Was macht Griechenland zum Sonderfall?

10. August 2014 / Aktualisiert: 20. November 2014 / Aufrufe: 1.072

Während alle übrigen Länder der Peripherie der Eurozone ihre Exporte zu steigern vermochten, gehen Griechenlands Exporte zurück.

Die Eurokrise scheint in einem großen Grad zu Ende gegangen zu sein. Die Prämien der Risikoversicherungen fallen weiterhin auf allen Bereichen und zwei Länder – Irland und Portugal – sind bereits aus ihren Konsolidierungsprogrammen herausgekommen. Sie können sich inzwischen selbst auf dem Markt finanzieren und ihre Wirtschaften scheinen wieder zu wachsen begonnen zu haben.

Griechenland hat dagegen weiterhin Probleme bei der Erfüllung der Ziele seines Konsolidierungsprogramms und beschäftigt sich mit scheinbar endlosen Verhandlungen in Zusammenhang mit einem weiteren multilateralen Finanzierungsprogramm. Das Problem kann in einem einzigen Wort zusammengefasst werden: Exporte (bzw. eher das Fehlen der Steigerung der Exporte).

Griechenlands Wirtschaft entsprach nicht den Preissignalen

Die Nachrichten aus Griechenland sind derzeit von der Bekanntmachung beherrscht, dass die Regierung für 2013 einen primären Haushaltsüberschuss erzielt hat. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten war die griechische Regierung in der Lage, für ihre Aufwendungen aus ihren eigenen Einnahmen aufzukommen. Es handelt sich tatsächlich um einen bedeutsamen Moment. Eine andere, sehr viel signifikantere Nachricht hat dagegen sehr viel weniger Aufmerksamkeit erhalten: Griechenland exportierte 2013 weniger als 2012.

Dieses unbefriedigende Ergebnis, das Jahren des Rückgangs bei den Marktanteilen folgte, ist angesichts der Tatsache schwer zu erklären, dass alle anderen Länder in der Peripherie der Eurozone einen stabilen Anstieg der Exporte verzeichneten. Beispielsweise stiegen die portugiesischen Exporte um jährlich 5% – 6% im Vergleich zu den Vorjahren, trotz der schwierigen externen Umstände (Spanien ist Portugals größter Markt) und der Finanzkrise, die es für die Exporteure schwierig machte, ihre Finanzierung sicherzustellen.

Weder die schwache Inlandsnachfrage noch der Finanzierungsmangel kann daher der Grund für das schlechte Exportergebnis Griechenlands sein. Die niedrige Wettbewerbsfähigkeit stellt ebenfalls keine Erklärung dar, da in Griechenland die (inflationsbereinigten) realen Lohnkosten in den letzten Jahren mehr als in jedem anderen Land der Eurozone reduziert worden sind, unter Ausnahme Irlands.

Es wäre jedoch merkwürdig, aus Griechenlands Erfahrungen zu folgern, die Lohnkostendeflation sei ein nutzloses Werkzeug zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, speziell wegen der verbreiteten Ansicht, Deutschland habe davon massenhaft profitiert. Die einzige Erklärung für das schlechte Ergebnis der Exporte Griechenlands ist somit, dass die griechische Wirtschaft dermaßen missgebildet geblieben ist, dass sie den geänderten Preissignalen nicht entsprochen hat.

Ohne Steigerung der Exporte besteht keine Hoffnung auf einen Aufschwung

Dieser Mangel an Anpassungsfähigkeit ist von vitaler Bedeutung. In Irland, in Spanien und sogar auch in Portugal stiegen die Exporte heftig, als die inländische Wirtschaft zusammenbrach und die Löhne angeglichen wurden. Diese Länder waren jedoch bereits flexibler und – in bestimmten Fällen – wurden signifikante Reformen umgesetzt. In Griechenland gibt es dagegen keinen Beweis, dass die vielen von der „Troika“ (sprich der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds) auferlegten strukturellen Reformen zu irgendeiner realen Verbesserung geführt haben. Dagegen haben sich viele Indizes verschlechtert, welche die Effizienz der Regierung und des Funktionierens des Markts messen.

Das leichte Argument, Griechenland habe nicht viel zu exportieren, ist irrelevant. Das Problem ist nicht, dass die griechischen Exporte gering sind, sondern dass nicht erreicht wurde, sie zu steigern – was speziell von einer niedrigen Basis aus durchaus möglich wäre. Vor etlichen Jahren lagen die griechischen Exporte von Gütern und Dienstleistungen in der selben Höhe mit denen Portugals. Heute liegt Portugal um fast 20 Milliarden € voraus. Dies repräsentiert für Griechenland einen wahrscheinlichen Verlust von über 10% der Produktion.

Das Fehlen des Anstiegs der Exporte hat die Rezession in Griechenland viel größer und tiefer als irgendwo sonst gemacht. Wären die griechischen Exporte mit den selben Rhythmen wie jene Portugals (oder Italiens) gesteigert worden, wäre die Rezession bis jetzt zu Ende gewesen. Zusätzlich machte das Fehlen der Steigerung der Exporte die volkswirtschaftliche Angleichung sehr viel schwerer. Höhere Exporte hätten nicht nur unmittelbar höhere Einnahmen mit sich gebracht. Sie hätten auch ein multiplizierendes Resultat für die inländische Wirtschaft gehabt und somit die Steuereinnahmen aus dem Konsum gesteigert.

Griechenland hat nun eine ausgeglichene laufende Handelsbilanz – nach den zweistelligen Defiziten (als Prozentsatz des BIP) der vergangenen Jahre eine recht bedeutsame Errungenschaft. Im Gegensatz zu den anderen Wirtschaften der Peripherie der Eurozone wurde diese Verbesserung jedoch vollständig mittels der Komprimierung der Importe erreicht. Dies bedeutet, dass es keinerlei Hoffnung auf einen stabilen Aufschwung geben kann, wenn nicht die Exporte zu steigen beginnen.

Die übertriebene Austerität war das falsche Ziel

Ein häufiges Argument ist, dass mit weniger Austerität die Inlandsnachfrage stärker wäre. Dies mag wahr sein, die stärkere Inlandsnachfrage würde jedoch zum Anstieg der Importe führen, die mit höheren Einnahmen aus Exporten bezahlt werden müssten, weil das Land es sich nicht leisten kann, noch mehr Auslandsverschuldung anzusammeln. Ohne Exporte kann es kein Wachstum geben: die Tragfähigkeit der Verschuldung Griechenlands hängt letztendlich von diesem grundlegenden Parameter ab.

Was in Griechenland schief lief, war nicht die volkswirtschaftliche Angleichung. Die Austerität war dagegen vielleicht übertrieben erfolgreich (und schmerzhaft). Dies war jedoch das falsche Ziel. Das tatsächlich signifikante Ziel für jedes beliebige Land, das mit zweistelligen Defiziten der laufenden Handelsbilanz ein Konsolidierungsprogramm beginnt, hat die Steigerung der Exporte zu sein. Das Scheitern, dieses Ziel zu erreichen, ist das, was Griechenland zu einem besonderen Fall macht.

Leider kann die Außenwelt nicht viel tun um sicherzustellen, dass Griechenland mehr exportieren wird. Die griechische Regierung mag gezwungen werden können, Erlasse durchzusetzen, und das Parlament mag unter Druck gesetzt werden können, jede Reform der Gesetzgebung zu genehmigen, die man sich vorstellen kann. Was jedoch zum Schluss zählt, ist, wie die Reformen in die Praxis umgesetzt werden und wie die Wirtschaft auf diese Reformen reagiert. Ein Konsolidierungsprogramm gelingt oder misslingt im eigenen Land und nicht in Brüssel oder Washington.

(Quelle: sofokleous10.gr)

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  1. Ottfried Storz
    10. August 2014, 20:21 | #1

    Leider wird im Artikel kaum darauf eingegangen, das nur Unternehmen in Griechenland nennenswert exportieren könn(t)en. Exportieren ist in Griechenland jedoch nach x-Studien im Vergleich zu vielen anderen Staaten relativ schwer: Vorfinanzierungen sind kaum möglich, der Export trotz EU-Harmonisierung zeitaufwendig und der Transport sehr teuer. All dies wurde mittlerweile x-fach in Studien ermittelt und Griechenland schneidet entsprechend unverändert schlecht bei Investitions- und Unternehmerattraktivität ab.

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