Die große Flucht der Wissenschaftler aus Griechenland

1. Mai 2013 / Aktualisiert: 28. September 2013 / Aufrufe: 2.583

Wie viel die Ausbildung der Ärzte kostet

Professor Kouzis gibt der Situation eine eigene Dimension: „Dies stellt für Länder wie Griechenland ein ungeheures Problem produktiver Dimension dar. Griechenland kann sein eigenes Menschenpotential, das auf seine Kosten studierte, nicht nutzen. Beispielsweise kostet ein Medizin-Student den griechischen Staat 12.000 Euro im Jahr, und bis zum Abschluss seines Studiums – im Durchschnitt in 7 Jahren – kostet er 84.000 Euro. All dies geht den Bach hinunter. Es geht nach Deutschland, jedem beliebigen Deutschland, welches das Wissenschaftlerpotential bekommt, ohne einen einzigen Euro investiert zu haben.

Die Vorteile für Deutschlands sind offensichtlich, und wenn sogar berücksichtigt wird, dass das Studium eines Arztes in Deutschland bis zum Abschluss den deutschen Fiskus ungefähr eine Million Euro kostet, versteht man, warum Berlin den „Brain-Import“ aus den Ländern des Südens brennend stützt. „Zehntausende gebildete junge Leute, die aus diesen Ländern kommen, befinden sich bereits auf dem Weg nach Deutschland. Die deutschen Industrie- und Handelskammern veranstalten Deutschunterricht und versprechen einträgliche Arbeitsplätze„, berichtete das deutsche Radio.

Der Gewinn Deutschlands ist für Südeuropa ein Drama

Für Deutschland und die anderen entwickelten Länder, die demographisch altern, sind die neu eintreffenden ausländischen Wissenschaftler, die bereits auf Kosten ihrer Herkunftsländer ausgebildet worden sind, ein unerwarteter Gewinn. Zur selben Stunde verbirgt sich hinter dieser „Chance“ für die deutsche Wirtschaft ein Drama für die Länder des Südens Europas. Wenn diese Auswanderungsbewegung weitergeht, werden Griechenland, Spanien, Portugal, Zypern und andere Länder des Südens langsam ihre am besten ausgebildeten jungen Leute entzogen, „die unerlässliche Substanz, die eine vielversprechende Jugend zu repräsentieren vermag„, wie die französische Zeitung „Monde“ betont.

Laut einer in der Zeitung „Die Welt“ veröffentlichten Untersuchung gehen, kommen 35,5% der ausländischen Wissenschaftler und Spezialisten, die ihr Glück in Deutschland suchen, aus dem übrigen Europa, 26,3% aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, 6,5% aus der Türkei, 11,6% aus Asien und 5,8% aus Afrika. Gemäß offiziellen Daten wanderten 2012 mehr als 600.000 Personen aus EU-Staaten – fast alle aus Ländern Süd- und Osteuropas – nach Deutschland aus, um zu arbeiten. 2011 betrug diese Zahl 500.000. In der großen Mehrheit verfügen diese Auswanderer über hohe berufliche Qualifikationen.

Die Bundesregierung schuf sogar einen speziellen Träger, der die Gleichwertigkeit der ausländischen Berufsqualifizierungen prüft. Es gibt 19 Sachverständige, die 19 verschiedene Sprachen sprechen. „Es handelt sich um Professoren, Ärzte, Ingenieure, Krankenpfleger und Pädagogen“, sagt die Leiterin des Programms, Claudia Moravek, und fügt an: „Auf all diesen Sektoren gibt es jetzt Personalmangel. Das neue Gesetz wurde eingeführt, um bei der Überwindung des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland zu helfen“.

Kann der Aderlass gestoppt werden?

Die Athener Nachrichtenagentur fragt die Spezialisten, ob es möglich ist, den „Brain-Export“ ins Ausland zu stoppen. „Zu welchen Gehältern soll ein Wissenschaftler in Griechenland arbeiten, wenn der Inhalt der Arbeit eingeebnet wird, wenn wir eine niedrig vergütete Arbeit und eine so hohe Arbeitslosigkeit haben?„, fragt sich Professor Kouzis und fügt an:

Leider wird Griechenland in dem Thema des Wissenschaftlerpotentials so lange kontinuierlich ausbluten, wie als Produktionsmodell des Landes das Angebot billiger Dienstleistungen bestehen bleibt. Damit sich diese Tendenz ändert, bedarf es politischen Willens der Regierenden, was ich nicht kommen sehe. Die zuständigen Träger haben diachronisch ihre Vorschläge gemacht, sogar auch schon seit der Periode des sogenannten Wohlstands, und hatten kritisiert, dass das, was in Griechenland geschaffen wurde, eine Blase war.

Sie bauten kein Land mit solchen Strukturen, damit es eine Perspektive hat. Zum Beispiel der NSRP: Ein Fünftel der Gesamtmittel des ‚Nationalen Strategischen Rahmenplans‘ (NSRP, griechisch: ESPA) richtet sich an ‚Beton‘, während in Finnland ein Fünftel in die Forschung und Innovation geht. Der Anteil des NSRP für Forschung und Technologie liegt in Griechenland nicht höher als 2%. Wir müssen also als Land die Orientierung ändern. Im Rahmen der allgemeinen Kürzungen wird aber die Bildung, die Forschung abgewertet. Die Zukunft sieht nicht vielversprechend aus.

Nein zu „Rasenmäher-Maßnahmen“

Professor Lamprianidis meint von seiner Seite: „Es muss aus offiziellem Mund, vom Staat und auf donnernde Weise erklingen, dass wir einen sehr großen und den qualitativsten Teil des menschlichen Potentials des Landes verlieren. In Amerika wurde eine Panik ausgelöst, als chinesische und indische Wissenschaftler bekannt gaben, in ihre Länder zurückzukehren. Amerika versucht bereits sie umzustimmen, im Land zu bleiben.

Griechenland kann trotz der Krise, die wir durchschreiten, eine unterschiedliche Politik ausüben. Es geht in die falsche Richtung, horizontale Maßnahmen für alle durchzusetzen. Ja, wir müssen die Dinge zügeln, es sind strukturelle Änderungen nötig, aber diese können nicht mittels horizontaler Maßnahmen erfolgen. Außerdem gibt es außer den Maßnahmen, für deren Durchführung Geld benötigt wird, auch Maßnahmen, die kein Geld benötigen. Wie beispielsweise das Forschungsprogramm ‚Thalis‘, für das jene Forschergruppe, die auch einen Wissenschaftler aus dem Ausland als Mitglied hatte, zusätzliche Bewertungspunkte erhielt. Das Gesetz Diamantopoulou hatte ebenfalls ein positives Element, das Wissenschaftlern, die nach Griechenland kommen wollen, oder Griechen, die sich ins Ausland begeben, ihre beiden Positionen beibehalten.

Griechenland muss im Verhältnis zu den entwickelten Ländern wettbewerbsfähig werden. Wir können und wollen nicht mit Niedrigkosten-Ländern konkurrieren. Wir wollen eine griechische Gesellschaft, die ihre Kinder zum Vorteil unseres Landes ausbildet und einsetzt.

(Quelle: Sofokleous10.gr)

Relevante Beiträge:

Artikel weiterlesen: Seite 1 Seite 2

  1. Jens Hillert
    1. Mai 2013, 22:40 | #1

    Als wenn es in Deutschland Jobs für Ingenieure gibt … Von den 16 Absolventen meiner Seminargruppe arbeiten genau 3 als Ingenieure … angeboten wurden hier bis vor ca. 4 Jahren höchstens Jobs bei Ingenieurdienstleistern für 1770,- € brutto … jetzt gibt es nichts mehr … habe mich vor 2 Jahren nach 1 Jahr Arbeitslosigkeit artfremd selbständig gemacht. In dem Jahr Arbeitslosigkeit übrigens auch nicht ein Stellenangebot von der Arbeitslosenagentur …

  2. Melanie
    1. Mai 2013, 23:58 | #2

    Wehe wenn der Tag kommt, wo die große Masse begreift, welcher Betrug zu dieser verheerenden Situation geführt hat, welche Absicht dahinter stand. Das war kein unvermeidbares Schicksal, was da die Griechen und viele Völker ereilt hat, es war die Gier, die Dummheit, der Eurowahn, die Korruption und die Lüge, das Großmacht- und Großreichsteben auf allen Seiten.
    Kein Politiker war in der Lage, das zu erkennen, dann zu stoppen und die richtigen Maßnahmen zu treffen.
    Jetzt ist es zu spät. Das Fiasko ist da. Alle daran Beteiligten sollten schnellsten die Bühne verlassen, bevor sie möglicherweise gejagt werden. Es war ja doch so gewollt, die Politiker haben den Plan erfüllt. Wie konnten die Griechen nur so naiv sein und sich zur Schlachtbank führen lassen?

  3. Oliver
    2. Mai 2013, 00:16 | #3

    Also Jens,

    was du hier behauptest passt jetzt nicht so ganz. Es ist richtig, dass es derzeit schlechter läuft. Aber bei uns hat jeder Ingenieur (Elektrotechnik) einen Job gefunden. Und den 1770 € kann ich auch nicht zustimmen. In meiner Seminargruppe hat keiner unter 2200 € angefangen. Selbst die „Deppen oder nicht ganz so Engagierten“. Gut, viele mussten ihre Heimat verlassen.
    Bei uns gehen in den nächsten Jahren sehr viele in Rente und das ist derzeit überall der Fall. Ich kenne auch Kollegen von anderen Fakultäten, die nichts oder nichts Besonders gefunden haben, aber dies sind fast stets die selben Schicksalsgeschichten …

  4. Oliver
    2. Mai 2013, 00:29 | #4

    @Melanie
    Es wird nie etwas passieren. Das geht nun schon seit mehreren Jahrtausenden so! Der „normale“ Mensch hat viel zu viel mit sich selbst zu tun. Familie usw. Der rafft das überhaupt nicht. Halt ein dämliches Systemschaf. Sagst du jemandem, warum Dinge so sind wie sie sind, wirst du als Spinner hingestellt. Oder als Verschwörungstheorethiker …

Kommentare sind geschlossen