Wohin geht es mit Europa?

21. März 2013 / Aktualisiert: 18. April 2015 / Aufrufe: 1.622

Wie groß ist die Gefahr, dass der Euro-Pullover sich aufribbelt? Welches wird das Schicksal Deutschlands mit einer teuren Mark sein?

Die wirtschaftliche Krise wuchert und reist auf dem alten Kontinent mit großer Geschwindigkeit. Sie begann von der Peripherie, nähert sich jedoch fortan dem Zentrum. Sie suchte Irland und Portugal heim, zwang Griechenland in die Knie, verwundete Spanien, infizierte Italien, bedroht Frankreich und dringt langsam in den deutschen Kern Europas ein. Slowenien verliert seinen Elan, Ungarn läuft in Gefahr, seine Demokratie zu verlieren, auch Holland rennt seinen Defiziten hinterher, und bald wird die Krise zwangsläufig an die Tür der Frau Merkel klopfen.

Wie sich auch am Freitag bei der Gipfelkonferenz in Brüssel zeigte, stand die europäische Führung verlegen dem großen Problem der Arbeitslosigkeit gegenüber und offenbarte, weder Lösungen noch Pläne zu haben. Nur fromme Wünsche und diffuse Bezugnahmen auf umstrittene kleine Programme bezüglich des Unternehmertums der Jungen.

Elite zieht Verteidigung ihrer Güter und Posten vor

Die europäische Elite fühlt, dass etwas schief läuft, will es aber nicht glauben. Deswegen beharrt sie auf dem neoliberalen Modell der beiden vergangen Jahrzehnte, obwohl dieses erschüttert worden und nicht in der Lage ist, sichere Antworten auf das Problem der Krise zu geben. Zumindest mittelfristig wird es nur Bitterkeit, menschliche Opfer und unfreie Regime bringen. Die Elite wittert also die Atmosphäre, zieht jedoch vor, ihre Positionen und ihre Güter zu verteidigen. Und so bleibt Brüssel in dem deutschen Dogma der Finanzziele gefangen und kann ohne die Zustimmung Berlins keinen Schritt der Änderung machen. Und wie es scheint, wird es diese nicht vor den deutschen Wahlen im kommenden Herbst haben.

Bis dahin kann jedoch viel geschehen. Die offensichtliche Niedergeschlagenheit im Gesicht des Herrn Antonis Samaras bei der Pressekonferenz in Brüssel hat auch mit der Verlegenheit der Europäer zu tun. Das Gesicht des Herrn Samaras offenbarte zumindest Enttäuschung. Der griechische Premierminister spürte in Brüssel offensichtlich, die benötigte Hilfe weder zu haben noch in absehbarer Zukunft haben zu werden, und erkannte, dass er – immer im Rahmen der Vereinbarungen mit der Troika – allein handeln muss.

Die Schwierigkeit ist offenkundig und die politische Sackgasse, der Antonis Samaras begegnet, ist groß. Fügt er sich den Forderungen der Troika, wird er größten Verschleiß erleiden, sollte er sich entgegenstellen wollen, wird er hinsichtlich der bisher umgesetzten Politik unglaubhaft erscheinen. Das Schlimmste ist jedoch, dass das Land so nirgendwo hinkommt. Es wird im Kampf um das Unmögliche explodieren. Und es wird sowohl wirtschaftlich als auch politisch und gesellschaftlich explodieren.

Was sich im weiteren Verlauf ergeben wird, vermag niemand mit Genauigkeit vorauszusehen. In einer solchen Variante des allgemeinen Niedergangs und des Verschleißes vervielfältigen sich die Risiken. Und zwar noch sehr viel mehr, wenn auch die weitläufigere geopolitische Umgebung flüssig und die europäische erschüttert ist.

Europa spielt mit der Zeit und Deutschland mit seinem Schicksal

Nach auch all dem, was in Italien geschah, ist fast sicher, dass der europäische Pullover sich von irgendwo aufzuribbeln beginnen wird. Und wenn er sich aufzuribbeln beginnt, wird er sich sehr schnell aufribbeln, da dann nichts fähig sein wird, es aufzuhalten. Und all dies, weil die sogenannte „Österreichische Schule“ nicht die direkte währungstechnische Finanzierung der Europäischen Union zu akzeptieren vermag, wie es mit allen anderen Ländern und großen Wirtschaftsmächten geschieht.

Die Zentralbank der USA finanziert die amerikanische Wirtschaft bis zum Überdruss, das selbe machen auch die Zentralbanken Japans, Großbritanniens und natürlich Chinas. Nur die Europäische Zentralbank weicht nicht von dem Währungsgrundsatz ab, weil Deutschland von dem Deflationswahn beherrscht ist, weil es – ebenfalls – nur gewinnen will und weil Frau Merkel erachtet, ihren Sieg bei den Wahlen im kommenden Herbst sicherzustellen, indem sie eine harte Haltung beibehält.

Europa spielt so jedoch mit der Zeit und Deutschland mit seinem Schicksal, indem es jene begünstigt, die wirklich die Destabilisierung beider wollen. Bald wird Frau Merkel nur noch von Feinden umzingelt sein. Mit allem, was dies für ihre politische Hegemonie in Europa und für den wirtschaftlichen Fortschritt ihres Landes einher bringt.

Wie auch die angelsächsischen Widersacher des Euro sagen, „soll auch Deutschland etwas bezahlen, es hat so viel aus dem Euro gewonnen„. Seit der Epoche Karls des Großen dient seine Führung der Eroberung Europas mit den selben – unter Einhaltung der Verhältnismäßigkeiten – harten Mitteln. Und immer scheitert es, weil es gewaltsam und punitiv ist. Ohne Flexibilität und die Großzügigkeit des Gewinners und des Siegers beharrend wird es verlieren. Und es wird schwer verlieren, wie auch die anderen Male.

Mal ehrlich, kann sich jemand Deutschland mit einer harten Mark vorstellen, die für zwei oder drei Dollar gehandelt wird? Mal ehrlich, wie wird dieses Deutschland sein? Jeder, der ein Empfinden der Dinge hat, wird begreifen, dass es ein von dem heutigen sehr unterschiedliches Deutschland sein wird. Einige beschreiben es wie das Deutschland des Jahrzehnts der 70er Jahre: klein, isoliert, intern gespalten und polizeibeherrscht, damit seine politische und wirtschaftliche Führung vor den Salven der Maschinenwaffen einer anderen RAF geschützt werden, einer entsprechenden oder auch noch mörderischeren als die Rote-Armee-Fraktion des Andreas Baader und der Ulrike Meinhof …

(Quelle: To Vima, Autor: Antonis Karakousis)

Relevante Beiträge:

  1. otto normalo
    21. März 2013, 09:21 | #1

    Man sollte sich nicht zu große Sorgen um eine harte DM machen. Nicht einmal die neue Partei „Alternative Deutschland“ will einen schnellen ungeordneten Ausstieg aus dem Euro, weil das nicht geht. Aber auch ein Euro wird auf Dauer nicht funktionieren, weil Südländer auch in Zukunft sich an keine Regeln halten werden, wird uns dieser Euro ärmer als Kirchenmäuse (auf längere Sicht gesehen) machen.

  2. Willi F. Gerbode
    21. März 2013, 10:08 | #2

    „Einige beschreiben es wie das Deutschland des Jahrzehnts der 70er Jahre: klein, isoliert, intern gespalten und polizeibeherrscht, damit seine politische und wirtschaftliche Führung vor den Salven der Maschinenwaffen einer anderen RAF geschützt werden, einer entsprechenden oder auch noch mörderischeren als die Rote-Armee-Fraktion des Andreas Baader und der Ulrike Meinhof …“

    Es gibt nicht einmal den Hauch eines Anzeichens, dass D in die 70er zurückfällt. Es gibt nicht einmal ein Symptom, dass D ein Polizeistaat ist. Nicht einmal die Borniertheit der Polizeibehörden und Politiker in Sachen NSU liefert hierfür die richtige Munition. Und schon gar nicht gibt es einen fruchtbaren Boden für einen linken, gewalttätigen Untergrund.

    Im Gegenteil: D war in seiner Geschichte wohl noch nie so bürgerlich-konservativ wie derzeit; die Zustimmung zu Angela Merkels Politik in der Bevölkerung ist hierfür ein deutlicher Beleg. Dass als nationalistisch zu kennzeichnen, ist eine zumindest steile, eine gewagte, These.

    Kurz: Der Kommentator Antonis Karakousis hat in den letzten Wochen schon viel Blödsinn in To Vima geschrieben, aber mit diesem Text hat er den Vogel abgeschossen.

  3. Jäger
    21. März 2013, 10:43 | #3

    Es gibt Länder wie die Schweiz wo die Sparsamkeit und das Nichtdrucken von Franken um Löcher zu stopfen auch funktioniert.
    Es sind doch finanzielle Fehlentwicklungen in all den Krisenländern, welche das Problem verursacht haben. Griechenland war ja eigentlich vor der Euro-Einführung schon hoch verschuldet und hoffte nun durch billige EU-Kredite die Löcher stopfen zu können ohne gleichzeitig Wirtschaftsreformen anzugehen um Fehlentwicklungen im Land zu korrigieren.

    Es waren die Südeuropäer doch selbst, welche dem Euroraum beitreten wollten.
    Nun Deutschland den Schwarzen Peter aufzudrücken ist unfair.

  4. Janz
    21. März 2013, 17:29 | #4

    Ich bin jetzt 57Jahre alt und muss sagen, das die 70er für viele, viele, sehr viele Menschen, und auch für mich die glücklichsten Jahre unseres Lebens waren. Baader Meinhoff haben nicht wie viele Politiker und Wirtschaftsbosse aus Habgier gemordet, sondern weil Sie die Welt verbessern wollten, was leider nicht gelungen ist!

  5. heho
    21. März 2013, 18:30 | #5

    Ich habe 2 X in meinem Leben Geld verloren 1. Währungsreform 1948 und zum 2. x Einführung des Euro. Hätten die deutschen Bürger über die Einführung selbst entscheiden können würde es heute noch die DM geben und der Dollar wäre schon viele Jahre im Keller es wäre da nicht so wie nach der Währungsreform wo man 4.40 DM für einen Dollar bezahlen mußte. Ich bin 74 Jahre alt

  6. Mephisto
    31. März 2013, 15:28 | #6

    Die Argumente kranken schon am Beginn:
    1. Die „EU“ ist ein Propaganda – Begriff. Die Menschen glauben (!) es gehe um ein vereintes Europa. Tatsächlich geht es um ökonomische, d. h. militärische, Macht. Wesentlich aus Sicht der „Herrschaften“ ist eine „kritische Größe“ im Verhältnis zu China und den anderen BRIC-Staaten. Die EU ist faktisch die Fortsetzung der NATO mit anderen Mitteln! Anders ist z. B. das Beitrittsgerangel um die Türkei und die Ukraine nicht zu verstehen.
    Die USA mit ihrer immer stärkeren Kräfte-Begrenzung wendet sich „dem Pazifik zu“ (Originalton Obama), weil China immer stärker ins Gewicht fällt! Ergo wird jetzt das nicht souveräne (!) Deutschland, das wegen seiner Größe und dem daraus abgeleiteten Einfluß in Europa ein prima Politknüppel ist zur „erledigung der atlantischen Aufgaben“ verdonnert. Darunter fallen nicht nur die demütigenden Finanzvorgänge sondern die immer stärker geforderten Kriegseinsätze (Afghanistan, Mali, Libanon …). Einige davon, in Afrika, sind der Öffentlichkeit gar nicht bewußt!

    2. Faktisch geht es um das finanzielle „Zusammenschmieden“ der Länder. Ergo ist das Finanzgeschiebe auf dem „politischen Parkett“ der wesentliche Punkt, im Falle von Konflikten mit anderen Punkten, z. B. Demokratie, Selbstbestimmung, Eigentumsgarantie und anderen Zwangsvorstellungen der „Normalsterblichen“ werden diese „Störfälle“ einfach eliminiert.

    3. Eigentlich ist es ja nicht neues was wir beobachten.
    Beim „Gründen“ der EU war bereits bekannt, daß Griechenland, Zypern, und andere Länder in Wirklichkeit die Bedingungen nicht erfüllen. Die politische Konstruktion (keine Volksabstimmung inwichtigen Ländern, Wiederholung solcher Astimmungen bis zum Erreichen des gewünschten Ergebnisses (Irland) und ein Parlament, das diesen Namen nicht verdient (EU „Parlament“ hat kein Haushaltsrecht(!) und darf noch nicht einmal Gesetzesvorlagen einbringen) bietet eine Scheinlegitimität. Wesentliche politische Entscheidungen werden von „Gruppen“, „Kommitees“, … verursacht, die nicht demokratisch legitimiert sind. Wie ist die Abschaffung der DM eigentlich politisch legitimiert? Gab es da jemals eine erkennbare Mehrheit der Bürger?

    4. Von Anfang an bestanden massive Ungleichgewichte zwischen Rechten und Pflichten der Bürger: die kontrollfreie Reisefreiheit wurde und wird eingeschränkt. Einerseits darf ich in einem anderen Land nicht einmal einen Führerschein machen muß aber andererseits mit meinem Vermögen andere Länder „retten“ die wiederum das „Rettungsgeld“ umgehend an ausländische Großbanken abführen müssen. Hat hier schon mal jemand weitergedacht? Angenommen, die (Banken)-rettung wäre erfoglreich, dann stünden doch die „geretteten“ Länder völlig verarmt da? Dann erst müßten die „echten Rettungsmilliarden“ ausgelöst werden!

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