Schmerz einer Putzfrau in Griechenland

15. November 2013 / Aktualisiert: 15. November 2013 / Aufrufe: 1.417

Mit Schließung des öffentlichen Fernsehens wurde in Griechenland die Informierung der Öffentlichkeit privaten Sendern überlassen, die zum Teil jeder Beschreibung spotten.

Infolge der Anfang Juni 2013 in einem politischen Alleingang des Premierministers Antonis Samaras buchstäblich über Nacht verfügten Schließung der öffentlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt ERT bleibt seit rund fünf Monaten die Informierung der Öffentlichkeit den privaten Sendern (und hinter diesen stehenden Interessen) überlassen.

Obwohl der Oberste Verwaltungsgerichtshof (StE) mit einer am 17 Juni 2013 verkündeten einstweiligen Verfügung die Einstellung des Sendebetriebs der ERT bis zur Gründung und Betriebsaufnahme eines äquivalenten Trägers ausdrücklich untersagte, gibt es in Griechenland bis heute weder einen öffentlichen Rundfunk noch ein öffentliches Fernsehen. Was derweilen bei diversen privaten Sendern abläuft, veranschaulicht der nachstehende Beitrag.

Journalismus à la George (Jorgos) Aftias

Frau Skondra ist Abgeordnete der Nea Dimokratia (ND). Ich kannte sie nicht. Unsere „Bekanntschaft“ erfolgte an jenem verregneten Morgen, an dem ich die schlechte Idee hatte, den Fernseher einzuschalten. Frau Skondra war zu einer Sendung eingeladen. In einem „Fenster“ sie, in dem daneben eine entlassene Putzfrau des Finanzministeriums. Zwischen den beiden „Fenstern“ der Moderator Jorgos Aftias.

Ich bin mir sicher, dass er laut gelacht hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre. Ihm war die absolute TV-Show gelungen. Anlässlich des realen Dramas entlassener Raumpflegerinnen, die für 340 Euro im Monat arbeiteten, war das Studio zu einer Arena geworden. Und das vergöttern die „Kästchen“ zur Erfassung der Zuschauerquoten.

Die Entlassene ist – gerechtfertigt – laut. Und wenn ihre Stimme nicht so laut ist, wie es der Moderator wünscht, hat letzterer die Lösung. Er gießt noch etwas mehr Öl ins Feuer. „Ja, sagen sie uns, gute Frau, wir haben hier die ND-Abgeordnete Frau Skondra, was haben Sie ihr zu sagen?“ Was soll eine Entlassene einer Abgeordneten sagen? Wo sie Arbeit finden wird? Das fragt sie.

Frau Skondra hat keine passende Antwort. Und woher auch? Trotzdem fühlt sie, etwas sagen zu müssen. Und sie äußert merkwürdige Dinge bezüglich der „Zentrale für Gleichberechtigung der beiden Geschlechter, die sich der entlassenen Putzfrauen annehmen wird„. Ich habe es nicht verstanden. Die Entlassene hat es auch nicht verstanden, aber in diesen Diskussionen versteht eben jeder das, was er versteht.

Im Studio hat sich das Klima inzwischen aufgeheizt. Die Entlassene brüllt, Frau Skorda brüllt, brüllende Stimmen überall. Die lauteste kommt von dem (von der PASOK-Partei zur SYRIZA gewechselten) SYRIZA-Abgeordneten Michelogiannakis. Mit schwer kritisierendem Akzent und donnernder Stimme attackiert auch dieser Frau Skondra. Das Puzzle ergänzen seine Stimme (sogar wenn er ‚Guten Tag‘ sagt, scheint er zu brüllen) und sein explosives Temperament. Das auch einen … Wahlkampf- Charakter annimmt. Wenn seine Partei an die Macht kommt, wird sie – sagt Michelogiannakis – alle Putzfrauen (wieder) einstellen.

Trotz allem scheint das Puzzle noch nicht komplett zu sein. Es ertönt noch eine Stimme und es erscheint ein weiterer Eingeladener. „Die Frau hat ein Problem, seht Ihr das nicht?„, ruft er. Er meint die Entlassene (Putzfrau) und richtet sich ebenfalls an Frau Skondra. Es ist der Abgeordnete Giovanopoulos der Kammenos-Partei (sprich der Unabhängigen Hellenen – ANEL). Frau Skondra befindet sich in einer schwierigen Position. Alle sind gegen sie. Sie bleibt trotzdem gelassen.

Nach weiteren explosiven fünf Minuten beginnt die Diskussion allerdings … ihren Rhythmus zu verlieren. Beinahe wäre sie zu einer normalen Diskussion geworden. Es kommen gewisse elementare logische Argumente zu Gehör, es findet eine Art von Dialog statt. Aftias begreift das sofort. Und greift korrigierend ein: „Sagen Sie mir, gute Frau, sagen Sie mir, wie kommen sie über die Runden?„, fragt er die Entlassene. Und sofort danach auch die zweite Frage, bevor die Entlassene zu antworten vermag, „Ihre Kinder, wie ernähren Sie ihre Kinderchen …„, fragt er sie mit diesem dramatisierenden Gesichtsausdruck. Das habe ich schon gesehen. Ein Stil angeblich emotionaler Ladung, dessen er sich üblicherweise überall diminutiv bedient. „Das Rentchen„, „das Beihilfchen„, „die Kindchen“ …

Obwohl die entlassene Putzfrau beginnt, die Probleme ihres Überlebens zu beschreiben, ist dem Journalisten bewusst, dass er Gas geben muss. Es bedarf eines heftigeren Dialogs, lauterer Stimmen, größeren Zanks. Er verleiht jedem sich auf das Elend beziehenden Wort der Entlassenen eine übermäßige Betonung. Das reicht ihm jedoch nicht. Er muss auch die übrigen Eingeladenen wieder ins Spiel bringen. „Was haben Sie Frau Skondra zu sagen? Sie hört Ihnen zu, sprechen Sie … .“ Die Entlassene äußerte sich natürlich und verlangte von Frau Skondra, „sich zu verziehen„. Nicht aus dem Studio, aber aus der Regierung.

Frau Skondra schluckte verlegen. Giorgos Aftias merkte es. Somit lässt er die Eingeladene in Ruhe und wendet sich wieder der Entlassenen zu. „Sagen Sie mir, sprechen Sie zu mir, wenn Sie Herrn Thomsen hier hätten, was würden Sie ihm sagen?“ Das Ziel wird verlagert. Von Frau Skondra begeben wir uns zu Thomsen. Was sollte die Entlassene zu Thomsen sagen? Dass natürlich auch er sich verziehen soll. „Ich würde ihm sagen, was ich auch zu Frau Skondra sagte, er soll sich verziehen …„, rief sie.

Die Sendung hatte auch im weiteren Verlauf keinen „Durchhänger“. Wann immer sich ein solcher abzeichnete, entweder weil Michelogiannakis nicht laut genug brüllte oder weil Giovanopoulos keinen entsprechenden Streit anzettelte, griff Aftias ein. „Diese Dame, schauen Sie sie sich an, diese Dame kämpft ein Leben lang mit einem Besenstil …„, brachte er das … Drama auf einen Höhepunkt. Irgendwo dort schaltete ich den Fernseher aus.

Ich denke, dass diese TV-Sendung ein charakteristisches Beispiel für den vorherrschenden öffentlichen Dialog ist. Weil dieser dort erfolgt, in den TV-Sendungen. Ein signifikantes Thema wird zu einer Show gemacht, mit Verantwortung von Journalisten und der … freundlichen Mitwirkung von Politikern.

Eine wirklich signifikante Geschichte – nämlich die Entlassung der für 340 Euro im Monat beschäftigten Putzfrauen – wird zu einem der Substanz entbehrenden Unterhaltungsthema. Die Zuschauer erfuhren nicht, warum diese Frauen entlassen wurden. Sie erfuhren nicht, warum deren Arbeit private Firmen mit angemieteten und ebenfalls jämmerlich entlohnten Arbeitskräften übernehmen müssen. Sie erfuhren nur, dass in den Tagen der Krise ein menschliches Schicksal als ein schmackhaftes TV-Produkt verkauft werden kann …

(Quelle: Protagon.gr, Autor: Giannis Pantelakis)

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  1. Mark
    15. November 2013, 09:34 | #1

    Den Sender ALTER gibt es nicht mehr!! Der Schreihals Aftias ist jetzt bei SKAI!!

    • Team
      15. November 2013, 15:02 | #2

      @Mark
      Ja, danke, Macht der Gewohnheit: in der Quelle wird gar kein Sender benannt.

  2. Götterbote
    15. November 2013, 11:30 | #3

    Hier muss ich ausnahmsweise mal den Griechen selbst die Schuld geben. Wer sich so einen Dreck anschaut und damit fördert, der hat kein besseres Programm verdient. Natürlich fehlt mit ERT eine Alternative, aber es gibt weder Pflicht sich stattdessen den anderen Schrott anzuschauen, noch entschuldigt es, dass es überhaupt zu dieser Fernseh-„Kultur“ gekommen ist. Würden die Leute wegschalten, würde es diese Sendungen nicht mehr geben.
    Auch in Deutschland ist seit mindestens zehn Jahren das sinkende Niveau auch der öffentlich rechtlichen Sender zu beobachten. Werde ich schon vom Staat dazu gezwungen diesen Müll auch noch mit zu finanzieren, so verweigere ich jedoch konsequent das Einschalten dieses Mediums und versuche mich lieber übers Internet zu informieren.

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