Deutsche Fiesta auf den Ruinen Griechenlands

16. April 2014 / Aufrufe: 1.730

Ist es vielleicht gar nicht die griechische Regierung, sondern Bundeskanzlerin Merkel, die mit dem Marktgang Griechenlands ihre eigene Success Story verkaufen will?

Der Buhmann der „internationalen Märkte“ trat seit 2010 nachhaltig in unser Leben ein. Es waren die „Märkte“, die uns kein Geld mehr liehen, die vor uns die Türen schließen würden, die uns nicht vertrauten, auf die wir setzten um ihre Zuverlässigkeit zu gewinnen, jene, die uns jetzt mit offenen Armen erwarten und Griechenland als ein … Eldorado der Gelegenheiten betrachten.

Während das Land – ob es wollte oder nicht – in die Krallen der Troika getrieben wurde, sprach der damalige Premierminister Georgios Papandreou (am 06 Mai) von den … Bubis der Wall Street, die sogar auch staatliche Wirtschaften untergraben, welches Thema vier Monate später auch bei seiner Begegnung mit Obama angeschnitten wurde:

Dilemma 2010: Unkontrollierter Bankrott oder Memorandum

Wir werden leidenschaftlich jeden bekämpfen, der sich der Bemühung der Regierung und des Volkes entgegenstellt, unsere Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Und zuallererst die Spekulanten. Es ist nicht nur ungerecht, es ist antidemokratisch, dass zur Stunde, wo die Regierung übermenschliche Anstrengungen unternimmt, gewisse ‚Kids‘ in New York und anderswo vor Computern hocken und sie untergraben. Ich werde die Flagge gegen sie hissen.“ Welche Flagge Georgios Papandreou nun hisste, als er sich ein Jahr später (04.04.2011) im Regierungspalast mit dem größten Spekulanten aller Zeiten, nämlich George Soros traf, ist eine andere Geschichte und im Vorliegenden nicht das Thema.

Bleiben wir beim Jahr 2010, als die „Märkte“ von Griechenland Blut forderten und der Troika den Teppich ausrollten. Und gleichzeitig erreichte ein brutales spekulatives Spiel aus ihrem Inneren seinen Höhepunkt, mit der Folge, dass die Spreads von 300 Punkten (21.01.2010) auf 1.000 Punkte (28.04.2010) hochschossen. Was bedeutete, dass Griechenland fortan keinerlei Möglichkeit zur Finanzierung seiner Wirtschaft mehr hatte und in das Dilemma von historischer Bedeutung „unkontrollierter Bankrott oder Memorandum“ geführt wurde.

Ab Mai 2010 geriet die – inzwischen im Koma liegende – griechische Wirtschaft in die Presse des „Hilfsmechanismus“ des Memorandums, nunmehr zu schwach, um sich den kannibalischen Gelüsten des jeweiligen Gläubigers entgegen zu stellen.

Angeblich liehen die „internationalen Märkte“ also Griechenland kein Geld, weil seine Wirtschaft „schwer krank“ war. Und somit musste es sich aus der Arena der Spekulanten-Wölfe zurückziehen, um mit der einschlägigen troikanischen Therapie behandelt zu werden, mit den bekannten unvermeidlichen Nebenwirkungen.

Spiele

Welche waren jedoch die Symptome damals und welche die Resultate der schmerzhaften Therapie bis jetzt, damit der beschleunigte Marktgang gerechtfertigt wird, mit Griechenland „hoch zu Ross“ und den „Märkten“ begeistert applaudierend?

Hat sich in diesen vier Jahren tatsächlich etwas zum Besseren verändert? Ist eine Sanierung bei den „kranken“ Strukturen eingetreten? Sind Reformen erfolgt? Oder haben es wir letztendlich mit einem Spiel der Eindruckschinderei, kommunikativer Tricks und – fiktiver oder nicht – Indizes zu tun, die jeder so interpretiert und verwendet wie es jedes Mal nützlich ist? Weil abgesehen von den Zahlen auch die unerbittliche Realität existiert …

  • Für die Erzeugung des Überschusses war es nötig, bis zum letzten Tropfen ein ganzes Volk zu melken, dass zu einem großen Anteil gewaltsam in die Armut und an den Rand der Wirtschaft geführt wurde.
  • Für jede Reduzierung des Defizits von dem aufgeblähten 15% zu den entblähten 3% – 4% gibt es das Gewicht einer nicht handhabbaren Verschuldung, die auf den Niveaus des Jahres 2010 verbleibt, und der IWF selbst warnt, dass sie nicht tragfähig ist.
  • Für den Aufstieg der Wettbewerbsfähigkeit in der Benotung der OECD bedurfte es ganzer Heere von Arbeitslosen und der Bombardierung aller arbeitsrechtlichen Ansprüche.

Sogar einem Studenten im ersten Wirtschaftssemester ist bekannt, dass eine nationale Wirtschaft weder die Geißel von zwei – drei Indizes noch einer übersimplifizierten und überholten Mischung sein kann, der als Schnittmuster auf jedes Land mit einer Schuldenkrise angewendet wird. Noch viel weniger im dädalischen Rahmen der Globalisierung und unter einer gemeinsamen Währung.

Das Leichte ist also, dass alle über Zahlen und Indizes sprechen. Das Schwere ist, dass klargestellt wird, ob die Indizes abgesehen von der Massakrierung der Löhne – Renten – Arbeitsrechte plus Abzocken auch durch andere Faktoren verbessert wurden.

Während die Rezession in Griechenland seit 2008 bis 2013 einen Nachkriegsrekord aufstellt, stürzte der Konsum umgehend ab und die Arbeitslosigkeit schoss mit einem steilen Rhythmus auf für einen westlichen Staat ungekannte Niveaus empor. Lassen wir uns nicht vergessen, dass die griechische Wirtschaft in den Rahmen der europäischen eingegliedert ist, speziell in der Epoche nach der Euro-Einführung. Was bedeutet, dass der Konsum das Tempo vorgibt, damit das Geld zirkuliert und der Markt „angeheizt“ wird.

Nachdem ab 2009 die Banken die Geldhähne zudrehten, begann ein Domino der Kürzungen, Zahlungsprobleme, Entlassung und letztendlich der Schließung bei zehntausenden kleinen, mittleren, aber auch etlichen großen Unternehmen. Mit der Folge, dass der – damals lebendige – private Sektor zertrümmert wurde, also jener, der in einem hohen Grad die Fäden der griechischen Wirtschaft zog, bis die Troika einfiel und unter dem Vorwand der Wettbewerbsfähigkeit alles vernichtete. Die jedoch … niemals eintrat!

Mit einem privaten Sektor, der inzwischen nur noch den OAED Mit Arbeitslosen beliefert, und einem öffentlichen Sektor, der nach den kontinuierlichen Einkommensverlusten der Angestellten – Rentner seine Konsumdynamik verliert, war der zerstörerische Teufelskreis nicht nur sicher, sondern auch vorhersehbar. Sogar auch, wenn es nötig ist, in aufzeigenden Zahlen zu sprechen:

  • 2010 – 2013 gingen 840.881 Arbeitsplätze verloren. Wobei die Anzahl der Arbeitslosen von 732.672 auf 1.350.000 hochschoss.
  • 2008 – 2013 sank das verfügbare nationale Nettoeinkommen von 195 Mrd. Euro auf 136 Mrd. Euro! Die 231 Mrd. Euro der Guthaben im Jahr 2009 sanken auf 164 Mrd. Euro im vergangenen Jahr. 2008 – 2013 verloren die Wohnungspreise wenigstens 30% ihres Wertes.
  • Die fälligen Verbindlichkeiten der Bürger an den Fiskus stiegen von 38,7 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 60 Mrd. Euro im Jahr 2013 und die problematischen Kredite von 12 Mrd. Euro auf 65 Mrd. Euro!
  • 2012 deklarierte die Hälfte der Steuerpflichtigen (2,7 Mio.) monatliche Einkommen von unter 800 Euro. 17,9% der Griechen verfügen nicht über genug Geld um Lebensmittel zu kaufen.

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  1. Jorgo
    16. April 2014, 09:45 | #1

    Deutlicher kann man zwischen den Zeilen nicht sagen, dass die Euro-Einführung die Ursache für das Elend in Griechenland (und anderer Südstaaten) ist. Solange Griechenland nicht aus dem Euro austritt, wird sich leider nichts zum Positiven wenden. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass sich Politiker scheuen, begangene Fehler einzugestehen und lieber krampfhaft daran festhalten, als begangene Fehler wieder gut zu machen.

  2. Ottfried Storz
    16. April 2014, 09:47 | #2

    Geht man online die deutschen Medien durch, so erkennt man, dass die Überschrift Unfug ist: Die deutsche Regierung kommentiert die Anleiheplatzierung kaum und die Medien sehen es durchweg kritisch, wegen der Mehrkosten (5 % Anleihezinsen vs. 1,5 % für aktuelle Kredite), die dann die bisherigen Anleihegeber zahlen tragen müssen. Die Anleiheplatzierung „am freien Markt“ ist eine rein griechische Geschichte – wie so vieles, hinter dem in Griechenland angebliche Verschwörungen vermutet werden.

  3. Rudi
    16. April 2014, 11:01 | #3

    Das alles ist doch blanker Turbokapitalismus. Ohne EU-Beitritt hätten die Märkte Griechenland nicht mit Krediten zugeschüttet. Kreditnehmer und Kreditgeber verließen sich auf die Angst um den Euro und, dass der Steuerzahler für dessen Rettung bluten wird. Die Rechnung ist aufgegangen und wird solange aufgehen, bis es richtig kracht. Dann geht es auch den Deutschen an den Kragen. Es wird Zeit, dass die Syriza diesem gefährlichen Treiben ein Ende macht. Griechenland könnte die Initialzündung für eine neue, gerechtere Wirtschaftsordnung sein. Auf die Europawahl darf man gespannt sein.

  4. Klaus Kastner
    16. April 2014, 11:04 | #4

    Jedes Ding hat 2 Seiten und es ist nie so, dass eine der beiden Seiten komplett falsch liegt. Auch dieser Autor liegt nicht komplett falsch. Im Gegenteil, er erwähnt viele richtige Punkte. Er lässt jedoch Objektivität stark vermissen, ist also extrem einseitig. Ich halte den Schuld-und-Sühne Ansatz bei Schulden für falsch. Ich bin jedoch ein Verfechter von Verantwortung; persönlicher Verantwortung sowie kollektiver Verantwortung.

    Griechenland war anders als beispielsweise Island. Dort hatte eine kleine Clique von Finanzjongleuren die Privatbanken überschuldet. Nutzniesser davon war ein eher kleiner Teil der Gesellschaft, aber alle Iren müssen jetzt für diese Schulden gerade stehen. Jedem ordentlichen Kaufmann wird übel, wenn er das beobachtet.

    In Griechenland beschrieb T. Pangalos die Situation richtig, als er sagte, „wir haben das alle miteindander verfrühstückt“. Ich erinnere mich beispielsweise an das Jahr 2008, als ich mit Sicherheit niemanden in Griechenland sehen konnte, der an diesem Frühstück nicht teilgenommen hatte. Alle hatten einen sehr hohen Lebensstandard und lebten in Saus und Braus. Natürlich gab es die korrupte Elite, die extrem überproportional am Frühstück teilgenommen hatte. Dort ging es um Millarden und Aber-Milliarden. Aber in der breiteren Masse ging es immer noch um Aber-Tausende und Hunderttausende Euros bzw. Millionen. Teilweise liegen diese jetzt auch auf ausländischen Bankkonten.

    50% der Neuverschuldung Griechenlands von 2001-10 kamen ins Land via den Staat als Kreditnehmer, die anderen 50% via Banken. Der Staat hat das geborgte Geld ausgegeben. Die Ausgaben des Staates, sofern sie im Inland ausgegeben werden, sind Einnahmen für Private (Gehalts-/Pensionserhöhungen; neue Staatsjobs; Förderungen; Infrastrukturprojekte; Ankäufe von Seen; etc. etc.). Die Banken haben das geborgte Geld verliehen und somit für weitere schuldenfinanzierte Kaufkraft gesorgt. Von 2001-10 haben Griechen 300 Mrd.EUR mehr im Ausland eingekauft als dort verkauft (Handelsdefizit). Damit wurden weite Teile der ohnehin geringen inländischen Produktion überflüssig. Überflüssige/verlorene Jobs konnte der Staat ersetzen. Trotz großer Auslandseinkünfte via Schifffahrt/Tourismus haben Griechen in Summe von 2001-10 199 Mrd.EUR mehr im Ausland ausgegeben als sie dort eingenommen haben. Die Auslandsverschuldung stieg in diesem Zeitraum um 283 Mrd.EUR. Dieses Geld hat sich nicht in Luft aufgelöst; es hat nur die Besitzer gewechselt.

    Dies ist vergleichbar mit einem See, bei dem sich plötzlich der Wasserzufluss verdoppelt. Der Wasserspiegel steigt und ALLE Boote auf dem See steigen mit ihm. Die griechische Wirtschaft war wie ein Benzinmotor, der vom Benzinzufluss abhängt. Der Benzinzufluss war der Schuldenzufluss aus dem Ausland.

    Das Leben ist nicht fair, auch – oder vor allem – nicht in Griechenland. Die Rechnung für diese ‚Party‘ wird jetzt umgekehrt proportional zu den Nutzniessern bezahlt: am meisten zahlen jene, die am wenigsten von der ‚Party‘ profitiert haben. Wenn Griechen heute geschätzte 200 Mrd.EUR (oder mehr!) auf Auslandskonten haben, dann sind der Ursprung dieser Privatvermögen Staats- und Bankauslandsschulden, die jetzt auf den Schultern aller Griechen liegen. ABER: Faktum bleibt, dass es in diesem Prozess eine wundersame Transformation von Staatsschulden in Privateinkommen und -vermögen aller Griechen gab, wenngleich unfair verteilt.

    Auch Ausländer zählten zu den Nutzniessern: Exporteure nach Griechenland; Schmiergeldempfänger von Griechenland; Kreditgeber an Griechenland; etc. Dass jedoch Griechenland beispielsweise für den wirtschaftlichen Wohlstands Deutschlands gesorgt habe, ist eine lächerliche Behauptung.

    Man kann durchaus geteilter Meinung über das sein, was seit 2010 mit Griechenland passiert ist. Ich persönlich meine, dass die sogenannte Rettungspolitik grundfalsch und von Heuchelei geprägt war. Trotzdem muss man festhalten, dass das, was bis 2010 in Griechenland schiefgelaufen ist, ausschließlich auf das Konto der Griechen gehört. Verschlimmert wird dies durch den Umstand, dass ein relativ kleinerer und informierter Teil der Gesellschaft den relativ größeren und uninformierteren Teil in ungeahntem Ausmaß über den Tischegezogen hat. Auch das ist ein internes Griechenland-Problem.

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