Griechenland: bitte nicht auf den Multiplikator schießen

29. Juni 2014 / Aktualisiert: 20. November 2014 / Aufrufe: 807

Der im Memorandum für Griechenland veranschlagte Multiplikator war falsch, ist jedoch nicht an den hausgemachten Missständen schuld.

Jeder hat seine eigene Wahrheit. Und glaubt an sie. Es gibt die Wahrheit „Geld ist da“. Die Wahrheit des Defizits des Jahres 2009. Die Wahrheit der Verhandlung, die Wahrheit der Militärs oder die Wahrheit der Militärs. Schließlich auch die Wahrheit der „Multiplikatoren“.

Diese Wahrheiten haben jedoch keinerlei Bedeutung. Was Bedeutung hat, ist die Realität. Und die sieht nicht gut aus. Die Arbeitslosigkeit, die Rezession, die Verzögerung bei den Privatisierungen sind die Realität und kein Multiplikator ändert sie – wie zu diesem Zeitpunkt auch keine Neuverhandlung des Memorandums, so falsch es auch sein mag.

Unerwarteter Retter und Ablass

Das Eingeständnis der Ökonomen des IWF im Februar 2013, der von ihnen im Memorandum für die Prognosen der griechischen Größen angewendete volkswirtschaftliche Multiplikator sei falsch, schuf Hoffnungen auf eine Neuverhandlung der Ziele des Memorandums, Mäßigung der Austerität, aber hauptsächlich als Ablassbrief gegenüber der griechischen Gesellschaft. Schuld war also nicht die „sowjetische“ Struktur der griechischen Gesellschaft, die Unzulänglichkeit der staatlichen Mechanismen, sondern der Fehler der Troika. Womit der unerwartete Retter den Fehler korrigieren und Zeit und hauptsächlich Gelder gewähren würde, damit die Wirtschaft unseres Landes zu Atem kommt.

Wenige Tage später sorgten der Kommissar Oli Ren, aber auch der für den „Fehler“ verantwortliche IWF selbst dafür, die Dinge an ihren Platz zu rücken, womit sich die wie auch immer gearteten Hoffnungen als „nichtig“ erwiesen und es mit dem Rezept der harten volkswirtschaftlichen Angleichung weiterging. Abgesehen von der Wahrheit eines jeden einzelnen ist das, was wir begreifen müssen, dass die Realität sehr viel komplexer als ein falscher Multiplikator ist..

Nicht der Multiplikator ist das Thema

Der Multiplikator zeigt, wie sehr die Wirtschaft von der Austerität beeinflusst werden wird. Wie sehr also das BIP beeinflusst werden wird, wenn die staatlichen Ausgaben eingeschränkt oder die Besteuerung um einen Prozentpunkt angehoben wird. Das Modell des IWF für das Memorandum sah vor, dass jede Einheit der Austerität das BIP um eine halbe Einheit reduzieren würde. In der Praxis erwies sich in den letzten drei Jahren, dass der Rückgang dreimal höher war und die unerhörte Rezession und die Arbeitslosigkeit bei 27% erklärt. Dies erklärt jedoch nicht, warum der Multiplikator falsch war, der in der Praxis eine einfache mathematische Division ist. Und daran sind die Ökonomen des IWF nicht schuld.

Die Schwankungen der Regierungen der Jahre 2010 und 2011 und die doppelten Wahlen 2012, das mangelnde Verstehen der Krise, der Rückgang der Bankeinlagen um ein Drittel, der „Schutz“ des staatlichen Sektors vor jeder Logik zu Lasten des privaten Sektors und die Nachlässigkeit bei der Bekämpfung der Steuerhinterziehung schufen in Griechenland eine Vertrauenskrise. Im Ausland wurde dies mit den Spreads der Anleihen sichtbar. Im Inland mit dem Absacken der Wirtschaft, also mit der Vergrößerung des Multiplikators.

Das ursprüngliche Thema ist also nicht der Multiplikator selbst, sondern warum die Austerität notwendig war, als das Defizit sich 16% des BIP näherte, und was genau zu der Vergrößerung des Multiplikators führte. Dies ist jedoch inzwischen nur noch von akademischem Interesse und ändert in nichts die Realität für die 1,35 Mio. Arbeitslosen in Griechenland.

Die Reaktionsmöglichkeiten sind beschränkt

Leider waren und sind für Griechenland die Reaktionsmöglichkeiten beschränkt. So falsch das Rezept des Memorandums auch ist – und das ist wahr -, wir werden es umsetzen müssen. In dem Memorandum selbst gibt es notwendige Züge, wie die Bekämpfung der Steuerhinterziehung, die Rationalisierung des staatlichen Sektors, die Liberalisierung der Wirtschaft und die Auffindung von Mitteln aus der Verwertung des öffentlichen Vermögens. All dies „stolpert“ sicherlich über Verknöcherungen und Reaktionen des Systems, wird dem Land jedoch nur zukünftigen Nutzen bringen. Parallel existieren signifikante Realitäten, die zu ignorieren für die griechische Regierung und die Gesellschaft falsch wäre.

Auf der anderen Seite haben die Gläubiger jedoch zu begreifen, dass man nicht kontinuierlich die Wirtschaft und die Gesellschaft „würgen“ kann, weil man so weder eine Umkehr der Rezession noch eine Senkung der Arbeitslosigkeit erzielen kann. Was Griechenland braucht, ist die Rückkehr zu positiven Wachstumsrhythmen und die Stimulierung der Beschäftigung.

(Quelle: Sofokleous10.gr)

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