Wird Griechenland die neue Lehman sein?

28. April 2015 / Aktualisiert: 05. März 2020 / Aufrufe: 3.596

Warum Griechenland zur neuen Lehman werden könnte und die politischen Risiken seines drohenden Bankrotts leichter als die wirtschaftlichen Gefahren einzuschätzen sind.

Erinnern sie sich daran, wie 2008 des Finanzministerium der USA beschloss, als Exempel für die anderen die Lehman Brothers zusammenbrechen zu lassen, und danach entdeckte, dass auch die übrigen zusammenbrachen? Nun versuchen Deutschland und die anderen Mitglieder der Eurozone diesen genialen Trick mit Griechenland zu reproduzieren.

Wenn Sie herauszufinden suchten, wo der nächste finanzielle Zusammenbruch beginnen wird, brauchen Sie nicht weiter zu suchen. Das Wahrscheinlichste ist, dass er jederzeit in Europa beginnen wird. Und wenn dies geschieht, könnten die politischen Folgen schlimmer sein als beim vorherigen Mal.

Politische und wirtschaftlich Risiken eines Grexit’s

 So merkwürdig es auch sein mag, die politischen Risiken sind leichter einzuschätzen als die wirtschaftlichen. Die Gefahr eines griechischen Bankrotts oder Ausscheidens aus dem Euro: Wenn nach dem „Verriss“ der alten institutionellen Parteien die in der neuen Regierung dominierende linke Partei – also die Syriza – ebenfalls „abgesägt“ wird, ist die zunehmende Gefahr die faschistische Alternative, sprich die Chrysi Avgi.

Im weiteren Verlauf weiten sich die politischen Gefahren schnell auf Frankreich aus, das derzeit das furchterregendste Land in Europa ist. Die 25%, die bei den Demoskopien die immigranten- und europafeindliche Nationale Front der Marine Le Pen hat, rufen bereits Schrecken hervor. Stellen Sie sich jedoch vor, was eine neue politische und wirtschaftliche Krise in Europa für Frau Le Pen zu bewirken vermag: ihre Chancen, 2017 Präsidentin Frankreichs zu werden, würden steil ansteigen.

Eine weitere Gefahr ist, dass das Banksystem Europas verwundbar bleibt und nicht geklärt und gestärkt worden ist, wie es seit 2008 mit dem amerikanischen Banksystem geschah. Solange die Europäische Zentralbank bereit und in der Lage ist, Geld zu drucken um dem Banksystem Liquidität zu bieten, wird dies weiterhin gelten. Was geschähe jedoch, wenn dies aufhören würde? Und es ist etwas, das geschehen kann, wenn die deutschen Politiker schlimm und streng auf einen griechischen Bankrott reagieren. Dann würden wir wahrscheinlich eine Wiederholung von 1931 erleben, als der Zusammenbruch einer europäischen Bank – der Wiener Kreditanstalt – eine plötzliche Verschlimmerung der Rezession herbeiführte, die Amerika und Europa ergriffen hatte. Heute sind wir alle miteinander verknüpft.

Die Realität macht ein beruhigendes Märchen zunichte

Vor nicht langer Zeit erschienen die Dinge nicht so. Im Januar 2015, als die griechischen Wähler die SYRIZA mit einem Auftrag wählten, eine bessere Vereinbarung mit den Gläubigern in der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds bezüglich der voluminösen öffentlichen Verschuldung zu erreichen, war die geliebte Parabel der Kommentatoren das Feiglingsspiel (Chicken Game). Griechenlands photogener Premierminister Alexis Tsipras und spezieller der – vormals Wirtschaftsprozessor und derzeit Sexsymbol – Finanzminister Yanis Varoufakis verhandelten hart, und ihre deutschen Amtskollegen Angela Merkel und Wolfgang Schäuble verhandelten ihrerseits ebenfalls hart.

Jedoch nahmen alle an, dass es letztendlich einen Kompromiss und keinen Verkehrsunfall geben würde. Der Euro würde überleben. Griechenland würde nicht pleite gehen, alle würden so tun, als ob es weiterhin seine öffentlichen Schulden (derzeit 170% des BIP) abzahlen würde, und heimlich hätte es irgend eine wirtschaftliche Hilfe erhalten. Dies hätte Zeit für die griechische Wirtschaft gewonnen, um zu starten und sich schneller zu entwickeln und dabei das griechische Volk davon zu überzeugen, Reformen wie die Privatisierungen zu akzeptieren. Die Beschleunigung der Konjunktur wiederum hätte die Bürger Deutschlands davon überzeugt, dass das Land, das sie vorher als nutzlos und als Land der Faulpelze betrachteten, sich an die Regeln hält. Es wären diverse Gelder bereitgestellt worden um bei dem Übergang Griechenlands von einem müßiggehenden Parasiten zu einer modernen wettbewerbsfähigen Nation zu helfen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Es war ein beruhigendes Märchen. Nun, drei Monate später, schickt sich jedoch die Realität an, sich durchzusetzen. Der „Crash“ erscheint immer wahrscheinlicher. Und das Erschreckendste ist, dass beide Fahrer zeigen, ihn womöglich sogar auch zu wollen. Was bedeutet, dass beide annehmen, die politischen und wirtschaftlichen Folgen Griechenlands Bankrotts oder Ausscheiden aus dem Euro – oder beides – wären erträglich oder sogar der Mühe wert.

Beide Seiten scheinen in der Falle zu sitzen

Es wird erfreulich sein, wenn diese pessimistische Analyse sich als falsch erweist und sich irgend ein Kompromiss abzeichnet. Der Grund, aus dem dies in diesem Moment jedoch unwahrscheinlich erscheint, ist nicht nur, dass es kein Anzeichen gibt, dass dies geschehen wird: es ist die Natur der Verhandlungen auf allen Ebenen. Der Anlass für den Pessimismus in Zusammenhang mit dem Kompromiss ist, dass – während die Zeit verstrichen ist – beide Seiten sich mit weniger und nicht mehr Spielräumen für Manöver wiedergefunden haben. Beide scheinen in der Falle zu sitzen.

Griechenland hat außerdem seit dem Beginn der internationalen Finanzkrise im Jahr 2008 einen außerordentlichen wirtschaftlichen und politischen Schock erlitten. Seine klientelorientierte, übertriebene politische Kultur, die im übrigen niemals ein Geheimnis darstellte, kollidierte mit einem Hindernis: das Geld ist ausgegangen. Das Resultat war der (erneute) Zusammenbruch des BIP über mehr als ein Quartal und ein steiler Anstieg bei der Arbeitslosigkeit auf fast 30% der Arbeitskräfte sowie eine ungeheure fiskalische Kontraktion.

Die Frage für die neue SYRIZA-Regierung war von Anfang an: was können wir mehr tun? Auch wenn dies nicht die Frage war, die Herr Tsipras bei den Wahlen im Januar 2015 stellte. Was er hinterfragte, war, wie lange vermögen wir noch zu leiden? Und die Antwort lautete: bitte nicht mehr länger, jedoch würden wir im Euro bleiben wollen, weil obwohl das Ausscheiden uns zwar helfen könnte, die Gefahren, falls wir es tun würden, mehr sind als wir aushalten möchten. Wir danken Ihnen, dass Sie sich um unser Wohl sorgen, jedoch würden wir vorziehen, nicht mehr Instabilität und Unheil zu riskieren als wir bisher durchmachten.

Die Aufgabe der SYRIZA war demnach praktisch unmöglich. Sie war, Griechenland im Euro zu halten, jedoch ohne neue schmerzhafte Kürzungen bei den Ausgaben und Senkungen der Löhne. Die Wähler sagten, es nicht mehr auszuhalten. Sie wollten im Euro bleiben und irgend eine Hoffnung finden. Die SYRIZA erbot sich, ihnen die Hoffnung zu geben. Und dann prallten sie gegen eine Wand, errichtet von den Nationen der Gläubiger der Eurozone, unter Deutschlands Leitung: es würde keinerlei Nachgeben gewährt werden. Warum nicht? Weil die inländische öffentliche Meinung es nicht gestatten würde, da die deutschen Wähler den Versprechungen der griechischen Regierung nicht mehr glaubten.

Die Gläubiger sagten, gebt uns einen klaren, detaillierten Plan mit Reformen zu Gunsten des Aufschwungs, dann können wir diskutieren, anderenfalls habt ihr eure bestehenden Verpflichtungen umzusetzen. Und an diesem Punkt offenbarte sich die Falle. Die SYRIZA wusste, aus internen Gründen Wege finden zu müssen um ihren Wählern mit mehr Ausgaben Linderung zu verschaffen. Deutschland wusste, dass unter den deutschen Wählern das Vertrauen gegenüber Griechen praktisch inexistent war und das Vertrauen gegenüber den linksgerichteten Griechen noch geringer sein würde.

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  1. os
    28. April 2015, 10:53 | #1

    Eine Währungsunion funktioniert nur, wenn sich alle an Regeln halten und es eine kolektive Verantwortung für Schulden geben wird. Dies ist wenn man die Äußerungen in der letzten Zeit, auch aus der BRD hört, auch geplant. Griechland sird dies aber nicht helfen. Seine Schulden wird es zurückzahlen müssen. Dies haben die Regierungen den 98% anderen Europärer versprochen. Auch diese Regierungen wollen wiedergewählt werden.
    Darüber hinaus gibt es ein riesiges Kommunikationsproblem. Der derzeitigen griechischen Regierungen ist glaube ich nicht klar, welchen kommunikativen Gau insbesondere in Deutschland angerichtet hat. Hier geht es nicht um das saloppe Auftreten, sondern um die Sprachwahl. Zumal 90% der Gelder für Griechenland ebenfalls für die Banken eingesetzt wurde.

  2. Gert
    28. April 2015, 16:05 | #2

    Eine kollektive Verantwortung für Schulden wird es sehr lange nicht geben. Dazu müssen erste Referenden abgehalten und Verträge geschlossen werden. Sofern das überhaupt die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung findet.

  3. Omnipraesent
    29. April 2015, 12:21 | #3

    ZU diesem Artikel faellt mir ein Oximoron von Frau Merkel ein, die da sagte: „Wir sind offen fuer Anregungen, Impulse, die uns helfen Deutschland zu verbessern, denn wir wollen, dass Deutschland so bleibt wie es ist.“ Das gleiche scheint EuropaEU / Bruessel zu wollen, naemlich, es soll alles so bleiben wie es ist.

  4. b. obachter
    30. April 2015, 13:37 | #4

    Wenn der griech. Staat seine Rentner und Beamten weiterhin mit Euros bezahlen will, ist er auf ein drittes Hilfspaket angewiesen. Wenn sich die griech. Politik aber nicht zügig radikal ändert, werden kleine, weniger reiche Euro-Geberländer (wie Slowenien, Slowakei und die drei balt. Länder) sich einem dritten Hilfspaket verweigern, so dass dieses nicht zustande kommt. Die Minimallösung ist dann, dass der griech. Staat seine Rentner und Beamten in einer Parallelwährung bezahlt, die sich als recht wertlos herausstellen wird. Die von staatl. Zahlungen Abhängigen werden somit als erstes und am heftigsten für die griech. Politik bluten.

  5. h.kuebler
    30. April 2015, 14:22 | #5

    Eine kollektive Verantwortung für die Schulden Griechenlands wird es nicht geben, wenn damit gemeint sein sollte, dass die Euroländer die griechischen Schulden übernehmen. Weder die kleinen Euroländer, die selbst wirtschaftlich nicht gerade rosig dastehen, werden zustimmen. Noch die großen wie Deutschland, Frankreich, Italien, denn auch diese Regierungen müssten das ihrer Bevölkerung erklären. Zum Teil, z.B. in Deutschland, müsste das Parlament zustimmen. Nachdem in Deutschland aber lt. Umfrage 90 Prozent der Menschen dagegen sind, sind die Parlamentarier (plus Regierung) naturgemäß wenig begeistert. Sie alle wollen schließlich wiedergewählt werden.

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