Das deutsche Rätsel

25. Januar 2014 / Aufrufe: 3.464

Der Euro löste ein großes Problem für Deutschland

Wie wir sahen, stützt sich das deutsche „Wachstumsmodell“ auf die (hauptsächlich mittels der Komprimierung der Löhne erzielten) Handelsüberschüsse, die in Kapitalexporte umgewandelt werden. Praktisch a) komprimiert das Land die Einkommen der niedrigeren gesellschaftlichen Schichten (und zusammen mit diesen den Inlandskonsum) und b) wandelt es die auf diese Weise erzielten Überschüsse in Vermögenswerte im Ausland um (gleich ob dies griechische Anleihen oder Gebäude und Grundstücke in Spanien sind).

Wenn jedoch die Kurse frei schwanken (analog zu Nachfrage und Angebot jeder Währung), wird dann das Land mit den dauerhaften Überschüssen (sprich Deutschland) eine kontinuierliche Aufwertung seiner Währung sehen – was bedeutet, dass (in D-Mark) die Vermögenswerte, über welche die Deutschen im Ausland (in den defizitären Ländern) verfügen, systematisch ihren Wert verlieren. Deswegen also vereinbarte Deutschland ab 1978 anfänglich stabile Wechselkurse innerhalb Europas und akzeptierte – als das System der stabilen Kurse 1992 / 1993 zusammenbrach – die Schaffung des Euro.

Der Euro löste also ein großes Problem für Deutschland (sosehr auch gesagt werden mag, er sei Helmut Kohl von Francois Mitterand als Gegenleistung für die Zustimmung zu der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten aufgezwungen worden) und gestattete die Beibehaltung des bismarckschen „Wachstumsmodell“. Wie es jedoch üblicherweise geschieht, wenn man ein Problem auf eine partielle Weise löst, entsteht ein anderes. In unserem Fall war das Problem, dass die Eurozone – während sie dem deutschen „Modell“ die Möglichkeit gab, die größten Überschüsse in seiner Geschichte zu produzieren – hinter dem Rücken der Nachkommen Bismarcks (sprich der deutschen Politiker) parallel ein Ungeheuer schuf: es waren die deutschen Banken, die ohne „Erlaubnis“ von der ihnen von Bismarck zugewiesenen Rolle, also der Finanzierung der deutschen Industrie-Oligopole abwichen.

Warum? Weil die Banken einen neuen Weg fanden, Gewinne einzufahren, die in keinerlei Zusammenhang mit der Produktion von Gütern stand: Indem sie immer unsicherere Vermögenswerte (z. B. einerseits Derivative und andererseits griechische Anleihen, Aktien der OTE usw.) in Mark – Euro kauften, die (wie sie glaubten) nicht von einer Abwertung im Verhältnis zu … Mark – Euro bedroht waren. Das Resultat ist bekannt.

Als also 2008 das internationale Finanzsystem zusammenbrach und Banken wie die Deutsche Bank pleite gingen (ohne jemals von den Regulierungsbehörden gezwungen zu werden, dies einzugestehen), wurde der deutsche Staat gezwungen, tief in die Tasche zu greifen, um die deutschen Banken zu retten, und somit stieg die deutsche Verschuldung weit über die Grenze von Maastricht an (die natürlich Berlin selbst dem übrigen Europa auferlegt hatte). Unter der Drohung von Verschuldung und Defizit hatte die deutsche Regierung zwei Optionen.

Die eine war, in Krisenzeiten das Defizit ansteigen zu lassen. Dies hätte jedoch das Ende des „Wachstumsmodells“ bedeutet, das auf den Handelsüberschüssen basiert (die verschwinden würden, wenn das staatliche Defizit zu einer Stunde wachsen würde, wo die Investitionen nicht zunehmen). Die andere Option war die Austerität für den selbigen deutschen Staat, was – um zu gelingen – die parallele Steigerung der Handelsüberschüsse und die kontinuierliche Komprimierung der Löhne nach unten erforderte.

Epilog

So erklären sich zwei Dinge:

Erstens, warum sich die deutsche Regierung trotz ihrer ehrbaren Hingabe für eine grüne Energiezukunft weigerte, in die Industriezweige des Landes zu investieren, die mittelfristig lukrativste Spitzen-Technologien auf dem Energiesektor produzieren können. Die Berliner Regierung zog stattdessen vor, die kurzfristigen Defizite einzuschränken, um das Bismarcksche „Wachstumsmodell“ zu retten (und die Handelsüberschüsse, auf denen es basiert).

Zweitens, warum Frau Merkel unabhängig von ihren nach links und rechts ausgesprochenen Drohungen letztendlich auf keinen Fall die Eurozone in Gefahr gebracht hätte, indem sie der Europäischen Zentralbank befehlen würde, dem griechischen Banksystem den Liquiditätshahn (ELA) zuzudrehen (also zu dem Zug zu schreiten, der Griechenland zum Ausscheiden aus dem Euro zwingen konnte). Hätte sie es getan, hätte sie die kumulierten Überschüsse der deutschen Wirtschaft in den übrigen Ländern der Eurozone riskiert (für welche das deutsche Regime dem durchschnittlichen deutschen Arbeitnehmer eine dauerhafte Austerität aufzwang).

Schließlich wird unter diesem Prisma das völlige Fehlen einer deutschen Vision für die Eurozone aufgezeigt. Das Bismarcksche „Wachstumsmodell“ mag es geschafft haben, Deutschland zu industrialisieren und es zu einer starken Wirtschaft gemacht zu haben, jedoch brachte es a) zweimal den Krieg über Europa und hätte b) nach dem Krieg ohne den Beistand der USA unmöglich wieder „auferstehen“ können. Dieser Beistand existiert heute jedoch nicht mehr (wegen des Verschleißes der amerikanischen Hegemonie).

Die von Berlin unternommene Bemühung, das Bismarcksche Modell beizubehalten und es auf die gesamte Eurozone auszuweiten, kollidiert mit einer harten Wahrheit: Der deutsche Erfolg (wie auch der Erfolg der Schweiz oder der Steuerparadiese) basiert darauf, dass die übrigen … nicht wie Deutschland sind. Anders gesagt, das deutsche „Modell“ funktioniert, solang die übrigen europäischen Länder nicht schaffen, es sich zu eigen zu machen. Wenn sie es schaffen, wird es Deutschland fortan nicht mehr helfen. Und wenn sie versuchen, es sich anzueignen, es ihnen jedoch misslingt, wird die Eurozone zusammenbrechen.

(Quelle: Protagon.gr, Autor: Yanis Varoufakis)

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  1. Ökonom
    25. Januar 2014, 12:45 | #1

    Dass das deutsche Modell nur so lange funktionert, wie es die anderen nicht schaffen, so wie Deutschland zu werden ist richtig und falsch zugleich. Es ist ein Rattenrennen, indem es darum geht, immer noch billiger zu werden. Beim billigsten Jakob wird eingekauft. Wenn also Griechenland, Spanien, Italien und andere beginnen, billiger zu produzieren, wird Deutschland gezwungen sein, noch billiger zu produzieren. Das Ende des Billigseins setzt letzlich der Arbeitnehmer. Wenn er seine Arbeitskraft so billig verkaufen muss, dass er sich kein Brot mehr kaufen kann, stirbt er. Also werden die Arbeitskräfte knapp und daher steigt der Preis der Arbeit auf dem Arbeitsmarkt. Wie wir aus der Geschichte wissen, wurde dieses Verfahren in Deutschland schon einmal produziert. Durch KZ-Häftlinge in Lagern konnte der Preis für die Ware Arbeit so weit gesenkt werden, dass billigend in Kauf genommen wurde, dass diese Menschen dort starben. Der Film „Schindlers Liste“ von Spielberg beschreibt diese Situation sehr gut. Ob dies nun Häftlinge waren oder ob man bspw. das Modell heute auf Migranten aus aller Welt, die nach Europa streben, überträgt, ist völlig nebensächlich. Entscheidend ist der Output, den diese Menschen während ihrer Lebenszeit leisten. Menschlichkeit und Moral sind völlig nebensächlich. Es geht nur durch die Verwertung des Menschen und um seine Arbeitskraft. Wer diese am besten verwertet, ist am Schluß Sieger in diesem wirtschaftlichen Rattenrennen.

  2. Jupp
    25. Januar 2014, 13:54 | #2

    Nur wird in diesem Artikel ein klitzekleiner Fakt vergessen: Der Zug geht in Richtung „Vereinigte Staaten von Europa – USE“ und dieser Zug ist bereits abgefahren ( so wurden von ca. 24000 Gesetzesvorlagen des Bundestages in 2012 ca. 19000 Richtlinien der europäische Kommission in nationales, deutsches Recht übergeführt.) Per se ist die Denke der Nationalstaaten überholt. Es gibt weder Griechenland, noch Spanien, noch Deutschland, sondern nur Protektorate und Wirtschaftszonen der EU. Ergo sind die nationalen Parlamente nur noch Verwaltungseinheiten der EU. Dieser Umstand wird sich in den nächsten paar Jahren noch deutlicher zeigen. Die nationalen Entitäten fungieren nur noch als Folkloreeinheiten, haben aber sonst nichts zu sagen. Schön, dass über den Parlamenten noch die Fahnen wehen, die Griechische oder die Deutsche. Dies bedeutet aber soviel, wie die Bayernfahne in München. Und letztlich ist der Streit zwischen beispielsweise den Deutschen und den Griechen so zu bewerten, wie zwischen dem Bayer und dem Preußen, Folklore also. Schuahplatteln da, die Nazifahne dort, was soll’s, let it be. Letztendlich sind alle vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis Nordafrika ein Volk. Das glaubt ihr nicht? Einfach mal bei der EU nachfragen oder das aktuelle politische Geschehen in der Ukraine beobachten.
    Der Roll-out der USE ist unterwegs und manche kapieren’s erst, wenn es zu spät ist.

  3. Antieuropäer
    25. Januar 2014, 20:06 | #3

    Der Gedanke Europa zu einigen, ist im Grunde genommen eine uneuropäische Idee. Europa ist vielfältig, national-bezogen, eher intolerant und kosmopolitisch. Heute ist Europa monoton, international, tolerant aber ignorant. Hat alles seine Vor- und Nachteile.

  4. Delta120
    26. Januar 2014, 03:20 | #4

    Kurz vor der Jahrtausendwende war Deutschland das kranke Kind in Europa. Schröder drückte nür die Löhne nach unten und Merkel hat diese Poletik einfach übernommen und weitergeführt. Da jedoch der Wirtschaft in Europa die Nachfrage fehlt und die Staaten gehalten sind keine Staatsdefizite mehr anzuhäufen laufen wir, wie in Japan, in die Deflationsfalle.

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