Griechenland: Die Magie der Steuerhinterziehung

27. Juli 2014 / Aufrufe: 1.043

Ist in Griechenland die Steuerhinterziehung eine Äußerung gesellschaftlichen Vertrauens?

In der von dem Anthropologen bei einem „primitiven“ Volksstamm durchgeführten lokalen Untersuchung (field work) gibt es immer den kritischen „Punkt Null“ – den Punkt, ab dem der Stamm aufhört, Dich als Fremden anzusehen und Dich fortan als „einen von ihnen“ betrachtet.

Die Weise, auf die der Anthropologe wahrnimmt, an diesem begehrten Punkt angelangt zu sein, unterscheidet sich natürlich von Stamm zu Stamm. Bei manchen zeigt sich dies, wenn sie Dir einen Spitznamen anhängen und Dich mit diesem zu rufen beginnen (z. B. „Sohn der aus der Ferne kommenden weißen Stute„). Bei anderen, wenn die Omas Dir gestatten, an dem Klatsch vor dem Feuer teilzunehmen. Bei Stämmen des Amazonas wiederum äußert sich die Akzeptanz, wenn sie Dir erlauben, an den Überfällen gegen benachbarte Stämme teilzunehmen, um deren Frauen zu stehlen usw. etc.

Willkommen, Fremder, Du bist nun einer von uns!

In Griechenland, zumindest in dem Dorf, in dem ich seit einigen Jahren lebe, äußerte sich der Punkt Null, der Punkt der Anerkennung und Akzeptanz, auf eine völlig unterschiedliche Weise: es war der Tag, an dem die signifikanten Faktoren in meinem Leben – der Bäcker, der Gemüsehändler, der Restaurantbesitzer, der Klempner, der Frisör, der Veterinär u. a. – aufhörten, mir Quittungen über die an mich verkauften Produkte oder erbrachten Dienstleistungen auszustellen!

Dies ereignete sich natürlich nicht von dem einen Tag auf den anderen, und sie taten es auch nicht alle zusammen. Es bedurfte einiger Zeit und etlicher Tests. Anfänglich zögerlich, fast zaghaft, begannen sie zu „vergessen“, die Tasten der Registrierkasse zu bedienen und die Quittung auszustellen. Und langsam wurden die vereinzelten und anfänglich zaghaften Handlungen zu einem stürmischen Strom, der in seinem Verlauf alle(s) mit sich riss – schließlich stellte niemand mehr eine Quittung aus, außer den „öden“ Supermärkten.

Anfangs war ich überrascht und reagierte mit dem Zorn, mit dem jeder aufrecht denkende Euromodernisierer reagiert haben würde: „Hält er mich für einen Schwachkopf, auch für seinen Part die Steuern zu zahlen?“ Mein Zorn steigerte sich sogar, sowie ich an all die Lehrer, Professoren, Amtsträger, Pastoren, Kommunalbediensteten, Journalisten bei der NERIT, Justizbeamten dachte – also anders gesagt, wie viele fantastische öffentliche Bedienstete der Staat nicht einzustellen vermag, weil meine Mitbürger ihre Steuern nicht zahlen.

Weil in mir jedoch auch die Seite des Anthropologen existiert, ging mein Zorn allmählich zurück und gab der Beobachtung platz. Und dann begriff ich, dass die Handlung der Nichtausstellung einer Quittung praktisch eine Äußerung des Vertrauens und der Akzeptanz war: „Willkommen, Fremder. Du bist nun einer von uns!“ Wenn – anders gesagt – in den protestantischen Ländern der Aufschrei gegen die Steuerhinterziehung eine Bekundung gesellschaftlichen Vertrauens darstellt, geschieht in Griechenland genau das Gegenteil: das gesellschaftliche Vertrauen baut sich auf der Steuerhinterziehung auf! Wenn Dir jemand keine Quittung ausstellt, sagt er Dir praktisch, dass er Dir vertraut, dass er bereit ist, Dich in das breitere soziale Netzt aufzunehmen, an dem er beteiligt ist. Wenn der Mensch ein „soziales Wesen“ ist, wie die Linken sehr richtig beharren, äußert sich in Griechenland diese Sozialität in der Vermeidung der Ausstellung einer Quittung. Etwas, das die – im übrigen dem Autor sehr sympathische – Frau Merkel niemals begreifen können wird.

Um zu sehen, ob ich das kulturelle Spiel tatsächlich verstanden habe, führte ich jedenfalls folgendes Experiment durch: Beim nächsten Mal, als es einen Schaden an meiner Elektroinstallation gab, bestellte ich einen Elektriker, den ich zuvor noch nicht gerufen hatte. Als er fertig war, schickte er sich an, seinen Quittungsblock zu zücken. Ich hielt ihn jedoch zurück und meinte: „Das ist nicht nötig. Wir sind doch keine Fremden, oder?“ Und dann sah ich in seinen Augen die Anerkennung, dass ich nunmehr tatsächlich Teil des „Stammes“ war, die Akzeptanz der Tatsache, dass wir – wie auch der Altvordere gesagt hätte – in diesem Augenblick Gesetze, die Verfassung und sonstige „Formalismen“ überwiegende Bande gesellschaftlichen Vertrauens schmiedeten.

Sogar auch der kleine herrenlose Köter, den ich neulich aufnahm, bellte fröhlich. Oder zumindest schien es mir so …

(Quelle: Protagon.gr, Autor: Takis Michas)

  1. GR-Block
    27. Juli 2014, 05:04 | #1

    Willkommen, Fremder, Du bist nun einer von uns!“ Wenn ich so über meine täglichen Einkäufe beim Bäcker oder das Tanken nachdenke, dann muss ich eingestehen, ich bin bei den Eingeborenen in D vollständig intergriert. Entweder erhalte ich keine Quittung oder sie wandert in den dafür vorgesehenen Mülleimer gleich neben der Kasse. Und dieses anerkennende Lächeln … ja selbst das kenne ich von meinem Tankwart. Nun haben wir in D gut 10% mehr Schattenwirtschaft pro Kopf als in GR. Was sagt denn der IWF-Koeffizient über das Steigerungspotential des BIP, wenn GR die Schattenwirtschaft um 1% hebt? Geht dann das BIP um 1,5 oder um 2,5% hoch?

  2. HJM
    27. Juli 2014, 20:20 | #2

    Ich bin verblüfft. Wenn dem so ist, dann bin ich ja schon ewig integriert, habe ich doch jedenfalls für Dienstleistungen, gleichviel ob noch zu Drachmen- oder jetzt zu Euro-Zeiten, niemals – wirklich niemals – eine „Quittung“ (was ist das überhaupt?) erhalten. Es gab immer ein Angebot, Verhandlungen (viel zu teuer …), in der Regel eine Einigung und nach vollbrachtem Werk die Bezahlung. Cash.

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