Die Krise nährte Klischees über Griechenland

21. August 2014 / Aufrufe: 2.016

Nicht nur volkstümliche, sondern auch seriöse deutsche Medien schürten die Klischees über Griechenland und die Griechen.

Das Bild Griechenlands in den deutschen Massenmedien während der Krise ist von Stereotypen gekennzeichnet, schlussfolgert eine von Studenten der Universität Erfurt durchgeführte Untersuchung. Klischees, die auch bei den Bürgern gefunden werden.

Der Ausbruch und die Zuspitzung der wirtschaftlichen Krise in Griechenland stellten einen fruchtbaren Boden für stereotype Analysen und negative Berichte in den Medien dar. Sowohl in Griechenland als auch in Deutschland wurden Ansichten formuliert, welche die Differenzen unterstrichen und sich der sterilen Suche nach Schuldigen widmeten und somit Nahrung für Spannungen und Missverständnisse zwischen beiden Seiten lieferten, sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Sogar seriöse Medien neigen zu Klischees

Sechs Studenten der Abteilung für Kommunikation und Massenmedien der Universität Erfurt begaben sich auf die Suche nach Klischees über das Griechenland der Krise in den deutschen Medien. Zentrale Fragestellung ihres Forschungsprojekts, das ein Jahr lang dauerte und im Juli 2014 präsentiert wurde, war festzustellen, in welchem Grad sich bei den Empfängern das von den deutschen Informationsmedien übermittelte Bild reflektiert. Die wissenschaftliche Aufsicht der Untersuchung hatte Dr. Kai Hafez, Professor für Politikwissenschaft und Massenmedien an der Universität Erfurt.

Wie die DW betonte, wurde aus der Untersuchung festgestellt, dass „die deutschen Informationsmedien häufig dazu neigen, Griechenland und speziell die Griechen auf eine besonders stereotype Weise zu präsentieren. Es erging die Rede von ‚Pleite-Griechen‘, von ‚griechischen Faulpelzen‘, von die EU aussaugenden Steuerhinterziehern und anderem Ähnlichen – und dies nicht nur in volkstümlichen Medien wie der Bildzeitung, sondern zum Teil sogar auch in seriösen Zeitungen, wenn auch in geringerem Grad.

Grobe Simplifizierung auch in renommierten Medien

Im Mikroskop der Untersuchung, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Athen unterstützt wurde, befanden sich die Zeitungen „Bild“ und „Frankfurter Allgemeine“. Beide haben eine in der deutschen Medienlandschaft herausragende Position inne, adoptieren jedoch klar unterschiedliche Tangierungen, was sich auch im Rahmen der Untersuchung zeigte.

Die volkstümliche Bildzeitung bestätigte ihren Hang zu grob simplifizierenden, emotional aufgeladenen und manchmal provokativen Ansichten. Die renommierte konservative Frankfurter Zeitung dagegen zeigte einen maßvolleren Geist und bemühte sich um neutralere und distanziertere Analysen. Obwohl sie in den untersuchten Artikeln im Vergleich zur „Bild“ nur die halbe Anzahl an Klischees zeigte, vermied sie jedoch nicht die emotional aufgeladene Phraseologie oder auch naive Erklärungen, die beispielsweise gewisse Missstände in Griechenland der kollektiven „Spontaneität“ oder der „Dickköpfigkeit“ der Griechen anlasten.

Sowohl negative als auch positive Klischees schienen auch die Personen zu adoptieren, die telefonisch auf eine Reihe von Fragen auf Basis eines Befragungsleitfadens beantworteten. Danach wurde eine qualitative Analyse der Antworten durchgeführt. Wie Anne Arbrecht, Mitglied des Forschungsteams, gegenüber der DW erklärte, „machten wir diverse Befragungen, bei denen – obwohl sie wenige waren – jeder Teilnehmer uns Klischees anführte, die wir vorher in Publikationen der Zeitungen ausfindig gemacht hatten, ohne dass wir ihn direkt mit diesen konfrontieren. Dies bedeutet, dass es bereits einen Grad der Identifizierung gab.

Die Informationsmedien tragen eine signifikante Verantwortung

Trotz der Tatsache, dass die Klischees der Massenmedien in einem großen Grad auch bei den Befragten gefunden wurden, kann nicht die Folgerung gezogen werden, dass die deutschen Medien Stereotype vermitteln, betonen die Autoren der Untersuchung, die sich nicht auf den Ursprung der Klischees fokussierte. Wie Anne Arbrecht erklärt, „gibt es eine Menge einzelner Faktoren, die unsere Ansichten über die Welt nähren. Die Massenmedien sind nur einer von diesen. Auch diese wurden jedoch von irgendwo zu ihren Ansichten ‚inspiriert‘.

Dr. Hafez betont allerdings, dass die Informationsmedien eine signifikante Verantwortung tragen und aufgerufen sind, auf „saubere und genaue Weise“ zu informieren, da „Griechenland zweifellos ernsthafte Probleme hat, die jedoch nicht auf jeden Fall der Mentalität der Menschen angelastet werden dürfen. In diesem Fall handelt es sich um falsche wirtschaftliche Handhabungen, nicht um eine konkrete Eigenschaft oder ein Charakteristikum der Griechen. Krisenzeiten durchlebten alle Länder und alle Nationen – das selbe gilt auch für Griechenland.

Die 11 Befragungskandidaten wurden auf Basis bestimmter sozialer – demographischer Charakteristika ausgewählt (Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Gebiet) und in drei Altersgruppen eingeteilt (18 – 34, 35 – 49 und 50 – 65). Ein berücksichtigter Parameter war auch der Kontakt der Befragten zu Griechen. Anne Arbecht stellte klar, „wer Kontakt zu Griechen hat, neigt zu einer ausgewogeneren, realistischeren Ansicht. Er versteht, dass es sich nicht um eine homogene Masse, sondern um separate persönliche Fälle handelt. Somit nimmt er wahr, dass nicht jeder einzelne Grieche als für die Krise verantwortlich gelten kann.

Die Klischees kennen kein Alter und keine Bildung

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Annahme stereotyper Ansichten weder von dem Alter noch von dem Bildungsniveau der Befragten beeinflusst zu werden scheint. Gemeinsame Feststellung von ihnen war jedenfalls, dass die Griechen in den vergangenen Jahren über ihre Möglichkeiten lebten. Die Massenmedien zeigten jedenfalls, einen Schritt weiter zu gehen, indem sie – im Gegensatz zu den Befragten – in manchen Fällen den Griechen „List“ und „Arglist“ anlasteten.

Man kann als gegeben betrachten, dass der Hang der seriösen Informationsmedien zum Populismus intensiver in Krisenzeiten beobachtet wird, und dann neigen die Medien spezieller zur Verwendung von Klischees und stereotypen nationalen Bildern“, betont Dr. Hafez.

(Quelle: Deutsche Welle)

  1. Götterbote
    21. August 2014, 10:47 | #1

    Mögen die Massenmedien bitte diese Untersuchung bitte genauso groß und breit veröffentlichen, wie den Schund, den sie zu diesem Thema verbreitet haben.

  2. Ferryvox
    21. August 2014, 16:00 | #2

    Da hat wohl jemand bei der DW eine Doppelportion Wischiwaschi fuer die Ueberschrift benutzt: Denn es war nicht irgendeine heimtueckische „Krise“, die statt kritischer Aufklaerung primitive Klischees entlang der Grenze zur Volksverhetzung sendete und druckte, sondern selbstgerechte, volljaehrige Karrieristen und ihre auf Krawallkommerz setzenden Bosse.

  3. GR-Block
    22. August 2014, 01:41 | #3

    Diese Studie ist ein wissenschaftlicher Selbstläufer. Auf solch einer Schlammlawine surft es sich leicht und man legitimiert gleichzeitig seine Forschungsförderung. Man recherchiert nach Beweisen für triviale Hypothesen wie, „ein frustriertes Volk sucht Gelegenheiten, um sich über andere zu erheben“ und „Massenmedien leben davon, dass sie, was die Launen ihrer Konsumenten angeht, immer auf der Höhe der Zeit bleiben und die „Trends“ zynisch brandbeschleunigen, anstatt zu moderieren.“ Welch eine Erkenntnis! Und dabei so hoch moralisch.
    Interessanter wäre zu erfahren, wer die entsprechenden Journaillen lanciert und ihre Schreiber karrieretechnisch fördert. Denn es ist genauso eine Binsenweisheit, dass professionelle Nutznießer solche Schlammlawinen auslösen und dann – soweit möglich – steuern. Diese zu identifizieren wäre fast genauso leicht für eine wissenschaftliche Einrichtung und ein geeignetes Thema für Diplomarbeiten.
    Auch fragt man mit Recht, warum ausgerechnet in D die ausgelöste Schlammlawine dermaßen gigantisch war. Dass die Griechen selbst nicht zimperlich mit ihren Regenten umgehen, ist traditionell begründet. Ob daran die Osmanen schuld sind, sei dahingestellt. Aber welcher Rassist ist auf die Idee gekommen, kontroverse griechische Medienmeinungen vollkommen hemmungslos durch copy-and-paste in die deutsche Medienlandschaft zu verpflanzen, und dazu noch einseitig gefiltert. Die Kreuzung solch unterschiedlicher Mediengewohnheiten hatte den Effekt der südamerikanischen Killerbienen in den USA.
    Wen interessiert es schon, dass der „Pleite-Grieche“ gar nicht pleite war, sondern seiner Bauernmentalität entsprechend geizig wirtschaftete, deshalb die privaten Haushalte einen geringen Schuldenstand aufwiesen. Konsum wie in D ist in GR nicht bekannt. Erst jetzt nachdem die EU-Heuschrecken gerettet sind, sitzt der Bauer auf Schulden, die er gar nicht verursacht hatte. Wer will schon hören, dass in GR nur jeder dritte einen Job hat, dass die EU nicht in GR produzieren will? Und dass die, die einen Job haben natürlich mehr arbeiten als die deutschen Faulpelze. Dabei verdienen sie nur halb soviel. Das halbiert natürlich deren Beitrag zum BIP. Selbstverständlich ist die Tatsache, dass wir in D pro Kopf mehr steuern hinterziehen als meine Landsleute in GR spielt keine Rolle, denn wir sind ja reicher. Und nach dem alten Standesgesetzen ist der Arme krimineller zu bewerten als der Reiche. Wenn dann auch noch eine Wissenschaftlerin allen ernstes andeutet, man müsse differenzieren, nicht ALLE Griechen seien gleich, dann kommt einem das kalte Kotzen über den rassistischen Gendefekt selbst gebildeter Germanen.
    Welche politische Kaste hatte denn 2007/2008 in D katastrophale Umfrageergebnisse und suchte verzweifelt nach dem Strohhalm, um ihn zu knicken? Welche rückgratlose Politikerkaste in GR hatte genauso verzweifelt eine interne Schlammschlacht gegen das Volk begonnen, um die Schuld auf die wehrlose Masse zu werfen und seine eigene korrupte Zusammenarbeit mit Förderern aus D zu decken. Es bedarf nur marginaler wissenschaftlicher Recherchen, um aufzuzeigen, dass seit dem Binnenmarkt die Karrierechancen griechischer Politiker (manche davon sogar in D) von ihren reichen deutschen parteipolitischen Freunden und deren Privatindustrie gefördert wurden. Und man muss nur die deutsche Korruptions-Gesetzgebung der ’90er studieren, um herauszufinden, dass „Arglist“ ein Klischee ist, das auf die deutsche Privatwirtschaft passt. Aber wer diskutiert so etwas schon. Die Griechen jedenfalls nicht.

  4. HJM
    22. August 2014, 13:19 | #4

    @GR-Block
    Der Kommentar ist etwas heftig, aber prinzipiell leider Gottes absolut zutreffend. Habe selten derart Triviales, das sich als „wissenschaftlich“ bemäntelt, gelesen. Was allerdings GR-Block unerwähnt läßt (bewusst?), ist der Umstand, daß sich durchaus nicht wenige Griechen in der Annahme, der „Boom“ werde ewig so weitergehen, weit über Ihre Verhältnisse verschuldet haben und heute nicht wissen, wie diese Schulden getilgt werden könnten.

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