Offener Brief an Finanzminister Stournaras in Griechenland

30. Juni 2012 / Aufrufe: 3.039

Zug 1: Verlange keine neuen Kredite, obwohl Dir gut bekannt ist, dass der Zeitplan der volkswirtschaftlichen Angleichung mit den vereinbarten Summen nicht aufgeht. Anstatt neuer Krücken schlage dem Ecofin vor, dass die Gelder, welche an die Banken zu deren Rekapitalisierung gehen, nicht in der griechischen öffentlichen Verschuldung erfasst werden (und ihre Abzahlung durch den griechischen Fiskus nicht nötig ist). Stattdessen sollen sie direkt von EFSF-ESM in der Weise an die Banken gehen, dass sie von diesen als Gegenleistung Stammaktien erhalten und in Zusammenarbeit mit EZB und EBA (European Banking Authority) die Sanierung der Banken beaufsichtigen. Wenn die Banken Fuß fassen, verkaufen EFSM-ESM diese Aktien, und die Kredite werden ohne die Einmischung des griechischen Fiskus getilgt.

Der Vorteil dieses Zuges (im Verhältnis zu dem „Erfolg“ einer Verlängerung und neuen Krediten) ist dreifach: Erstens setzt Du 30 Mrd. aus den Mitteln des 2. Memorandums frei. Zweitens bringst Du Rajoy und Monti an der Seite Griechenlands mit ins Spiel. Drittens und am signifikantesten machst Du das übrige Europa zu Partnern des griechischen Bankensystems und räumst praktisch die Bedrohung des Entfernung Griechenland aus dem Euro aus.

Zug 2: Berufe Dich auf unzählige Beispiele (z. B. die Schulden Großbritanniens an die USA nach dem Zweiten Weltkrieg) und verlange ein Moratorium der Tilgungen an die Troika für ein Jahr und solange die Wachstumsrate der griechischen Wirtschaft unter 1% liegt. Wenn diese Rate 1% übersteigt, beginnen die Tilgungen wieder schrittweise und in Abhängigkeit von dem Wachstum so lange wie nötig.

Der Vorteil ist hier, und das musst Du kühn erklären, dass Europa ein rechtliches Interesse erhält, die Rezession zu stoppen, welche alles einzureißen droht, was in dem Land noch aufrecht geblieben ist. Zusätzlich gibt dies Hollandes Franzosen den benötigten Vorwand, die Europäische Investitionsbank und die Europäische Investitionskasse vernünftig zu aktivieren.

Dein Ziel ist folglich, die Partner zu verpflichten, Griechenland nicht auszuschließen und zu Handlungen zur Rettung des Euro zu schreiten. Es ist keinesfalls leicht. Ich weiß nicht, ob es noch möglich ist. Was ich weiß ist, dass anderenfalls, also falls wir einfach eine Verlängerung oder mehr Kredite und Nachfristen erhalten, unser Ausschluss aus einem zusammenbrechenden Euro absolut sicher ist. Deine „alten Freunde“ (mit Hans-Werner Sinn als Offensichtlichsten) arbeiten bereits daran.

Giannis, vor ungefähr 15 Jahren brachtest Du es fertig, die Europäer zu verpflichten, Griechenland in den Schoß des Euro aufzunehmen. Wenn Du sie in Deiner neuen Eigenschaft wiedersehen wirst, wird sich die Hälfte von ihnen nicht an jene Rolle von Dir erinnern und die Andere Hälfte wird dir wegen dieser nicht verziehen haben (da sie in ihrer Dummheit Griechenland als den Beginn des Euro-Problems betrachten). In den nächsten Wochen wirst Du sie erneut verpflichten müssen. Diesmal kannst Du ihre erforderliche Verpflichtung nicht durch Smoth-Talking, Komplimente, kreative Makro-Logistik und Demonstration von Schlauheit erreichen. Diesmal hast Du sie zu Dingen zu verpflichten, zu denen sie sich keinesfalls verpflichten wollen. Jene wollen Dir bestenfalls mehr Strick geben, um Dich aufzuhängen (die sogenannte Verlängerung und Lockerung der Bedingungen des Memorandums 2). Du darfst das nicht annehmen, sondern musst eine Leiter fordern, auf die auch jene hinaufsteigen werden.

Persönlicher schließend, meine Gefühle für Dich sind Dir bekannt. Obwohl wir nun zwei Jahre heftig verschiedener Meinung sind, erachte ich es als skandalös, dass die Dinge hier anlangen mussten wo sie angelangt sind, damit die verderbte politische Szene sich Deiner bedient. Neben Dir, in der selben Regierung, hast Du die Vertreter des Establishments, das uns an den Abgrund führte. Von diesen wirst Du sehr wenig Unterstützung haben – und ich bin sicher, das Du das weißt, wie Du auch weißt, dass sie an der Ecke warten um Dir jeglichen Misserfolg aufzubürden (siehst Du, sie sind dermaßen aggressiv Dummköpfe, dass sie glauben, es gebe eine „danach“!).

Ich wünsche Dir, Erfolg zu haben. Die einzige Hilfe, die ich Dir in diesem Moment anbieten kann, sind meine Zuneigung und die eindringliche Warnung, dass das Eurosystem zusammenbricht, was Dir die Aussicht auf eine neue Verlängerung, eine Ausdehnung oder den Kauf von Zeit nimmt.

(Quelle: Protagon)

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  1. Zwingmann
    30. Juni 2012, 06:31 | #1

    Ganz vorsichtig bei diesem Offenen Brief, dahinter steckt Kalkül.
    Die Wahrheit ist: Die private griechische Notenbank, an der nach meiner Kenntnis Goldman Sachs eine wesentliche Beteiligung hält, hat es im zweiten Anlauf geschafft, einen Mann aus ihren Reihen als Finanzminister zu etablieren. Nach Goldman Monti und Italien, EZB-Goldman-Draghi soll jetzt Griechenland in den US-Bankkonzern Goldman integriert werden. Das zumindest ist ihre Strategie.
    Sie können vielen einen Gefallen tun, indem sie in ihrem Archiv die letzte öffentliche Generalversammlung der privaten griechischen Notenbank dokumentieren, da waren alle relevanten Aktionäre. Vielleicht gibt es ja in Griechenland ja auch wie in der BRD eine Art Geschäftsbericht, aus der die Hauptaktionäre der privaten griechischen Notenbank ersichtlich sind. Die LeserInnen von net-news-express, die regelmäßig über Ihre Artikel informiert werden, werden sich freuen.

  2. admin
    30. Juni 2012, 11:36 | #2

    Zwingmann :

    … aus der die Hauptaktionäre der privaten griechischen Notenbank ersichtlich sind.

    Das wollte neulich sogar auch die Regierung bzw. speziell der kommissarische Premierminister Panos Kammenos endlich einmal in Erfahrung bringen, woraufhin Chefbangster Provopoulos schließlich zusagte, dem Premier „in den nächsten Tagen“ das Aktionärsverzeichnis zuzuschicken; er legte sich jedoch nicht fest, inwelchem Jahr(hundert).


  3. Zwingmann
    30. Juni 2012, 15:54 | #3

    Danke für den Hinweis. Ich denke, dass die griechische Notenbank und ihre
    Eigentümer mit ein bißchen Engagement dokumentiert werden können, ganz anders
    als in den USA, wo seit genau 100 die skrupelloseste private Notenbank der Welt,
    die Fed, ihre Besitzverhältnisse verschleiert. Bekannt ist dort lediglich, dass die
    Mafia-Kartelle Rothschild und Rockefeller über die Mehrheit verfügen, zum Teil über
    Schachtelgesellschaften. Wenn die griechische Bevölkerung erst einmal genau weiß, wer
    sie ausnimmt wie die Weihnachtsgänse, dann gibt es dort mit Sicherheit Bambule und
    Randale. In Deutschland, dem Land der Weicheier, ist das revolutionäre Potenzial fast komplett im Bermuda-Dreieck verschwunden.
    Im übrigen möchte ich doch endlich meine Wette gewinnen: Ich habe gesagt, dass
    bei der griechischen Notenbank Goldman Sachs über eine wesentliche Mehrheit
    verfügt= ab 25% plus einer Aktie.
    Auf den Griechenland-Blog und die baldige Veröffentlichung der Besitzstrukturen der
    griechischen Notenbank.

  4. P. Zwegat
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