Griechenland: Grecovery und die Politik der Selbsttäuschung

5. Dezember 2014 / Aufrufe: 2.323

Die neue Obsession: „Grecovery“

Zwar demokratisierte sich Griechenland nach der Militärdiktatur von 1967-73 rasch und integrierte sich schnell im europäischen Kontext. Gleichzeitig erlebte das Land aber fast 40 Jahre lang eine Phase imaginären Wohlstands, der auf Konsum-Obsessionen gegründet war. Ein Missstand, der von den herrschenden politischen und wirtschaftlichen Eliten bewusst geschürt wurde.

So ist Griechenland an der absoluten Sackgasse angelangt. Doch das Spiel mit den Illusionen wird von den Machteliten fortgesetzt. Illusionen werden sowohl von der Regierung als auch von der Opposition in Bezug auf das genannte „Grecovery“ verbreitet. Grecovery bedeutet irgendwie etwas Licht am Ende des Tunnels, die Hoffnung auf ein Ende der Krise, die Erholung der griechischen Wirtschaft, die Schaffung von Arbeitsplätzen und eine Rückkehr zum Wohlstand.

Es ist jedoch offensichtlich, dass es hierbei um eine von den Tatsachen entfernte Sicht handelt, zumal die Erholung des Landes in einem tiefen Gegensatz zu dem alltäglichen Elend der Griechen steht. Dennoch ist das „Grecovery“ gleichermaßen attraktiv und trügerisch. Die ständigen Nachrichten über eine Aufwertung Griechenlands durch die Rating-Agenturen, verbunden mit einer Steigerung seiner Kreditwürdigkeit. Dementsprechend der erneute Zugang des Landes zu den Finanzmärkten. Die geschürte Hoffnung auf eine Schuldenregelung durch eine Konferenz von Kreditgebern oder durch günstige Regelungen der EU Partnerländer. Die Ankündigungen einer ganzen Reihe frivoler Programme für den Wiederaufbau und die Entwicklung. All das ist integriert in eine Obsession der Rückgewinnung des internationalen Vertrauens und somit der Rückkehr in die Vergangenheit.

Die sozialen Auswirkungen der Sparpolitik in Griechenland

Doch die Wirklichkeit ist ganz anders. Die griechische Gesellschaft ist buchstäblich zerrissen und es bestehen minimale gesellschaftliche Erwartungen. Da aber eine Tendenz zur „Pornographie mit der Krise“ im Sinn einer Dramatisierung und emotionaler Überbetonung besteht, versuchen wir im folgenden die Auswirkungen der Krise mit bestimmten unerbittlichen Zahlen zu manifestieren.

Ernüchternd sind zunächst einmal die Zahlen, was das politische Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem politischen System angeht. Gemäß einer aktuellen Umfrage misstraut der größte Teil der Gesellschaft der Linksopposition des Syriza genauso wie der Regierung … . Während 64% der Befragten nicht an das Versprechen der Regierung vom „Ausstieg aus den Memoranden“ glauben, erwarten 69% auch von einer Syriza-Regierung nicht den von ihr versprochenen Ausstieg. Nur 10% glauben, dass die gegenwärtige Regierung „ganz sicher“ ihr Ausstiegsversprechen einlösen kann. Was das gleiche Versprechen von der Linksopposition angeht, glauben nur 5% der Befragten an eine Einlösung (5).

Was nun die gesellschaftlichen Folgen der Krise anbelangt, sind die Zahlen umso dramatischer. Die Jugendarbeitslosigkeit im Alter unter 25 Jahren lag 2013 bei 64%, während sie in Deutschland vergleichsweise auf 8% betrug. Heute hat sich diese Zahl aufgrund der erhöhten Migration etwas verringert. Es ist bezeichnend, dass in den letzten vier Jahren rund 140.000 junge Wissenschaftler ins Ausland auswanderten.

Die Auswirkungen der Krise in Griechenland werden u. a. von den verschiedenen sozialen Berichten der Europäischen Kommission dokumentiert. Nach diesen Berichten (6) ist in Griechenland die größte Zunahme der Arbeitslosigkeit (+ 19,7%) der arbeitenden Bevölkerung seit dem Tief von März 2008 anzutreffen. Ebenso die größte Reduktion der Nominallöhne je Arbeitnehmer im Jahr 2012 (-4,2%), die größte Kostenreduktion des Arbeitsfaktors im gleichen Jahr (-6,2%), die größte Reduktion der Produktionskosten pro Arbeitseinheit (-5,5%), die höchste Steigerung im Vergleich zu 2008 des Anteiles der jungen Menschen, die weder in der Ausbildung oder auf dem Arbeitsmarkt sind (+ 8,6% der Bevölkerung im Alter von 15-24 Jahren), der größte Rückgang der Beschäftigung (-11,6%) seit 2008 und die größte Zunahme der Auswanderung in andere Länder der Europäischen Union (+ 170%).

Insgesamt sind die Berufsaussichten im Land katastrophal. Griechenland gilt inzwischen nicht nur als der europäische „Champion der Arbeitslosigkeit“, sondern als der neue „Champion“ weltweit! Die offizielle Arbeitslosenrate für das erste Halbjahr 2014 erreichte 28% (2.000.000 Menschen). Bei Frauen haben wir eine Arbeitslosenquote von 35%. Nur 10,5% der Arbeitslosen erhalten Arbeitslosengeld. Die Langzeitarbeitslosen sind inzwischen insgesamt 1.000.000 Personen, gegenüber 3,5 Millionen Beschäftigten. Die letzte ILO Studie mit dem Titel „Productive Jobs for Greece“ beschreibt die bisherigen Möglichkeiten zur Beschäftigungsschaffung im Land als „anämisch“. Mehr als 70% der fast 1,3 Millionen Arbeitslosen in Griechenland sind länger als ein Jahr ohne Arbeit. Seit der Krise 2008 ist einer von vier Arbeitsplätzen verloren gegangen.

Der Anteil der Griechen, die einem Armutsrisiko ausgesetzt sind, hat sich innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt und stieg von 20 Prozent im Jahr 2008 auf mehr als 44 Prozent 2013 (7). Wie der jüngste OECD-Bericht über die Beschäftigungsaussichten (Employment Outlook 2014 (8)) dokumentiert, wird eine Arbeitslosigkeit in Griechenland erwartet, die trotz eines begrenzten Rückgangs gegen Ende 2015 insgesamt über dem Vorkrisenniveau liegt. Griechenland, so der Bericht, hat eine der höchsten Raten von Langzeitarbeitslosigkeit unter den OECD-Ländern. Dieser Prozentsatz stieg von 49% auf 71% zwischen dem vierten Quartal 2007 und dem ersten Quartal 2014. In dem Bericht heißt es auch, dass der Rückgang der Reallöhne in Griechenland der größte unter den OECD-Ländern war (mehr als 5% pro Jahr im Durchschnitt, im ersten Quartal 2009).

In Bezug auf die Armut liegt Griechenland auf Basis der Daten des NSSG (National Statistical Service of Greece / ELSTAT) auf der vierten Position unter den 28 Mitgliedsstaaten der EU mit dem höchsten Anteil von Menschen, die in Armut leben. Laut der NSSG stieg der Anteil der Griechen, die im Jahr 2013 an der Armutsgrenze lebten (Einkommen von weniger als 60% des nationalen verfügbaren Median-Äquivalenzeinkommens) auf 34,6% oder 3.795.100 Menschen. In der Tat wächst diese Zahl seit 2010 – also dem Jahr, in dem das erste Memorandum verabschiedet wurde – stetig an. Im Jahr 2010 lebten noch 27,6% der Bevölkerung an der Armutsgrenze. Im Jahr 2011 waren es 27,7 %, im Jahr 2011 %, 31 % im Jahr 2012 und 34,6 % im Jahr 2013. Wie die Zahlen der NSSG deutlich zeigen, hat sich das Armutsrisiko nach 2010 erhöht, genauso wie sich die Armutslücke um 24,1% erhöht hat. Das Risiko der Armut oder sozialen Ausgrenzung ist um sieben Prozentpunkte auf 25,4% gestiegen. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass allein die Anzahl der Haushalte, die infolge unbezahlter Rechnungen ohne elektrischen Strom auskommen mussten, zu Beginn des Winters 2013 auf 350.000 geschätzt wurde.

Parallel dazu gerät Griechenland aufgrund der Sparpolitik immer mehr in eine Gesundheitskrise (9). Dies behaupten in einer Studie Forscher der britischen Universitäten Cambridge, Oxford und London. Nach Ansicht der Forscher traf der rigide Sparkurs vor allem die Vorsorgeprogramme. Dies hatte zur Folge, dass die Anzahl der HIV-Neuinfektionen dramatisch anstieg. Ebenso wurden die Budgets der Krankenhäuser um ein Viertel reduziert, die Ausgaben für Medikamente auf die Hälfte zusammengestrichen. Ärzte und Kliniken reagierten mit Gebühren, die viele Griechen angesichts dramatisch sinkender Einkommen und Rekordarbeitslosigkeit nicht zahlen können. Weil Arbeitslose zudem nach zwei Jahren ohne Job ihre Krankenversicherung verlieren, stehen der Studie zufolge mittlerweile geschätzt 800.000 Griechen völlig ohne Schutz da. Besonders sind die Auswirkungen auf Kinder hervorzuheben: Die Anzahl der Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht ist allein zwischen 2008 und 2010 um 19% gestiegen, die Zahl der Totgeburten um mehr als 20%.

Der Hauptgrund für die aufgeführten sozialen Auswirkungen ist die aufdiktierte Sparpolitik, realisiert mittels verschiedener „Memoranden“, die von einer Logik der inneren Abwertung beseelt sind. Es handelt sich hierbei um drastische Kürzungsprogramme, die faktisch fundiert sind auf der Logik einer strukturellen Kopplung von massiven Lohn- und Rentenkürzungen, der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, der zunehmenden Intensivierung der Arbeit, den Entlassungen auf dem öffentlichen Sektor, der Überbesteuerung niedriger und mittlerer Einkommen, der ausgedehnten Reduzierung öffentlicher, aber auch privater Investitionen.

Der Rückgang der Inlandsnachfrage, der Inlandsproduktion und des BIP in Kombination mit der Massenschließung von Kleinunternehmen sind das Ergebnis eines zweifelhaften Spiels mit einer numerischen Haushaltskonsolidierung. Wie der Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Athener Panteion-Universität und Direktor des Forschungsinstituts für Arbeit der Gewerkschaftsdachverbände, Savas Robolis (10), vorrechnete, haben von den 960.000 griechischen Unternehmen 930.000 im Schnitt nicht mehr als vier Mitarbeiter … . Es handele sich hierbei um Kleinstunternehmen „ohne hohes Wettbewerbspotential, die vor allem auf Produkte und Dienstleistungen für die 3,5 Millionen privaten griechischen Haushalte spezialisiert sind. Wenn man diesen nun das Einkommen kürzt, drückt man automatisch die Nachfrage und den Konsum. Die kleinen Unternehmen, die keine Liquidität haben, sind schnell am Ende. Genau das ist eingetreten„, meint Savas Robolis.

Allein im Jahr 2010 machten rund 60.000 dieser Mini-Firmen dicht und 2011 war die Anzahl noch höher. Nach Berechnungen der Griechischen Industrie- und Handelskammer haben seit Anfang der Krise bereits 200.000 kleine und mittlere Firmen geschlossen und es sollen in Zukunft noch 300.000 folgen, wenn diese Politik fortgesetzt wird (11).

In einfachen Worten, das soziale Mosaik in Griechenland ist derzeit gekennzeichnet durch das Risiko der Arbeitslosigkeit, der Armut und der neuen Migration , also insgesamt dem Absturz des Lebensniveaus . Ein Bild, das keineswegs an ein „Grecovery“ erinnert.

Quellangaben:

  1. (5) Nachdenkseiten, Niels Kadritzke: Griechenland: Es riecht nach Wahlen – Über die Chancen der Syriza
    (zurück zur Textstelle)
  2. (6) Siehe z. B. Entwicklungen in den Bereichen Beschäftigung und Soziales: weiteres Auseinanderdriften und wachsende Gefahr langfristiger Ausgrenzung und EU-Jugendbericht: Beschäftigung und soziale Inklusion müssen oberste Priorität erhalten
    (zurück zur Textstelle)
  3. (7) Risiko einer anhaltenden sozialen Krise in Griechenland
    (zurück zur Textstelle)
  4. (8) OECD Employment Outlook 2014
    (zurück zur Textstelle)
  5. (9) Spiegel, Florian Diekmann & Nicolai Kwasniewski, 22.04.2014: Folgen der Sparpolitik: Säuglingssterblichkeit in Griechenland steigt um 43 Prozent
    (zurück zur Textstelle)
  6. (10) Spiegel, Manfred Ertel, 16.07.2011: Wirtschaftskrise: Griechenland droht die Massenarmut
    (zurück zur Textstelle)
  7. (11) Kathimerini, 13.10.2014: ΕΕΑ: Προβλέψεις για κλείσιμο 300.000 επιπλέον επιχειρήσεων
    (zurück zur Textstelle)

Artikel weiterlesen: Seite 1 Seite 2 Seite 3

  1. Ronald
    5. Dezember 2014, 08:41 | #1

    Endlich mal ein Artikel auf hohem Niveau. Endlich eine Analyse, die nicht von Ideologie geprägt ist. Das beste, was ich hier seit langem gelesen habe und das erste, was ich weiterempfehlen werde…

  2. Antonios Vassiliadis
    5. Dezember 2014, 11:14 | #2

    Sehr gut recherchiert! Trifft den Nagel genau auf den Kopf.

  3. LiFe
    5. Dezember 2014, 11:32 | #3

    Sehr guter Artikel!

  4. H.Trickler
    5. Dezember 2014, 12:24 | #4

    Traurig aber wahr…

    Es wäre interessant zu erfahren, welchen Ausweg Hr. Mavrozacharakis vorschlägt??

  5. windjob
    5. Dezember 2014, 15:22 | #5

    Die Wahrheit ist zwar schmerzhaft aber hier wurde sie sehr gut getroffen.

  6. HJM
    5. Dezember 2014, 17:13 | #6

    Gute Güte, ich bin beeindruckt. Eine schonungslose und ganz, ganz überwiegend zutreffende Analyse, die noch dazu ohne Feindbilder und Verschwörungstheorien auskommt. Einen m.E. nicht unwesentlichen Gesichtspunkt vermisse ich allerdings: eine Befassung mit der (bestenfalls) minimalen Fähigkeit der Griechen zu möglichst zielführender Zusammenarbeit und zu tragfähigen Kompromissen.

  7. Ronald
    5. Dezember 2014, 20:33 | #7

    Ich bin immer noch beeindruckt. Aber meine Frage lautet: Wo sind die klugen Kopfe, die nicht nur die Situation Griechenlands mit dem Blick in die Vergangenheit analysieren, sondern sich mit der gleichen Akribie daranmachen, Zukunftsperspektiven für das Land zu entwickeln?

  8. H.Bosse
    5. Dezember 2014, 21:38 | #8

    Im Prinzip bestätigt dieser Bericht/Analyse, dass nur durch äußeren Druck durch die EU-Gemeinschaft notwendige Reformen unabhängig des politischen Klientelverhaltens möglich sind. Nach einer Misswirtschaft sollte doch jedem Griechen klar sein, dass Korrekturen sehr schmerzhaft aber doch notwendig sind. Die nun besseren Wirtschaftskennzahlen im November sollten doch Hoffnung geben. Es gibt keinen anderen Weg, glaube ich.

  9. V 99%
    6. Dezember 2014, 00:12 | #9

    Endlich mal wieder ein Artikel, der den Nagel, ohne auch nur den Hauch von Polemik, auf den Kopf trifft. Da können sich so manche gern hier übersetzte Autoren eine Scheibe abschneiden. Der letzte Absatz ist einfach genial. Am meisten begeistert mich der Satz: „In der Regel warten die Griechen die Entwicklungen mit innerer Wut und in der Tasche geballter Faust ab.“ Da kann ich nur noch meinen Namensgeber zitieren: „Das Volk sollte sich nicht vor seiner Regierung fürchten. Die Regierung sollte sich vor ihrem Volk fürchten!“ Leider stirbt die Hoffnung zuletzt … da sich, ohne Druck von außen, nichts verändern wird.

  10. H.Trickler
    6. Dezember 2014, 14:55 | #10

    Kein einziges westeuropäisches Land wird sich wegen äusserem Druck reformieren. Weder Frankreich, Italien noch Griechenland! Deutschland hatte das Glück, dass der linke Schröder dem Volk die notwendige aber bittere Pille verabreicht hat. Seit der grossen Koalition sind leider auch in der BRD die eigentlichen Reformen stecken geblieben …

Kommentare sind geschlossen