Das Griechenland der Armut und der Solidarität

23. Januar 2013 / Aktualisiert: 20. November 2013 / Aufrufe: 2.128

Bedürftige werden aus Personalmangel per Losverfahren ermittelt

Charakteristisches Beispiel stellen die sozialen Strukturen der Stadtgemeinde Athen dar, wo ab Juni bis einschließlich Ende November 2012 die Dienststellen mit nur 45 dauerhaften Bediensteten arbeiteten, da die Verträge ungefähr 50 Beschäftigter ausgelaufen und nicht erneuert worden waren. Dies geschah sogar zu einem Zeitpunkt, als die grundsätzliche Einschätzung veranschlagt, dass 80 bis 100 Vertragsbedienstete benötigt werden, um den gestiegenen Bedürfnissen Athens entsprechen zu können.

Aufzeigend für die gestiegene Nachfrage ist die Tatsache, dass in Athen die Berechtigten, die Zugang zu dem sozialen Lebensmittelgeschäft erhalten, im Losverfahren bestimmt werden. Die kontinuierlich steigende Anzahl der Anträge, bei der zuständigen Dienststelle der Kommunalverwaltung Athen gestellt werden, zwang die Verantwortlichen, aus Gründen der Gerechtigkeit zu dieser Maßnahme Zuflucht zu nehmen.

Weiter verzeichnet die Untersuchung der EETAA die „ehrgeizigen“ Bemühungen, die von den Kommunen erbracht werden (soziale Apotheken, soziale Lebensmittelgeschäfte, Unterstützung Obdachloser), die jedoch leider keinerlei Art einer staatlichen oder gemeinschaftlichen Finanzierung haben.

Zusammenarbeit zwischen Kirche und Kommunen

In letzter Zeit schreiten die Kommunen zunehmend zur Zusammenarbeit mit der Kirche, damit soziale Arztpraxen und Lebensmittelgeschäfte geschaffen werden. Stellvertretende Beispiele stellen die Kooperationen der Kirche mit den Kommunen Kallithea, Iarklei / Attika, Moschato – Tavros, Dafni – Hymittos und Zografou dar.

Speziell bei der Stadtgemeinde Athen hatte die Zusammenarbeit bereits früher begonnen. Beispielsweise werden die Tafeln der Kirche und der Kommune in der selben Räumlichkeit bereitgestellt, damit bei den Bedürfnissen der erhöhten Nachfrage der eine Träger den anderen unterstützt. Laut der kirchlichen NRO „“Apostoli“ werden insgesamt 72 Gemeinden – Verteilungszentren betrieben, wo alltäglich 10.000 Mahlzeiten an 5.000 Begünstigte ausgegeben werden.

Fast die Hälfte der Tafel-Besucher sind Griechen

Die Wirtschaftskrise hat die Griechen zu den Tafeln der Bedürftigen getrieben, während die permanent zunehmende Anzahl der Menschen, welche das Aufnahme- und Solidaritätszentrum der Gemeinde Athen (KYADA) für einen Teller Essen aufsuchen, inzwischen nicht mehr nur Obdachlose, aber auch von der Krise getroffene geachtete Bürger umfasst. Die Griechen bei der Tafel der Gemeinde Athen sind inzwischen fast eben so viele wie die Immigranten, wobei sich darunter Familienväter, Künstler und alte Leute sogar auch aus Bezirken wie Kolonaki, Nea Smyrni, Kifisia einfinden.

Der Anteil der Griechen, welche die kommunale Tafel besuchen, tangiert 50%, während die dorthin kommenden Menschen inzwischen schicke Damen, modern gekleidet junge Leute, Menschen in Anzügen sind, die ihre eigen Wohnung, ihre Arbeit hatten und zu den Tafeln kommen, nachdem sie jeden Überlebensspielraum ausgeschöpft haben. Der Entschluss, die Tafel der Kommune aufzusuchen, ist jedoch nicht immer leicht. Es gibt Leute, die sich um Hilfe zu bitten schämen und in ihrem Umfeld erzählen, Lebensmittel zu nehmen um sie armen Familien zu geben.

Außer den Tafeln sucht die Kommune Athen parallel nach Räumlichkeiten, damit die Tages- und Nachtzentren für Obdachlose betrieben werden, wo sie ein Bad nehmen, essen, ihre Wäsche waschen und sich ausruhen können.

„Fresspakete“ sogar … an den Mülltonnen

Eine der jüngsten Solidaritätsinitiativen, die immer mehr Haushalte im Land adoptieren, ist das an den „Henkeln“ der Mülltonnen aufgehängte – verpackte und piek saubere – von den Mahlzeiten übriggebliebene Essen, damit es jemand findet, der es nötig hat. Ähnliche Fälle begegnet man in vielen Bezirken der Hauptstadt, wie in Kypseli, Gkyzi, Neos Kosmos, aber auch in anderen Gebieten Griechenlands. Solche Praktiken haben natürlich sowohl positive als auch negative Aspekte. Bei den positiven wird die Geste als solche verzeichnet, die von Humanität erfüllt ist. Bei den negativen ist jedoch die Tatsache anzusiedeln, dass auf diese Weise ein Bild der Verelendung des Volks verstärkt wird, und das ist nicht erfreulich.

Zur selben Stunde warten die Obdachlosen auf den Ladenschluss der Supermärkte, um sich einige der abgelaufenen Lebensmittel zu nehmen, die für den Abfall bestimmt sind. Laut den letzten Daten zählt Griechenland 1,5 Mio. Arbeitslose und 2 Mio. Arme, eine Folge der Krise.

Neuere Daten enthüllen, dass die bis 2012 erfassten 20.000 Obdachlosen sich fast verdoppelt haben! Personen mit einem hohen Bildungsniveau, die arbeitslos bleiben, in Schulden erstickte Menschen, die auf der Straße landeten, tausende Griechen, die auf Bänken, unter Brücken, an Plätzen, in Unterführungen schlafen.

(Quelle: Vradyni, S. 27-28)

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  1. cashca
    23. Januar 2013, 21:13 | #1

    Welcher Teufel hat die Griechen begleitet, als sie sich so dermaßen in Schulden haben treiben lassen.?
    Auf der einen Seite sind sie selber schuld, aber andererseits können sie einem leid tun.
    Denn, die Verbrecher sind die Politiker , die das zugelassen haben und auch die korrupten Seilschaften überall.
    Das nimmt noch ein grausiges Ende. Diese Schulden werden sie niemals bezahlen können.
    Fazit… Fällt der Euro, dann fällt nicht Europa, sondern vielen Staaten und Bürgern fällt eine Last von den Schultern.

  2. GR-Block
    23. Januar 2013, 23:06 | #2

    @cashca
    Die Griechen haben ihr Geld zusammengehalten und keine Schulden gemacht. Stattdessen haben die Athener EURO-Politiker die Gelder des Staates mit vollen Händen mehrheitlich an ausländische Firmen verteilt. Dafür haben sie natürlich als Lobbyisten ihre Beraterverträge/Schmiergelder erhalten. Kaum ein griechischer Unternehmer konnte die Schmiergeld-Preise der EU-Konzerne schlagen.
    Der simple Versuch, den (noch) nicht gekauften Tsipras zu wählen, hatte deshalb in GR wie auch der EU zum Aufstand des Establishments geführt. Nein, ich fürchte das Grausige nimmt so schnell kein Ende.

  3. Willi F. Gerbode
    24. Januar 2013, 11:52 | #3

    @GR-Block „Die Griechen haben ihr Geld zusammengehalten und keine Schulden gemacht.“
    Diese Aussage ist in ihrer Absolutheit falsch. Richtig ist, die nach der Euro-Einführung günstigen Zinsen und das Drängen der Banken hat viele Griechen dazu verführt, Autos, Häuser und Urlaube auf Pump zu finanzieren. Jetzt, in der Krise, sitzt manch einer in der Schuldenfalle. Vielen wird das Gehalt gepfändet, und gäbe es nicht die ikojénia, die Familie, würden (noch) mehr obdachlos.
    Noch zu einem anderen Punkt, zu den Schmiergeldern: Ich weiß, dass an dieser Stelle immer mal wieder so getan wird, als seien die Griechen lediglich Opfer von Korruption und Schmiergeldern, und manch einer hat auch schon mal die Korruption relativiert, indem er gesagt hat, die Einschätzung und Einstufung GRs durch Transparency International sei falsch, man solle sich an die Daten der UN halten. Fakt ist, dass Schmiergelder im Großen wie im Kleinen Bestandteil griechischen Alltags ist, worunter besonders die unteren Einkommensschichten leiden. Es ist nicht zielführend, immer so zu tun, als seinen nur die Anderen, vorzugsweise die xéni, schuld. Mich würde einmal interessieren, welche Vision Sie von Staat und Gesellschaft haben, wenn jetzt auch schon Tsipras in den Zukunftsverdacht der Korruption gerät, Tsipras, dessen wirtschaftliches Programm ist für falsch, nichtsdestoweniger ihn aber trotz seiner programmatischen Volten für anständig und ehrenhaft halte – ich kann natürlich nur aus dem Schlussfolgerungen ziehen, was in der Öffentlichkeit verlauten lässt.

  4. mx-5
    24. Januar 2013, 12:02 | #4

    @GR-BLock
    z.b. für die Olympia-Bauten 2004 wurden Kredite in Mrd.-Höhe aufgenommen, und das Geld floss in hohem Masse auch inländischen Firmen zu.
    Und die Lohnerhöhunen bzgw. immer neuen, noch absurderen Pramien/Vergüten, etc. für gr. Staatsbedienteste (28 Std.-Tage, Weg zur Arbeit bezahlt, Geld fürs Händewaschen, für pünkliches Erscheinen am Arbeitsplatz…etc. pp. die List ist endlos) floss doch gr. Arbeitnehmern zu.

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