Heimliche Liebe Londons – New Yorks zu Tsipras in Griechenland

4. Januar 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 1.159

Trotz der internationalen Panikmache scheinen gewisse Investoren eine linke SYRIZA- Regierung in Griechenland nicht mehr zu fürchten.

Ihr Programm ist noch schlimmer als der Kommunismus„: so hatte ein Funktionär der Capital Management die Präsentationen des Programms der SYRIZA in der City of London etliche Tage vor der am 29 Dezember 2014 erfolgten Ankündigung vorgezogener Neuwahlen in Griechenland kommentiert.

Nun beginnt sich jedoch hinreichend klar abzuzeichnen, dass die beiden großen internationalen Finanzzentren London und New York das Thema SYRIZA überdenken und bestimmte ernsthafte Kapitalverwalter – anstatt von dem Programm der SYRIZA in Angst und schrecken versetzt zu werden – … sich in Griechenland einzukaufen beginnen.

Tsipras hat jeden Grund, nur kosmetische Änderungen auszuhandeln

Gewisse Investoren ängstigt die SYRIZA nicht mehr„, lautet der charakteristische Titel einer ausgedehnten Reportage der „Financial Times“ (FT), worin unter vielem anderen angemerkt wird, dass die Wellington Management erst vor wenigen Tagen bekannt gab, 5% der EXAE erworben zu haben – also einer die griechische Börse verwaltenden Gesellschaft, deren Aktienkurs immer die breiteren Tendenzen des Börsenmarkts reflektiert. Es ist anzumerken, dass die Wellington Management nicht irgendein Investmenthaus ist. Sie wurde 1929 in New York gegründet, brachte den ersten gemischten Investment-Fonds auf den Markt, ist international präsent und verwaltet Kapital von über 900 Mrd. Dollar.

Wie die FT anmerkt, meinen die Nonkonformisten des Markts, welche die vorherrschende Meinung anzweifeln, die SYRIZA werde Griechenland sogar auch zum Ausscheiden aus der Eurozone führen, eine SYRIZA-Regierung könne schließlich weniger problematisch sein, als sie anfänglich erschien, und letztendlich eine positive Rolle für die gesamte Eurozone haben.

Diese Ansichten fasst der der Leiter des Investment-Sektors der OppenheimerFunds, Krishna Memami zusammen. Wie er sagt, könne Griechenland der Auslöser sein, dass das Austeritäts-Dogma der Eurozone in Frage gestellt wird. Die Austerität ist kontraproduktiv, und aus dem Teufelskreis der Deflation herauszukommen, bedarf es volkswirtschaftlicher Flexibilität. Portugal stellt das Thema nicht, sagt Memani, und auch nicht Spanien oder Italien. Die Griechen sind inzwischen dermaßen verzweifelt, dass sie es in den Vordergrund bringen, und möglicherweise schaffen sie es, diesmal mehr Unterstützung zu erhalten.

Ein Funktionär der Evercore meint, Tsipras werde sich pragmatischer erweisen als es die ältere Rhetorik der SYRIZA vermuten lässt. Tsipras habe inoffizielle Kanäle der Kommunikation mit Berlin, Paris und Frankfurt geöffnet und jeden Grund, nur kosmetische Änderungen im Programm Griechenlands auszuhandeln und auf den Aufschwung der Wirtschaft „aufzuspringen“, anstatt sie zum Entgleisen zu bringen.

Ein Manager der Invesco notiert in der selben Reportage die letzten Bemühungen des Alexis Tsipras, sich zu Positionen der Mitte zu bewegen. „Sie werden private Investoren brauchen, besonders, wenn sie beschließen, die Defizite wieder zu erhöhen„, äußert der selbe Manager, die Wende der SYRIZA zu gemäßigteren Positionen erklärend.

Vorherrschaft Deutschlands beunruhigt Washington und London

Neben dieser Reportage, die ein völlig anderes Klima als die vorherrschende panikschürende Tangierung der politischen Entwicklungen vermittelt, gibt es in den letzten Tagen viele Kommentare und Leitartikel in der „Financial Times“ und bei „Bloomberg“, worin anlässlich der aktuellen Entwicklungen in Griechenland betont wird, es sei an der Zeit, dass Europa das (deutsche) Dogma der Austerität aufgibt, das explosive gesellschaftliche und politische Reaktionen hervorruft. Ebenfalls wird in den Artikeln dieses „Schubs“ unterstrichen, es sei logisch, dass ein „Schnitt“ der griechischen Verschuldung verlangt wird, und die europäischen Regierungen schulden, Initiativen in diese Richtung zu ergreifen.

Diese Positionen geben nicht nur die in den beiden Top-Finanzzentren des Planeten angestellten Überlegungen, sondern auch die politischen Positionen der angelsächsischen Welt bezüglich der Entwicklungen in Europa wieder. So sehr sie auch vermeiden, es offiziell zu erklären, sind Washington und London ernsthaft über die Vorherrschaft Deutschlands in der Eurozone und die Richtungen beunruhigt, die es mit seinen dogmatischen Ansichten über die Austerität vorgibt.

Höchstwahrscheinlich beobachten also nicht nur die Kapitalverwalter, sondern auch die politischen Führungen der angelsächsischen Welt den Kurs der SYRIZA an die Macht mit Interesse: Bringt eine griechische Regierung offiziell das Verlangen nach einer Schuldenstreichung auf den Tisch, wird dies Washington und London einen wunderbaren Anlass liefern, auch mittels des Internationalen Währungsfonds anzustreben, den Fels der deutschen Wirtschaftsdogmen zu versetzen.

(Quelle: sofokleous10.gr)

Relevante Beiträge:

  1. Ronald
    4. Januar 2015, 02:59 | #1

    Ich weiss nicht …. sind London und Washington die geeigneten Ratgeber, wenn es um das Wohl und Wehe Europas geht? Die einen sind in wirtschaftlicher wie oftmals politischer Hinsicht Konkurrenten Europas, die anderen eher Austritsskandidaten und erklärte Gegner eines geeinten und vor allen Dingen handlungsfähigen Europas. Gute Ratschläge aus Washington und Londo in Bezug auf Europa sind mir jedenfalls mangels gemeinsamer Interessenlage herzlich schnuppe.

  2. Marie
    5. Januar 2015, 00:46 | #2

    Naja, Deutschland war jedenfalls bisher kein guter Ratgeber, hat es doch nur in Eigeninteresse gehandelt. Deutschlands Wirtschaft boomt, während man in Südeuropa kaum von Erfolgen durch die sog. „Reformen“ reden kann, auch wenn das immer wieder mit verdrehten Statistiken so konstruiert wird. Die Arbeitslosenzahlen in Spanien, Italien und Portugal sind und bleiben erschreckend hoch, es gibt keine Aussicht auf Veränderung. Deutschland beabsichtigt in Griechenland große Projekte, wie z.B. der Bau der Pipeline TAP oder die Übernahme der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft OTE sowie zahlreiche Infratsrukturprojekte, v.A. Autobahnen und Bahnlinien. Hier geht es um hunderte Millarden, außerdem um geostrategische Einflussnahme. Deutschland möchte wieder mitmischen auf internationalem Parkett – sicherlich nicht nur von Kapitalinteressen, sondern auch von traditionellem Großmachtstreben getrieben.

  3. LiFe
    5. Januar 2015, 10:52 | #3

    Ich kann mir vorstellen, dass starke EU-Länder gegenüber schwachen EU-Länder als hartnäckige Verhandlungspartner auftreten. Sie rufen unerbittlich: „Regeln seien einzuhalten! Vertrag ist Vertrag!“ Die Griechen suchen Mittel und Wege, wie sie sich wirtschaftlich einbringen können um endlich Zinsen und Zinsenzins aufbringen zu können. Ein Teufelkreis nimmt kein Ende. Da wünscht man als neutraler Beobachter Griechenland Glück und Wunder.

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