird, was es am effizientesten produziert. Stattdessen exportiert es unabhängig von dem internen komparativen Vorteil jedes Produkt, dass es konkurrenzfähig zu exportieren vermag.

Mit anderen Worten, Deutschland befolgt nicht das Gesetz des komparativen Vorteils. Die Soziologen haben viele Verhaltensgesetze, die – wie sie sagen – das beschreiben, was die Menschen tun, und sich danach in moralischen Diskussionen darüber ergehen, was sie tun sollten. Das werden wir hier nicht machen. Empirisch wird Deutschland nicht von Ricardos Theorien, sondern von seinen eigenen Bedürfnissen gesteuert. Anders gesagt, das Gesetz des komparativen Vorteils funktioniert in Europa nicht. Deutschland entwickelt sich somit schneller als andere europäische Länder, hat mehr Macht als andere Länder konzentriert und geschafft, den Reichtum so zu verteilen, dass politische Stabilität geschaffen wird.

Der komparative Vorteil und das griechische Thema

Das Resultat ist, dass Griechenland sich gegenüber Deutschland für seine Verschuldung rechtfertigen muss. Auf die selbe Weise, wie wir nicht moralisch über Deutschland urteilen können, können wir dies auch nicht über Griechenland tun. Welche Schwierigkeiten Griechenland auch immer hat, seine Exporte zu maximieren, reduziert jedoch, dies in einem Umfeld zu tun, in dem Deutschland allen irgend einen Vorteil habenden möglichen Exporten hinterher jagt, die Möglichkeiten Griechenlands und schafft somit eine langjährige Fehlfunktion in Griechenland. Die Überlegenheit Deutschland verewigt sich.

Es ist wichtig, anzumerken, dass Deutschland nach dem 2. Weltkrieg nicht ohne Schutzmaßnahmen agierte. Es schützte seine sich erholende Industrie vor der amerikanischen Konkurrenz. Die Vereinigten Staaten, ein wirtschaftlicher Koloss, der einen verhältnismäßig kleinen Teil seiner Produktion exportiert, waren Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls besonders protektionistisch. Auf ähnliche Weise erhielt das Vereinigte Königreich Abgaben aufrecht, um die Märkte des britischen Königreichs zu schützen. Griechenland hat keinerlei Schutz solcher Art.

Die Theorie des komparativen Vorteils ist allgemein wahr, berücksichtigt jedoch nicht die zeitlichen Abweichungen, die geopolitischen Folgen der zeitlichen Verzögerungen oder die interne gesellschaftliche Zerschlagung. Deswegen sagten wir, sie ist sowohl richtig als auch unvollkommen. Und deswegen leidet auch die Europäische Union – so sehr sie auch in ihrer einfachsten Bedeutung inspiriert worden sein mag – unter Abweichungen bei der Geschwindigkeit, mit der die Nationen Reichtum konzentrieren, hat Nationen, die sich nicht so verhalten, wie sie es gemäß der Theorie sollten, und schafft geopolitische Ungleichheiten und gesellschaftliche Zerschlagung intern. Thema ist nicht das Funktionieren des freien Handels Thema ist, dass er unwillkürliche Folgen hat.

„Sturm und Angst“ bezüglich der griechischen Verschuldung und der Zukunft des Euro verlieren deswegen wohl den Sinn. Der grundsätzliche Punkt ist, dass die Folgen des freien Handels nicht immer positiv sind. Es ist nicht klar, wie Griechenland sich ohne die Schutzmaßnahmen erholen können wird, die Deutschland oder die USA während der Perioden ihrer frühen Entwicklung hatten. Und da die Nationen das tun, was sie tun müssen, ist nicht der Euro, sondern der freie Handel das Problem.

Und das ist, was Deutschland fürchtet. Es ist ein Land, das exportiert, was es konsumiert, und die Hälfte davon geht in die europäische Freihandelszone. Für seinen Wohlstand braucht es die Freihandelszone mehr als jeder andere. Aus diesem Grund ist es – so sehr die Deutschen auch protestieren mögen – nicht der Grexit, den sie fürchten, sondern eine Anhebung der Zölle. Die Europäische Union gestattet bereits signifikante landwirtschaftliche Zölle und Subventionen. Wenn sie auch für Griechenland breitere Zölle gestatten wird, wo wird dies enden? Und wenn sie es nicht macht und Griechenland gesellschaftlich zusammenbricht, wo wird das dann enden? Analog zu den Umständen kann der freie Handel wunderschön oder schrecklich sein, manchmal auch beides gleichzeitig.

(Quelle: sofokleous10.gr)

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  1. Gourgai
    3. Mai 2015, 17:59 | #1

    Eine theoretisch interessant aufbereitete Analyse von Phänomenen, die man unter anderen Stichwörtern schon kennt. Die Frage der Ungleichzeitigkeit von Handelsvorteilen verweist auf die immer wieder vorgebrachte These vom Europa der zwei Geschwindigkeiten. Der komparative Vorteil, den sich Deutschland nicht zuletzt unter der Bedingung von Lohndumping erarbeitet hat, oder allgemeiner gesagt: die Tüchtigkeit der Deutschen fällt ihnen selbst auf den Kopf, denn es genügt immer weniger, technisch hochwertige Produkte zu erzeugen, wenn nicht auch zugleich die Finanzierung des Absatzes dieser Güter mitgeliefert wird, wobei es gerichtsanhängig ist, dass bei diesem Vorgang Schmiergeldzahlungen involviert sein könnten bzw. gewesen sind.
    Für Griechenland zeigen sich – unabhängig von der Lösung der Schuldenproblematik – komparative Vorteile jedenfalls im Bereich des auch kurzfristig weiter entwickelbaren Tourismus, mittel- und längerfristig im Auf- und Ausbau nachhaltiger Energieerzeugung, nicht zuletzt um den enormen Kosten des Imports konventioneller Energieträgern entgegenzuwirken.

  2. Werner Titz
    5. Mai 2015, 17:49 | #2

    Dem manischen Exportdrang Deutschlands waren und sind Überlegungen wie die des komparativen Vorteils anderer Länder fremd. Deutschland wollte im eigenen Land bei den eigenen Wählern damit Punkten, zu den Exportkaisern zu gehören, und damit die eigene Niedriglohnpolitik rechtfertigen. Da spielte es für die deutsche Politik keine Rolle, ob ein Land zur eigenen Währungsgemeinschaft gehört oder nicht, und das Bewusstsein, dass jeder Überschuss automatisch für andere ein Defizit ist, gab und gibt es auch heute noch nicht.

    Jeder, der regelmäßig nach Griechenland kommt, kann das auch im Alltag feststellen. Schon seit Jahren sind viele griechische Lebensmittel aus den Regalen der Mini-Markets und der Supermärkte verschwunden und durch deutsche ersetzt. Richtig griechischen Joghurt und originale Käsesorten bekommt man fast nur noch auf den Bauernmärkten, im Handel wurden sie von deutscher Industrieware verdrängt, wobei oft die Verpackung vortäuscht, es würde sich um ein griechisches Produkt handeln, zur Täuschung auch noch in ‚griechischer‘ Verpackung, auf der bei Lidl ein Kreter mit weißem Bart für dieses ‚Originalprodukt‘ wirbt.

  3. anton
    9. Mai 2015, 22:02 | #3

    Das stimmt nicht ganz. Deutschland war schon 1959 wieder 2. stärkste Industrienation. Im 19. Jahrhundert war es in vielen Dingen den Amerikanern weit voraus.

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