Griechenland: Onkel Takis und Onkel Takis

12. September 2013 / Aufrufe: 1.852

Momentaufnahmen aus dem Leben der Onkel Takis und Takis

1955. Der große Takis, der Athener, verlobt sich mit Voula, Tochter eines Brigadekommandeurs. Er richtet sich in dem Haus aus der Mitgift in Neapoli / Exarchia ein und kauft von seinen Ersparnissen einen elektrischen Kühlschrank. Für den Elektroherd unterschreibt er Wechsel.

1956. Der kleine Takis schläft in einem Tiefparterre in Astoria, zusammen mit drei weiteren Immigranten. Jeden Morgen, unermüdlich, bricht er nach Manhattan auf. Zwölf Stunden lang schiebt er einen Karren mit Brezeln vor sich her. Mittags macht er zwanzig Minuten Pause, vespert am Eingang des Central Parks. Ebenfalls pinkelt er immer hinter dem selben Busch.

1958. Der große Takis lässt sich mit seiner erstgeborenen Tochter fotografieren, mit den Tauben des Syntagma-Platzes als Hintergrund. Der kleine Takis verliebt sich in eine Jüdin polnischer Herkunft, Arbeiterin in einer Spinnerei. Sie verdrängen ihre religiösen Vorurteile und brennen zusammen durch.

1962. Der große Takis gibt das Mitgift-Haus nach dem „Gegenleistungs-System“ an einen Bauunternehmer ab und kauft sich einen PKW. Der kleine Takis verkauft seinen Karren und die Brezelverkäufer-Lizenz und steigt bei einem Souflaki-Grill in Astoria als Teilhaber ein. Am 25. März nimmt sein Sohn als kleiner Evzone gekleidet an der Parade auf der 5th Avenue teil.

1970. Der große Takis hört hinter verschlossenen Türen die griechischen Sendungen des BBC und der Deutschen Welle, im Ministerium bezeichnet er die Junta jedoch als „Revolution“. Unter Verdrängung seiner letzten Skrupel hält er vor den Beschäftigten die Festrede des 21. April. Zwei Wochen später wird er zum Generaldirektor befördert.

1971. Der kleine Takis geht zu einer Versammlung der PAK in New York und sieht Andreas Papandreou Donner und Blitze schleudern, der eine Partisanenbewegung gegen die Obristen nicht ausschließt. Zwar ist er beeindruckt, bekreuzigt sich jedoch, dass er inzwischen nichts mehr mit Griechenland zu tun hat und in keinerlei Weise von ihm abhängig ist.

1976. In seiner verzweifelten Bemühung, sich von dem Stigma des Kollaborateurs der Junta reinzuwaschen, tritt der große Takis der PASOK-Partei bei. Sogar auch all jene, die sich an seine Vergangenheit erinnern, begegnen ihm mit Verständnis. Hauptsächlich, weil er ein beispielhafter Beamter und ein außergewöhnlicher Herr ist. Außerdem – denken sie -, wenn er einen persönlichen Vorteil erzielen wollte, wäre er zur Nea Dimokratia und nicht zu der 13%-Bewegung gegangen …

1979. Nach dreißig Jahren kommt der kleine Takis nebst Gattin und Kindern nach Griechenland zurück, um Urlaub zu machen, und trifft sich mit seinen Verwandten. Die Töchter des großen Takis finden ihre drei griechisch-amerikanischen Cousins als „Bauerntrampel“. Sie sind jedoch von dem Bungalow in Asteras geblendet, in dem die Familie des Onkels sich eingemietet hat. „Schau nur, zu wem das Geld fließt …„, meinen sie giftig.

1985. Trotz der erhaltenen Versprechen wird der große Takis letztendlich nicht in die Kandidatenliste der PASOK-Partei aufgenommen. Er ist dermaßen enttäuscht, dass er – in Kombination mit der Midlife-Crisis – depressiv wird. Um dies zu überwinden, verliebt er sich in eine junge Sekretärin und verlässt den familiären Herd. In den nächsten sechs Monaten besucht er mehr Tanzhallen und Luxusrestaurants als in seinem gesamten vorherigen Leben. Er lässt sich in bester Laune fotografieren, wobei Stamatis Kokotas ihm von oben das Mikrofon hinhält um zu singen „Du hast mir alle meine Ringe verprasst …„.

1988. Der kleine Takis entwickelt eine Leidenschaft für die Kandidatur des Michael Dukakis für das Präsidentenamt. Die ihm inzwischen gehörenden drei Restaurants – in Astoria und Long Island – geben ihm die Möglichkeit, die Kandidatur auch finanziell zu unterstützen, und zwar mit dem Betrag von fünfzigtausend Dollar. Dukakis‘ Niederlage verbittert ihn zutiefst. Er ist jedoch stolz, seine patriotische Pflicht getan sowie seinen Part zur Auslands-Community beigetragen zu haben.

1992. Der große Takis erleidet einen Herzinfarkt und wird in letzter Minute gerettet. Er kehrt mit eingekniffenem Schwanz in den Schoß seiner Familie zurück. Seine Gattin Voula empfängt ihn mit offenen Armen. Fortan vergeht jedoch kein Tag, ohne dass sie ihn an seine „Peinlichkeiten“ erinnert. Und die Abfindung von dem Ministerium wird – versteht sich – auf ihr Konto eingezahlt.

1996. Der jüngste Sohn des kleinen Takis kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. „Jedes Kind, das ihr bekommt„, befiehlt er den beiden anderen Söhnen nach der Beerdigung, „werdet ihr Giorgos taufen. Oder sei es auch Georgia …„. Fast sofort wird ihm jedoch die Sinnlosigkeit der Sache bewusst. „Was hat es schon für einen Sinn? Nennt eure Kinder wie ihr wollt, mögen sie lange leben!

2004. Der kleine Takis kommt zusammen mit seiner inzwischen zehnköpfigen Familie zu den Olympischen Spielen in Athen. Er ist bezaubert, Nostalgie überkommt ihn. Er denkt daran, ein Haus zu kaufen, am Meer, um die Sommer zu verbringen, und damit auch seine Enkelkinder ihr Griechisch verbessern. Als er die Immobilienpreise erfährt, stehen ihm die Haare zu Berge. „Da kaufe ich lieber eine Wohnung mit Blick auf den Central Park„, meint er.

Juli 2013: Der große Takis begibt sich heimlich, ohne dass seine Frau und seine Töchter es mitbekommen, ins Intercontinental um seinen Cousin zu treffen. Sie begegnen sich an der Bar neben dem Schwimmbecken – der große Takis trägt einen Anzug, der kleine Takis eine knallgelbe Badehose, sie bieten ein lustiges Bild. Er beschreibt ihm die schlimme Lage in Griechenland und seine eigene Erniedrigung. „Meine Rente ist auf die Hälfte gesunken, ich kann meinen Enkeln nicht einmal mehr ein Taschengeld zustecken. Die Abfindung ging für die Mitgift meiner Töchter drauf – sie haben sich beide scheiden lassen, die Eselinnen! Wir leben mit einem knappen Tausender im Monat … .

Er braucht nicht fortzufahren – der kleine Takis hat verstanden. Er holt das Scheckheft aus seinem Ledertäschchen und stellt einen Scheck über zehntausend Dollar aus. „Ich weiß nicht, wann ich es Dir zurückzahlen können werde …“ „Aber ich leihe es Dir nicht. Es ist das ‚Dankeschön‘ für die Kleidung und die Spielzeuge, die Du mir schenktest, als wir Kinder waren …“ Da beginnt der große Takis heftig zu weinen, der kleine Takis bestellt ihm einen doppelten Whisky, um ihn wieder zu sich bringen.

Wie haben wir solchen Mist gebaut, mein Cousin? Was ist aus uns geworden?“ „Ihr habt aber auch fürstlich gelebt …“ „Wie gewonnen, so zerronnen! Du hast alle Brücken abgebrochen und hast es zu etwas gebracht …“ „Ach was, ich habe Glück gehabt. Die Dinge hätten auch umgekehrt kommen können. Außerdem wanderte ich nicht aus eigenem Willen aus – ich wurde praktisch hinausgeworfen …“ „Na ja„, bauernphilosophiert der große Takis. „Manche Menschen sind Vögel und andere Bäume …“ „Alle Menschen werden als Bäume geboren„, korrigiert der kleine Takis, „Nur wachsen manchen im weiteren Verlauf einfach Flügel.

(Quelle: Protagon.gr, Autor: Christos Chomenidis)

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