Waren die Opfer Griechenlands vergeblich?

6. März 2014 / Aufrufe: 2.242

Besteht die Gefahr, dass die Opfer des griechischen Volks vergeblich gewesen sind?

Es kann (und muss) viel darüber gesagt werden, wie wir (Griechenland) an dem Ausbruch der Krise angelangten und welche die Reaktion der europäischen Führer, des inländischen politischen Systems und der Gesellschaft war, als die Märkte sich weigerten, uns (sprich Griechenland) weiterhin Geld zu leihen.

Abgesehen von der Politik gibt es jedoch auch die Wirtschaft. Und die Wahrheit ist, dass die Krise nicht als Resultat einer „irrigen“ Politik eintrat. Es war die gewaltsame Äußerung der Erschöpfung eines ganzen Wachstumsmodell, eine Krise des Modells des parasitären Kapitalismus mit seinen Anhängen – sprich ausgeprägten Ungleichheiten, tiefer Korruption, Austrocknung der Demokratie zu einem Regime mit einer bedrückenden Vorherrschaft einer oligarchischen Clique des Reichtums – der Medien – der Macht bei der Ergreifung von Entscheidungen.

Der Staat ist immer häufiger abwesend, wenn und wo er gebraucht wird

Im Verlauf der Jahre schrumpfte dieses Modell, überlebt jedoch. Und macht die Folgen der Rezession noch schmerzhafter und langwieriger. Die Opfer werden vergeblich gewesen sein, sofern dieses Modell es schafft, gerettet zu werden. Wie es angestrebt wird.

Die Reformen mit positiver gesellschaftlicher und produktiver Ladung bewegen sich im Krebsgang, der Begriff als solcher wird in Verruf gebracht, da er angeblich reformerischen Maßnahmen angeheftet wird, die auf die tiefe Vergangenheit des Griechenlands der „billigen Arbeit“ orientiert sind. Der Sozialstaat zieht sich zurück und überlässt seine Verpflichtungen den Netzwerken gesellschaftlicher Solidarität, der Staat ist immer häufiger dort abwesend, wo und wenn man ihn benötigt, immer labyrinthischer und feindlicher gibt er immer weniger aus, aber das Netz einer bösen Bürokratie wächst und strapaziert das Wachstum und die Gesellschaft mehr als je zuvor.

Ausländisches Kapital hält sich von Griechenland fern, die Banken behindern den Transfer von Mitteln zu dynamischen Sektoren, die beschränkten Mittel werden in intransparenten Regelungen und der Unwilligkeit des Bankregimes gefangen gehalten, mit Interessen zu kollidieren, die reich wurden, indem sie ihre Unternehmen plünderten und diese nun den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Das vormals bestehende Produktionspotential wird zerstört, ein neues Potential wird nicht geschaffen.

Der Parasitismus höhnt …

Das griechische Volk hat ungeheure Opfer erbracht. Das kranke politische System respektierte sie jedoch nicht. Was in den ungefähr vier Jahren, seitdem die Märkte sich weigerten, uns Geld zu leihen, hauptsächlich fehlte, war nicht das Geld – die Troika finanziert uns so oder so mit ungefähr 220 Mrd. Euro. Was fehlte, war der Wille, mit dem Modell des parasitären Kapitalismus abzuschließen.

Es fehlte der Wille, ein Reformprogramm für das Griechenland nach der Krise zu erstellen, dokumentiert und mit dem Ehrgeiz zu einer breitmöglichsten nationalen Zustimmung. Das Resultat ist, dass das Land regierungslos vor sich hintreibt, wobei die grundsätzlichen Pathogenesen (Ungleichheiten, Gesetzlosigkeit, Korruption …) als Strukturen unberührt bleiben, die rechtsstaatliche und demokratische Funktion sich im Niedergang befindet. Das Land wird immer ärmer und billiger, die Werte brechen stillschweigend zusammen, womit es planlos den Weg der Katastrophe ohne Kreativität öffnet.

Anstatt dass ein verzweifelter Versuch um die Ausarbeitung eines Plans und einer Strategie für den Aufbau eines neuen Modells tragfähigen Wachstums vorherrscht, geben selbst heute noch die Wahlkampftaktiken um die Macht, populistisches Gekreische und „Komponenten der Dummheit“ den Ton an. Der Parasitismus höhnt.

Überlebt der Parasitismus, werden alle Opfer vergeblich gewesen sein

Nicht das Geld ist das Problem. Geld für die Finanzierung eines neuen Produktionsmodells ist vorhanden. Ich meine nicht die inländischen Ersparnisse (sie sind gering und schwinden …), sondern die ungeheure Liquidität, die Massen des internationalen Kapitals, das nach lukrativen Platzierungen überall und speziell im europäischen Süden sucht.

Abgesehen von einigen Ausnahmen ziehen wir es (das Kapital) jedoch nicht an. Warum? Die Analytiker der Griechischen Bank haben die sieben strukturelle Gründe verzeichnet:

  1. unberechenbares Steuersystem,
  2. unbeständiger Regulierungsrahmen,
  3. Verzögerungen in der gerichtlichen Lösung von Differenzen,
  4. zeitraubende bürokratische Verfahren,
  5. fehlende Transparenz und Korruption,
  6. Mangel an modernen Infrastrukturen und
  7. Fehlfunktionen und Inflexibilitäten auf dem Arbeitsmarkt.

Bei all diesem hat sich nur eins geändert: Der Arbeitsmarkt ist vernichtet worden und die Vergütungen der Lohnarbeit sind zusammengebrochen. Ansonsten nichts Bedeutendes.

Die Gefahr eines ärmeren, aber auch produktiv schwachen Griechenlands, das sich für die kommenden 10 Jahre vor sich hinschleppen wird, ist sichtbar. Die Gefahr der Rettung des Parasitismus ist existent. Wenn das Regime des Parasitismus auch diese Krise zu überleben schafft, werden die Opfer des griechischen Volkes vergebens gewesen sein.

(Quelle: Kathimerini, Autor: Kostas Kallitsis)

  1. Ronald
    6. März 2014, 01:10 | #1

    Das ist so ungefähr das Beste, was ich hier aus den griechischen Medien zitiert sehe. Meiner Meinung nach wird Griechenland nicht an der Forderungen der Troika bzw. der Geberländer scheitern, sondern an seinen herrschenden Kasten, die aus den Forderungen nur das umgesetzt haben, was die griechischen Bürger belastet.
    Kaum eine Maßnahme, die für mehr Transparenz, Effektivität, ein positives Investitionsklima für inlänische und auslänische Investoren, Abschaffung von Zugangsbeschränkungen usw. hätte sorgen können wurde umgesetzt. Alle Lobbies in Griechenland wurden geschont. Und in dieses Bild passt eben auch der letzte hier veröffentlichte Artikel über den Widerstand gegen die Lieberalisierung des Verkaufs von rezeptfreien Arzneimitteln, gegen den sich die Apotheken und der griechische Staat seit nunmehr 2011 wehren (hier nachzulesen). Es ist nur eine Nebensächlichkeit, aber eben symptomatisch für die erfolgreiche Verteidigung des Lobbyismus in Griechenland …

  2. Jan
    6. März 2014, 03:49 | #2

    Wählt Tsipras, dann ändert sich das! Im Programm der Syriza stehen alle Maßnahmen gegen o. g. Punkte klar formuliert. Es kann natürlich sein, dass die Versprechungen größer sind als das, was später wirklich passiert, aber mal ehrlich: mehr als versuchen geht nicht, und welche politische oder gesellschaftliche Kraft außer Syriza ist dazu in der Lage?

  3. foxxi21
    6. März 2014, 10:27 | #3

    die ganzen finanzhilfen haben nur einen zweck: die ganze lage beruhigen, damit die geldgeber zu ihren zinsen und rückzahlungen kommen. wer das geldsystem halbwegs versteht, der versteht auch, dass es für alle „griechenländer“ auswegslos ist aus ihren dilämmer heraus zu kommen. der machanismus aus geldsystem, wirtschaft und politik lässt überhaupt keinen anderen weg zu. die zwangsjacke eu und euro gibt diesen länder keinerlei anpassungsmöglichkeit. das geldsystem braucht dagegen ständig neue mitglieder zu deren ausbeutung. zuerst werden sie mit krediten geholfen und anschließen ausgepresst wie eine zitrone. wenn man diese geschichte zu ende denkt, dann kommt es zwangsläufig zu katastrophen.
    wenn es jetzt überhaupt noch eine art lösung gibt, dann folgende: sofortiger austritt aus allen zwangsvereinigungen eu euro usw., eigene währung und abwerten, – dann ein sehr beschwerlicher neuanfang und aufstieg möglich. befreiung von allen krediten!

  4. Petra
    6. März 2014, 11:44 | #4

    Wie definiert man die Bezeichnung Staat. Was macht einen Staat aus? Man muss es als ganzes sehen und es braucht liberale Veränderungen keine extremen Richtungen. Überall wo man gerechte und sozialverträgliche Gesetze für Menschen und Wirtschaft geschaffen hat gibt es gesunde Staaten. Wir brauchen diese Werkzeuge und Zeit da wir nicht nur Gesetze ändern müssen sondern auch unsere Mentalität. Jeder einzelne Bürger von Griechenland ist ein Teil des Staates und jeder Politiker ist von uns gewählt. Also worauf warten wir noch.

  5. Kleoni
    6. März 2014, 12:09 | #5

    mit Syriza kommt dann eben noch eine 3. Partei hinzu, die zuerst ihre Günstlinge bedient – die Korruption sitzt eben tief und neue Günstlinge warten schon in den Startlöchern.

  6. windjob
    6. März 2014, 12:20 | #6

    Endlich hat sich mal wieder jemand gefunden, der die Warheit sehr differenziert analysiert und kund tut. Das ein Politiker (hier Tsipras) an der Situation etwas zu ändern vermag ist für mich ein Irrglaube. Ich persönlich sehe eine Lösung nur in einer technokratischen Regierung, die die ganze Verkrustung, Korruption, Bürokratie, etc. auflöst.

  7. GR-Block
    6. März 2014, 13:46 | #7

    Bei all diesem hat sich nur eins geändert: Der Arbeitsmarkt ist vernichtet worden und die Vergütungen der Lohnarbeit sind zusammengebrochen. Ansonsten nichts Bedeutendes.
    Genau hier liegt die Bedeutung der „Hilfe“ durch die Troika. Um Geld neu zu verteilen, muss es zuerst eingesammelt werden. Dafür braucht jede Partei, die die Regierung stellt, politische Unterstützung („Hilfe“) von Mächten, die sie dann nicht mehr loskriegt. Ohne diese politische Unterstützung könnte kaum eine Regierung gegen ihr Volk deartige Maßnahmen ergreifen und trotzdem stabil bleiben. GR war ein Experiment und es hat geklappt. Die Spareinlagen der Griechen werden nun flüssig gemacht. Und „rechtmäßig“ geht das natürlich nur dann, wenn kein ausreichendes Einkommen mehr zur Verfügung gestellt wird.
    Der Arbeitsmarkt ist vernichtet worden und die Vergütungen der Lohnarbeit sind zusammengebrochen.“ Ständig zu behaupten, man wollte eigentlich die Strukturen ändern, nicht die Leute verarmen, ist falsch. Die EU will keine kapitalistischen Strukturen in Europa verändern. Sie sind zu lukrativ und haben sich speziell in GR sehr gut bewährt.
    Nein, es soll der blutarme Patient stabilisiert werden, damit der Aderlass durch die bekannten Parasiten fortgesetzt werden kann. Die Idee, die EU wolle Produktion in GR ansiedeln, ist so absurd, und würde jedem der „Förderprogramme“ wiedersprechen. Stattdessen wird mit einigem (betriebswirtschaftlichen) Recht die Konzentration der Produktion an wenigen Standorten in Europa betrieben. Das Sterben der „Tante-Emma-Läden“ und damit eines Großteils der selbständigen Arbeit ist Programm, und GR ist nun als eines der letzten alten EU-Länder mit dabei. Ja, die 30 Jahre alten EU-Lobbys in Athen haben sich durchgesetzt. Mal sehen, was jetzt kommt, unter Tsipras.

  8. Skyjumper
    6. März 2014, 22:31 | #8

    Waren die Opfer Griechenlands vergeblich?“ Ja, waren sie und sind sie. Und das bereits vom ersten Tag an. Die ganze sogenannte Rettung war vom 1. Tag an nur darauf fokussiert das parasitäre System zu stabilisieren. Nicht mehr, nicht weniger. Und als parasitäres System betrachte ich in erster Linie den Staat. Denn dieser ist mitnichten „das Volk“. Der Staat ist ein Machtkonstrukt mit Begünstigten und Unterdrückten. Fatalerweise glauben die Unterdrückten seit 100 Jahren daran, dass der Staat ihnen zum Vorteil gereichen würde, für sie da sei und dafür sorgen würde dass es ihnen besser geht dadurch. Das Gegenteil ist der Fall.

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