Griechenland: Beamte … der Alten Schule

4. September 2014 / Aufrufe: 855

Drei Veteranen des öffentlichen Sektors in Griechenland berichten über eine Epoche, als der gewissenhafte Beamte noch keine Ausnahme, sondern die Regel darstellte.

P. Vavougyios ist Stammleser der „K“ (Kathimerini) und meint, eine besondere Schwäche für die Kolumne „O Filistor“ zu hegen. Sowohl er als auch S. Didaskalou und Chr. Gkoumas erinnern sich an jene Epoche, als sei es gestern gewesen: alle drei lasen damals die Zeitung an ihrem Arbeitsplatz.

Panagiotis Vavougyios war Generaldirektor bei der Post, Sokratis Didaskalou unterrichtete 33 Jahre lang an den Schulen, während Christos Gkoumas sein gesamtes (Arbeits-) Leben beim Gesundheitsamt verbrachte. Als ob sie Beamten in einem anderen Land oder in einem anderen Leben gewesen wären, wo das, was man tat, es der Mühe wert war.

Als der gewissenhafte Beamte noch die Regel darstellte …

In den ersten Jahren war ich an einer einzügigen Schule, einer Schule mit löchrigen Wänden„, sagt Herr Didaskalou. „Ich erinnere mich an die ‚i-Männchen‘, die – während ich den älteren Geschichtsunterricht erteilte – der Schlaf übermannte, und ich stellte Stühle neben ihnen auf, damit sie nicht auf den Boden fallen und sich weh tun!

Herr Vavougyios, 35 Jahre bei der griechischen Post, spricht von unglaublichen Zeiten: 1950 – erzählt er – hüllten wir uns in Decken der UNRRA um uns zu wärmen, weil „wir Beamten damals arme Schlucker waren„. Ein Teller Bohnensuppe oder eine Portion Makkaroni kostete 250 Drachmen, und das Anfangsgehalt betrug 9.000 Drachmen. „Aber Nörgelei schickt sich nicht für die Jugend. Im Alter von 25 Jahren wurde ich in Theben bei der Post eingestellt.

Christos Gkoumas hört sich an, als wäre er immer noch 25 Jahre alt, wenn er sich daran zurückerinnert. „07 Januar 1964„, sagt er. „Ein Traktor nahm mich von meinem Dorf bis Polygyros mit, und von dort aus gelangte ich mit dem Bus zu meiner Dienststelle, bei 40 Zentimeter Schnee. Erster Tag, fünf vor Sieben morgens, stand ich vor der Pforte. Damit ich dort bin, bevor der Vorgesetze eintrifft.

Man freut sich, ihren Erzählungen zuzuhören. „Wir hatten jeder ein Moped und spritzten damit in einem Umkreis von 100 Kilometern. So rotteten wir in Griechenland die Malaria aus.“ In der Epoche des Herrn Gkoumas war der gewissenhafte öffentliche Bedienstete nicht die Ausnahme. Er war die Regel. „Das Schuljahr ging zu Ende und wir hatten die Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium,“ erzählt Herr Didaskalou. „Und wir behielten die Kinder zehn Tage länger da, ohne Bezahlung, um mit ihnen zu Übungen machen, damit sie die Prüfungen bestehen, damit wir uns stolz fühlen.“ Andere Epochen. „Damals waren die ersten in der Hierarchie in der Stadt der Lehrer, der Gendarm und der Pastor„, meint Herr Didaskalou. „Alle respektierten dich. Aber auch du musstest dich entsprechend verhalten. Anderenfalls begann es zu lauten ‚auch ne, das Lehrerlein‘, und das war es dann, man war unten durch.

Es war keine leichte Epoche, „jedoch lebtest du mit deinem Gehalt in Würde„, meint Herr Vavougyios. Die Samstage, die Sonntage, sogar auch Ostern waren Werktage. „Wir waren in einem jämmerlichen Gebäude untergebracht, in der Straße Sofokleous Nr. 14. Wir saßen auf löchrigen Stühlen, die wir mit Pappkartons flickten, damit wir uns nicht die Hosen abwetzen. Und wenn die Scheiben in den Fenstern zerbrachen, reparierte sie niemand. Damit wir nicht im Kalten sitzen, hatten wir von unseren Sonntagszulagen eine Spardose angelegt, um den Handwerker selbst zu bezahlen.

Teppiche, Vorhänge und … unfähige Menschen zogen in die Büros ein

Und dann verstrichen die Jahre. „Ab 1980 und nachfolgend sahen wir dicke Teppichböden und piekfeine Gardinen in die Büros der Direktoren Einzug halten„, sagt Herr Gkoumas. „Aber wir sahen auch unfähige Menschen in unsere Büros einziehen.“ So sehr auch die gewissenhaften Beamten sich bemühten, die Dinge nahmen einen anderen Weg: „Ich ging zur Weiterbildung nach Frankreich, um neue Ideen zu holen„, sagt Herr Vavougyios. „Und dort sah ich, dass die internen Beamten im Außendienst einsprangen und halfen, wenn es bei den Paketen viel Arbeit gab. Als ich zurückkehrte, schickte ich also meinen Vorschlag an das Ministerium, es hier genau so zu halten. Etwas später antworteten sie mir. ‚Sehr geehrter Herr‘, lautete es in dem Schreiben. ‚Die Eule wurde aus Athen getragen und nicht aus Paris!‘ Und wie sie verstehen, es geschah nichts.

In einer Sache sind sich alle drei einig: nach 1980 zog das Parteiwesen in den öffentlichen Sektor ein und alles änderte sich. „Die Lehrer kämpften darum, in die Schulaufsichtsbehörde zu kommen, und auch an der Schule ging das Klima kaputt. Du meintest, ‚lassen wir uns ein Theaterstück aufführen‘, und sie antworteten dir, ‚ach lass das, ist doch Schnuppe.‘ Und selbst wenn du dich einsetztest, konntest du somit nicht mehr viel machen.

Herr Gkoumas erinnert sich noch: „1993 sagte man mir, ich solle die Genehmigung für einen neuen Vergnügungsbetrieb unterschreiben, und ich sagte Nein. Zur Strafe versetzte der Gouverneur mich rechtswidrig in ein Krankenhaus, obwohl ich eine Planstelle bekleidete.“ Herr Vavougyios war derweilen bereits pensioniert worden. „An einem Mittag begab ich mich um 13:30 Uhr mit einem Freund zu einer Dienststelle. Angeblich hätten sie um 14:00 Uhr geschlossen, sie hatten jedoch schon eine halbe Stunde vorher die Schotten dicht gemacht. ‚Kommen sie morgen‘, beschieden sie uns. Und mein Freund drehte sich um und meint: ‚Das war es, diesen Beamten ist jegliche Sensibilität abhanden gekommen.‘

Meine Kinder hielt ich aus dem öffentlichen Dienst fern„, fügt Herr Vavougyios an. „Warum sollten sie durchmachen, was mir widerfuhr? Als ich jung war, hatten sie mich zweimal für Fehler meine Vorgesetzten bestraft, obwohl ich keine Schuld hatte. Und ich konnte nicht den Mund aufmachen, weil sie dann einen negativen Bericht über mich geschrieben hätten. Warum soll auch meinem Sohn solches Unrecht widerfahren?“ Herr Didaskalou wiederum lacht, als ich ihn frage, ob er seinen Sohn als Lehrer sehen wolle. „Um ehrlich zu sein, ich selbst würde unterrichten gehen wollen, jetzt wo das neue Schuljahr beginnt. Aber heute sagt natürlich die Lehrerin zu meinem Enkel ‚Steh auf, Sakis, komm an die Tafel‘, und er antwortet ihr: ‚Ich will nicht, Frau Lehrerin.‘ Mir ist dagegen in so vielen Jahren an den Schulen kein einziges Kind untergekommen, mir zu sagen, ‚Ich will nicht, Herr Lehrer‘.

(Quelle: Kathimerini, Autorin: Marili Margomenou)

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  1. arno
    4. September 2014, 17:47 | #1

    Alle politischen Systeme haben Verfallszeiten, auch die Demokratie …

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