Griechenland und das Schneeballsystem der EZB

22. August 2012 / Aktualisiert: 19. Februar 2021 / Aufrufe: 3.044

Das Papakonstantinou-Syndrom

Das Wesen des Zockers ist der irrationale Glaube an seine Fähigkeit, Verluste entgegen der Theorie der Wahrscheinlichkeitstheorie „wett“ machen zu können. Etwas entsprechendes charakterisierte Giorgos Papakonstantionou während seiner Amtszeit als Minister am Syntagma-Platz. Einige Monate nachdem er Minister wurde, im Herbst 2009, brach das mathematische Verhältnis zusammen, welches die öffentliche Verschuldung an den Grenzen der Überlebensfähigkeit hielt.

Um es einfach zu formulieren, erfordert die Verschuldung eines Landes, um überlebensfähig zu sein, die Äquivalenz zweier Zahlen: des Wachstumsrhythmus des nominalen BIP (also des nationalen Einkommen, ohne die Inflationsrate zu berücksichtigen) und des Zinssatzes, zu dem der Fiskus Geld aufnimmt. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum: Wenn das BIP um 5% wächst und der Zinssatz sich nicht sehr unterscheidet (z. B. 4,2% beträgt), wächst das nationale Einkommen (in Euro) schneller als die Verschuldung, und so kann sie bedient werden. In der Periode 2000 – 2008 stieg das BIP (ohne Berücksichtigung der Inflationsrate) mit einem Rhythmus von über 5%, während der Zinssatz gerade einmal 3,5% betrug – und deswegen gab es in jener Epoche keine Schuldenkrise. Als jedoch der internationale Zusammenbruch 2008 den Wachstumsrhythmus des nominalen BIP auf 0% und noch niedriger drückte und ab November 2009 die Kreditzinsen 6% zu übersteigen begannen, war die Sache zu Ende: der griechische Fiskus ging bankrott.

Als ein Zocker der Wirtschaftspolitik wählte Herr Papakonstatinou, die Zukunft des Landes in der Erwartung zu verwetten, dass wir den Verlust „wettmachen“ werden. Dass sich also, wenn wir Zeit gewinnen indem wir uns noch mehr leihen, die Kugel des Roulettes des Lebens bei der richtigen „Zahl“ stoppen würde und so irgendwann vor dem Zusammenbruch der Kreditzinssatz unter den Wachstumsrhythmus des nominalen BIP des Landes fallen würde. Was Herr Papakonstantinou niemals verstand, ist, dass die Chancen eines Landes, einer Makroökonomie, in Zeiten einer internationalen Wirtschaftskrise den Verlust auszugleichen, exakt Null sind (im Gegensatz zu dem idiotischen Zocker, der kleine, sei es auch verschwindend geringe Chancen hat, seinen Verlust auszugleichen).

Angesichts der Tatsache, dass wir diese neuen Kredite, die neuen Verlängerungen sogar nur mit der drastischen Senkung der Ausgaben und Erhöhung der Steuern (was die Rezession vertiefte) als Voraussetzung „gewannen“, war die Wette bereits verloren, bevor sie überhaupt verzeichnet wurde. Wenn ein Staat pleite gegangen ist, garantieren die neuen Kredite und die Verlängerungen (speziell wenn Megatonnen wiegende Strenge / Austerität befolgt werden) einfach nur den noch imposanteren Bankrott zu einem zukünftigen Zeitpunkt, in dem das gesellschaftliche und wirtschaftliche Gerüst des Landes zu schwach ist, um ihn auszuhalten.

Von da an wurde Herr Papakonstantinou aus der Elite der Macht ausgeschlossen – anfänglich durch Herrn Venizelos und danach vollumfänglich nach den Wahlen im Mai. Das Papakonstatinou-Syndrom hält sich jedoch gut. Der Politiker, der es anprangerte, ist heute Premierminister des Landes und macht es sich sogar maximal zu eigen. Was sonst begründet die strategische Wahl des Premierministers, des Herrn Samaras, trotz des Papakonstantinou-Syndroms heute eine zweijährige Verlängerung zu verlangen: gewinnen wir weitere zwei Jahre, kommt Zeit, kommt Rat!

Unzucht

Wer Kontakt zur Realität in Deutschland, Holland, Österreich und Finnland hat (also den Überschussstaaten, die über unser Schicksal entscheiden werden), wird den riesigen Schaden kennen, den unserer Heimat und deren Bild das Papakonstantinou-Syndrom zugefügt hat. Als ihre Parlamente einen Kredit von 110 Mrd. genehmigten, erachteten ihre Bürger den Betrag als riesig und genug für ein Land wie Griechenland. Als sie nach eineinhalb Jahren weitere 130 Mrd. bewilligten, bissen sie sich dabei auf die Lippen. Das Papakonstantinou-Syndrom vernachlässigte die einfache Tatsache, dass sowohl die „Hilfe“ der Partner als auch die Sparmaßnahmen ab dem ersten Mal so konstruiert sein müssen, dass sie ausreichen.

Die Strategie, ein Paket jetzt zu nehmen und danach, es wird schon klappen, werden sie uns auch weitere geben, wird als der Kapitalfehler in die Geschichte eingehen, der eine ganze Generation des Traums beraubte. Wenn im Mai 2010 die damalige Regierung die Pflicht hatte, ein unzureichendes Paket abzulehnen, gibt es im August 2012 keinerlei Rechtfertigung, die selbe Strategie zu befolgen, dem selben Syndrom zum Opfer zu fallen. Was jetzt die Regierung Samaras handelt, nämlich sich an den Schneeball-Krediten der EZB zu beteiligen, um eine zweijährige Verlängerung zu verlangen (wo ihr selbst bekannt ist, dass sich das schwarze Loch, das wir heute haben, in zwei Jahren anwachsen wird), stellt Unzucht an der entkräfteten, morschen, enttäuschten griechischen Gesellschaft dar. So einfach.

Zusammenfassend

Die Krise in der Eurozone führte die einzige ernsthafte Eurozonen-Institution, die wir haben, nämlich die EZB, zu einem problematischen Pyramidenschema der Finanzierung insolventer Staaten wie Griechenland, Irland, Italien usw. mit dem Ziel, den Irrtum aufrecht zu erhalten, solche Schemata können sich ewig in die Länge ziehen. Die Realität ist, dass – wie alle Pyramiden – das Schema, welches die EZB einer willenlosen griechischen Regierung aufzwingt, zum Zusammenbruch verurteilt ist.

Warum sich die griechische Regierung an diesem offensichtlichen Betrug beteiligt? Weil sie von dem Papakonstantinou-Syndrom besessen ist (lassen wir uns etwas Zeit gewinnen, vielleicht werden wir es in der Zwischenzeit „wettmachen“) und sich weigert, die sehr grundsätzliche Aufgabe der Arithmetik und der Geschichte zu lernen, dass die Verlängerung einer volkswirtschaftlichen Insolvenz Unzucht an jenen darstellt, von denen verlangt werden wird, die Kosten der Verlängerung zu bezahlen.

[1] Warum der PSI kriminell ist? Weil es das erste Mal in der Wirtschaftsgeschichte der Menschheit ist, dass ein Staat bankrott geht (also seine Anleihen „schneidet“) und es im selben Augenblick fertig bringt, seine Verschuldung zu erhöhen! Für eine solche „Errungenschaft“ ist wirklich „Talent“ nötig.

(Quelle: Protagon, Autor: Yanis Varoufakis)

Relevanter Beitrag: 24-Tage-Programm für Griechenland

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  1. Yoss
    22. August 2012, 05:51 | #1

    das BIP ist von 2000-2008 jährlich um 5% gewachsen, aber nicht durch produktion, tourismus oder export, sondern durch importe und auf pump. dass wiedermal alle andern die bösen sind, macht wenig hoffnung auf ein verständnis der ursachen: korruption, steuerhinterziehung, zu geringe produktivität, zu wenig export.
    ich stimme zu, dass die internationale finanzwirtschaft gegen die interessen der bürger agiert, die beschreibung des geldkreislaufes als zockerpyramide sehe ich ebenso. diesen kräften ist jedoch weltweit jede volkswirtschaft ausgesetzt, und bei weitem nicht alle versinken so im sumpf wie griechenland. wohl auch deswegen, weil die sogenannten EU-überschussstaaten die chancen des großen europäischen marktes zu nutzen wussten, während griechenland bloß den konsum steigerte, den beamtenapparat aufblähte und die oligarchie milliarden zulasten ihrer bürger abschöpfte.

  2. So so
    22. August 2012, 07:41 | #2

    Da alles Geld aus dem Nichts geschöpft (FIAT Money) wird, ist es müßig darüber nachzudenken, wer in diesem Pyramidenspiel als Erster pleite ist und den Offenbarungseid leisten muß. Alle anderen kommen eben nur etwas später dran. Somit steht Griechendland als Beispiel, was den anderen Ländern in Kürze noch bevosteht. Man kann Griechenland bis in alle Ewigkeweit „retten“ oder den Geldhahn abdrehen. Es gibt nur auf der zeitlichen Schiene einen Unterschied von Monaten oder ein paar Jahren. Das Ergebnis bleibt immer der Staatsbankrott mit Streichung des „Scheingeldes“ der Bürger. Wer an Papiergeld als Werterhaltungsmittel glaubt, war in der Geschichte der Menschheit am Ende immer der Verlierer.

  3. Götterbote
    22. August 2012, 11:59 | #3

    @Yoss
    Also wenn mich nicht alles täuscht, werden Importe nicht eingerechnet, bzw. je nach Berechnungsart abgezogen. Insofern kann man vielleicht gelten lassen, dass ein Teil des BIP auf Pump (kommt auch wieder drauf an, welche Berechnungsmethode man wählt) entstanden ist.

    Und wenn Sie sich mit der internationalen Finanzwirtschaft auseinandergesetzt haben, dann müssten Sie auch wissen, dass es in diesem System Länder wie Griechenland geben MUSS, denn des einen Überschuss muss eines anderen Verlust sein. Und wenn es nicht Griechenland ist, ist es halt ein anderes Land. Und wer Geld in den Umlauf bringt, für das es keine Leistung gibt, der muss irgendwann damit rechnen, dass er dieses Geld nicht mehr zurück erhält.

  4. Götterbote
    22. August 2012, 12:01 | #4

    @So so
    Nö, am Ende waren doch immer die Verfechter (Banken und Konzerne) die Gewinner. Verloren haben die Lemminge, auch Volk genannt, dass zu faul und müde ist, über Alternativen nachzudenken.

  5. Stipsi Fan
    22. August 2012, 12:35 | #5

    @ so so
    Genauso sehe ich das auch. Am erschreckendsten ist dieses ständige Diskutieren von BIP’s, Sparplänen, Einhalten von Versprechungen ohne Blick auf die Menschen. Wenn wir nicht schnell kapieren, dass wir die Banken wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben zurückdrängen und uns vehemt wehren müssen, wird passieren was schon vor 40 Jahren schlaue Menschen vorausgesagt haben: absolute Diktatur des Kapitals und globale Verelendung auf Kosten einiger weniger Psychopathen. Lesenswert: politische Ponerolgie.

  6. Elgreco
    22. August 2012, 14:59 | #6

    Ich habe hier eine interessante Studie ( auf englisch / PDF ) der Zentralbank Irland. In dieser wird untersucht wieviel die betroffenen Länder in ihren Bemühungen und Einsparungen erreicht haben. Sehr interessant, und ein Gegenpol zur aktuellen diskussion in Deutschland , die Griechen hätten nichts umgesetzt/erreicht und seihen Reformunwillig. Ein wenig Ehrlichkeit tut allem gut, aber da ist man in Deutschland weit entfernt.

    Ich hoffe ich kann diesen Link hier veröffentlichen. :
    http://www.centralbank.ie/publications/Documents/Economic%20Letter%20-%20Vol%202012,%20No.%207.pdf

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