Kassen in Griechenland verloren 70 Prozent ihres Vermögens

10. Juli 2012 / Aktualisiert: 14. Mai 2017 / Aufrufe: 1.107

Laut den Beschäftigten der Versicherungskassen in Griechenland verloren die Kassen infolge des Schuldenschnitts PSI 70% ihres in Staatsanleihen angelegten Vermögens.

Die tragische finanzielle Lage der griechischen Kassen infolge des kontinuierlichen Rückgangs des Beitragsaufkommens wegen der hohen Arbeitslosigkeit, der Kürzung der Löhne und Gehälter, der flexiblen Arbeitsverhältnisse und der hohen Beitragshinterziehung sowie auch des Anstiegs der Ausgaben infolge der Zunahme der Pensionierungen und Betriebskosten verschlimmerte nun noch der „Cut“ der griechischen Staatsanleihen.

Zu dieser Schlussfolgerung kommen die Bediensteten bei den Versicherungskassen, welche betonen, die bisherigen Optionen zum Ausgleich der Defizite seien die Senkung der (Haupt- und Zusatz-) Renten, die Reduzierung der einmaligen Abfindungszahlungen und die Kürzung der Gesundheitsleistungen und jeder sozialen Leistung.

Die großen Verluste aus dem Umtausch der griechischen Staatsanleihen würden vielleicht nur ein logistisches Problem darstellen, wenn sie nicht mit den dramatischen Auswirkungen zusammenfielen, welche die Rezession auf den Fluss der Einnahmen der Kassen hat.

Kassen verloren durch PSI in realen Werten rund 15 Mrd. Euro

Zusammenfassend hatten die Kassen auf Beschlüsse ihrer Verwaltungen 7,4 Mrd. Euro in staatlichen Anleihen und 14 Mrd. Euro in dem Gemeinfond Allgemeinkapital der Griechischen Bank (TtE) angelegt. Die Vertreter des Panhellenischen Verbands des Personals der Träger für Sozialpolitik (POPOKP) vertreten sogar, diese Gelder hätten sich im Allgemeinfond der TtE befunden, obwohl die Zentralbank klargestellt hat, verpflichtet gewesen zu sein, diese Gelder in griechische Staatsanleihen zu investieren.

Insgesamt waren vor dem Schuldenschnitt (PSI) ungefähr 21 Mrd. Euro in Anleihen platziert. Die Verluste in Nennwerten liegen in einer Größenordnung von 53% und in realen Werten über 70%. Wenn die Handelspreise der neuen Obligationen berücksichtigt werden, welche 2023 – 2042 auslaufen, werden für die Kassen sogar Verluste von über 70% verzeichnet.

Obendrein haben die Kassen auch Verluste aus den jährlichen Zinserträgen und Zuwächsen. Vor dem PSI hatten die Kassen jährliche Erträge von ungefähr 700 – 800 Mio. Euro aus Zinsen und Zuwächsen. Nach dem „Haircut“ liegt dieser Betrag nicht höher als 120 – 160 Mio. Euro. „Und all dies, ohne dass irgendeine verbindliche Zusage seitens der Regierung über die Deckung des Schadens der Versicherungskassen vorliegt, der aus dem Schnitt der Staatsanleihen hervorging„, betonen die Beschäftigten.

Griechische Zentralbank vernichtet Rücklagen der Kassen

Die Vertreter des Personals der Zusatzkasse der Handelsangestellten (TEAIT) beschuldigen sogar die TtE, die nach dem „Haircut“ verbliebenen Gelder der Kassen auch weiterhin zu plündern. Laut der Beschuldigung „schreitet die TtE zur Vernichtung auch der für die Zahlung der Renten erforderlichen Bareinlagen, die sie bis zum letzten Euro in die neuen Anleihen des griechischen Staates zu investieren scheint. Dies hat wiederum zum Ergebnis, dass eine Kasse, die Bargeld aus den von ihr eingezahlten Geldern benötigt, ungeheure Beträge aus der Verflüssigung der Obligationen zu Marktpreisen verliert„.

Entsprechendes hat auch die Leitung der Einheits-Zusatzkasse der bei den Medien beschäftigten Journalisten und Verwaltungsangestellten (EDOEAP) moniert, die allerdings ihr jegliches Recht verspielte, indem sie sich einer falschen Argumentation bediente, um die Verflüssigungen der letzten Monate zu rechtfertigen.

Versicherungskassen – PSI

Einlagen (Gemeinfond bei der Griechischen Bank) Staatsanleihen
Vor PSI Nach PSI Nennwert
Nennwert (€) Nennwert (€) Zeitwert (€) Vor PSI (€) Nach PSI (€)
OGA 164.828.166,97 94.256.422,45 50.405.519,30 1.066.648.000,00 863.859.804,98
ETAA 5.558.580.197,08 3.180.146.840,12 1.702.268.740,07 823.710.715,33 622.010.638,90
ETAP-MME 1.665.556.366,83 533.063.503,96 382.810.000,00 178.006.590,00
ETEAM 79.458,56 40.722,51 18.414.000,00 15.257.963,62
TEADY 1.798.902.879,12 1.028.696.383,22 550.116.098,72 1.537.518.000,00 818.260.786,87
TAVTEKO 1.015.788.308,78 580.875.599,33 310.634.919,84 216.626.811,44 98.895.605,00
TEAIT 2.347.249.115,23 1.203.031.759,42 671.644.131,98 709.766.669,99 351.553.509,52
TEAPASA 519.718.654,03 266.355.801,94 141.533.826,33 16.600.000,00 13.205.584,00
TAPIT 1.210.978.821,96 692.494.046,65 370.325.131,46 12.950.000,00 6.021.750,00
TPDY 351.547.242,41 201.031.073,44 107.505.413,29 28.000.000,00 24.989.500,00
OPAD 686.303.648,30 392.460.365,14 209.876.080,54 53.666.397,63

(Quelle: Capital.gr)

  1. Monalisa
    10. Juli 2012, 13:20 | #1

    Vielleicht klärt mich jemand auf? Funktionieren griechische Sozialkassen nach dem Umlageverfahren oder dem Kapitaldeckungsverfahren? Ich dachte immer, die Beiträge würden fast sofort wieder als Leistungen ausgezahlt. Wofür sind diese großen Vermögen/Rücklagen gut?

  2. Willi F. Gerbode
    10. Juli 2012, 18:40 | #2

    @Monalisa Genau wie z.B. die deutsche Rentenversicherung sind die gesetzlichen Kassen Griechenlands (s.o.) nach dem Umlageverfahren organisiert. Das heißt nicht, dass „die Beiträge fast sofort wieder ausgezahlt werden“. Ganz im Gegenteil: In Zeiten hoher Beschäftigung, im Aufschwung, sind die Einnahmen oft höher als die Ausgaben. Es können (müssen!) Rücklagen gebildet werden. Die Frage ist, wie diese Gelder angelegt werden. Wenn – wie im konkreten Falle – die Kassen hochriskante Staatsanleihen kaufen, ist das wie ein Spiel an der Börse. Fällt der Wert der Anleihen, ist das Anlagekapital weniger als beim Kauf, wenn man wieder liquide werden will. Der Schuldenschnitt hat die staatlichen Kassen als (private) Anleger natürlich getroffen wie alle anderen privaten Anleger auch. Jetzt, wo die Einnahmen aus den Versicherungsbeiträgen konjunkturbedingt geringer ausfallen, wirkt sich der Verlust in der Rücklage natürlich massiv aus. Und das trifft besonders die armen Versicherten. Z.B. in der gesetzlichen Krankenversicherung dadurch, dass die Kassen ihre Verbindlichkeiten gegenüber Apotheken und Ärzten nicht begleichen und diese ihre Honorare und Medikamentenpreise von den Versicherten in bar haben wollen. Eine falsche Anlagepolitik – ich kann nicht beurteilen, ob die Kassen in GR gezwungen waren, die Staatsanleihen zu kaufen und in den Gemeinfonds der Nationalbank einzuzahlen – und daraus resultierende Probleme gibt es auch in D: Vgl.
    http://www.all-in.de/nachrichten/wirtschaft/ueberregional/Ueberregional-Magazin-Bundesrechnungshof-deckt-schwere-Maengel-bei-Geldanlagen-der-Rentenversicherung-auf;art15813,1052596
    Kritisch wird die Situation meines Erachtens aber erst, wenn durch die Einnahmeverluste der Rentenversicherung die Renten nicht mehr ordnungsgemäß, d.h. in vollem Umfang, ausgezahlt werden können. Gerade in der Rentenversicherung ist das Defizit (siehe obige Tabelle) besonders hoch. Dann müsste m.E. der Staatshaushalt herhalten. Doch wenn in diesem kein Geld für den Ausgleich mit der Kasse vorhanden ist, müsste per Kredit finanziert werden. Da die gr. Banken derzeit aber völlig unterkapitalisiert sind, ist fraglich, ob dieses Geld beschafft werden könnte. Eine Geldbeschaffung aus dem Ausland dürfte aus nahe liegenden Gründen ebenfalls problematisch sein. – Ich hoffe, Monalisa, die lange Antwort hat sie nicht gelangweilt und klang nicht zu schullehrerhaft, war aber hoffentlich für Jedermann verständlich.

  3. Monalisa
    11. Juli 2012, 20:55 | #3

    @Willi F. Gerbode
    Danke!

  4. Moenchspfeffer
    12. Juli 2012, 01:08 | #4

    @Willi F. Gerbode
    Lange Erklaerungen helfen hier nicht. Die Kassen sind leer. Oh, ich hasse dieses theoretische Palaver mittlerweile sehr. Leben Sie hier, dann handeln Sie. Machen Sie mit, organisieren Tauschen. Arbeit gegen Lebensmittlel, Behandlung ebenso. Nicht so viel reden. Machen! Das war schon immer so, dieses intellektuelle Gerede, wo nichts rauskommt. Nennt doch mal was Konkretes, kommt mal auf Ideen.

  5. Willi F. Gerbode
    13. Juli 2012, 11:17 | #5

    @Moenchspfeffer Ich denke schon, dass Erklärungen („intellektuelles Gerede“) helfen. Dieser Blog wird von vielen Deutschen gelesen. Ich sehe jeden Tag, wie über GR und die Krise in den Medien berichtet wird. Da werden mehr Nebelkerzen geworfen als Licht in die Problematik gebracht. Besonders die soziale und politische Lage GRs ist hier unbekannt. Ich als Schriftsteller, dem GR nicht egal ist, sehe meine Aufgabe darin, (subjektiv) zu (be-)schreiben, was ist, wie es weitergehen wird und wie es weitergehen könnte. Nach meinen bisherigen Recherchen vor Ort und meinem theoretischen Hintergrund (Politologie) bin ich leider nicht optimistisch. Ich würde gern vor Ort leben und dort handeln. Aber ich schreibe auf Deutsch und muss auch in D auf Lesereise gehen, um vom Schreiben leben zu können.

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