Griechenland und die Raserei gegen den Euro

11. September 2013 / Aufrufe: 1.791

Der Euro stellt nicht nur einfach eine Währung, sondern auch einen Pass zur Beteiligung an dem europäischen Kern dar, dem Griechenland auf jeden Fall anzugehören hat.

All jene, die darauf beharren, Griechenland hätte dem Euro nicht beitreten dürfen, bringen eine alte und vielfach widerlegte Argumentation des Jahrzehnts von 1990 zurück, angereichert mit einer verstärkten Dosis über „griechische Ungeeignetheit“.

Ich antworte ihnen also Folgendes:

Warum Griechenland im Euro ist und bleiben muss

1. Die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler standen der Schaffung des Euro fast allesamt negativ gegenüber. Einige – wie beispielsweise Friedman – wetteten sogar darauf, in zehn Jahren würde der Euro zusammengebrochen sein. Sie verloren.

Jedenfalls hatte damals niemand von ihnen geäußert, speziell Griechenland solle nicht dem Euro beitreten. Ich weiß nicht, warum Einige rückwirkend einen künstlichen und angeblich „authentischen“ internationalen Aufschrei gegen Griechenland erfinden.

2. Die gegen Griechenland vorgebrachten Argumente divergierten natürlich dermaßen, dass niemand sie für bare Münze nehmen konnte. Die Ansichten der Progressiven (und tatsächlich großen Wirtschaftswissenschaftler) basierten auf der „Wachstumshypothese“, dass also eine Regierung eingreifen und ihre Währung abwerten muss, um die Handelsbilanz zu verbessern. Die Ansichten der Konservativen (und ebenfalls bedeutenden Denker) basierten dagegen auf der „monetaristischen Hypothese“, sprich, dass eine Regierung schulde, überhaupt nicht in den Devisenkurs einzugreifen.

Offensichtlich können nicht beide widersprüchlichen Ansichten einzig und allein deswegen richtig sein, um geschickt erscheinen zu lassen, dass alle „Weisen“ gegen den Euro waren. Der Euro befolgte den Mittelweg, nämlich den Wechselkurs auf europäischem Niveau, jedoch nicht zwischen den Ländern der Eurozone anzugleichen, damit die – auf Gegenseitigkeit beruhenden – feindlichen und ineffektiven innereuropäischen Abwertungen aufhören, die sowohl in dem Jahrzehnt 1930, aber auch 1990 mit dem Zusammenbruch des Devisenstabilitäts-Mechanismus so viel Leid verursacht hatten.

3. Möglicherweise hegten die Volkswirte der USA eine rein theoretische Besorgnis bezüglich der Weise der Schaffung des Euro. Das selbe galt jedoch nicht für das anglo-amerikanische Finanzsystem, das fanatisch gegen den Euro war, weil international die Position des Dollar nachgeben und die neue Währung sich für viele Länder schrittweise zu einer Rücklage entwickeln würde.

Und deswegen sehen wir sogar auch heute noch, dass viele Analytiker sich bei dem geringsten Anlass gegen den Euro, jedoch nicht gegen den Dollar erheben. Stellen Sie sich vor, was geschehen wäre, wenn die EZB ähnliche Pakete zur Rettung von Banken genehmigt hätte wie es die Regierung Bush getan hat. Alle hätten gesagt, der Euro wäre ein Meer des Etatismus geworden. Weil es jedoch in den USA geschah, war alles gut und perfekt.

4. Ähnliche Konvergenzen der Extreme gegen den Euro hatten wir jedoch auch in Europa selbst. Die nationalistische Rechte – wie Le Pen und die Liga des Nordens – betrachteten den Euro als Unterwerfung der Nation. Die sowjetfreundlichen kommunistischen Parteien wiederum monierten ihn als Unterwerfung der Arbeiterklasse.

Die Gewerkschaften der Arbeitnehmer jedenfalls, die es vielleicht etwas besser als ihre weisen „Mentoren“ wussten, unterstützten den Euro heftig, weil ihnen bewusst war, dass er die europäische Wirtschaft und ihren Lohn stärken würde – wie es bis zur Krise von 2008 auch wirklich geschah.

Aber auch als es zur Krise von 2008 kam, war der Euro eine Arche der Stabilität in der weltweiten Erschütterung, und sogar auch in Großbritannien schlugen damals viele vor, das Pfund in die EWWU einzugliedern um es zu retten. (Erinnern Sie sich an das Titelblatt des Economist im Jahr 2008, wo das englische Pfund den Euro anfleht.)

Danach kam natürlich die Schuldenkrise und änderte vieles, stürzte jedoch nicht alles um.

5. Trotz der verzögerten Reaktion Europas, der für Griechenland und Portugal adoptierten falschen Rezepte, der verspäteten Mobilisierung der EZB, des unmöglichen Vorsitzes des IWF und vieles anderen bietet die Existenz des Euro der europäischen Wirtschaft und jedem einzelnen Land weiterhin einen vergleichsweise sehr viel besseren Schutz als wenn sie ihre eigenen Währungen hätten.

Wäre beispielsweise Griechenland bei der Drachme geblieben, hätte es nicht nur die Krise von 2010, sondern auch drei vorherige (Krisen) erleben müssen: 2003 mit dem Krieg im Irak, 2006, als sich international der Finanzierungsdruck erstmalig zeigte, und natürlich ebenfalls 2008.

6. Nun komme ich zu dem Donnerwetter gegen die griechische Wirtschaft. Etliche Statements beziehen sich auf existente Probleme, jedoch hätte keins davon Griechenland dazu bringen dürfen, außerhalb des Euro (bzw. der Eurozone) zu bleiben.

Vergessen wir nicht, dass Griechenland auch in der Vergangenheit wirtschaftlich nur vorankam, wenn es sich in einem stabilen Währungssystem befand:

  • Im 19. Jahrhundert in der Lateinischen Münzunion (mit den 2er-Francs und den silbernen griechischen Fünfern / Talern).
  • In der Periode 1910 – 1914 im Gold Exchange Standard.
  • In der Periode 1928 – 1932 im Goldsystem der Zwischenkriegszeit (mit Ausnahme des letzten Jahres, in dem Griechenland England in der Kursänderung nicht folgte).
  • In der Nachkriegsperiode in der Anbindung an den Dollar bis 1972.

Ab dem Moment, wo die Drachme eine „unabhängige“ Währung wurde, erlebte Griechenland eine kontinuierlich Rezession und Inflation. Der nun von Einigen hinausposaunte nationale Währungsstolz hat sich dagegen für Griechenland nicht zum Guten erwiesen. Sogar auch wenn Abwertungen erfolgten, war die Verbesserung sehr gering und verflog bald durch neue Inflation. Lassen wir uns kurz daran zurückdenken, was in den Jahrzehnten vor dem Euro geschah, als der Lohn und die Rente sich von Monat zu Monat in Luft auflösten.

Einige, die in trüben Gewässern fischen, propagieren, vor Griechenlands Beitritt zu dem Euro seien die Dinge mit der Drachme gut gewesen. Tatsächlich wurden die Dinge nach 1995 besser – jedoch aus dem einfachen Grund, dass die Drachme sich stabilisiert hatte, da sie für den Beitritt zum Euro vorbereitet wurde. Also genau deswegen, weil sie ihre angeblich wertvolle „Autonomie“ zu verlieren begonnen hatte.

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  1. anders wählen
    11. September 2013, 10:44 | #1

    Reines Wunschdenken von Herrn Christodoulakis. An den korrupten Eliten hat sich in Hellas nichts geändert. Vormals lebten diese alleine auf Kosten der eigenen Bevölkerung, und bewirkten die schwache Drachme. Jetzt lebt diese „Kaste“ auf Kosten der Bevölkerungen der noch zahlungsfähigen Nordländer. Nur das griechische Volk selbst kann sich von diesem Joch befreien, es ist zu einfach zu sagen, die EU solle es richten. Das bewirkt nur noch mehr Unfrieden. Jedes Land ist für sich selbst verantwortlich.

    Hellas hat im Euro KEINE Chance, KEINE! Die realen Produkt- und Dienstleistungspreise müssten um 40% auf türkisches Niveau fallen. Löhne müssten mit Bulgarien und Rumänien mithalten. Das ist sozial nicht zu schaffen. Unternehmen gehen pleite und verschwinden für immer. Wäre Hellas 2010 aus dem € ausgeschieden, und hätte einfach abgewertet, wäre diese dann wieder wettbewerbsfähigen Unternehmen noch da! Die lateinische Münzunion hat es vor gemacht: Währungsunionen unter ungleichen sind nicht stabil. Das Griechenland und Italien den Goldgehalt ihrer Münzen einseitig zu Lasten der ehrlichen Mitglieder senkten, darf wohl wieder in Erinnerung gerufen werden. Ähnliches passiert auch heute (ELA Programm der griechischen Notenbank plus Target 2).

  2. Alex Frei
    11. September 2013, 11:13 | #2

    Warum verwertet Griechenland nicht seine riesigen Öl-und Gasvorkommen und könnte somit leicht alle Schulden bezahlen???
    Wer hat da wohl seine Hand drauf

  3. Germanos
    11. September 2013, 15:42 | #3

    @Alex Frei
    Darum die Privatisierungensdrohungen gegen Griechenland, damit dann deutsche – amerikanische – französische Firmen daran verdienen und nicht mehr der griechische Staat

    @anders wählen
    Es geht um Hochheitsrechte in der Agais und darum, die Russen nicht in EU Hoheitsgewässer zu lassen.

    Die Rosinen rauspicken was der Binnenmarkt bringt, aber keine Verwantwortung für ein friedvolles Europa …

  4. Rudi
    11. September 2013, 18:12 | #4

    Der Dollar wird genau so gegen die Wand fahren, wie der Euro. Der Fehler liegt ganz einfach im System. Hier wie dort wird mit großer Beschleunigung immer mehr Geld mit Geld, anstatt mit Arbeit gemacht. Zum Schluss werden wir alle in dem vielen Geld und den zwangsläufig dazu gehörenden Schulden ertrinken.

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