Verschleiß der rechtsradikalen Chrysi Avgi in Griechenland

27. März 2014 / Aufrufe: 1.105

Aus Angst vor dem Gefängnis scheinen sich in Griechenland Abgeordnete und Funktionäre der rechtsradikalen Chrysi Avgi zunehmend von der Partei zu distanzieren.

Genau vor einem Jahr schien die Chrysi Avgi allmächtig zu sein. Ihre Anteile bei den Meinungsumfragen des vergangenen Frühjahrs tangierten verrückte Zahlen, die öffentlichen Tafeln des Hasses zogen tausende Menschen an, das Schlägergehabe und die Drohungen der Abgeordneten und Mitglieder der Organisation innerhalb und außerhalb des griechischen Parlaments standen auf der alltäglichen Tagesordnung.

Die Dreistigkeit der Neonazis hatte jede Grenze überschritten, während der Staat gelähmt zusah, wie der bewaffnete Abgeordnete Giorgos Germenis den Athener Bürgermeister Giorgos Kaminis verhöhnte, Ilias Panagiotaros den Bürgermeister von Meligala lyncht, Ilias Kasidiaris den Leiter der Polizeikräfte in Alikarnasso beschimpft und Nikos Michaloliakos am Jahrestag der Wiederherstellung des Regimes die Demokratie verspottet. Ein Jahr später haben viele dieser Phänomene einen erheblichen Rückgang gezeigt. Ausgenommen natürlich der demoskopischen Anteile der Chrysi Avgi, von denen man nicht sagen kann, sie wären massakriert worden … .

Rechtfertigungen

Das Abspringen der Abgeordneten von der Chrysi Avgi in einem Versuch, eine günstigere Behandlung von Seite der Richter zu erreichen, wenn sie aufgefordert sein werden, sich vor der Justiz für Verbrechen zu verantworten, an denen sie entweder beteiligt waren oder davon wussten, sie jedoch verhüllten, folgt genau dem Vorbild der ideologischen und politischen … Ahnen der nazistischen Partei.

Wenn wir den harten Kern der Generäle und anderer Stäbe Hitlers ausklammern, die wählten, entweder lieber Selbstmord zu verüben als in die Hände der alliierten Kräfte zu fallen oder sich selbst und ihre Verbrechen ohne jede Hoffnung vor der Justiz zu verteidigen, suchten alle übrigen in der Stunde der Verurteilung nach jeder möglichen und unmöglichen Rechtfertigung um ihre Lage zu entlasten. Etwas Entsprechendes taten in der letzten Woche Chrysovalantis Alexopoulos und Stathis Mpoukouras, indem sie den Weg wählten, sich als von der parlamentarischen Fraktion der Partei unabhängig zu erklären.

Es ähnelt jedoch einer maximalen Heuchelei, dass die verbliebenen Abgeordneten der Chrysi Avgi ihre nunmehr ehemaligen „Mitstreiter“ als Verräter beschimpfen. Kasidiaris, Panagiotaros, Michos und sonstige Funktionäre scheinen zu vergessen, dass als erste sie – allen voran ihr Anführer Nikos Michaloliakos – im vergangenen Oktober, als sie sich vor den Untersuchungsbehörden wiederfanden, ihre neonazistische Vergangenheit verleugneten um den schwedischen Gardinen zu entgehen.

Angst

Diese Angst vor der Einweisung in Untersuchungshaft ist es, die Chrysovalantis Alexopoulos und Stathis Bukuras beugte, die – sei es auch spät – den Weg wählten, sich als unabhängig zu erklären. Es ist die selbe Angst, die ehemaligen und aktiven Mitgliedern der Organisation, die sich in den letzten Monaten die Klinke der Büros der beiden Untersuchungsrichter in die Hand gaben, „die Zunge löste“ um die kriminelle Aktivität der Chrysi Avgi zu enthüllen. „Die Festungen fallen von innen“ und im Fall der Mitglieder der Chrysi Avgi begann der Zusammenbruch ab dem Augenblick, wo der „Nektar“ der Macht die Funktionäre der Chrysi Avgi berauschte.

Die demoskopischen 15%, bei denen die Organisation wenige Tage vor der Ermordung des Pavlos Fyssas zu liegen schien, bedeuten eindeutig nicht, dass plötzlich einer von zehn Griechen überraschend zu einem Nazi oder Faschisten mutierte. Außerdem rührte die Abwanderung von Wählern zu der Partei Michaloliakos‘ nicht nur aus der sogenannten „völkischen Rechten“, sondern auch enttäuschten ehemaligen PASOK-Wählern, die plötzlich die „Errungenschaften“ verloren gehen sahen, und volkstümlichen Schichten her, die auf diese extreme Weise ihre Verzweiflung und ihre Wut auf das Machtsystem zeigen wollten, von dem sie meinen, es habe sie die Klippen hinuntergeworfen.

Stathis Mpoukouras  hatte sich vor den Untersuchungsbehörden als ehemaliges PASOK-Mitglied bezeichnet, und erst neulich erklärte Dimitris Koukoutsis sich bei dem Ethik-Ausschuss des Parlaments, der den Antrag auf Aufhebung der Immunität der Abgeordneten untersuchte, als Anhänger der Nea Dimokratia und „Bewunderer“ des Antonis Samaras.

Verschleiß

Die Abwanderung aus den scheinbar „stählernen Zellen“ des Gebildes verstärkte die Einweisung des Michaloliakos in Untersuchungshaft. In Abwesenheit des „Führers“ dauerte es nicht lange, bis die potentiellen „Nachfolger“ die „Messer zogen“. Außerdem war bereits seit der Periode der „Allmächtigkeit“ der Chrysi Avgi die unterschwellige Rivalität zwischen Kasidiaris – Panagiotaros bekannt. In einem Grad, dass der eine dem anderen nicht einmal „guten Tag“ sagt. Der Verschleiß im Inneren der Chrysi Avgi in Kombination mit den Fakten der voluminösen Anklageschrift, die ihre kriminelle Bahn enthüllt, trugen zu der „Abwanderung“ vormals treuer Funktionäre bei.

Wer aus dieser Demontage der neonazistischen Partei- zumindest hinsichtlich der anstehenden Kommunal- und Europa-Wahlen – zu profitieren versucht, ist die Nea Dimokratia. Seit kurzem hat in der Hauptpartei der Koalitionsregierung das Unterfangen der Rückkehr traditioneller Wähler der Fraktion begonnen, die sich der Chrysi Avgi zugewendet hatten. Der Anfang erfolgte bei den Einheiten der Sicherheitskräfte, da die harmonischen Beziehungen vieler Polizisten zu der Chrysi Avgi allgemein bekannt sind. Dies wurde außerdem auch mit den zweistelligen Anteilen der Nazis in den Wahllokalen wiedergegeben, in denen die Mehrheit der Wähler bei den Sicherheitskräften in Dienst steht.

Anfänglich wurde versucht, das „Geschwür“ mittels der tiefgreifenden Untersuchung der Unterdirektion für interne Angelegenheiten über die unterirdischen Verbindungen von Offizieren der griechischen Polizei (ELAS) mit den Neonazis und der darauf folgenden Versetzungen, Strafverfolgungen und Inhaftierung aufzubrechen. Weil jedoch die „Rückkehr in den Kral“ nicht ohne Gegenleistung erfolgt, wurde auf Anweisung von Premierminister Antonis Samaras auch das erforderliche Anreiz gegeben. Ein finanzieller Anreiz natürlich.

Nach dem Urteil des Obersten Verwaltungsgerichtshofs über die rückwirkende Nachzahlung der Gelder, die bei der Besoldung der Uniformträger in der Periode des Memorandums gekürzt wurden, erhielt unter persönlicher Intervention des Premierministers das Ministerium für öffentliche Ordnung eine außerordentliche Finanzspritze von 7 Millionen Euro, damit es keine Einschnitte bei der 5-Tage-Woche der Polizeibeamten gibt. Die … „Sozialpolitik“ der Regierung hat offensichtlich klare Wahlkampfkriterien.

(Quelle: To Pontiki)

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  1. GR-Block
    27. März 2014, 10:56 | #1

    Wer aus dieser Demontage der neonazistischen Partei- zumindest hinsichtlich der anstehenden Kommunal- und Europa-Wahlen – zu profitieren versucht, ist die Nea Dimokratia.
    Mit solchen Aussagen wäre ich vorsichtig. Wie weiter oben angemerkt, ist nicht jeder XA-Wähler ideologisch motiviert sondern eher Verzweiflungswähler. Wer für den Austritt aus dem EURO plädierte, aber nicht die KKE wählen wollte, hatte keine andere Wahl. Folglich werden jetzt fast ALLE Parteien einen Teil ihrer alten Wähler zurückerhalten. Die Frage bleibt, was geschieht mit den abspringenden Parlamentariern der XA. Schon versuchen sie sich anders zu formieren. Der griechische Journalismus sollte hier wachsam bleiben und nicht unkritisiert NSDAP-Verhältnisse zulassen. Damals zogen rechtsradikale Neulinge zur Ablenkung ins Bonner, Berliner und Wiener Parlament. Die alten NSDAP-Kader allerdings wurden als Wählermagnet meist in die CDU und SPD eingeladen. Sodass z.B. stolze 12% der Bonner Parlamentarier ehemalige NSDAPler waren. Das war jeder 8. Abgeordnete, darunter Bundesminister, Ministerpräsidenten, Bundespräsidenten! Der letzte ging 1999 in den wohlverdienten Ruhestand.
    So etwas können Gerichte allein nicht verhindern. Nicht einmal im anarchischen GR. Hier muss das Wahlvolk durch kluge Aufklärung sensibilisiert werden und die verleiteten jungen Erstwähler durch berufliche Zukunftsaussichten „korrumpiert“ und in die Gesellschaft zurückgeführt werden. Das kostet Geld. Aber was bei Politikern selbstverständlich ist, sollte uns die Jugend wert sein. Eine lukrative Variante wäre: Junge Leute in die Polizei, rechtsgerichtete Polizisten in die Steuerfahndung. Die würden dann die hinterzogenen Steuern eintreiben und bräuchten dazu kaum Ausrüstung, höchstens mal ab und zu einen neuen Baseballschläger.

  2. Tinos
    27. März 2014, 12:11 | #2

    Wenn man hier hinter die Kulissen schaut, zeigt sich ein Phänomen, das sich leider überall wiederfindet, auch in der Vergangenheit Deutschlands. Einerseits wirft Griechenland den Deutschen das Nazitum vor, züchtet aber im eigenen Land derzeit die gleiche „Brut“. Dies liegt, wie man sieht, nicht an der Nationalität, sondern ist in der Ausnutzung der Notlage der Allgemeinheit begründet. Jetzt sieht Griechenland an der eigenen Situation, das dieses Schema auf jedes Land übertragbar ist.
    Die genannten Personen aus dem Artikel werden zwar jetzt der Goldenen Morgenröte nach außen abschwören, werden jedoch ihr perfides Spiel mit Sicherheit unter einem neuen Namen weiter treiben. Das System bleibt gleich (man füttere die Armen und prügelt die Ausländer), man benennt es nur um. Hoffentlich lernen die Griechen noch rechtzeitig, das die angebliche Unterstützung hier alles Andere als ehrlich gemeint ist. Sicherlich wird es einmal Zeit, das die Regierung in Griechenland wechselt, jedoch nicht in diese Richtung! Das wäre Grund verkehrt.

  3. Hans und Sophie
    27. März 2014, 19:29 | #3

    Schade, dass die Weimarer Republik die Nazis mit ihrer SA nicht genau so in die Schranken gewiesen hat; es wäre der Welt so einiges erspart geblieben. Äußerst brutal wenn sie Oberwasser haben, aber unendlich feige wenn sie zu ihren Taten stehen müssen; so sind sie halt die Nazis, erbärmliche Figuren.

  4. Thilo
    28. März 2014, 11:48 | #4

    Erst hat man nicht gewusst, dass es sie gibt, dann waren sie eine unbekannte Größe, als man sie gekannt hat, lachte man über sie. Als sie weiteren Kreisen bekannt waren, lachte man erst recht. Als sie da und dort Mandate errungen hatten, erklärte man ihnen, dass man sie in der nächsten Wahl aus dem Parlament jagen würde. Als sie immer mehr Mandate errangen, erklärte man, dass bald Schluss sein werde mit ihrer Bewegung. Als sie schon an der Regierung waren, erklärte man ihnen, dass sich ihre Bewegung in der Auflösung befinde. Und als sie an der Macht waren, schrie alles „H…. !!!!“ Wer jetzt noch lacht, soll aufpassen, dass er nicht auch über die lacht, die verzweifelt sind! Wie heißt es so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am Besten.

    @Tinos
    Politische Moral ist halt keine belastbare Größe. Mit fettem Bauch kann jeder Moralist sein. Das ist überhaupt nicht schwer. Es fällt auch nicht schwer, Demokrat in einem Land zu sein, in dem keine südamerikanischen Verhältnisse herrschen. Menschen werden nicht als anständige oder unanständige Lebewesen geboren, sie passen sich an ihre Umwelt an. Ist die Umgebung gemein zu ihnen, sind auch sie gemein. Das nennt man in der Verhaltensbiologie „Konditionierung“.

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