Die Wahrheit über die Revolution 1821 in Griechenland

18. März 2013 / Aufrufe: 5.270

Ein Schreiben der PAME angehörender Lehrer in Griechenland über die Revolution von 1821 erregt – wie nicht anders zu erwarten war – die Gemüter.

Auf Proteste stieß ein Schreiben / offener Brief dem Raum der „Militanten Arbeiterfront“ (PAME) zugehöriger Lehrer an ihre Schüler über die griechische Revolution von 1821, in dem sie unter anderem anführen, der Metropolit Germanos von Patras habe – entgegen der „offiziellen Lesart“ – nicht die Flagge der Revolution erhoben und die Besatzung auf den Schiffen des Miaoulis nicht einmal Griechisch gesprochen.

Laut den selben Lehrern „waren nicht alle Griechen für die Revolution„, und sie rufen die Schüler auf, die „wahre Geschichte ihres Landes“ kennen zu lernen und zu kämpfen. Das vollständige Schreiben wird nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben.

Die Revolutionen des Volks können siegen!

Lieber Schüler, liebe Schülerin

Vielleicht bist Du es leid, andauernd über Jahrestage und Feiern zu hören, speziell heute, wo die Politik der Regierung ND – PASOK – DIMAR, der Europäischen Union, des Systems der Reeder, der Unternehmer, Dein Leben und Deine Familie angreifen. Merke Dir jedoch Folgendes: wie auch immer sie Dich angreifen, sie werden niemals aufhören, auf Deinen Verstand zu zielen. Deswegen erzählen sie Dir Lügen und Halbwahrheiten auch über den 25. März, so wie sie es ebenfalls über den 28. Oktober, aber auch das Polytechnikum tun.

Es ist Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen!

Beeindruckt Dich nicht die Tatsache, dass wir den Beginn der Revolution von 1821 am 25. März feiern, obwohl Kalamata und andere Gebiete der Peloponnes bereits am 23. März 1821 von den Türken bereit worden waren? Die Antwort ist, dass per einer Verfügung von 1838, also 13 Jahre später, der Feiertag der Verkündigung des Herrn (Mariä Verkündigung) zum Nationalfeiertag bestimmt wurde, damit sie der Revolution einen religiösen Mantel überhängen.

Die offizielle Kirche war jedoch nicht für die Revolution. Als Papaflesas sich mit dem Mitropoliten Germanos von Patras traf, um ihm zu sagen, dass alles für die Revolution bereit sei, begann letzterer ihn zu beschimpfen, er sei ein Betrüger. Der Metropolit Germanos von Patras hatte sogar gesagt: „Lassen wir die Kinder des Mohammed die Kinder des Robespierre fertigmachen!“ Einer der „Kotsampasides“, also der griechischen Machtträger der Epoche, meinte „besser die Türken und die christlichen Untertanen unterjocht als eine freie Nation mit einem Volk, das Rechte hat„!

Es ist eine Lüge, Germanos von Patras habe als erster die Standarte der Revolution von 1821 erhoben. Die Flagge hisste in Patras der Volksführer Panagiotis Karatzas, den die Gemeindeleiter von Patras ermordeten.

Was bedeutet dies?

Die Revolution von 1821 war eine Kollision mit dem osmanischen Despotismus und stand mit der Befreiung in Verbindung. Nicht alle Griechen waren für die Revolution. Es gab sogar Griechen, die Teil des ottomanischen Machtsystems waren. An der Revolution von 1821 beteiligten sich nicht nur orthodoxe Christen und gebürtige Griechen. Grundsätzlich beteiligten sich die sogenannten Philhellenen aus dem Raum Westeuropas.

Außer den Philhellenen beteiligten sich jedoch in den Donau-Fürstentümern Walachen, Moldauer, Bulgaren, Albaner, Serben, Zigeuner, Ungarn, Polen und andere. Ist Dir bekannt, dass auf den Schiffen des Miaoulis die Besatzung überhaupt kein Griechisch und auch kein Albanisch sprachen. Ist Dir bekannt, dass die Revolutionäre von 1821 das Volk nicht nach Griechen und Ausländer differenzierten? Rigas Fereos rief Christen und Türken zu einem gemeinsamen Kampf zum Umsturz der osmanischen Vorherrschaft und zur Schaffung einer balkanischen Allianz auf.

Die Revolution von 1821 war kein Religionskrieg, keine Erhebung der Christen gegen die Mohammedaner. Es kamen Momente, wo Griechen und Türken zusammen gegen die Venezianer, die Spanier und den Papst (und umgekehrt) kämpften, wobei die griechischen christlichen Untertanen die türkische Feudalherrschaft der westeuropäischen vorzogen, weil letztere sehr viel härter als die türkische war.

Aber auch die Philhellenen Westeuropas, die sich an der Revolution von 1821 beteiligten, hatten Klassenmotive: es sollten die Ideale und Ziele der großen (bürgerlichen) französischen Revolution vorherrschen, unabhängig davon, dass auch ihre Bewunderung für die antike Bildung existierte. Und wie wir wissen, erlebte die Kirche in Frankreich während der französischen Revolution nicht unbedingt sehr gute Tage …

All dies werden sie Dir also nicht in den Schulbüchern sagen, weil sie nicht wollen, dass Du weißt, was die Revolution ist, um die richtigen Rückschlüsse für das Heute und Dein Leben zu ziehen. Wir sagen Dir also:

  • In der Revolution von 1821 waren nicht alle Griechen vereint, weil sie gesellschaftlichen Charakter hatte.
  • Jede gesellschaftliche Revolution gibt eine Antwort auf die Frage: welche Klasse an der Macht sein wird.
  • Die Revolution ist das Fahrzeug, damit die Gesellschaft voranschreitet.

Stell Dir also vor, dass in jener Epoche in ganz Europa bourgeoise Revolutionen ausbrachen, also Revolutionen mit der Zielsetzung, dass die Feudalherren (Grundbesitzer) die Herrschaft verlassen und die Bourgeoisie die politische Macht ergreift (Kapitalbesitzer, welche die freie Arbeitskraft ausnutzen).

Ziehe Deine Rückschlüsse für das Heute!

Heute ist die führende gesellschaftliche Kraft, also jene, die das Unterste nach Oben kehren können, die Arbeiterklasse. Die bourgeoise Klasse ist inzwischen reaktionär. Du weißt es, Du lebst es! Deswegen unternimmt sie einen solchen Angriff auf Dein Leben, deswegen schickt sie die Spezialeinheiten (MAT) wenn Du kämpfst, sie will einen modernen Sklaven mit einem Hungerlohn, mit einem Leben ohne Rechte, sie bombardiert Dich mit Drogen.

Wie jede Revolution übt die Revolution von 1821 Gewalt aus und respektiert keinerlei Institution, keinerlei Gesetzlichkeit, welche das Volk ausnutzt. Auf ihrer Fahne steht nichts von Rechtmäßigkeit, sondern von Gerechtigkeit.

  • Ein aktuelle Motto ist auch heute: „Gesetz ist das Recht des Arbeiters und nicht die Gewinne des Kapitalisten!
  • Die Revolutionäre von 1821 sagten „Feuer und Beil den Unterworfenen„, sie verhandelten nicht mit ihren Feinden. Unterworfene sind heute diejenigen, welche die EU, den IWF, die Gesellschaft des Profits und des Marktes stützen.
  • Das reaktionäre Heer (damals Heilige Allianz, heute Europäische Union, NATO) ist nicht unbesiegbar.
  • Die Gesellschaften trennen sich in Ausnutzer und Ausgenutzte. Das Volk und die „oben“ Befindlichen. Ihr Gegensatz ist nicht durch Dialog zu lösen, sondern durch Kampf.

Das Volk, das an seine Kraft glaubt, siegt – das Volk, das sich ergibt, verliert!

Merke es Dir gut: ob im Kampf oder in der Unterwerfung, niemals waren alle Griechen vereint! 1821 sahen manche in dem osmanischen Eroberer den Freund, die Stütze ihrer eigenen Macht. 1940 sagten manche, „die Deutschen sind unsere Freunde„, und kollaborierten mit den Faschisten. Es sind die politischen Väter der modernen Nazis der Chrysi Avgi.

1821 riefen manche das Volk zur Einmütigkeit auf, um das türkische Joch zu ertragen. 1940 sagten manche, der Widerstand sei Wahnsinn. Heute rufen manche zu nationaler Einmütigkeit auf, damit wir aus der Krise hinausgelangen, und meinen, dass Du Dein leben und Deine Träume opferst, damit die Gewinne ihrer Plutokratie, ihres System gerettet werden! Andere sprechen von „Besatzung“ durch ausländische Staaten, damit sie die griechischen Unternehmer verstecken, die aus dem Schweiß Deiner Eltern reich werden.

Die Geschichte schreiben die Völker! Heute bist Du an der Reihe. Der Kampf für Deine Bedürfnisse wird schwer sein, aber gerecht! So war es immer! Organisiere Deinen Kampf für Deine Rechte, lies und lerne die wahre Geschichte Deines Volkes und Deines Landes. Partisane – Räuber – Kerl ist immer das selbige Volk!

(Quelle: Voria.gr)

  1. Christina
    18. März 2013, 02:12 | #1

    Sagt mal, lese ich das jetzt richtig? Was soll das werden? Suche nach dem richtigen Klassenstandpunkt? Irgendwie ist es jetzt auch mal gut. Platzhirsche in den Kommentaren, Platzhirsche im Team, habt Ihr eigentlich keine Frauen unter den Administratoren, die Euch mal Bescheid stoßen, dass an diesem Wochenende mit Zypern eine neue Eskalationsstufe gezündet worden ist? Ich hätte mich gefreut, hier die Übersetzung eines klugen griechischen Kommentars lesen zu dürfen. Schade aber auch.

  2. Team
    18. März 2013, 02:54 | #2

    @Christina
    Wir hätten uns *auch gefreut*, speziell zu diesem Beitrag – der ja nun obendrein mit Zypern und dem Beschluss der Eurogruppe überhaupt nichts zu tun hat und im übrigen auf einer Stellungsnahme aus der Ecke der „Militanten Arbeiterfront“ basiert – von dermaßen „dämlichen“ Kommentaren verschont zu bleiben!

  3. Xanthippe
    18. März 2013, 03:11 | #3

    @Christina
    Autsch, Beziehungsstress? :rofl:

  4. Rudi
    18. März 2013, 09:18 | #4

    Ich glaube gelesen zu haben, dass die orthodoxe Kirche von der Osmanenherrschaft sogar kräftig profitiert hatte, in dem die Landvermögen der Griechen, welche Griechenland verlassen hatten nicht an die rechtmäßigen Erben, sondern an die Kirche fiel? Stimmt das?

  5. Ausgenz
    18. März 2013, 09:58 | #5

    Ich möchte mir die Schlußfolgerungen von PAME nicht zu eigen machen. Aber dennoch, die wahre griechische Geschichte wird nicht in den griechischen Schulen gelehrt, wohl aber an den griechischen Universitäten. Für viele Griechen stellt die wissenschaftliche Aufarbeitung der jüngeren Geschichte ein Schock da, weil ihr Weltbild über die Rolle der orthodoxen Kirche zerstört wird. Die wahren Helden der griechischen Revolution werden nicht ausreichend gefeiert und geehrt und werden von der Kirche, die erst spät auf den Karren gesprungen ist, in den Hintergrund gedrängt. Aber auch auf die wissenschaftlich erforscht Geschichte können die Griechen stolz sein, sie ist halt nur anders als in den Köpfen der meisten Griechen verankert.

  6. GR-Block
    18. März 2013, 13:28 | #6

    Eine durchaus lesenswerte Richtigstellung.

  7. Götterbote2012
    18. März 2013, 15:53 | #7

    Ich finde es immer wieder „toll“, wie sich das „Team“ hier als das klügste, objektivste Element in der Diskussion sieht. Aber statt die Kommentare mancher Leser als „dämlich“ zu bezeichnen (warum veröffentlich man sie, wenn sie es sind?), wäre es hilfreicher, Quellen o.ä. zu liefern, welche die Behauptungen in dem Kommentar der Militanten Arbeiterfront belegen oder aber widerlegen.

    In jeder Konfrontation zwischen den Völkern gab es immer Mitläufer, Andersdenkende oder Kollaborateure. So wird es auch in Griechenland zu den genannten Zeiten gewesen sein. Die Frage die sich nur stellt, wie groß war das Ausmaß wirklich.

  8. Stipsi Fan
    18. März 2013, 15:53 | #8

    Da kann man mal sehen, wie es dem Großkapital mit Hilfe der Medien gelungen ist den Menschen beizubringen, dass es absolut notwendig ist, versklavt zu sein. Ja und ja, nur noch eine Revolution kann hier helfen. Wenn Banken und reiche Spekulanten ihr Geld nicht zurück bekommen, was interessiert das die Arbeiterschaft? Vor vielen Jahren haben wir uns im Freundeskreis mal darüber unterhalten, dass wahrscheinlich bald potentiellen Autokäufern das Geld für den Kauf mitgeliefert wird. Heute ist das anders gar nicht vorstellbar. Bei allem Vorbehalt wegen der Methoden muss man schon sagen, dass die RAF in Deutschland genau die sich jetzt bietende gesellschaftliche Situation bekämpfen wollte. Bereits da konnte man an der Reaktion des Staates sehen, wie sehr dieses Gedankengut (das Volk ist der Souverän) als Gefahr für die Herrschenden gesehen wurde. Es ist unfassbar, dass die Herrschenden wirklich geschafft haben, dass das Volk die Knechtschaft als richtig und wichtig empfindet. 22% der abhängig Arbeitenden in D haben keinen normalen Arbeitsvertrag, sondern Minijobs oder Zeitarbeit….!! Bin wirklich froh, dass es in Griechenland auch Freiheitskämpfer gibt. Und noch was: in Zypern werden angeblich Mafiagelder gewaschen und Oligarchen parken ihr Geld in diesem Steuerparadies. Es geht „nur“ um die Rettung der Banken. Warum erfolgt da kein kollektiver Aufschrei? In Griechenland geht es um Menschenleben, in Zypern um Banken (Großkapital). Natürlich sollten die wirklich kleinen Kontoinhaber nicht abgezockt werden. Aber was spricht dagegen, die Schuldigen auch mal zur Kasse zu bitten?

Kommentare sind geschlossen