Griechenland: Onkel Takis und Onkel Takis

12. September 2013 / Aufrufe: 1.825

Alle Menschen werden als Bäume geboren, manchen wachsen danach jedoch Flügel.

Es sind zwei Cousins meiner Mutter – untereinander auch Cousins – in fast dem selben Alter und mit den selben Vornamen. Onkel Takis und Onkel Takis. Sie sind über achtzig, halten sich jedoch sehr gut. Sie ähneln sich sogar – groß, korpulent und weißhaarig, wie Eisbären, die aus dem städtischen Zoo weggelaufen sind.

Sie wurden beide zu Beginn der 30er Jahre geboren. Der große Takis von einem „alteingesessenen“ Athener Vater. Der Athener Metzger begehrte die fröhlichen Augen einer Frau aus Smirni und heiratete sie, „auch wenn sie keinen zweiten Schlüpfer besaß„. Vater und Mutter des kleinen Takis waren dagegen beide Flüchtlinge, die – sogar als „Griechenland in Wohlstand lebte“, wie sich die jeweiligen Premierminister brüsteten – darauf beharrten, sehr schwer über die Runden zu kommen, der Tagelohn reichte gerade zum Überleben …

Zwei Schicksale in parallelen Welten

Während ihrer Kindheit trennten den großen und kleinen Takis knapp zwei Kilometer, abgesehen von einem gesellschaftlichen Abgrund. Der Athener hatte seine Metzgerei am Gkyzi-Platz. Die Flüchtlinge lebten in den Arbeiterhäusern an der Alexandra-Allee. Auf den dazwischen liegenden Freiflächen trafen sich die Kinder und spielten Fußball. Weihnachten und Ostern erschien zu den Essen bei der gemeinsamen Oma der Takis des Metzgers mit Geschenken für seinen armen Cousin. Der Flüchtlingsjunge wurde rot, senkte den Kopf und stotterte „tausend Dank“ für die strapazierten Schuhe und die abgewetzten Mäntel. Ihre Oma sah immer die positive Seite: „Ist es nicht gut, dass sie nur ein Jahr auseinander sind und die abgelegten Sachen des einen dem anderen passen?“

Der Metzger brachte es fertig, fast unbeschadet durch die Besatzungszeit und folgenden Wirren zu kommen. Es handelte sich um eine seltene Leistung, gleichen Abstand zu „Chiten“ (Anmerkung: gemeint ist die Militärische Organisation Gkriva bzw. Organisation X) und EAM (Nationale Befreiungsfront) zu halten, obwohl rundherum die Welt in Flammen steht, sich um seine Arbeit zu kümmern, und wenn sie Dir bei den Dezemberunruhen den Laden anzünden, sich zu bekreuzigen und zusammengekauert stoisch in der Wohnung abzuwarten, wohin die Wage sich neigen wird.

Sein Schwager, der Flüchtling, verfügte nicht über solche Tugenden: Er zog als einer der ersten in die Berge (Anmerkung: gemeint ist die Widerstandsbewegung). Und wurde auch als einer der ersten getötet. Der kleine Takis blieb als Waise zurück. „Aber auch wenn Dein Vater überlebt hätte„, sagte ihm eines Tages der Metzger, „was hätte schon aus Euch werden sollen? Er wäre auf die Inseln verbannt worden oder irgendwo in Usbekistan gelandet, Eurer ganze Familie wäre es dreckig gegangen … . Jetzt ist dagegen seine Aktivität fast in Vergessenheit geraten. Jedes Schlechte hat also auch sein Gutes …„.

Seine Aktivität war jedoch keinesfalls in Vergessenheit geraten. Als der kleine Takis mit Müh und Not das Gymnasium abschloss, stellte er fest, dass der Name seines Vaters auf ihm lastete. Hätte er die Schule fortsetzen – was er natürlich nicht einmal zu träumen wagte -, als Amtsdiener eingestellt werden oder sei es auch nur eine Genehmigung als Kleinverkäufer erhalten wollen, hätte er einen ganzen Stapel Papiere unterschreiben müssen, „sich mit Abscheu von dem Kommunismus und dessen Auswüchsen loszusagen„.

Der kleine Takis hatte mit dem Kommunismus absolut nichts am Hut. Er fühlte jedoch, dass man praktisch von ihm verlangte, seinen Vater zu verleugnen. Er zeigte ihnen den Stinkefinger, kratzte alles Geld zusammen, was er hatte und nicht, und kaufte sich ein Ticket dritter Klasse. Am gegenüberliegenden Ufer des Atlantik erwartete ihn niemand. Aber er war 19 Jahre alt: Seine Hand wrang Stein aus und sein Sterz durchlöcherte ihn.

Der große Takis schaffte es unter der Knute seines Vaters, die Universität von Piräus – damals „Industrieschule“ genannt – zu absolvieren, auch wenn er es mit dem Lernen nicht so sehr hatte. „Ich werde Dich nicht zwischen Eingeweiden und Lebern verheizen, einen studierten Menschen!„, gab ihm voller Stolz der Metzger bekannt, als er das Abschlusszeugnis sah. Und unter Vermittlung eines Abgeordneten – den er seit Jahren mit den besten Innereien und Lebern versorgte – brachte er ihn beim Verkehrsministerium unter. Er ließ ihm zwei Anzüge nähen und gab ihm seinen Segen.

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