Griechenland: Grecovery und die Politik der Selbsttäuschung

5. Dezember 2014 / Aufrufe: 2.321

Die fehlende politische Kapazität in Griechenland

Unter solchen Umständen sucht die griechische Gesellschaft verzweifelt nach einer Rettungschance und ist dementsprechend anfällig für neue kuriose politische Versprechungen. Doch das große Problem ist, dass die politischen Parteien in Griechenland im Prinzip keine bestimmten Politikinhalte verkörpern und damit keine zusammenhängende programmatische Prioritäten, die auf konkrete und zeitnahe wirtschaftliche und soziale Studien fundiert wären.

Dieser Tatbestand beruht darauf, dass der Machtanstieg in Griechenland auf soziale und politische Vielschichtigkeit reduziert ist, sprich auf Parteien, „die im Prinzip für Wähler und Mitglieder aller gesellschaftlichen Schichten und unterschiedlichen Weltanschauungen offen sind“. Otto Kircheiner sprach in dieser Hinsicht von einer Umformung der Massenintegrationsparteien, die in einer Zeit schärferer Klassenunterschiede und deutlicher erkennbarer Konfessionsstrukturen entstanden waren, zu Allerweltsparteien (catch-all partys), zu echten Volksparteien. Die Allerweltsparteien bemühen sich kaum, die Massen geistig und moralisch einzugliedern, und konzentrieren sich primär auf die Wählerschaft. Sie opfern also eine tiefere ideologische Durchdringung für eine weitere Ausstrahlung und einen rascheren Wahlerfolg (12).

Der Machtanstieg basiert in Griechenland in hohem Maße auf klassenspezifische Unklarheit und ideologischer Verschwommenheit. Daher sind seitens der Parteien kaum eine kollektive, direkte und echte Klassenbezogenheit anzutreffen, noch Praktiken und Verpflichtungen im diesem Sinne. Die Verpflichtungen der Parteien in Griechenland gegenüber gewissen Klassen oder bestimmten Interessensgruppen bilden sich eher unter dem Tisch und indirekt heraus und sind an die Reproduktion der Machtelite gekoppelt. Griechenland ist das Land, in dem sich der Klassenkompromiss auf der Hinterbühne des öffentlichen Geschehens herausbildet. Aus diesem Grunde erscheinen im Land selbst die bürgerlichen Machtparteien nicht selten kommunikativ, als Verteidiger der Schwachen, und die sogenannten fortschrittlichen Parteien als Anwälte des Unternehmertums. Ein Durcheinander ohnegleichen.

Welche Partei kennt z. B. wirklich die Probleme der produktiven Klassen in den Grenzgebieten Griechenlands, den abgelegenen ländlichen Gebieten oder den benachteiligten Stadtgebieten? Welche politische Partei kennt das wahre Bild der Marktsituation oder das Ausmaß der Überbesteuerung der Haushalte? Welche Partei ist sich bewusst, wie die Kleinunternehmer ihren Alltag bewältigen oder wie die Obdachlosen um ihr Überleben kämpfen?

Die Periode der Memoranden seit 2010 bewirkte bei den Griechen ein tiefes Gefühl der Abneigung gegenüber den politischen Eliten, gegenüber der EU, manchmal auch gegenüber der deutschen Regierung, den Immigranten, den Gewerkschaftlern, gegenüber dem staatlichen Sektor und den Arbeitgebern. Eine tiefe Legitimationskrise gesellschaftlicher, politischer und kultureller Tragweite. In der Regel warten die Griechen die Entwicklungen mit innerer Wut und in der Tasche geballter Faust ab. Das Eintreten eines wirtschaftlichen Wachstums von allein, ohne nennenswerte Verbesserungen im Alltag und ohne Aufdeckung der realen Situation des Landes, ist sicher nicht genug um die Wut zu entschärfen. Die Menschen im Land wollen wieder anständig leben – jedoch nicht, ohne die absolute Wahrheit zu erfahren.

Iraklion, 01-12-2014
Mavrozacharakis Emmanuel
Soziologe-Politologe
Fachbereich Politikwissenschaft
Universität Kreta, Rethimnon.

Quellangaben:

  1. (12) Kirchheimer, Otto, Der Wandel des westeuropäischen Parteiensystems, in: Politische Vierteljahresschrift 6. Jg. (1965), Heft 1, S. 20 – 41
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  1. Ronald
    5. Dezember 2014, 08:41 | #1

    Endlich mal ein Artikel auf hohem Niveau. Endlich eine Analyse, die nicht von Ideologie geprägt ist. Das beste, was ich hier seit langem gelesen habe und das erste, was ich weiterempfehlen werde…

  2. Antonios Vassiliadis
    5. Dezember 2014, 11:14 | #2

    Sehr gut recherchiert! Trifft den Nagel genau auf den Kopf.

  3. LiFe
    5. Dezember 2014, 11:32 | #3

    Sehr guter Artikel!

  4. H.Trickler
    5. Dezember 2014, 12:24 | #4

    Traurig aber wahr…

    Es wäre interessant zu erfahren, welchen Ausweg Hr. Mavrozacharakis vorschlägt??

  5. windjob
    5. Dezember 2014, 15:22 | #5

    Die Wahrheit ist zwar schmerzhaft aber hier wurde sie sehr gut getroffen.

  6. HJM
    5. Dezember 2014, 17:13 | #6

    Gute Güte, ich bin beeindruckt. Eine schonungslose und ganz, ganz überwiegend zutreffende Analyse, die noch dazu ohne Feindbilder und Verschwörungstheorien auskommt. Einen m.E. nicht unwesentlichen Gesichtspunkt vermisse ich allerdings: eine Befassung mit der (bestenfalls) minimalen Fähigkeit der Griechen zu möglichst zielführender Zusammenarbeit und zu tragfähigen Kompromissen.

  7. Ronald
    5. Dezember 2014, 20:33 | #7

    Ich bin immer noch beeindruckt. Aber meine Frage lautet: Wo sind die klugen Kopfe, die nicht nur die Situation Griechenlands mit dem Blick in die Vergangenheit analysieren, sondern sich mit der gleichen Akribie daranmachen, Zukunftsperspektiven für das Land zu entwickeln?

  8. H.Bosse
    5. Dezember 2014, 21:38 | #8

    Im Prinzip bestätigt dieser Bericht/Analyse, dass nur durch äußeren Druck durch die EU-Gemeinschaft notwendige Reformen unabhängig des politischen Klientelverhaltens möglich sind. Nach einer Misswirtschaft sollte doch jedem Griechen klar sein, dass Korrekturen sehr schmerzhaft aber doch notwendig sind. Die nun besseren Wirtschaftskennzahlen im November sollten doch Hoffnung geben. Es gibt keinen anderen Weg, glaube ich.

  9. V 99%
    6. Dezember 2014, 00:12 | #9

    Endlich mal wieder ein Artikel, der den Nagel, ohne auch nur den Hauch von Polemik, auf den Kopf trifft. Da können sich so manche gern hier übersetzte Autoren eine Scheibe abschneiden. Der letzte Absatz ist einfach genial. Am meisten begeistert mich der Satz: „In der Regel warten die Griechen die Entwicklungen mit innerer Wut und in der Tasche geballter Faust ab.“ Da kann ich nur noch meinen Namensgeber zitieren: „Das Volk sollte sich nicht vor seiner Regierung fürchten. Die Regierung sollte sich vor ihrem Volk fürchten!“ Leider stirbt die Hoffnung zuletzt … da sich, ohne Druck von außen, nichts verändern wird.

  10. H.Trickler
    6. Dezember 2014, 14:55 | #10

    Kein einziges westeuropäisches Land wird sich wegen äusserem Druck reformieren. Weder Frankreich, Italien noch Griechenland! Deutschland hatte das Glück, dass der linke Schröder dem Volk die notwendige aber bittere Pille verabreicht hat. Seit der grossen Koalition sind leider auch in der BRD die eigentlichen Reformen stecken geblieben …

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