Grexit, Freihandel und Deutschlands wahre Ängste

3. Mai 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 3.276

Deutschland benötigt den europäischen Binnenmarkt mehr als jeder andere und fürchtet sich in Wirklichkeit nicht vor einem Grexit, sondern vor Abgaben und Zöllen.

Die griechische Krise bergt sich auf ihren Höhepunkt zu. Das Thema ist in Wirklichkeit reichlich simpel. Die griechische Regierung schuldet den europäischen Institutionen und dem Internationalen Währungsfonds eine große Menge Geld.

Griechenland sammelte diese Verschuldung allmählich an, jedoch wird es für das Land immer schwieriger, der Tilgung nachzukommen. Der IWF und die europäischen Institutionen haben gesagt, die Kredite an Griechenland nicht weiter auszuweiten, wenn es seine Raten nicht bedient Griechenland muss eine Berechnung anstellen. Wenn es die Kredite abzahlt und mehr Finanzierung erhält, wird dies besser sein als sie nicht zu bezahlen und von neuen Krediten ausgeschlossen zu werden?

Griechenland könnte Schulden in Drachmen bezahlen

Die Frage ist offensichtlich komplexer. Es ist nicht klar, dass die Griechen von neuen Krediten ausgeschlossen werden, wenn sie sich zu zahlen weigern. Erstens könnte die andere Seite bluffen, wie sie es auch in der Vergangenheit getan hat. Zweitens, wenn Griechenland den kommenden Ratenzyklus bedient und die nächste Tranche der Finanzierung bekommt, ist dies möglicherweise einfach nur eine Verlängerung der Situation? Korrigiert dies das Problem Griechenlands, das darin besteht, dass die Struktur der Verschuldung nicht tragfähig ist? In einer Argentinien und die American Airlines umfassenden Welt haben wir gelernt, dass der Bankrott und das Fehlen des Zugangs zu den Finanzmärkten nicht zwangsläufig miteinander einhergehen müssen.

Um zu verstehen, was geschehen kann, haben wir einen Blick auf Ungarn zu werfen. Ungarn trat nicht dem Euro bei und seine Währung, der Forint, hatte ihren Wert verloren. Die von den Ungarn aufgenommenen Hypotheken lauteten hauptsächlich auf Euro, Schweizer Franken und Yen und schnellten – in Forint ausgedrückt – in die Höhe und vielen Ungarn drohte die Pfändung von Seite der europäischen Banken. In einem komplexen Zug gab die ungarische Regierung bekannt, dass diese Schulden in Forint bezahlt werden. Die Banken gingen zu einem großen Grad die Bedingungen der Premierministers Viktor Orban ein und die Europäische Union nörgelte, akzeptierte es jedoch. Ungarn war nicht das einzige Land, das diesem Problem begegnete, jedoch war seine Reaktion die resoluteste.

Mit einer von Budapest inspirierten Strategie müssten die Griechen Drachmen drucken und bekannt geben (nicht vorschlagen), dass die Verschuldung in dieser Währung bedient werden wird. Der Euro würde weiterhin in Griechenland kursieren und wäre legales Geld, die Regierung würde ihre Schulden jedoch in Drachmen bezahlen.

Die tiefere Frage

Über dieses und andere Szenarien nachdenkend ist die dominierende Frage, ob Griechenland aus der Eurozone ausscheiden oder in ihr verbleiben wird. Vorher gibt es jedoch zwei andere grundsätzliche Fragen. Erstens, wie wird Griechenland – gleich ob innerhalb oder außerhalb des Euro – in diesem Moment seine Schulden bezahlen, ohne ein gesellschaftliches Chaos zu verursachen? Zweitens – und am wichtigsten -, wie wird Griechenland seine Wirtschaft wiederbeleben? Sich von Schuldenrate zu Schuldenrate und von Drohungen Deutschlands und des IWF zu Drohungen Deutschlands und des IWF durchzuwurschteln, mag aus der Ferne betrachtet unterhaltsam sein. Es löst jedoch nicht das wirkliche Problem: Griechenland kann – wie auch andere Länder – unter diesen Umständen nicht als regulärer Staat mit Zusammenhalt existieren, und in der europäischen Geschichte tendieren die langfristigen Fehlfunktionen, zu politischem Extremismus und Instabilität zu führen. Das Thema des Euro mag von Interesse sein, aber die tiefere wirtschaftliche Frage ist von vitaler Bedeutung sowohl für den Schuldner als auch für die Gläubiger.

In unserer Epoche neigen wirtschaftliche und finanzielle Fragen dazu, moralistisch zu werden. Auf der einen Seite verurteilen die Gläubiger die Verantwortungslosigkeit Griechenlands. Die Europäische Union hat die meisten Vorwände aufgegeben, es gehe um eine Kollision zwischen Europäischer Union und Griechenland. Es wird immer offensichtlicher, dass für die Europäische Union viel auf dem Spiel steht – langfristig geht es um ein Thema zwischen Deutschland und Griechenland, kurzfristiger zwischen IWF und Griechenland. Deutschland empfindet, die Griechen versuchen seine gute Absicht auszunutzen, während der IWF ein Modell aufgestellt hat, in dem die Opfer nicht nur eine wirtschaftliche Stimulierung für die Gläubiger, sondern auch eine moralische Forderung sind. Dies ist von Seite Deutschlands und des IWF nicht oberflächlich. Wenn sie Griechenland viele Spielräume lassen, werden andere Schuldner die selben und mehr haben wollen. Gewähren sie Griechenland eine Pause, wird auch Italien eine wollen, und eine Pause Italiens könnte das System zum Untergang bringen.

Auf griechischer Seite trifft die Führung der SYRIZA die Entscheidungen. Diese Führung hat beschränkten Raum für Manöver. Sie gelangte an die Macht, weil die vorherrschenden eurokratischen Parteien ihre Glaubwürdigkeit verloren hatten. Seit 2008 zeigten die griechischen Regierungen, sich mehr mit dem Verbleib in der Eurozone als mit dem Hochschnellen der Arbeitslosigkeit oder dem riesigen Rückgang bei den Gehältern der staatlichen Bediensteten zu beschäftigen. Diese Haltung kann für kurze Zeit funktionieren, wenn sie überhaupt funktioniert. Aus der Sicht des griechischen Volkes funktionierte sie nicht. Viele Griechen sagen, nicht sie hätten sich die Gelder geliehen und sie hätten keinerlei Kontrolle darüber gehabt, wie sie ausgegeben werden würden. Sie zahlen den Preis für Entscheidungen anderer, auch wenn – um gerecht zu sein – die Griechen diese Parteien wählten. Die Griechen wollen nicht aus dem Euro ausscheiden. Sie wollen den vorherigen Zustand aufrecht erhalten, ohne den Preis zu zahlen. Letztendlich vermögen sie den Preis nicht zu zahlen, womit die Diskussion keinen Sinn hat.

Die griechische Regierung wägt folglich zwei Dinge ab. Erstens, wäre die Deckung der nächsten Rate besser oder schlimmer als der Bankrott? Zweitens, wird die Adoption des Verhaltens der eurokratischen Parteien die SYRIZA intern spalten und zum Aufstieg einer anderen Partei führen? Die deutschen Abwägungen haben sich darauf zu beziehen, inwieweit ein Bankrott von Seite der Griechen – einer, der nicht alles zerstören wird -, Revisionen bei anderen verschuldeten Ländern anstoßen und ein Domino-Phänomen auslösen wird.

Die Zukunft des freien Handels

Das grundlegendste Thema bezieht sich weder auf den Euro noch auf die Folgen eines griechischen Bankrotts. Die zentrale Frage bezieht sich auf die Zukunft der europäischen Freihandelszone. Hauptvoraussetzung der europäischen Vereinigung war, dass die Freihandelszone allen Wirtschaften zugute käme. Wenn diese Voraussetzung nicht oder zumindest nicht immer gilt, wird die gesamte Basis der Europäischen Union in Frage gestellt, wobei das Thema Drachme oder Euro nur eine Fußnote darstellt.

Die Idee, der freie Handel nutze allen Seiten, geht aus einer Theorie des klassischen Wirtschaftswissenschaftlers David Ricardo hervor, dessen Arbeit über die komparativen (Kosten-) Vorteile 1817 veröffentlicht wurde. Er vertritt, der komparative Vorteil gestatte jeder Nation, die Produktion und den Export der Produkte zu verfolgen, bei denen das Land irgend einen – sich aus den Gewinnen ausdrückenden – Vorteil hat, und sogar auch, wenn das Land eine große Bandbreite an Vorteilen hat, wird ihm die Konzentrierung auf die größten von diesen mehr nützen. Da die Länder von ihren größten Vorteilen profitieren, konzentrieren sie sich auf diese und überlassen dabei die kleineren anderen Länder, für welche diese wiederum die größten Vorteile sind.

Dies ist natürlich eine sehr oberflächliche Erklärung der Theorie des komparativen (Kosten-) Vorteils. Es ist jedoch keine Übertreibung, zu sagen, dass diese Theorie den Aufstieg des freien Handels allgemein und spezieller in der Europäischen Union anstieß. Was hier interessiert, sind die Ideologie und der weitere Rahmen, nicht die Details, da wir die Situation Europas zu begreifen versuchen.

Zu Beginn, das Gesetz der komparativen Vorteile bedeutet nicht, dass jedes Land gleichermaßen gut fährt. Es bedeutet einfach nur, dass jedes Land unter den gegebenen geographischen und bildungsbezogenen Einschränkungen damit so gut wie möglich fahren wird. Und dies ist der Punkt, wo Ricardos Theorie gleichzeitig die Politik des modernen Handels bewegt und das zentrale Problem für die Europäische Union darstellt. Die Theorie macht keinen Fehler. Sie ist jedoch unvollständig, da sie die Nation (oder das Unternehmen) als eine einheitliche Körperschaft und nicht als Gebilde betrachtet, die aus getrennten und unterschiedlichen Interessen bestehen. Es gibt drei Probleme, die sich aus der tieferen Wahrheit dieser Theorie ergeben.

Das erste ist die Zeit. Manche Vorteile zeigen sich schnell. Gewisse andere benötigen viel Zeit. Analog zu dem Wert des Vorteils, den jeder hat, werden manche aus dem freien Handel schnell und sehr reich werden, während andere es weniger gut schaffen und viel Zeit brauchen. Aus wirtschaftlicher Sicht können sich hier Folgestrategien zur Verbesserung zeigen, aus einer allgemeineren Sicht schafft diese Unterscheidung jedoch die beiden anderen Probleme des Gesetzes des komparativen Vorteils.

Das erste von diesen ist das Problem der geopolitischen Folgen. Die wirtschaftliche Macht ist nicht die einzige Art existierender Macht. Die ungleichen Rhythmen wirtschaftlichen Wachstums machen die sich schneller entwickelnden Wirtschaften mächtiger als die sich langsamer entwickelnden. Diese Macht ist sowohl politisch als auch militärisch und kann zusammen mit dem wirtschaftlichen Vorteil genutzt werden, die Nationen nicht nur in unterlegene Positionen, sondern auch in Positionen zu zwingen, in denen ihr komparativer Vorteil noch mehr gemindert wird. Dies muss nicht obligatorisch angestrebt sein. Die Maximierung des komparativen Vorteils macht jedoch manche Mächte stärker als andere, und mit der Zeit kann diese Macht die kleineren Mächte auf nicht wirtschaftliche Weise verkrüppeln lassen.

Das letzte Problem ist die interne Verteilung des Reichtums. Die Nationen sind keine unabhängigen Existenzen. Sie bestehen aus eigenständigen menschlichen Wesen, die ihren eigenen Interessen hinterher jagen. Analog zu den internen wirtschaftlichen und politischen Normen existiert keinerlei Garantie, dass es keine riesigen Diskriminierungen bei der Verteilung des Reichtums geben wird, mit wenigen sehr reichen und vielen sehr armen Menschen. Das Gesetz des komparativen Vorteils befasst sich nicht mit diesem Phänomen und folglich wird es nicht mit den Folgen der Ungleichheit in Verbindung gesetzt.

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  1. Gourgai
    3. Mai 2015, 17:59 | #1

    Eine theoretisch interessant aufbereitete Analyse von Phänomenen, die man unter anderen Stichwörtern schon kennt. Die Frage der Ungleichzeitigkeit von Handelsvorteilen verweist auf die immer wieder vorgebrachte These vom Europa der zwei Geschwindigkeiten. Der komparative Vorteil, den sich Deutschland nicht zuletzt unter der Bedingung von Lohndumping erarbeitet hat, oder allgemeiner gesagt: die Tüchtigkeit der Deutschen fällt ihnen selbst auf den Kopf, denn es genügt immer weniger, technisch hochwertige Produkte zu erzeugen, wenn nicht auch zugleich die Finanzierung des Absatzes dieser Güter mitgeliefert wird, wobei es gerichtsanhängig ist, dass bei diesem Vorgang Schmiergeldzahlungen involviert sein könnten bzw. gewesen sind.
    Für Griechenland zeigen sich – unabhängig von der Lösung der Schuldenproblematik – komparative Vorteile jedenfalls im Bereich des auch kurzfristig weiter entwickelbaren Tourismus, mittel- und längerfristig im Auf- und Ausbau nachhaltiger Energieerzeugung, nicht zuletzt um den enormen Kosten des Imports konventioneller Energieträgern entgegenzuwirken.

  2. Werner Titz
    5. Mai 2015, 17:49 | #2

    Dem manischen Exportdrang Deutschlands waren und sind Überlegungen wie die des komparativen Vorteils anderer Länder fremd. Deutschland wollte im eigenen Land bei den eigenen Wählern damit Punkten, zu den Exportkaisern zu gehören, und damit die eigene Niedriglohnpolitik rechtfertigen. Da spielte es für die deutsche Politik keine Rolle, ob ein Land zur eigenen Währungsgemeinschaft gehört oder nicht, und das Bewusstsein, dass jeder Überschuss automatisch für andere ein Defizit ist, gab und gibt es auch heute noch nicht.

    Jeder, der regelmäßig nach Griechenland kommt, kann das auch im Alltag feststellen. Schon seit Jahren sind viele griechische Lebensmittel aus den Regalen der Mini-Markets und der Supermärkte verschwunden und durch deutsche ersetzt. Richtig griechischen Joghurt und originale Käsesorten bekommt man fast nur noch auf den Bauernmärkten, im Handel wurden sie von deutscher Industrieware verdrängt, wobei oft die Verpackung vortäuscht, es würde sich um ein griechisches Produkt handeln, zur Täuschung auch noch in ‚griechischer‘ Verpackung, auf der bei Lidl ein Kreter mit weißem Bart für dieses ‚Originalprodukt‘ wirbt.

  3. anton
    9. Mai 2015, 22:02 | #3

    Das stimmt nicht ganz. Deutschland war schon 1959 wieder 2. stärkste Industrienation. Im 19. Jahrhundert war es in vielen Dingen den Amerikanern weit voraus.

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