Was Obama Griechenlands Premierminister nicht sagen wird …

10. August 2013 / Aufrufe: 1.312

Yanis Varoufakis vermutet den einzigen positiven Aspekt der Begegnung des griechischen Premierministers mit Obama darin, dass sie von kurzer Dauer sein wird.

Schon seit ungefähr zwei Jahren schütteln die herrschenden amerikanischen Kreise voller Sympathie ihren Kopf, wenn sie von Griechenland hören. In ihren Wahlkampf-Geplänkeln mögen sie die Wähler damit einschüchtern, Amerika werde das Schicksal Griechenlands haben, wenn sie den „Gegner“ wählen, wenn jedoch die Dissonanz des Wahlkampfs zwischen ihnen abklingt, begegnen sie uns Griechen wie sympathischen Opfern. Wessen? Europas.

Die amerikanische Optik, durch die in Washington das Griechenland der Krise verständlich wird, basiert auf der Vergegenwärtigung eines riesigen Unterschieds zwischen den USA und Europa: nämlich der unendlich größeren Bereitschaft der Amerikaner, fehlgeschlagene Versuche ihrem Schicksal zu überlassen, damit sie ihre Energie einer neuen, hoffnungsvolleren Unternehmung zuwenden. Anders gesagt, auf ihrer Fähigkeit, eine neue Seite aufzuschlagen.

Für die Amerikaner ist das Eingeständnis des Misserfolgs ein Zeichen der Stärke – im Gegensatz zu den Europäern, die bis zum „bitteren Ende“ die Verleugnung der Realität bevorzugen.

Deutsche und französische Politiker fürchten das „B“-Wort

Als 2009 die General Motors mit nicht bedienbaren Schulden in Höhe von 172 Mrd. Dollar in Erscheinung trat, zögerte die amerikanische Regierung nicht, ihr den offiziellen Bankrott, den Zahlungsstopp und einen tiefen Schuldenschnitt von 90% aufzuzwingen (der die Gläubiger der Autoindustrie brutal traf). Diese Geradheit ist der Grund dafür, dass die GM heute wieder wächst (nach einer fetten Kreditgewährung, die dem offiziellen Konkurs folgte).

Zur selben Epoche begann Washington, jährlich um die 200 Banken zu schließen (ganz zu schweigen von Lehman!). Das selbe nun auch mit der Gemeinde, wo GM seinen Sitz hatte, Detroit, deren Schulden von 20 Mrd. $ gerade direkt und fast vollständig „geschnitten“ wurden und somit die Stadt unter den offiziellen Insolvenz-Status stellte – nicht aus mangelndem Interesse, sondern um so eine neue Seite aufzuschlagen.

Europa hat dagegen eine kulturelle und politische Hemmung mit den Pleiten. Wie mir vor Monaten ein Amtsträger Washingtons sagte, wäre der Deutschen Bank, wenn sie eine amerikanische wäre, niemals gestattet worden so zu tun, als ob sie nicht bankrott sei. Deutsche und französische Politiker fürchten jedoch das Wort „Bankrott“ so sehr, dass sie vorziehen, Berge an Geld in schwarze Löcher zu werfen anstatt das mit „B“ beginnende Wort auszusprechen.

Beispiel einer extremen Konkursverschleppung

In diesem Rahmen sticht – zumindest in den amerikanischen Augen – Griechenland als der extremste Fall der Verleugnung eines offensichtlichen Bankrotts hervor. Anfänglich lehnten die Gläubigerstaaten unsere (sprich Griechenlands) „Rettung“ ab (erinnern Sie sich an die Periode Januar – Mai 2010?). Schnell zogen sie jedoch vor, vorzutäuschen, kein Gläubiger unseres Landes werde sein Geld verlieren, und gewährten uns Kredite, von denen sie im Grunde genommen wussten, dass wir sie nicht tilgen werden.

Später, als sie eingestanden, „wir sind leider pleite“, erfanden sie Euphemismen (z. B. PSI, Schuldenrückkauf) und schritten zu Zügen des Schuldenschnitts, die jedoch sowohl einem Pleite-Schnitt als auch der Beibehaltung einer nicht tragbaren Verschuldung gleich kamen.

Für die Amerikaner war der Fehler nicht, dass wir die neuen Kredite nicht abbezahlen werden, sondern dass – und dies ist von Bedeutung – das gemeinsame Wissen um den Misserfolg Griechenland für alle ernsthaften Investoren zu einem abschreckenden Beispiel machte. Wer investiert in einem bankrotten Land, dessen Gläubiger vortäuschen, es sei nicht bankrott, und ihm immer mehr (Geld) unter der Bedingung leihen, dass es sein Einkommen schrumpfen wird (mit dem Ergebnis, noch tiefer in einen zukünftigen Bankrott zu sinken)?

Das einzig Positive für Obama wird die Kürze der Begegnung sein

Was die derzeitige Diskussion betrifft – sprich, dass nach den deutschen Wahlen, sofern die neue deutsche Regierung beliebt, und trotz der Einwände des Herrn Schäuble, unsere Verschuldung „beschnitten“ werden kann (fast vier Jahre nach der Verweigerung unseres Bankrotts) -, schütteln die Amerikaner ihren Kopf und vermögen nicht die Größe der europäischen Dummheit und die Bereitschaft unserer Politiker zu glauben, den Status des „untoten“ Zombies eines Mitgliedstaates der Eurozone verlängern anstatt die Realität zu akzeptieren.

Unter diesem Prisma wird Herr Obama dem griechischen Premierminister bei ihrem kurzen Treffen begegnen. Als dem Vertreter eines Landes, das von seinen Partnern – Gläubigern zu einem Status zwischen Tod und Leben verurteilt worden ist, aus dem es völlig unmöglich ist, mit eigenen Kräften zu entkommen. Als einem noch vor seiner Ernennung „erledigten“ Premierminister. Als einem sympathischen Herrn, in den sie jedoch nicht investieren können, zumal er als Preis für das Amt des Premierministers eine ausweglose Politik akzeptiert hat, die selbst seine eigenen Anhänger relativ bald dazu führen wird, ihn als einen „Fremdkörper“ abzustoßen. Als einem Premierminister auf Besuch, dem der amerikanische Präsident freundlich zuhören wird, darin jedoch keinen Grund sieht, sich abzumühen um ihm zu erklären, was er tatsächlich glaubt, da Herr Obama weiß, dass seine Worte vergebens sein werden.

Wird Herr Samaras gar damit anfangen, Obama von der Greek Success Story zu erzählen, zu prognostizieren, Griechenland werde demnächst aus der Krise herauskommen, und sonstige derartige „Erfreulichkeiten“ aufzutischen, wird sich das von dem amerikanischen Präsidenten empfundene Mitleid multiplizieren. Das einzig Positive für Herrn Obama wird sein, dass der Besuch nur von sehr kurzer Dauer sein und somit sein Kummer schnell in den vielen anderen Sorgen, aber auch Freuden des amerikanischen Präsidenten „ertrinken“ wird.

(Quelle: Protagon.gr, Autor: Yanis Varoufakis)

Relevante Beiträge:

  1. Rudi
    10. August 2013, 06:38 | #1

    Ich verstehe das nicht. Bankrott hätte doch nur Griechenland selber anmelden können, indem es aus der Eurozone ausgetreten wäre, oder? Man hätte die neuen Kredite doch nicht annehmen brauchen. Klar geht es Schäuble und Co. nur um die Euro-Rettung, sprich den Gläubigerschutz. Aber letztendlich entschieden doch die Griechen selber, indem sie die alten Parteibonzen wieder wählten. Warum wird in griechischen Medien immer wieder versucht, die Verantwortung anderen Europäern zuzuschieben. Warum wählt/e man nicht einfach Syriza? Anscheinend hat man gewaltige Angst vor der eigenen Courage.

Kommentare sind geschlossen