„Denunzierungen“ sind Nationalsport in Griechenland

9. Oktober 2014 / Aktualisiert: 12. Oktober 2018 / Aufrufe: 1.254

In Griechenland scheint es zu einem neuen Volkssport geworden zu sein, sich gegenseitig bei den Behörden anzuschwärzen – und zwar meistens aus Rache.

Die landesweit zum Ortstarif erreichbaren Hotlines der staatlichen Behörden in Griechenland, über die (sowohl anonyme als auch namentliche) Anzeigen von Bürgern entgegengenommen werden, „glühen“ in in letzter Zeit geradezu.

In diesem Moment sind alle unsere Leitungen besetzt. Bitte warten Sie …“ Der Betrieb über die Rufnummer 1517 ist dermaßen groß, dass es inzwischen einiger Geduld bedarf, um eine Anzeige zu machen, da – wie sich zeigt – immer mehr Griechen beschließen, jemanden „anzuschwärzen“, und zwar in den meisten Fällen, um auf diese Weise aus welchen Gründen auch immer an jemandem zu rächen.

Betrogene Ehefrauen zeigen ihre Männer an …

Bei der Rufnummer 1517 Es handelt sich um die im Jahr 2008 eingerichtete Sonder-Hotline für steuerliche Anzeigen. Im ersten Jahr riefen gerade einmal 4.000 Personen die Nummer an, danach änderten sich jedoch die Dinge. Gemäß den von der Zeitung „Kathimerini“ präsentierten Daten wurden im Jahr 2010 rund Anrufe 19.000 verzeichnet in diesem Jahr gehen über die Leitung im Durchschnitt täglich 200 Anrufe ein – was bedeutet, dass innerhalb eines Jahres rund 70.000 Leute die Hotline angerufen haben werden.

Wie beobachtet wird, herrscht die Anschwärzung … verwandtschaftlichen Typs vor. Etwa 6 von 10 Anrufern, die sich mit Hilfe der Steuerfahndung bzw. des SDOE rächen wollen, denunzieren Schwiegermütter, Paten oder Geschwister. Es versteht sich, dass eine herausragende Position unter den Denunzianten auch die betrogenen oder einfach nur ehemaligen Ehefrauen einnehmen, die ihren Mann „verpfeifen“. Die Telefonisten haben sich an Phrasen wie „Mein ehemaliger Gatte hat das Geld in einem Schließfach deponiert und zahlt seine Steuern nicht!“ inzwischen gewöhnt und wissen, was folgen wird. Im Rahmen gegenseitiger verwandtschaftlicher „Anschwärzungen“ erweisen sich aber auch der Schwiegervater, der Geldwäsche betreibt, und der Onkel, der Quittungen auszustellen „vergaß“, als Spitzenreiter der telefonischen surrealistischen Diskussionen.

Außerhalb der familiären Grenzen gibt es auch die „Anschwärzungen“, die beruflichem Neid entspringen. Die Nummer 1517 rufen sogar häufig Unternehmer an, die in der Gastronomie aktiv sind. 20% der Telefonate erfolgen von Tavernen- und Café-Eigentümern, die den Nachbarladen ins Auge gefasst haben und melden, dass keine Quittungen ausgestellt werden, während weitere 20% entlassene Arbeitnehmer sind, die sich auf diese Weise rächen, aber auch Buchhalter, die um ihre Bezahlung geprellt wurden und ihr Insider-Wissen mit den Steuerbehörden teilen möchten … .

Hotline für Meldung stinkender Schornsteine!

Die Rufnummer 1517 ist jedoch nicht die einzige … Rache-Hotline, da es auch die Nummer 11012 der Wirtschaftspolizei gibt, über die täglich ungefähr 50 Anrufe eingehen, während alle, die Fakten in den Händen haben, sich für Meldungen von Korruptionsfällen an die Nummer 10190 wenden. Weiter gibt es die Hotline der „Transparency International“, über die im ersten Jahr ihres Betriebs über 500 Anrufe von Steuerzahlern eingingen, die andere „verpfeifen“ wollten.

Die Liste endet allerdings nicht hier. Es gibt auch speziellere „Anschwärzungs-Hotlines“ wie die Nummer 2313-325501 der Bezirksverwaltung Zentralmakedoniens, über die seit über einem Jahr die Einwohner Thessalonikis sogar jeden melden können, dessen Schornstein verdächtigt stinkt (!). Und natürlich gibt es auch die „Gesundheits-Hotline“ unter der Nummer 1142, über die fortwährend Meldungen in Zusammenhang mit dem Rauchen bzw. Missachtungen des Rauchverbots eingehen.

Nur den wenigstens Anzeigen wird nachgegangen

Das selbe Thema hatte auch ein Artikel mit dem Titel „Täglich hunderte Meldungen an das SDOE“ zum Gegenstand, der neulich im Feuilleton „Vimatodotis“ der Zeitung „To Vima“ veröffentlicht und u. a. unter dikaiologitika.gr (re-) publiziert wurde:

Das überraschende mit dieser vierstelligen Rufnummer (1517) für die Meldung von Steuerhinterziehern ist, das es nicht zu klingeln aufhört. Gemäß offiziellen Angaben ’schwärzen‘ täglich rund 200 unserer Mitbürger eben so viele andere wegen Steuerhinterziehung, plötzlichen Reichtums, Geldwäsche, zu Hause oder in Bankschließfächern aufbewahrter Gelder oder der Nichtausstellung von Quittungen an. Noch überraschender ist bei dieser Hotline des SDOE, dass 95% der Meldungen namentlich (also nicht anonym) erfolgen, 60% sich auf Denunzierungen … verwandter Personen (zwecks Rache) und 20% auf Eigentümer von Tavernen und Cafés beziehen, die Kollegen wegen der Nichtausstellung von Zahlungsbelegen ‚verpfeifen‘. Möchten Sie noch mehr überraschende Dinge über diese vierstellige Hotline-Rufnummer erfahren?

Den wenigsten Anzeigen wird nachgegangen – und zwar nicht, weil die Prüfer des SDOE es nicht wollen, sondern weil die Dienststelle für Kontrollen (wie gesagt wird, auf Forderung der Troika …) zu dem Generalsekretariat für öffentliche Einnahmen transferiert worden ist, das noch keinen Kontrollmechanismus geschaffen hat.

Von einem der Wirtschaftsstaatsanwälte wird sogar berichtet, in letzter Zeit haben jeden Tag eine alte Dame bei dem SDOE angerufen, um ihre … Enkelin (die sie plötzlich mit einem Haus, einem luxuriösen Auto und Schmuck sah) wegen plötzlichen Reichtums anzuzeigen. In der letzten Woche rief die in Rede stehende Oma an, um über die Resultate ihrer Meldungen informiert zu werden, und als die Prüfer – um sie zu beschwichtigen, damit sie nicht weiterhin jeden Tag anruft – der Dame antworteten, ‚Ihre Meldungen wird nachgegangen‘, entgegnete diese: ‚Sie lügen mich an, Sie haben gar nichts unternommen!‘. Auf die Frage. woher sie das wissen wolle, antwortete sie mit entwaffnender Ehrlichkeit: ‚Ich sah meine Enkelin gestern und sie schien mir glücklich zu sein …‘„.

(Quelle: Büchse der Pandora, dikaiologitika.gr)

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