Griechenland: Einfach nur ein weiterer Toter?

20. September 2013 / Aufrufe: 1.022

Obwohl Pavlos Fyssas nicht das erste Opfer der Chrysi Avgi in Griechenland ist, wurde die Aktivität der Neonazis weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

In den letzten Jahren verbreiten in Griechenland Rollkommandos, Mörder in Schwarz, die Panik. Anfänglich stachen sie Immigranten ab. Fast alle verfolgten wir die abendlichen 8-Uhr-Nachrichten. Und darin sagten sie uns nichts von all dem. Manchmal, kurz vor dem Wetterbericht, schloss die Sprecherin die Sendung mit einer kurzen Meldung innerhalb von 4 Sekunden ab. Sie sprach etwa von kleinen Unruhen, welche die Polizei auf eine „Bereinigung von Differenzen zwischen Ausländern“ zurückführte.

Wir schüttelten den Kopf, wahrscheinlich wussten wir, dass es sich natürlich nicht um Prügeleien zwischen Ausländern handelt, jedoch wer war schon bereit, sich für einen abgestochen Afghanen einzusetzen? Und alle, die eine solche Bereitschaft zeigten, wurden automatisch der Kategorie der malerischen Rudelhunde zugeordnet. Etwa so lösten wir das Thema unseres Gewissens.

Die Theorie der beiden Extreme passte der Regierung ins Konzept

Danach wurden die Andersartigen in die Palette der Menschenjäger aufgenommen. Üblicherweise Homosexuelle, Opfer homophober Angriffe. Ihre Anzeigen wurden nicht weiter beachtet und überzeugten uns wohl nicht davon, uns beunruhigen zu müssen. Außerdem wurde darüber in den 8-Uhr-Nachrichten auch nicht berichtet. Und wenn die es nicht tun, geschieht es wohl auch nicht. Und wenn jemand darauf beharrte, dass es geschieht … na ja, in dem griechischen Wortschatz gibt es viele Ausdrücke, um die Andersartigen zu charakterisieren. Und außerdem, hätten sie doch nicht andersartig sein sollen, warum sollen wir uns einmischen?

Als zu den Opfern Plakatkleber linker Organisationen hinzukamen, bekamen wir mehr zu hören. Sowohl aus den Nachrichtensendungen als auch von jenen Politikern, die den Ohren schmeicheln. Auch all dies verursachte jedoch keinerlei Beunruhigung. Linksextreme – Rechtsextreme. Abstandsnahmen. Und zusammen mit den Abstandsnahmen auch Theorien, die aus den verstaubten Truhen der Geschichte hervorgekramt wurden. Der beiden Extreme. Diverse Theoretiker, Gestalter der öffentlichen Meinung, begannen leidenschaftlich zugunsten dieser Theorie zu argumentieren. Die Regierung fand sie interessant. Und vorteilhaft. Sie passte in ihre Strategie, um den großen politischen Gegner zu schlagen.

Werden wir uns auch mit einem weiteren Toten abfinden?

Unterdessen ist Zeit verstrichen, seitdem all dies begann. Jahre. Jahre, in denen die Neo-Nazis immer häufiger ihre Präsenz zeigten. Einige TV-Kanäle wuschen sie rein und luden sie jeweils zu fünft ein. Gewisse Journalisten sahen, dass sich unter ihnen auch Seriöse, also auch für eine Koalitionsregierung Geeignete befinden. Und gewisse andere Medien brachten sie uns ins Tagesgeschehen und beschönigten sie auf indirekte Weise. Die Gespielinnen des Kassidiaris und die hilfreichen öffentlichen Tafeln nur für Griechen. In den Diagrammen der Demoskopien fand die neonazistische Ausgeburt eine gute Position. Ein großer Teil der griechischen Gesellschaft begann … befreit zu werden. Er hatte sich jahrelang unterdrückt am Rand befunden, es kam die Stunde der Rückkehr.

In Amfiali wurde in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (17/18 September 2013) Pavlos Fyssas ermordet. Ich befürchte, dass wir auch dieses schauderhafte Ereignis in unseren Alltag integrieren werden. Wir werden unsere Stimme erheben, protestieren, es zu einem Schauspiel machen, es vergessen. Wir werden zum nächsten Tag übergehen. Fyssas‘ Leben ist beendet, unseres geht weiter. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, fast ungestört mit den Faschisten zu leben, werden wir uns nicht auch an einen weiteren Toten gewöhnen? Hoffentlich nicht, ich befürchte jedoch das Gegenteil …

(Quelle: Protagon.gr, Autor: Giannis Pantelakis)

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  1. Peter Adam
    20. September 2013, 06:23 | #1

    Als gläubiger Grieche ist es für mich eine Schande sowas zu erfahren.
    Meine Schande ist es, nicht die richtigen Worte zu finden, nicht ausdrücken zu können, welch Schmerzen all das Leid meines Heimatlandes mir zufügt.
    Man mag mich für einen Nostalgiker halten, aber das ist mir egal. Es gab eine Zeit, eine Zeit der tiefen Spiritualität unseres Volkes. Wir bekreuzigten uns und es bedeutete etwas. Wenn diese Wirrköpfe und Verblendeten der GM sich für wahre Griechen halten, dann frage Ich mich: Wo ist ihre Rechtschaffenheit, wo ist ihr Glaube geblieben? Als orthodoxe Christen sollte der Leitfaden unseres Zusammenlebens die Gebote Gottes sein und nicht irgendwelche hohlen Parolen, die ausgegeben von machthungrigen bösen Menschen, unsere Sinne verwirren und unsere Seelen mit der Gewalt gegen schwächere besudeln.
    Man sollte sich fragen ob man als „Grieche“ auf sein Griechentum noch stolz sein kann wenn man anstatt den Zusammenhalt zu üben, eine politisch motivierte Spaltung, und die Hetze gegen andersseiende duldet und für gut befindet. Diese Leute, und das sollte jedem einzelnen klar sein, sind in unser Land gekommen weil es ihnen in ihrer Heimat noch weit beschissener geht, sie an Leib und Psyche bedroht sind. Tun wir doch die Pflichten eines wahren Christen und als Angehörige eines seit fast 2000 Jahren unterjochten Volkes das, was uns ausgezeichnet hat bisher. Ehren wir die Traditionen unserer Altvorderen, besinnen wir uns auf unsere Gastfreundschaft, und schütteln endlich das Joch der Unterdrückung ab, so wie es unsere Urgroßväter und deren Väter mit dem Joch der Türken getan haben. Öffnen wir uns aber gleichzeitig auch dem Fremden, dessen Los vielleicht weit schwerer wiegt und stoßen wir unsere Mitmenschen nicht von uns nur weil es uns in unserem bescheidenen Luxus nicht in den Kram passt das andere noch weitaus weniger haben als wir. Nur dann können wir uns als echte Griechen bezeichnen und uns abheben von der Beliebigkeit der anderen.

  2. Deutscher
    20. September 2013, 10:02 | #2

    Der Regierung passt die Chrysi Avgi solange ins Konzept, solange sie noch relativ schwach ist. Spätenstens wenn die Chrysi Avgi wie weiland die NSDAP als Bewegung und Partei so stark ist, dass sie die Macht übernehmen wird, ist die Regierung weg vom Fenster. Dann gibts ein griechisches Ermächtigungsgesetz, nachdem die Akropolis gebrannt hat und ein Gesetz zum Schutze von (griechischen) Volk und Staat.

  3. Beobachter
    20. September 2013, 20:02 | #3

    Deutscher :
    Der Regierung passt die Chrysi Avgi solange ins Konzept …

    Es kommt noch was viel schlimmeres hinzu. Die Regierung bzw. die etablierten Politiker glauben, sie hätten das Problem im Griff, da es sich um Hohlköpfe und Idioten handelt. Man nimmt sie nicht ernst hält sie für dumm, sowas kann schnell nach hinten losgehen. 1932 dachten die Konservativen auch, sie nehmen Hitler in die Regierung auf, dann wird sich das Problem nach 2 Monaten erledigen. Solche Gruppierungen sollte man sehr ernst nehmen immer nur Faschisten schreien ist zu wenig. Eine ähnliche Entwicklung ist in Ungarn zu beobachten. Was sagt eigentlich die konservative europäische Volkspartei dazu?

  4. Reineke Fuchs
    20. September 2013, 22:15 | #4

    „Denn ein Übermaß von Freiheit schlägt beim einzelnen wie beim Staat in ein Übermaß von Knechtschaft um.“ – Es „entsteht somit … die Tyrannis aus keiner anderen Verfassung als aus der Demokratie, aus der höchsten Freiheit die tiefste und härteste Knechtschaft.“ (Platon)

    Kurz gesagt: Die Diktatur ist immer das Resultat einer gescheiterten Demokratie. Einem klugen Mann wie Platon sollte man nicht widersprechen. Als gemäßigte Rechte äußere mich nicht weiter, denn ich weiß ja, wer an dem derzeitigen Desaster die Schuld trägt. Ich brauche nicht mit den Fingern auf andere zeigen.

    Einen Rat gebe ich Euch aber schon: Die „Moral“ ist die schwächste politische Waffe, ganz einfach aus dem Grund, weil jeder das für moralisch hält, was ihm nützt. Ein Bauer hat eine andere Moral als ein Städter, ein Migrant hat eine andere Moral als ein einheimischer Grieche, ein Linker hat eine andere Moral als ein Beamter, ein Unternehmer eine andere als en Politiker, ein Besitzender eine andere als ein Habenichts usw. Jeder hat exakt die Ideologie, die seinen materiellen Interessen nützt. Die werden dann mit Hilfe der „Moral“ verteidigt. Sind sich darin Demokraten, Linke und Rechte nicht ähnlich? Nein. Alle haben Kapitalistenseelen, ob „Gutmensch“ oder „Bösmensch“, ob Sozialist oder Rechter ist eigentlich egal. Daran scheitert alles. „Moral“ ist eben nicht mit sozialer oder politischer Intelligenz identisch.

    Der normale Grieche, der Opfer der Verhältnisse ist, wird an dieser moralischen Verkommenheit irr. Er wird zornig. Über die „Moral“ und das moralische Entsetzen, das in diesen Tagen zur Schau getragen wird, kann sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Es ist sicher alles ungeheuer selbstlos gemeint. Vor allem trägt immer der andere die Verantwortung, besonders derjenige, dem der Kragen allmählich platzt. Ich für meinen Teil kann über die Linken und ihre moralische Weltsicht nur noch lachen – sie ist gefährlich weltfremd!

    @Peter Adam
    Im antiken Athen hatten Frauen, Sklaven und Migranten kein Wahlrecht. Ausländer galten als „Stammler“, man betrachtete die eigenen Verhältnisse als die überlegenen. Ein gewisses Maß an Ausgrenzung und Abgrenzung galt in der attischen Demokratie als systemstabilisierend. Oder irre ich mich?

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