Die Hälfte der Griechen glaubt, die andere Hälfte betrüge das Finanzamt

24. Februar 2013 / Aufrufe: 1.439

Die Ansicht der kleinen und mittleren Unternehmen

Die meisten Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen erachten, die Steuerhinterziehung in den kleinen und mittleren Unternehmen sei gering und mäßig, sowie ebenfalls, dass die kleinen und mittleren Unternehmen weniger Steuerhinterziehung betreiben als die größeren Unternehmen. Die meisten Befragten urteilen, die existierenden Methoden, der Steuerhinterziehung zu begegnen, seien von geringer Effizienz.

Parallel wurde von den meisten das unbeständige und komplexe Steuersystem als der wesentlichste Grund für die Nichtbekämpfung der Steuerhinterziehung beurteilt, während die meisten an der Erhebung Teilnehmenden eine negative Meinung über die neue Vorlage zum Steuergesetz haben und glauben, es sei zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung nicht effektiv.

Nach dem Mangel an Liquidität gelten das unbeständige Steuersystem und die Bürokratie als die signifikantesten Probleme der griechischen Wirtschaft, während die niedrige Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Produkte / Dienstleistungen (20,6%) und die Steuerhinterziehung (20,2%) folgen. Die bedeutendsten Probleme beim Betrieb der kleinen und mittleren Unternehmen sind die fehlende Liquidität, die hohe Besteuerung und die niedrige Konsumnachfrage, während die Mehrheit nicht wünschen würde, dass die Geschäfte Sonntags öffnen.

Die Mehrheit der Vertreter der kleinen und mittleren Unternehmen glaubt, die gegenwärtige wirtschaftliche Situation begünstige nicht die Aufnahme einer unternehmerischen Aktivität in Griechenland (86,5%). Die meisten Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen sind nicht besonders zuversichtlich bezüglich der Zukunft ihres Unternehmens und der Zukunft der griechischen Wirtschaft.

Konkret sind 39,6% wenig zuversichtlich bezüglich der Zukunft ihres Unternehmens und 40,7% sind wenig zuversichtlich bezüglich der Zukunft der griechischen Wirtschaft. Die entsprechenden Anteile für jene, die überhaupt nicht zuversichtlich sind, betragen jeweils 29,7% und 40,2%.

66,6% der Befragten erklärten, überhaupt nicht mit der in Griechenland befolgten Wirtschaftspolitik zufrieden zu sein, wobei der konkrete Anteil unter den Unternehmen mit einem Umsatz von unter 50.000 Euro leicht höher ist. Weiter erklärten 74,4% der Befragten, wegen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Umstände zu Änderungen bei Organisation und Betrieb ihres Unternehmens geschritten zu sein. Der konkrete Anteil liegt für die Unternehmen mit einem Umsatz von über 150.000 Euro (81,6%) über dem Durchschnitt.

Bezüglich der Unternehmen, die zu solchen Änderungen schritten, erklärten die meisten, die Aktivitäten des Unternehmens reduziert (30,1%) und Entlassungen vorgenommen zu haben (29,3%). Diese Änderungen beziehen sich ebenfalls auf Lohnsenkungen (15,2%) und Flexibilisierung der Arbeitszeit (10,7%). Trotz allem erklärten 68,2% der Unternehmen, sich nicht mit dem Gedanken zu tragen, in nächster Zeit zu Lohnsenkungen oder Entlassungen von Personal zu schreiten.

Der Handel verweigert die politische Exekution der Gesellschaft

Wie der Vorsitzende des ESEE, Vasilis Korkidis, zu den Schlussfolgerungen der Untersuchung anmerkte, „… enthüllt die Erhebung, die wir im vergangenen Zeitraum in Zusammenarbeit mit der Firma GPO durchführten, gewisse harte Wahrheiten über das Steuerproblem des Landes und die Reaktionen der griechischen Gesellschaft auf die ausgeübten Politiken …“ und fuhr fort:

Die griechische Gesellschaft akzeptiert mit Klarheit die Bedeutung der Lösung des Steuerproblems und wünscht die Realisierung eines einfachen und gerechten Steuersystems. Die griechischen Bürger erkennen ihre Beteiligung an der Hinauszögerung des Steuerproblems an, jedoch verstehen sie auch den Unterschied zwischen der Steuerhinterziehung und der Steuervermeidung.

Laut der öffentlichen Meinung hinterziehen die Großen auf wissenschaftliche Weise Steuern und die Kleinen plump und aus Gründen des unmittelbaren Überlebens. Entgegen einer allgemeinen Ansicht bezüglich angeblicher Verantwortungslosigkeit der griechischen Bürger stellt die Anerkennung der Verwicklung der Gesellschaft in die Steuerhinterziehung einen höchsten Ausdruck des Selbstbewusstseins und kollektiven Denkens dar.

Zusätzlich wird das Steuergesetz von der Mehrheit der öffentlichen Meinung und der Unternehmer klar abgelehnt, die erklären, den kumulierten Lasten der Überbesteuerung nicht entsprechen zu können. Noch enthüllender sind wiederum die Bewertungen in Zusammenhang mit der Effizienz der systemischen Träger zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung, wo sowohl die Vertreter der gerichtlichen Gewalt als auch die Kontrollmechanismen und der langsam agierenden Minister allgemein als unzulänglich beurteilt werden, um dem Problem eine umgehende Lösung zu geben.

Der griechische Handel verweigert die politische Exekution der Gesellschaft, die in die Resignation oder die Explosion geführt wird. Die Regierung muss begreifen, dass die Gesellschaft kein willenloser Zuschauer ist, der einfach auf irgendwelche Interventionen von oben reagiert, sondern dagegen für das Heute kämpft, an das Morgen denkt und kreativ auf das Gestern zurückgreift. Die Gesellschaft befasst sich mit Vorschlägen zum Ausgang aus der Krise und hofft auf eine bessere Zukunft. Der einzige Weg, dem Problem des Landes zu begegnen, ist, dass die Regierenden der Gesellschaft als einem Verbündeten und nicht als einem Feind begegnen …

Angaben zu der Erhebung

Die Erhebung wurde von der Firma GPO für Rechnung der ESEE im Zeitraum von 23 bis 30 Januar 2013 durchgeführt. Die Erhebung über die öffentliche Meinung wurde an einem panhellenischen Muster von 1.600 Befragten (Einwohner des Landes ab 18 Jahren und älter) und die entsprechende Erhebung über die kleinen und mittleren Unternehmen an einem Muster von 1.000 kleinen und mittleren Unternehmen mittels der Verwendung eines schriftlichen strukturierten Fragebogens durchgeführt.

(Quelle: in.gr)

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  1. GR-Block
    24. Februar 2013, 02:09 | #1

    „Die Hälfte der Griechen glaubt, die andere Hälfte betrüge …“
    Wenn die ermittelten Zahlen aus der Befragung richtig sind, dass nämlich die 16,4 % tatsächliche Steuerhinterzieher gefühlte 50% sind, dann haben wir es mit einer Massenpsychose zu tun. Jeglicher Versuch an der fiskalischen Situation des Landes etwas zu Ändern ist zum Scheitern verurteilt, solange das anhält.

  2. Ingrid
    24. Februar 2013, 18:34 | #2

    Und der „Witz“ bei der gesamten Misere ist: Wenn man versucht ehrlich seine Arbeit zu machen, ehrlich beim Finanzamt alles anzumelden, wird man doppelt bestraft, weil es einem keiner glaubt! Auch war es bisher schwierig, da fast alle, mit denen man geschaeftlich, privat oder behoerdlich zu tun hatte, in dieses undurchsichtige System verwickelt waren. Anzeigen war sinnlos, denn die Anzeigen verschwanden oder wurden bei den Behoerden gar nicht zur Kenntnis genommen, wenn man vorsprach. Vertrauen konnte und kann man NIEMAND.
    Das scheint sich zwar langsam zu aendern, aber……

  3. V99 %
    24. Februar 2013, 23:35 | #3

    Eine Studie, die auf Vermutungen beruht, was will man damit aussagen? Die Krise sei eine „Vermutung“, im urspruenglichem Sinn des Wortes „die Meinung“‚ „Beurteilung“ und „Entscheidung“ ??
    Dieser Satz ist mein Favorit: „Die meisten Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen erachten, die Steuerhinterziehung in den kleinen und mittleren Unternehmen sei gering und mäßig, sowie ebenfalls, dass die kleinen und mittleren Unternehmen weniger Steuerhinterziehung betreiben als die größeren Unternehmen.
    Solange der Ueberbesteuerung nicht Einhalt geboten wird, wird es mit der Steuerhinterziehung immer weiter gehen. Diese Regierung tut alles um die Wirtschaft abzuwuergen und trifft damit auch die Schuld fuer die extreme Verschaerfung der Misere.

  4. Willi F. Gerbode
    25. Februar 2013, 13:17 | #4

    „Die öffentliche Meinung (95,7%) betrachtet das Phänomen der Steuerhinterziehung als ein außerordentlich ernsthaftes Problem, da 53% der Befragten erachten, dass mehr als die Hälfte ihrer Mitbürger systematisch Steuern hinterziehen, jedoch gestehen gerade einmal 16,4% ein, selbst Steuern hinterzogen zu haben indem sie Einkommen verbergen.“

    Die Befragten sehen offensichtlich ihren eigenen Steuerbetrug als harmlos. Die „anderen“ sehen sie als Problem. Das wird gestützt durch die Einschätzung nur eines Drittels der Befragten, kleine und mittlere Unternehmen betrügen in größerem Umfang.

    Wenn diese Einschätzung nicht erst ein Produkt der durch die Krise herbeigeführten Rezession ist, ist das Problem ein soziokulturelles. Ingrids Erfahrung deutet darauf hin. Sollte die weit verbreitete Steuerhinterziehung in GR primär ein soziokulturelles Phänomen sein, ist nicht zu erwarten, dass ein Regierungswechsel zu SYRIZA (der unweigerlich früher oder später kommen wird) nicht zu einer veränderten Einstellung führen – jedenfalls nicht kurzfristig. Es stellt sich für mich dann die Frage, wie Tsípras dann zu Einnahmen kommen will, die ein effektives, bürgerfreundliches Staatshandeln voraussetzen: durch Geldschöpfung (die ominöse Geldpresse) nach Einführung der Drachme vielleicht; durch Einsparung, sprich: Abbau von Arbeitsplätzen in der Verwaltung? Es sieht zudem bisher nicht so aus, dass SYRIZA das Misstrauen des Großteils der Bevölkerung gegenüber dem Fiskus, das diese Umfrage eindrucksvoll belegt, beseitigen kann. Bisher spricht sich nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung für diese Bewegung aus. Das Legitimitätspotential ist also nicht höher als das von PASOK und ND zusammen. M.E. eine Patt-Situation, wie sie sich auch (meine Prognose zum Wahlschluss) in Italien abzeichnet.

    GR-BLOCK spricht von einer „Massenpsychose“. Eine Psychose ist eine Krankheit. Die Griechen sind aber nicht krank, sondern wissen eben, wie der Hase in ihrem Land läuft, und sie handeln danach. Ingrid hat es mit ihrem Kommentar auf den Punkt gebracht: Der Ehrliche ist der Dumme.

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