Mad as Hellas

24. Dezember 2014 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 1.976

Paul Krugman fragt sich, ob aus der erneuten Krise in Griechenland wenigstens diesmal die richtige Lehre gezogen werden wird.

Die griechische Fiskalkrise brach vor fünf Jahren aus und ihre Auswirkungen verursachen Europa und der Welt weiterhin ernsthaften Schaden. Ich beziehe mich jedoch nicht auf die Nebenwirkungen, die Sie im Sinn haben – Ausweitung des Niveaus der Rezession der großen Krise Griechenlands oder wirtschaftliche „Infizierung“ anderer Schuldner.

Das katastrophalste Resultat der griechischen Krise war, dass sie die Wirtschaftspolitik verzerrte, da – angeblich – ernsthafte Menschen aus aller Welt sich sputeten, die falsche Lehre zu ziehen. Jetzt scheint Griechenland sich wieder in einer Krise zu befinden. Werden wir diesmal die richtige Lehre ziehen?

Griechenland stellte eine Warnung an die übrigen Länder dar

Was bei dem vorherigen Mal geschah, war – wie Sie sich vielleicht erinnern – die Ausnutzung des Leidens Griechenlands, damit sich das wirtschaftliche Thema ändert. Plötzlich hatten wir uns alle mit den Haushaltsdefiziten zu beschäftigen, selbst wenn die Finanzierungskosten sich auf historisch niedrigen Niveaus befanden, und mit der Reduzierung der staatlichen Ausgaben, trotz der Massenarbeitslosigkeit. Weil, wenn wir dies nicht täten, wir jederzeit zu einem Griechenland werden könnten. „Griechenland stellt eine Warnung dafür dar, was in den Ländern passiert, die ihre Seriosität verlieren„, betonte der britische Premierminister David Cameron, während er 2010 Austeritätspolitiken bekannt gab. „Wir befinden uns auf dem selben Weg mit Griechenland„, erklärte der Sprecher Paul Ryan, der in dem m selben Jahr Vorsitzender des parlamentarischen Haushaltsausschusses wurde.

Die Wahrheit ist, dass Großbritannien und die USA, die sich in ihrer eigenen Währung Geld leihen, in nichts Griechenland ähneln. Wenn Sie dies 2010 glaubten, hätten die unglaublich niedrigen Zinssätze und die niedrige Inflation Sie mit den Jahren überzeugt haben müssen. Und das Beispiel Griechenlands und der anderen europäischen Länder, die verpflichtet wurden, strenge Austeritätsmaßnahmen zu ergreifen, hätte Sie ebenfalls überzeugen müssen, dass die Kürzung der Ausgaben in einer rezessiven Wirtschaft eine schlechte Idee ist, wenn sie vermieden werden kann. Dies gilt auch für die angeblichen „Success Stories“ – Irland beispielsweise hat wieder ein Wachstum, jedoch weiterhin fast 11% Arbeitslosigkeit und die doppelte Quote unter jungen Menschen.

Auch die Verwüstung in Griechenland stellt ein furchterregendes Schauspiel dar. Diverse Publikationen vertreten, das Land sei ein „Simulant“, der die harten Maßnahmen ablehnt, welche sein Zustand erfordert. In Wirklichkeit hat es ungeheure Angleichungsmaßnahmen umgesetzt – indem es stark die Beschäftigung und Bezüge im öffentlichen Dienst reduzierte, die öffentlichen (Sozial-) Programme beschnitt und die Steuern erhöhte. Um sich eine Vorstellung von dem Grad der Austerität zu machen: er entspräche der Umsetzung einer Senkung der Ausgaben und Erhöhung der Steuern in Höhe von jährlich 1 Billiarde Dollar in den USA. Parallel sind die Löhne auf dem privaten Sektor „versenkt“ worden. Und trotz all diesem bleiben ein Viertel der Arbeitskräfte Griechenlands und die Hälfte der jungen Leute arbeitslos.

Gleichzeitig hat sich die Lage der Verschuldung Griechenlands verschlimmert, mit dem Verhältnis der öffentlichen Verschuldung zu dem BIP auf Rekordhöhe – hauptsächlich wegen eines gesunkenen BIP und nicht einer gestiegenen Verschuldung – und dem Auftreten eines großen Problems privater Verschuldung, dank der Deflation und der Krise. Es gibt auch gewisse positive Punkte: die Wirtschaft wächst wieder etwas, hautsächlich dank der Wiederbelebung des Tourismus. Allgemein sind jedoch Jahre des Elends mit einem sehr geringen Resultat verstrichen.

SYRIZA ist im Vergleich zu anderen radikalen Gruppierungen harmlos

Das Bemerkenswerte mit all diesem als gegeben ist die Bereitschaft der griechischen Bürger, die Positionen der politischen Welt zu akzeptieren, die Strapazen seien erforderlich und werden schließlich zu einem Aufschwung führen. Und die in den letzten Tagen in Europa in Erscheinung getretenen Neuigkeiten sind, dass die Griechenland möglicherweise an ihren Grenzen angelangt sind. Die Einzelheiten sind komplex, grundsätzlich versucht die gegenwärtige Regierung jedoch ein reichlich verzweifeltes politisches Manöver, um die allgemeinen Wahlen hinauszuschieben. Und wenn es ihr misslingt, wird der Sieger dieser Wahlen die SYRIZA sein, eine Partei der Linken, die eine Neuverhandlung der Austeritätsprogramms gefordert hat, was zu einem Bruch mit Deutschland und dem Ausscheiden aus dem Euro führen könnte.

Der signifikante Punkt ist hier, dass es nicht nur die Griechen sind, die außerordentlich verärgert sind und es nicht mehr aushalten. Sehen Sie Frankreich, wo Marine Le Pen, Vorsitzender der immigrantenfeindlichen National Front, in den Demoskopien die traditionellen Kandidaten sowohl der Rechten als auch der Linken übertrifft. Sehen Sie Italien, wo ungefähr die Hälfte der Wähler radikale Bewegungen wie Northern League und Five-Star Movement unterstützen. Sehen Sie Großbritannien, wo sowohl immigrantenfeindliche Politiker als auch schottische Autonomisten die politische Ordnung bedrohen.

Es wäre fürchterlich, wenn – überraschenderweise mit Ausnahme die SYRIZA, die relativ harmlos erscheint – irgendeine dieser Gruppierungen es schaffen würde, an die Macht zu kommen. Es existiert jedoch ein Grund, aus dem sie sich im Aufstieg befinden. Dies geschieht, wenn eine Elite ihren Anspruch auf die Macht einfordert, basierend auf ihrer angeblichen Qualifizierung, ihrem Wissen darüber, was zu geschehen hat – und im weiteren Lauf beweist, in Wirklichkeit weder zu wissen, was sie tut, aber auch ideologisch zu verrannt zu sein, um aus ihren Fehlern zu lernen.

Ich weiß nicht, wie sich die Dinge in Griechenland entwickeln werden. In seiner politischen Unruhe existiert jedoch eine wirkliche Lehre, die sehr viel signifikanter ist als die falsche Lehre, die viele aus seinen speziellen volkswirtschaftlichen Leiden zogen.

(Quelle: sofokleous10.gr, Autor: Paul Krugman)

(Hinweis: Die obige Übersetzung basiert primär auf der benannten griechischen Quelle; zum Vergleich ist vorstehend auch die originale Quelle verlinkt.)

Relevante Beiträge:

  1. Andreas Schmidt
    24. Dezember 2014, 10:47 | #1

    Auch Paul Krugman hat sich jahrelang geweigert, das Offensichtliche der Eurokrise zu anerkennen – nämlich – die Wettbewerbsfähigkeit der Euroländer war und bleibt die Ursache der Krise, nicht die Zinsen, Schulden, oder Korruption. Und die Verzerrung der Wettbewerbsfähigkeit ist hauptsächlich durch deutschen Lohndumping unter SPD Kanzler Schröder entstanden. Doch jetzt hat Paul Krugman die deutsche Lohnpolitik als URSACHE der Krise benannt: Being Bad Europeans
    Jetzt sind also alle Rettungsversuche als das entlarvt worden was sie schon immer waren – als Ablenkung von Deutschlands Schuld an der Krise, vom Betrug an Währungspartnern, als Diebstahl von Arbeitsplätzen, als Ausbeutung deutscher Arbeitnehmer. Solange Deutschland sich nicht bewegt und an seinen Exporten und Lohndumping festhält, haben Griechenland und anderen Euroländer keine Chance aus der Krise zu kommen. Die Frage ist: Wie lange halten sie die 30% Arbeitslosigkeit aus?

  2. 24. Dezember 2014, 15:14 | #2

    Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.“ (Otto Valentin, „Warum alle bisherige Politik versagen musste“, 1949)
    Heute muss die Politik noch immer versagen, weil kaum jemand den Zins versteht. Dass Politiker den Zins am allerwenigsten verstehen, ergibt sich aus dem Umkehrschluss: Sobald der Zins allgemein verstanden ist, wird die Politik überflüssig! Das heißt nicht, dass die Menschen überflüssig werden, sondern nur jene tatsächlich sinnfreien Tätigkeiten, die etwas „regeln“ sollen, was nicht geregelt werden kann, solange es sich durch das vom Kapitalismus befreite Spiel der Marktkräfte nicht selbst regelt. Doch so weit zu denken, fällt den Politikern noch schwer, also erklären wir erst einmal den Zins: Der Zins – Mythos und Wahrheit

  3. Peter Poly
    24. Dezember 2014, 15:24 | #3

    Es ist schon verwunderlich , wie unsere Bankenhörigen Politiker unseres angeblich demokratischen Staates derzeit versuchen Ihren Hintern zu retten. Die Schuldigen sind auch schnell gefunden – die angeblich linksradikale Syriza wird die ganze EU ins Verderben stürzen. Viel mehr geht bei unseren Politikern die Angst um, dass der unter den Teppich gekehrte Schmutz wieder hervorkommt.
    Ich fordere alle Wahlberechtigten Griechen auf, die Chance zu ergreifen und Syriza zu wählen. Diese Chance haben wir in DE nicht. Man regiert uns über unsere Köpfe hinweg und zum Wohle der Finanzmafia. Die Griechen haben die letzten fünf Jahre zu viele Entbehrungen bringen müssen. Die alten politischen Eliten in GR sind genauso korrupt wie die meisten EU hörigen Politiker in den anderen EU Staaten und gehören wegen Verbrechen an der Menschlichkeit aus Gewinnsucht ( also aus niederen Instinkten in Form von Habgier ) hinter Gitter.
    Vielleicht wird durch einen Regierungswechsel in GR den Menschen in den anderen EU Ländern die Augen geöffnet. Die einzigen die gewinnen werden sind die einfachen Leute, weil diese schon alles geben mussten und nichts mehr haben was sie verlieren können. Die wo jetzt am lautesten schreien, sind die Strippenzieher und Profiteure dieser Bankenkrise.

  4. h.kuebler
    24. Dezember 2014, 17:13 | #4

    Klingt fast so, als würde man empfehlen, Syriza zu wählen, damit die EU „mal endlich zur Besinnung kommt“. Ob das eine gute Idee ist? Zypern hat auch schon mal versucht, die EU zu erpressen. Ist nach hinten losgegangen. Griechenland krankt nicht an der EU und nicht an Deutschland. Griechenland krankt an seinen reformunfähigen und reformunwilligen Eliten.

    • PeterPoly
      24. Dezember 2014, 19:01 | #5

      Die einzigen, die hier seit Jahren erpressen, sind die antidemokratischen Kräfte in der EU. Wer in der EU das sagen hat, steht wohl außer Frage. Vielleicht sollte man sich den Schuldenstand von GR vor der sogenannten „Finanzkrise“ und den jetzigen anschauen. Wo gingen die Milliarden hin? An die hilfsbedürftigen Menschen in GR oder an die Finanzmafia? Es liegt doch klar auf der Hand, dass von den korrupten Politikern der Geberländer Steuergelder der Bürger veruntreut wurden um die Spekulationen der Bankenmafia zu bezahlen, unter dem Deckmantel der Systemrelevanz. Was für ein System, das der Finanzmafia oder der Spekulanten. Beinahe hätte ich es vergessen – es gibt ja auch noch den normalen Bürger. Nur der hat nichts mehr zu sagen, sondern er wird nur noch als Humankapital aufgeführt. Das Paradebeispiel dazu war Zypern. Da sah man, wie schnell ein Staat abgewickelt werden konnte. Keiner der Reichen verlor etwas dabei. Aufgrund der liebevollen Fürsorge der EU und der bestehenden Seilschaften wurden alle Gelder in Sicherheit gebracht. Wenn man aufgrund dieser Tatsachen von Erpressung spricht, so muss man entweder dumm oder frech sein, gemischt mit einem gestörten Rechtsempfinden.

  5. Athanasios Papapostolou
    24. Dezember 2014, 18:52 | #6

    In Griechenland wurde alles falsch gemacht was falsch gemacht werden konnte. Anstatt Korruption und Nepotismus radikal zu bekämpfen, alle geschlossenen Berufe zu öffnen und eine transparente und menschenfreundliche Bürokratie zu implementieren, wurden plump Löhne gekürzt und absurde Steuern erhoben. Ich kann mich dem vorstehenden Kommentar nur anschließen: „Griechenland krankt an seinen reformunfähigen und reformunwilligen Eliten.“

  6. HJM
    24. Dezember 2014, 23:12 | #7

    Paul Krugmann liebt die Provokation, noch mehr öffentliches Getöse um seine Person, denn das ist gut für seinen Kontostand. Daran sollte man schon denken, wenn man das liest, was er ex cathedra von sich gibt. Die Gründe für das in der Tat höchst unwillkommene Erstarken radikaler Parteien am linken wie am rechten Rand – schön durchgemixt von I über F bis GB – so monokausal zusammenschnurren zu lassen …, … dazu gehört schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit. Kann sein, daß man US-Amerikaner sein muß, um sich dies zu trauen. Was GR angeht: es gibt kaum einen Griechen / eine Griechin, der / die nicht um die bestehenden Defizite wüßte und dies im übrigen auch ausspricht. Nur: alle haben sich jahrzehntelang damit, insbesondere auch mit der oft grotesken Unfähigkeit der vermeintlichen „Elite“ arrangiert. Das lässt sich leider nicht von jetzt auf nachher ändern, sondern braucht Zeit. Viel Zeit!

  7. GR-Block
    25. Dezember 2014, 16:33 | #8

    „Das Volk ist Schuld!“ sagten griechische EURO-Politiker und die EU stimmte eifrig mit ein. Prompt reagierten manche der EU-Untertanen-Völker mit Rassismus. „Es ist ihre Mentalität, ihre Gene. Sie erwarten alles vom Staat, zeigen keine Eigeninitiative, leben von der Wohlfahrt…
    Daraufhin hat das Volk der Unternehmer (jeder dritte Erwerbstätige selbständig) sein großes Vorbild D von der Wand gehängt und wie einst 1981 den Sozialismus gewählt. Folglich sagt die Athener wie auch die Brüsseler EU „der Sozialismus ist Schuld“.
    Die EU möchte, dass der „Simulant“ seine berufliche Selbständigkeit aufgibt und seine Märkte in die europäische Klientelwirtschaft integriert. Das ist die einzige Forderung der Troika, um Kredite zu gewähren. Nicht Umstrukturierung, nicht Austerität stehen auf dem Programm. Die Staatsstruktur bleibt kapitalistisch und die Staatsausgaben gegenüber europäischen Konzernen auf hohem Niveau. Finanziert wird die Krise stattdessen durch die Sparguthaben der sparsamen Bürger. Diese Guthaben fließen natürlich nur dadurch in die europäischen Finanzmärkte ab, dass man die Einkommen UNTER das Existenzminimum senkt. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Griechen ihr Geld abheben und die trockenen Finanzmärkte wieder liquide machen werden. Steuern und Einkommenskürzungen setzen „verkrustete“ Sparguthaben frei und ölen das System.
    Die Absenkung des griechischen BIP ist gewollt. Nur so können Konzerne einbrechen. Damit stabilisieren sie das BIP ihrer Herkunftsländer. Der soziale Frieden in den €-Großmächten ist wichtiger als das Überleben griechischer Selbständigkeit oder gar Wohlstand. Inzwischen arbeiten nur noch 30% der Bevölkerung. Jetzt erst heißt es: „SYRIZA ist im Vergleich zu anderen radikalen Gruppierungen harmlos“ – welch eine Aussage über eine eine Partei, die in der Mitte des Wahlvolkes steht, aber noch nicht in den mächtigen Korruptionsnetzwerken der FUKG-US-Staaten verwickelt ist.

  8. Jipi
    29. Januar 2015, 11:56 | #9

    Das deutsche Volk hat noch nicht bemerkt, dass es ausgebeutet wird durch die neoliberale Politik der CDU. Als Bedingung für ein Hilfspaket war die Privatisierung der Häfen, den Stromlieferanten, Eisenbahn, alles Unternehmen wo auch ein Staat daran verdienen kann. Nicht zu vergessen der Hafen von Piräus, zentraler Umschlagplatz. Ich wünsche der Regierung Tsipras viel Erfolg und hoffe dass dies ein Neuanfang für ein sozialeres Europa wird. Man könnte Bücher über die falsche Politik und Volksverdummung von Angela Merkel schreiben. Herr Tsipras hat etwas gesagt was man sich merken sollte: „Ich will, dass das griechische Volk in WÜRDE leben kann.“ Hoffentlich kapieren es die Spanier Ende dieses Jahres auch.

Kommentare sind geschlossen