Griechenland: Schießt nicht auf die Senioren!

19. Dezember 2013 / Aktualisiert: 08. Februar 2017 / Aufrufe: 732

Die Senioren in Griechenland unterstützen nach wie vor die für die heutige Situation verantwortlichen Parteien, was jedoch in einem gewissen Grad verständlich ist.

Manche wollen ihnen das Stimmrecht entziehen, andere wollen sie in den „Zentren Offener Altenbetreuung“ (KAPI) einsperren und einige wiederum suchen – noch drastischer – nach einem Kaiadas-System für die Senioren.

Dies, weil auch bei den letzten Meinungsumfragen, wie im übrigen sowohl bei allen vorherigen Umfragen als auch den Wahlen, die Menschen im Alter von 65+ zu viel größeren Anteilen die Nea Dimokratia (ND), aber auch die PASOK-Partei zu wählen scheinen als die jüngeren Altersgruppen und der SYRIZA-Partei sehr viel geringere Anteile geben.

Die Erfahrung der Altvorderen ist die Summe ihrer Ängste

Nun schön, alle, die den Kopf der Alten auf dem Tablett fordern, werden scherzen, auch wenn dieser Humor manchmal gewisse Elemente des Rassismus hat. Jedenfalls wird niemand die Oma aus dem Zug werfen. Was zum Teufel reitet jedoch unsere Väter und Großväter, anders als ihre Kinder und Enkelkinder zu wählen? Zumal auch sie selbst sahen, wie ihre Renten bis zur Eliminierung gekürzt werden, ihre Gesundheitsversorgung zehnmal problematischer wird, ihre Medikamente von (Gesundheitsminister) Adonis Georgiadis und die Beheizung ihrer Wohnung von (Finanzminister) Giannis Stournaras verwaltet werden?

Zuallererst rufe ich in Erinnerung, dass die Altvorderen, die Senioren immer konservativer als die Jungen waren. Weil jedoch die alten Griechen weise waren, versuchten sie, diese Konservativität, in der sie Elemente der Erfahrung und Besonnenheit sahen, organisiert und institutionell zu verwerten. Daher auch die Institution des Senats, dessen Rolle darin bestand, mit seinem Konservatismus die demokratische Macht der Jüngeren – der Vielen – auszubalancieren. Daher ebenfalls auch der Respekt gegenüber den Eltern und den Eltern der Eltern, der als Bestandteil der Kultur der antiken Vorfahren hervorgehoben wurde.

Was genau ist jedoch die Erfahrung des Älteren? Wenn wir es uns recht überlegen, ist es nichts anderes als eine Summe aus Ängsten. Ein Mensch, der viel gesehen hat, hat gelernt, vieles zu fürchten. Er zögert, er ist gegen den jugendlichen Leichtsinn, er sieht hinter jedem wagemutigen Schritt die lauernden Gefahren und hinter jeder Änderung die möglichen hässlichen Folgen. Er fürchtet sich sogar nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Kinder und Enkelkinder, bei denen er häufig eine sorglose Tapferkeit sieht, die ihn erschreckt. „Du wirst Dich um Kopf und Kragen bringen“ – wie oft haben Sie das im Verlauf der Jahre von den Älteren gehört? „Vasilis, halt‘ die Füße still, um ein braver Mann zu werden„, lautet der Ratschlag, der zu einem Volkslied wurde.

Oma fürchtet Chrysi Avgi mehr als alle anderen

Und mal ehrlich, warum sollte ein Senior im konkreten Griechenland keine Angst haben? Er wuchs im Klima des Bürgerkriegs auf, sah all die Brutalitäten, die Jagd auf die Kommunisten, die schlimmen Zustände in der griechischen Demokratie, die Morde, die Junten, die Folterungen, die Verbannungen.

Der alte „Rechte“ fürchtet – auch die rasende Propaganda spielt ihre Rolle – noch immer, dass alles Traditionelle und Sichere zerschlagen werden wird, falls die „Linke“ den Kopf erheben sollte. Aber auch der alte „Progressive“ – was auch immer dieser Begriff bedeuten mag – fürchtet, dass die gesamte „Rechte“ zerschlagen werden würde, wenn die „Linke“ den Kopf erhebt.

In jedem Fall, wie immer man es auch sieht, fürchten viele Senioren, dass alles drunter und drüber gehen wird, falls die Linke sich in der Position der Mehrheit und Regierung befinden wird. Also – sagt er Dir – lieber mit den Berechenbaren, die heute regieren, auch wenn sie uns strapazieren, als mit den Unberechenbaren, die morgen regieren wollen, auch wenn sie versprechen, unseren Strapazen ein Ende zu setzen.

Folglich? Die Jüngeren werden die Alten folglich so oder so lassen müssen und werden sie hinter sich lassen. Ein Land, in dem das Morgen von dem Gestern bestimmt wird, ist ein krankes Land. Betrachtet man jedoch die Dinge in ihrer Bewegung, mögen sie für die „Weißhaarigen“ gar nicht so „schwarz“ sein. Weil auch die Linke zum ersten Mal seit dem Regimewechsel (sprich dem Sturz der Militär-Junta) einen guten Brückenkopf zu den Senioren geschaffen hat. Und die Chrysi Avgi fällt dort ganz böse auf die Nase – weil Oma diese Spezies in ihrem ganzen Glanz erlebt hat und mehr als alle anderen fürchtet.

Und es wird immer große Spielräume geben, dass – und dies hat sich diachronisch erwiesen – schließlich auch die Älteren den Weg nehmen, den ihre Kinder und Enkelkinder öffnen werden. Und dass die Haltung und die Ansicht der Jüngeren die Propaganda der Furcht ausgleicht.

Erster Tagesbefehl ist jedoch: Schießt nicht auf die Senioren!

(Quelle: Die Büchse der Pandora, Autor: Thanasis Karteros)

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