Der verlorene Sohn Griechenland

4. Juni 2014 / Aktualisiert: 16. Juni 2014 / Aufrufe: 1.482

Griechenland mag Fortschritte erzielt haben, ist jedoch noch weit davon entfernt, ohne weitere Hilfe auf eigenen Füßen stehen zu können.

Die „Reise“ war episch, jedoch ist Griechenland, wenn nicht an seinem Ziel, so zumindest an einem kritischen Punkt angelangt.

Das letzte Mal, als die griechische Regierung langfristiges Kapital (über die Finanzmärkte) zusammenbrachte, war im März 2010 – nur wenige Wochen bevor die Märkte ihr Vertrauen in Griechenland völlig verloren und das Land zwangen, zu seiner „ersten Rettung“ den Rettungsmechanismus in Anspruch zu nehmen. Neulich – im April 2014 – kehrte die griechische Regierung an die Finanzmärkte zurück und schöpfte mittels fünfjähriger Anleihen mit einer Rendite von knapp 5% rund 3 Mrd. Euro.

Griechenland gelangte 2012 an den Rand des „Grexit“

Der Betrag mag gering und die Rendite im Verhältnis zu den Finanzierungskosten in anderen Ländern mit Rettungspaketen – wie Portugal, dessen fünfjährige Anleihen mit ungefähr 2,6% gehandelt werden – hoch sein. Die Tatsache, dass es überhaupt irgendeine Emission einer Anleihe gibt, ruft jedoch angesichts der Tiefe der griechischen Krise Überraschung hervor. In den sechs aufeinander folgenden Jahre der kontinuierlichen Rezession schrumpfte die Wirtschaft um ein Viertel, was die gesellschaftlichen und politischen Unruhen zum Resultat hatte, die in ihren schlimmsten Tagen so weit gingen, das Land mit dem Ausscheiden aus der Eurozone zu bedrohen. Während des größten Teils der letzten vier Jahre erschien ein – auf welche Weise auch immer erfolgender – Gang an die Finanzmärkte unvorstellbar, welche Tatsache auch von den Schwankungen bei den Renditen der Anleihen unterstrichen wird.

Während dieser Periode war Griechenland vollständig von den Regierungen der Eurozone und dem IWF abhängig, um seine Finanzierungsbedürfnisse zu decken. Im Mai 2010 erhielt das Land das erste dreijährige Rettungspaket im Wert von 110 Mrd. Euro. Das Ziel war damals, dass Griechenland ab 2012 wieder an die Finanzmärkte geht. Stattdessen benötigte das Land innerhalb von weniger als zwei Jahren eine zweite und noch größere Rettung, womit der Gesamtbetrag der Finanzierung durch die Gläubiger der Eurozone und den IWF auf 246 Mrd. Euro bis 2016 anstieg, welcher Betrag 135% des BIP des vergangenen Jahres (2013) entspricht.

Dieses Ausmaß der Rettungsbemühungen wurde wegen der Verzögerung in dem Eingeständnis des Bankrotts Griechenlands und der Tatsache erforderlich, dass eine Umschuldung nötig war. Ein großer Teil der vorzeitigen offiziellen Kredite wurde für die Bezahlung der privaten Gläubiger verwendet, da die von ihnen gehaltenen Anleihen fällig wurden. Anfang 2012 führte Griechenland eine solche Umschuldung durch und wurde damit über 100 Mrd. € seiner öffentlichen Verschuldung los. Trotz der in Rede stehenden Linderung der Schulden wurde die Krise heftiger. Bei zwei sehr kritischen und nahe beieinander liegenden Urnengängen (Anmerkung sind die Parlamentswahlen im Mai und Juni 2012) gelangte das Land sehr nahe an einen katastrophalen „Grexit“ (sprich das Ausscheiden Griechenlands) aus der Währungsunion.

Griechenlands Verschuldung ist derzeit höher als vor der ersten „Rettung“

Obwohl Griechenland seit jenen düsteren Tagen viel Weg hinter sich gebracht hat, ist es von der wirtschaftlichen Autonomie weiterhin weit entfernt. Wie auch das übrige Südeuropa hat es Boden gewonnen, da die Investoren hinsichtlich der Eurozone eine sehr viel positivere Position beziehen und dabei auch mit der Möglichkeit rechnen, dass der IWF zu einer quantitativen Lockerung schreitet. Obwohl die griechischen zehnjährigen Anleihen in der vergangenen Woche unter 6% sanken, ist dieses Niveau jedoch weiterhin sehr hoch für ein Land, für das der IWF für 2014 ein Wachstum von nur 0,6% prognostiziert und das eine Periode der Deflation durchschreitet (wobei die Preise im letzten Jahr um 1% sanken). Im Vergleich zu Irland und Portugal, dem zweiten und dritten Land, bei denen Bail-outs nötig waren und deren Zehnjahresanleihen Renditen von entsprechend unter 3% und 4% haben, bleibt Griechenland weiterhin auf der Anklagebank.

Ohne die ungeheure Unterstützung, die Griechenland nach wie vor aus der übrigen Eurozone erhält, wäre es tatsächlich nicht in Lage, Zugang zu den Märkten zu haben. Trotz des Bankrotts (default) ist in diesem Jahr (2014) die öffentliche Verschuldung mit 175% sehr viel höher als vor der ersten Rettung. Diese Last wird nur durch Zugeständnisse von Seite der europäischen Gläubiger tragbar, die inzwischen den größten Teil der (griechischen) Verschuldung halten. Ihre Kredite haben außerordentlich niedrige Zinssätze und sind in einem solchen Maß prolongiert worden, dass die durchschnittliche Laufzeit der griechischen öffentlichen Verschuldung mit 17,5 Jahren außerordentlich lang ist. Europäische Länder wie Deutschland haben praktisch ihre Kredite an Griechenland umgeschuldet, ohne diese schwierige Realität gegenüber ihren Wählern eingestehen zu müssen, und dabei offiziell einen Teil der Schuld erlassen.

Reformen könnten das BIP langfristig um bis zu 10% steigern

Es wird noch mehr Hilfe benötigt werden. Der IWF beharrt weiterhin darauf, dass die Regierungen der Eurozone zu weiteren Zugeständnissen schreiten werden müssen, damit die griechische öffentliche Verschuldung auf eine tragfähige Bahn kommt. Der Fonds glaubt, dass es innerhalb des nächsten Jahres einer Erleichterung in einer Größenordnung von 4% des BIP bedarf, damit das Ziel einer Verschuldung von 124% des BIP bis Ende 2020 erreicht wird, und einer noch größeren Erleichterung der Verschuldung, damit sie bis 2022 unter 110% sinkt.

Sogar auch mit der zusätzlichen Hilfe handelt es sich um sehr schwierige Ziele, die eine heroische Anstrengung erfordern. Griechenland schaffte 2013 nur mit Müh und Not, einen primären Überschuss (also ohne die Zinszahlungen) von 1,5% des BIP zu präsentieren. Das war höher als erwartet und ist eine ungeheure Verbesserung im Verhältnis zu der furchtbaren Lage des Landes im Jahr 2009, als das Defizit bei 10,5% lag. Damit jedoch die Ziele bezüglich der Verschuldung für 2020 und nachfolgend erreicht werden, muss bis 2016 dieser Überschuss 4,5% des BIP betragen und während des Jahrzehnts 2010 auf 4% gehalten werden.

Das ist nicht völlig unmöglich: Belgien brachte zwischen 1987 und 2008 einen durchschnittlichen Primärüberschuss der Größenordnung von 4,3% zustande. Es ist jedoch eine übertriebene Forderung für ein Land, das sich die halbe Zeit seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1830 im Zustand des Bankrotts oder der Zahlungseinstellung befand. Trotz des Marktgangs in der vergangenen Woche ist das, was Bedeutung hat, ob Griechenland tatsächlich die Mentalität geändert hat. Und das ist überhaupt nicht klar. Bis zur Bewilligung der letzten Tranche der Rettungsgelder dauerte es sehr lange, weil die turnusmäßige Prüfung des IWF und der europäischen Behörden wegen der „barschen“ Verhandlungen ins Stocken gekommen sind, da die griechische Regierung sich der Aussicht auf noch mehr Reformen entgegen stellte.

Die Übernahme der in Rede stehenden Reformen und die Beibehaltung der vorherigen Bemühungen sind jedoch erforderlich. Der IWF schätzt, dass die Reformen das BIP in einem Zeitraum von 5 Jahren um 4% und langfristig um 10% steigern könnten. Die Erschöpfung in Athen infolge der Reformen mag verständlich sein, verrät aber auch eine Unwilligkeit in Zusammenhang mit dem Eingeständnis, dass das Land selbst der Schmied seines eigenen Unglücks war. Griechenland trat als ein dysfunktionaler Staat mit einer unzulänglichen Wirtschaft in die Krise ein. Es ist schwer vorstellbar, dass das Land ein Jahrzehnt (oder noch länger) der Selbstverneinung durchhält, wenn es seinem Schicksal überlassen wird.

Das eigensinnige politische Klima in Griechenland lässt darauf schließen, dass im Land die Botschaft in Zusammenhang damit, wie viel mehr noch zu geschehen hat, immer noch nicht vollständig angekommen ist.

(Quelle: Sofokleous10.gr)

  1. Ronald
    4. Juni 2014, 00:27 | #1

    Ein wunderbarer Artikel. Man sollte sich vielleicht auch die Zeit nehmen, sich das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu Gemüte zu führen, mit dem der Autor seinen Artikel betitelt hat. Die Lektüre über den Sohn, der sich sein Erbe auszahlen lässt und es verprasst, ist im Zusammenhang mit Griechenland durchaus erhellend. Die Einsicht, dass der Weg aus der Krise über die – immer noch eher unwillig vorangetriebenen – Reformen führt, ist für eine griechische Publikation bemerkenswert.
    Zu dem trotz der Hilfsleistungen gestiegenen Schuldenstand Griechenlands möchte ich allerdings etwas sagen: Schulden sind nur dann wirklich schlimm, wenn man sie wirklich zurückzahlen muss. Hätte ich den Eindruck, dass Mittel in ein nachhaltiges Wachstum in Griechenland – etwa durch billige Darlehen für Existenzgründer, Erleichterungen für Projektgenehmigungen für Unternehmen, durch Investitionen in die Bildung oder in die Infrastruktur angelegt würden – wäre ich der Erste, der für einen Schuldenschnitt, eine Verlängerung der Laufzeit der Kredite usw. stimmen würde, auch wenn für Deutschland dann der „Bürgschaftsfall“ eintreten würde und ich persönlich durch Steuererhöhungen oder Kürzungen der „sozialen Benefits“ betroffen wäre.
    Ich bin sehr für eine europäische Solidarität; ich bin nur dagegen, dass Europa und diejenigen griechischen Bürger, die sich nicht wehren können, für die Aufrechterhaltung der „Staatskaste“ und für den Schutz der Privilegien weniger blechen müssen, ohne dass in Griechenland etwas weiter geht.

  2. KHD
    4. Juni 2014, 08:59 | #2

    Je komplexer wirtschaftliche und geldpolitische Funktionalitäten sind, desto mehr lassen sich Menschen in die gewünschte Richtung mit to-do Vorgaben konditioniern. So macht es der IWF mit den Krisenländern der Währungsunion und vor allem mit Griechenland, zumindest was die Kommunikation über die Medien angeht. Faktisch war und ist es nicht das Ziel der EURO Gruppe und des IWF, Griechenland mit vermeintlichen „Reformen“ in der Währungsunion überlebensfähig zu machen. Der Bail-out war allein durch die starke Verflechtung der französischen Banken in Griechenland konditioniert. Kein Wirtschaftsexperte geht davon aus, dass Griechenland je in dieser Währungsunion ohne Transfers bestehen wird, die „Reformen“, die in der Masse aus Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen im Sozialbereich bei nicht lobbyierten Bevölkerungsgruppen bestehen, sind für die Stärkung der Wirtschaftskraft des Landes, die für das Überleben in der EURO Union erforderlich wäre, nutzlos, ebenso wie die Höhe des Defizits und die relative Höhe der Verschuldung zum BIP keine Aussage über die Überlebensfähigkeit in der EURO Zone machen. Japan mit über 200% Verschuldung wäre vermutlich eher überlebensfähig in der EURO Zone als Griechenland mit 0% Verschuldung zum BIP.

  3. Rudi
    4. Juni 2014, 09:41 | #3

    Man kann das aber auch ganz anders sehen. Deutschlands gewaltige Exportüberschüsse führen zur Verschuldung seiner Partner. Im Klartext, Deutschland gibt seinen Partnern Kredite, damit die bei ihm einkaufen (analog China/USA). Jedoch nur ein ausgeglichener Markt ist ein gesunder Markt. Trotz sprudelnder Steuereinnahmen und niedriger Zinsen für Staatsanleihen hat auch Deutschland bei seinen Schulden immer nur draufgesattelt. In dem Moment, wenn der deutsche Export zurückgeht und die Zinsen für deutsche Staatsanleihen steigen, wird die deutsche Staatsverschuldung explodieren und das System bricht zusammen. Unsere Wirtschaft funktioniert nur durch Wachstum und ist damit ein Schneeballsystem. Eine Lawine ist unvermeidlich. Die ganze westliche Welt lebt nach diesem Prinzip.
    Zu dem Problem der Marktungleichheit kommt die Blase des Finanzmarktes. Im Verhältnis zu realen Produkten werden, exponentiell zunehmend, irrsinnige Mengen an Finanzprodukten gehandelt, auf die so gut wie keine Steuern bezahlt werden. Wenn man aber weiß, dass jedem erzeugten Dollar/Euro die gleiche Menge Schulden gegenübersteht, stellt sich die Frage: Wer hat das Geld und wer hat die Schulden?
    Es gibt nur einen Ausweg und der heißt: Bescheidenheit statt Gier!
    Aber solange die Politik der Sklave des Marktes, also die Politiker die Marionetten der Reichen sind, ist der Untergang programmiert.

  4. Kleoni
    4. Juni 2014, 10:53 | #4

    das grösste Hindernis in Griechenland zu investieren ist immer noch die Bürokratie. Oft sind Eigentumsverhältnisse nicht geklärt, es gibt kein Katasteramt, jetzt noch die vielen Steuergesetze, Griechenlands Bürokratie erstickt jegliche Absicht neue Ideen zu verwirklichen, die Arbeitsplätze zu schaffen, im Keime. Es gibt so viele Fallstricke, dass oft kurz vor dem Ziel, resigniert aufgegeben wird und junge gut ausgebildete Menschen dann ins Ausland abwandern, weil sie nur noch im Ausland eine Perspektive für sich sehen. Schade, Schade.
    Gebt Jungunternehmern eine Chance, Ideen im eigenen Land zu verwirklichen, unterstützt sie, denn sie sind da Licht am Ende des Tunnels.

  5. Sven
    4. Juni 2014, 14:33 | #5

    Was sollen denn das für Fortschritte sein? Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie noch nie ohne Aussicht auf Besserung, die Korruption sitzt fester im Sattel denn je und die Neonazis werden mit 10% gewählt und spalten die Bevölkerung. Und die sogenannten „Märkte“? Lächerlich! Gemeint sind Investoren die sich die Taschen voll machen mit der Ausbeutung öffentlichen Gutes und der Zerstörung des letzten bißchen Umwelts das es noch gibt. Von diesen Märkten hält sich Griechenland besser sehr weit fern wenn es seine wichtigste Ressource, die Schönheit und den Stil des Landes, wahren will.

  6. GR-Block
    4. Juni 2014, 20:08 | #6

    … ein Land, das sich die halbe Zeit seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1830 im Zustand des Bankrotts oder der Zahlungseinstellung befand.
    Richtig, die Kolonialstaaten lassen nicht zu, dass sich ein altes, unterjochtes Volk einen neuen Staat schafft und damit seine Anteile an Europa fordert. Um dessen Unabhängigkeit (nach den Idealen der französischen Revolution) zu verhindern, einigen sich selbst vorgebliche Feinde sehr schnell, um dem frisch geborenen Staat einen aristokratischen Regenten zu bescheren. Begleitend wird der Staat sofort mit Krediten geknebelt. Helfershelfer Vorort finden sich dazu immer ein paar. Ein skurriles Beispiel: zwei Schiffe die GR (ich glaube von GB) noch vor der Staatsgründung auf Kredite erwarb, verursachten solch horrende Zinseszinsen, dass die „Schuld“ erst in den ’70ern des 20. Jahrhunderts (!) abbezahlt wurden. Da musste ja GR ’81 in die EWG getreten werden, um den Zinsfluss zu „stabilisieren“.
    Es ist wirklich lächerlich, wenn ein griechischer Kapitalist glaubt, sich in einer „liberalen“ europäischen Marktwirtschaft entfalten zu dürfen. Die gibt es nicht, die Märkte sind aufgeteilt. Nach 30 Jahren EWG/EG/EU gibt es in GR von einst weit über 50% Selbständigkeit nur noch ca. 30%, trotzdem EU-Rekord. Die „furchtbare“ Bürokratie konnte das nicht verhindern, im Gegenteil. Doch jetzt werden die lokalen Unternehmer durch, von der Troika angeordnete Fallstricke, in den Bankrott getrieben. Nämlich durch Abwürgen des Konsums. Die alten EU-Konzerne wollen keine Jungunternehmer. Sobald die Einkommen wieder ansteigen sind die „Investoren“ mit ihren Schmiergeldern zur Stelle und feiern mit ihren Lobbys Partys.

    BTW: Die Unabhängigkeit Griechenlands bestand genau 11 Jahre, nämlich von 1821 bis 1832. Dann kam der bayrische „König der Griechen“. (Wikipedia zu Griechenland: „Um zu verhindern, dass sich vom befreiten Griechenland der Funke des Republikanismus (gr. Demokratie) in Europa verbreitet, etablierten die europäischen Großmächte in Griechenland von außen eine Monarchie. England, Frankreich und Russland hatten dies zur Zahlungskondition für Kredite von 472.000 britischen Pfund und 60 Millionen Drachmen an das seit 1826 völlig überschuldete Land gemacht.„)

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