Griechenland: Die Troika, die Drachme und der Euro (2)

1. Dezember 2013 / Aktualisiert: 08. Juni 2015 / Aufrufe: 1.915

Im zweiten Teil seiner Analyse untersucht der Wirtschaftswissenschaftler Vasilis Viliardos Szenarien der Rettung Griechenlands ohne Troika unter rechten und linken Regierungen.

„Der Begriff „Kapitalismus“ hat den Vorteil, dass er exakt, also in völliger Klarheit, das heutige Wirtschaftssystem beschreibt: dessen Basisziel die Platzierung, die Nutzung von Kapital zum Zweck seiner Erhöhung durch die Verwirklichung von Gewinnen ist. Es handelt sich also um einen Prozess, der eine „exponentielle“ Wirtschaft produziert – während es anderenfalls zusammenbricht.

Der Kapitalismus wird nicht von den niedrigen Löhnen „angetrieben“, wie von den heutigen Austeritäts-Politiken vertreten zu werden scheint – aber, im Gegenteil, von den kontinuierlich höheren. Der Hauptgrund ist, dass nur dann, wenn die Löhne der Arbeitnehmer „teuer“ sind, die technologischen Innovationen, welche geometrisch die Produktivität steigern und Wachstum schaffen,  einen Sinn haben. Während der Dauer dieses Prozesses wird jedoch eine „kreative Zerstörung“ verursacht – da die älteren und billigeren Arbeitsplätze „sterben“, die durch die technologischen Innovationen vernichtet und durch teurere, spezialisiertere und wenigere Arbeitsplätze ersetzt werden.

Die Natur des Kapitalismus sind also hinsichtlich des Sektors Arbeit die höheren Bezüge, bei weniger Arbeitsplätzen, höherem Mehrwert – somit mit höherem Risiko und mit Unsicherheit, damit Innovationen und gewinne „produziert“ werden. Der „reine Sozialismus“ ist dagegen auf Arbeit für alle, Sicherheit und die traditionelle Struktur einer Wirtschaft gestützt – ohne großes Risiko, aber mit sehr niedrigen Löhnen. Alle „grauen“ Zwischennuancen haben immer ein Verfallsdatum.“

Analyse

Im ersten Teil des Textes haben wir angeführt, dass Griechenland keine Zukunft hat, solange es weiterhin den ihm auferlegten Zwänge folgt – wogegen es sehr bald zusammenbrechen wird, mit minimalen Chancen, irgendwann sein vorheriges Lebensniveau wiederzuerlangen. Ebenso hielten wir die Errichtung eines griechischen Business-Plans für absolut notwendig, der sich ausschließlich und allein auf Griechenlands Kräfte stützt – auf seine Bürger, seine Wettbewerbsvorteile, die Produktionsmittel und die Gelder, über die es selbst verfügt.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass es nicht den „Beistand“ seiner Partner bei der Lösung der Probleme seiner Wirtschaft suchen soll – in der Form eines „Marshall-Plans“, einer Verlängerung der Zeit für die Tilgung seiner Schulden nebst einer zinsfreien Periode und einer Exportklausel, der Senkung des Zinssatzes seiner Kredite auf den Basissatz der EZB (0,25%), der Steigerung seiner Exporte in die Länder der EU usw., wie wir in der Vergangenheit viele Male analysiert haben. Dennoch schuldet es, auf die Möglichkeit der Weigerung der Partner vorbereitet zu sein, ihm zu helfen – also für den Fall, in dem die wie auch immer gearteten Verhandlungen nicht von Erfolg „gekrönt“ werden, einen eigenen Plan zu haben.

Das Thema ist natürlich nicht nur die Erstellung des konkreten Plans, dessen grundlegendstes Element die kurzfristige Finanzierung des Landes zu sein hat (einfacher gesagt, „was würden wir Morgen früh tun, wenn wir die Troika verjagen würden), aber auch, welche politische Fraktion ihn umsetzen können würde – was sich sicherlich nicht aus den Programmen der diversen Parteien folgern lässt, die eher „Sandkastenübungen“ und gegenstandslose Theorien sind.

Weiter vertraten wir, die Linke habe praktisch absolut keinerlei Möglichkeit, Griechenland innerhalb der Eurozone zu retten – also den Euro als Landeswährung beizubehalten, ohne dass dies bedeutet, dass wir es als notwendig betrachten (obwohl auch für den Euro sind, im Sinn des vereinigten Europas).

Was die (derzeitige) Koalitionsregierung betrifft, führten wir an, dass sie höchstwahrscheinlich – was immer sie auch unternimmt – scheitern wird, da sie unter dem Kriterium ihrer bis heutigen Fehlentscheidungen und sich nachträglich zu einem Wechsel ihrer grundsätzlichen Positionen und Wahlversprechen entscheidend leider in die Enge getrieben worden ist.

Unseres Erachtens ist es sehr schwer, dass sie Griechenland zum Ausgang aus der Krise führt, während sie in ihrem Versuch, „auf Biegen und Brechen“ an der Macht zu bleiben – unter anderem, damit bestimmte Funktionäre von ihr der Bestrafung entgehen, da die beiden gemeinsam die Regierung darstellenden Parteien diejenigen sind, die hauptsächlich für den Bankrott unseres Vaterlands verantwortlich sind -, immer „diktatorischer“, aber auch den Ausländern immer unterwürfiger werden wird.

Wir fuhren damit fort, dass Aussichten auf einen Erfolg innerhalb des Euro – angesichts der Umstände und nicht wegen ihrer speziellen Politik – nur die rechten (liberalen) Parteien haben, weil sie in der Lage sind, die Werkzeuge des freien Markts zu nutzen – sofern sie natürlich richtig, mit den fähigsten und seriösesten Personen des Landes besetzt werden. Dies bedeutet nicht, dass der Euro eine Einbahnstraße, sondern einfach und allein eine der – möglicherweise „bei weitem“ weniger schmerzhaften – bestehenden Optionen ist.

Obligatorische Voraussetzung für die alternative Wahl entweder linker oder rechter alternativer Parteien für die Regierungsführung des Landes wäre natürlich das „Engagement“ aller Griechen an ihrer Seite. Dies würde jedoch ein außerordentlich begabtes Führungsteam erfordern, das in der Lage sein würde, belegt zu überzeugen – und exemplarisch die politische Korruption zu bestrafen (also alle korrupten Politiker, die unser steinreiches Land in den Bankrott führten) und parallel die direkte Demokratie zu adoptieren.

Unsere Einführung abschließend, die Adoptierung der direkten Demokratie, hauptsächlich unter Abstimmung über die Basisgesetze oder die zukünftigen Entscheidungen direkt durch die Bürger (wie beispielsweise den Abschluss der Kreditvereinbarung von 2010 nebst den Memoranden, die sie voraussetzte), ist der einzige Weg, damit sowohl die Gesetze als auch die verschiedenen Maßnahmen von der Gesamtheit des Volkes gestützt werden – in dem Sinn, dass es sehr viel leichter ist, dass das Volk „hinter diesen stehen wird“, wenn es die Entscheidungen selbst gefasst hat.

Artikel weiterlesen: Seite 1 Seite 2 Seite 3 Seite 4

  1. Wildkatze
    1. Dezember 2013, 10:20 | #1

    Guter Artikel und gute Analyse, wenn auch dahinter der Wunsch als Vater des Gedankens steht. Theorie = super. Praxis = in Griechenland nicht durchführbar.

  2. Ottfried Storz
    2. Dezember 2013, 11:05 | #2

    Eine nette Utopie. Mehr leider nicht, da völlig unrealistisch. Woher soll denn in diesem Parlament und mit diesen Parlamentariern die notwendige Riesenmehrheit für eine solch enorme Verfassungsänderung („Einführung einer direkten Demokratie“) herkommen? Und die Gläubiger sollen auf rd. 70 Prozent ihrer Kredite im Rahmen eines Megaschuldenschnitts verzichten? Wie sollen sich denn Zypern, Portugal, Spanien oder Italien sowas leisten, denn die müssten dann auf ca. 30 Mrd. verzichten und hätten entsprechend mehr Schulden? Wie sollen denn griechische und zypriotische Banken, Versicherungen und Versorgungskassen (denn diese halten massiv griechische Anleihen) diesen 70% Schuldenschnitt überleben?

  3. someone
    3. Dezember 2013, 23:29 | #3

    Man kann ja gerne für einen Austritt aus dem Euro sein und für einen weiteren Schuldenschnitt, aber zu suggerieren, dass dann die Spardiktate aufhören, ist entweder naiv oder eine böswillige Lüge. Nominal müssen die Löhne zwar nicht mehr gesenkt werden, aber mit einer 50%ige oder ähnlichen Abwertung der Neodrachme läuft es auf dasselbe hinaus, da Griechenland immer noch mehr importiert als exportiert. Argentinien konnte es machen, weil es mehr fremde Devisen erwirtschaftete als es verbrauchte. In diese Situation müsste Griechenland auch zunächst kommen, damit das beschriebene Szenario einen Sinn macht. Wenn es derzeit diese Schritte unternehmen würde, wäre es auf weitere Kredite aus dem Ausland angewiesen und in Europa dürfte sich nach einer solchen Aktion, die Begeisterung dafür eher in Grenzen halten, so dass man sich an Russland wenden müsste. Und das wird sich sein Engagement auch vergüten lassen, wie man an Weißrussland sieht, das sich in einer ähnlichen Situation wie Griechenland befindet.

Kommentare sind geschlossen